Smog in Delhi Gift in der Luft

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Neue Stellen lassen sich kaum besetzen
Das sind die giftigsten Orte der Erde
Shenyang, China
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Seit Jahren versucht China, das Problem Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Eine Stadt, in der die Anti-Smog-Strategie nicht zu verfangen scheint, ist Shenyang in der Provinz Liaoning. Im November 2015 machte die Millionenstadt Schlagzeilen mit smogbedingten Sichtweiten unter 100 Metern. Die Konzentration schwebender Partikel mit Durchmessern unter 2,5 Mikrometern lag damals um mehr als das 50-Fache über der als unschädlich geltenden Konzentration. Ursache der Luftverschmutzung sind Kohlekraftwerke und Autoabgase, aber auch Staub aus den sich ausbreitenden Wüsten.

Hazaribagh, Bangladesch
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Auf kaum 25 Hektar Land stehen in Hazaribagh mehr als 90 Prozent aller Gerbereien des Landes. Sie produzieren Lederwaren für den Weltmarkt. Dabei sind Arbeiter und Umwelt beträchtlichen Mengen giftiger Chemikalien ausgesetzt, nicht zuletzt Krebs erregenden Chrom(VI)-Verbindungen.

Das Rohprodukt muss chemisch behandelt werden, um die Hautstruktur zu stabilisieren und das Material elastisch zu machen. Dabei gelangen täglich etwa 22.000 Kubikmeter Abwasser ungefiltert in die Umwelt. Fachleute berichten von erheblichen Gesundheitsproblemen bei den Einwohnern des Ortes durch Chrom, Blei, Sulfide und Kupfer. Die Luft enthält hohe Konzentrationen an Stickoxiden. Nicht weit entfernt von Hazaribagh fließt der Buriganga, wichtigste Trinkwasserquelle der Hauptstadt Dhaka.

Kabwe, Sambia
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Im Jahr 1902 entdeckten Prospektoren nahe der Stadt Kabwe in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien große Zink- und Bleivorkommen. Wenig später begann der Abbau der wichtigen Metalle, die als Legierungsbestandteile in Batterien und Akkus und für viele andere Anwendungen gebraucht werden.

Heute heißt Nordrhodesien Sambia, und die Mine von Kabwe wurde 1994 stillgelegt. Doch Kabwe trägt weiter schwer am kolonialen Erbe: In Boden, Wasser und Staub findet man bis heute hohe Konzentrationen von Kupfer, Zink und vor allem von Blei. Besonders Letzteres hat gravierende Folgen – das Metall reichert sich im Körper an und verursacht chronische Vergiftungen, die vor allem für Schwangere und Kinder gefährlich sind. Kinder in Kabwe haben sechs- bis zwölfmal so viel Blei im Blut wie Gleichaltrige in den Industrieländern. (Foto: Blacksmith Institute)

Horliwka, Ukraine
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In Horliwka im Osten der Ukraine steht die Ruine einer besonders gefährlichen Fabrik. Bis 2001 produzierten die Angestellten auf dem 167 Hektar großen Gelände den Sprengstoff TNT und das nicht explosive, aber sehr giftige Mononitrochlorbenzol (MNCB), vermutlich für die Produktion chemischer Kampfstoffe.

Als Fachleute zehn Jahre später durch Zufall auf den Ort stießen, fanden sie eine tickende Bombe vor: Verrottete Fässer und Tanks mit 50 Tonnen TNT und über 2300 Tonnen MNCB, die über die Jahre Boden und Wasser verseucht hatten. Bis zum Jahr 2014 gelang es, zumindest die vorhandenen MNCB-Tanks zu leeren und das TNT zu bergen. Dann brach in der Ostukraine der Krieg aus und die Arbeiten wurden eingestellt. Wie viel von den Chemikalien noch in Gebäuden, Boden und Wasser steckt, ist unbekannt. (Foto: Pure Earth)

Agbogbloshie, Ghana
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Westeuropa produziert immense Mengen Elektronikschrott und exportiert allein 215.000 Tonnen des Mülls nach Ghana. Ein beträchtlicher Teil davon landet in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra – und der zweitgrößten Elektronikschrott-Deponie der Welt. Um das Kupfer aus alten Kabeln und andere Metallteile zu gewinnen, verbrennen die Bewohner die elektronischen Komponenten zusammen mit Styropor, das ebenfalls auf der Deponie landet.

Der entstehende Rauch enthält nicht nur giftige Verbrennungsprodukte wie Furane und Dioxine; auch Schwermetalle der Elektrobauteile lagern sich an die Partikel an und ziehen mit dem Rauch über die Region. Allein die Bleikonzentrationen im Boden reichen bis zum 45-Fachen dessen, was in industrialisierten Ländern als akzeptabler Höchstwert gilt.

Kalimantan, Indonesien
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Gold gilt als edel und unvergänglich – aber bei der Gewinnung des meist fein verteilten Edelmetalls geht ohne hochgiftige Chemikalien überhaupt nichts. Die Konsequenzen davon zeigen sich am deutlichsten in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Dort wird das Edelmetall zum Teil illegal in Handarbeit gewonnen, und zwar mit Hilfe des hochgiftigen Quecksilbers, das man mit dem goldhaltigen Erz verknetet.

Das flüssige Metall bildet mit Gold ein Amalgam und löst es so aus dem Gestein. Anschließend lässt man das Quecksilber einfach verdampfen. Quecksilbervergiftungen verursachen schwere Gesundheitsschäden: von Nierenerkrankungen bis hin zu neurologischen Störungen. Etwa 1000 Tonnen Quecksilber gelangten in Kalimantan nach einer Schätzung von 2013 in die Umwelt – etwa ein Drittel des Ausstoßes der gesamten Menschheit.

Tschernobyl, Ukraine
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Der Begriff „Kernschmelze“ ist keine Metapher. Nach der Nuklearkatastrophe in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl fanden Arbeiter im Herbst 1986 in einem Dampfkorridor unter dem Reaktor eine erstarrte, hoch radioaktive Masse aus geschmolzenen Bestandteilen des Reaktorkerns, die sich während der Katastrophe durch den Boden des Reaktors brannte und in den Hohlraum lief.

Doch ein beträchtlicher Teil der radioaktiven Abfälle verteilte sich auch in der Umgebung: Rund 190 Tonnen radioaktives Material wie etwa Isotope von Uran und Plutonium, aber auch große Mengen der sehr langlebigen Isotope 137Cs und 90Sr mit Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Und die Gefahr, dass die restlichen Trümmer des zerstörten Reaktors in die Umwelt gelangen, ist nicht gebannt. Der Klumpen erstarrter Lava unter dem Reaktor dürfte das gefährlichste Stück Abfall sein, das die Menschheit jemals produzierte.

Neu Delhis Luftverschmutzung hat viele Gründe: den Verkehr, die Kohlekraftwerke und vor allem die Bauern, die zu dieser Zeit in den umliegenden Bundesstaaten massenhaft Ernterückstände abbrennen – eine ebenso günstige wie schädliche Entsorgungsmethode, die von den Behörden bislang kaum unterbunden wird. Indische Zeitungen beklagen ein Versagen der Politik: Obwohl das Problem Jahr für Jahr aufs Neue auftritt, werde kaum etwas getan. Indiens Umweltminister Harsh Vardhan versuchte am Dienstag zu beruhigen: „Ich behaupte nicht, dass nichts getan werden muss“, sagte er in einem Interview. „Aber es gibt keinen Grund, Panik zu verbreiten.“

Eine Studie der medizinischen Fachpublikation „The Lancet“ legt hingegen größeren Handlungsdrang nahe: Demnach sterben in Indien jedes Jahr 2,5 Millionen Menschen an den Folgen von Umweltverschmutzung – so viele wie in keinem anderen Land. Die Luftverschmutzung ist dafür der mit Abstand wichtigste Faktor.

Ausländer schrecken vor Neu Delhi angesichts der dramatischen Lage zunehmend zurück: „Wir beobachten, dass es immer schwieriger wird, Stellen in Neu Delhi zu besetzen“, sagt KfW-Manger Kessler. Das liege daran, dass sich Kollegen mit kleinen Kindern aufgrund der Luftverschmutzung kaum noch vorstellen könnten, in die indische Hauptstadt zu ziehen. Diesen Trend gebe es bei vielen internationalen Firmen und Organisationen mit Standort in der Stadt: „Das kann man gut daran ablesen, dass die Schülerzahlen in den internationalen Schulen immer weiter zurückgehen.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Berater Wekezer gemacht: „Mitarbeiter für eine Entsendung nach Neu Delhi zu finden, war schon immer schwierig.“ Dass nun Medien weltweit über die Smog-Probleme berichten, mache es nicht einfacher. „Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Unternehmen künftig lieber Mitarbeiter nach Bangalore schicken, wenn sie die Wahl haben.“

Bei der Frage, wie lange er selbst noch in Indien bleiben werde, spielten die Gefahren des Smogs für ihn natürlich eine Rolle, sagt Wekezer. Ein Grund sofort wegzulaufen, sei die Luftverschmutzung aber nicht. „In einem Schwellenland zu arbeiten, ist nun mal mit größeren Risiken verbunden – nicht nur bei der Luftqualität“, sagt er. „Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden ist in Neu Delhi immer noch die größere Gefahr.“

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5 Kommentare zu "Smog in Delhi: Gift in der Luft"

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  • Ergänzung zum Kommentar von 12:31 Uhr (Zitat aus dem Artikel: "– eine ebenso günstige wie schädliche Entsorgungsmethode, ...", mein Kommentar dazu: „Oh Mann. GÜNSTIG. Gesund bleiben (oder überhaupt leben) dürfen muss man sich erstmal leisten können, nicht?“):

    Natürlich werden wir auch in Zukunft Zahlungsmittel (gemeinhin unter dem Begriff „Geld“ zusammengefasst) für die Abwicklung unseres Handels – und damit zur Aufrechterhaltung des globalen Wirtschaftskreislaufs – benötigen.

    Aber weit mehr noch als über Art und Ausgestaltung dieses Zahlungsmittels muss schon angesichts der vielen in unserem derzeitigen Finanzsystem praktisch nicht existenten, aber gleichwohl absolut lebensnotwendigen „Güter“ (wie z.B. ein intaktes Ökosystem, also sauberes Wasser und saubere Luft, oder eine harmonische, friedfertige globale Gesellschaft) auf breitestmöglicher politischer Ebene (und im IT-Zeitalter ist die s e h r breit) ganz dringend geklärt werden, wie der Marktpreis einer jeden gehandelten „Ware“ – ganz gleich, ob materieller oder immaterieller Art -, der durch dieses Zahlungsmittel abgebildet wird, endlich auf demokratische – also summa summarum und letzten Endes auf der Basis von dessen „Bewertung“ durch jeden einzelnen Erdenbürger – ermittelt werden kann.

    Und wie gleichermaßen schnellstmöglich auf demokratische (d.h., für jedermann transparente!) Art und Weise das zur Erreichung dieses Ziels geeignete Prozedere ermittelt und ausgearbeitet - und umgesetzt werden kann.

  • @Herr Helmut Metz, 15.11.2017, 15:17 Uhr

    „Gewisse Teile der "Elite" sind daher auch davon überzeugt, dass unbedingt eine Bevölkerungsreduktion erfolgen muss (…)“

    ???

    Eins ist mal klar: Wer – aus welchen Gründen auch immer – auf der Welt ist, ist da und hat das Recht auf ein Leben, das man als menschenwürdig bezeichnen kann. JEDER.

    Wollen Sie das bestreiten?

    Und was die meisten unter einem "menschenwürdigen Leben" nicht zuletzt verstehen, wird ja schon am Ergebnis der Umfrage zu diesem Artikel ("Könnten Sie sich vorstellen in Neu Delhi zu arbeiten?", siehe dort) deutlich.

    Ihre „Eliten“ – wer immer das sein soll – allesamt zu erschießen scheidet da als Problemlösungsoption also schon mal aus.

    Dass ganz dringend etwas gegen einen weiteren und in vielen Fällen - insbesondere von den Frauen bzw. Müttern - ungewollten unkontrollierten Bevölkerungszuwachs (die meisten Frauen wollen zwar Kinder, aber eben nicht so viele – schon gar nicht, wenn sie allein für sie sorgen müssen), der paradoxerweise ausgerechnet in den im globalen Vergleich am meisten benachteiligten Regionen stattfindet („paradoxerweise“ nur auf den ersten Blick: weil gerade diese Benachteiligung – der Mangel an Bildung, Aufklärung, Entscheidungsfreiheit, Entwicklungschancen, kurz: Perspektiven (die sich, nebenbei angemerkt, da wir alle auf dem gleichen Planeten leben zwangsläufig früher oder später auch für die jüngeren und nachkommenden Generationen eintrüben werden, wenn jetzt nicht schleunigst und beherzt gegengesteuert wird*) die Hauptursache der Bevölkerungsexplosion in diesen Regionen ist) unternommen werden muss, ist mehr als offensichtlich, steht aber auf einem ganz anderen Blatt.

    *Also, was schlagen Sie vor?

  • @ Peter Schuppli
    "Wenn wir so weiterwursteln auf diesem unserem Planeten und die Natur ohne jede Achtung vor der Schöpfung ausbeuten und vernichten wie in den vergangenen Jahrzehnten, werden wir uns darauf einstellen müssen, eines Tages allesamt im eigenen Dreck unterzugehen. Nur eine Frage der Zeit."

    Gewisse Teile der "Elite" sind daher auch davon überzeugt, dass unbedingt eine Bevölkerungsreduktion erfolgen muss (dies ist übrigens keine VT). Sich selber wollen die natürlich von dieser Reduktion ausnehmen. Zudem tragen Teile dieser "Elite" auch eine gewisse "Mitschuld", denn nur die ungehemmte KREDITEXPANSION ermöglichte letztendlich auch dieses enorme Bevölkerungswachstum und mit ihm den ungeheuren Ressourcenbedarf.

  • Wenn wir so weiterwursteln auf diesem unserem Planeten und die Natur ohne jede Achtung vor der Schöpfung ausbeuten und vernichten wie in den vergangenen Jahrzehnten, werden wir uns darauf einstellen müssen, eines Tages allesamt im eigenen Dreck unterzugehen. Nur eine Frage der Zeit.

  • "– eine ebenso günstige wie schädliche Entsorgungsmethode, ..."

    Oh Mann. GÜNSTIG. Gesund bleiben (oder überhaupt leben) dürfen muss man sich erstmal leisten können, nicht?

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