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Übungen in Atomkraftwerken (K)ein ernst zu nehmender Störfall

Nach Krümmel ist vor Krümmel: Mitarbeiter in deutschen Atomkraftwerken trainieren den Ernstfall – denn menschliches Versagen ist eine große Fehlerquelle. Eine Handelsblatt-Reportage.
Atomkraftwerk Krümmel: „Wird sicher in allen Schulungen eine Rolle spielen.

Atomkraftwerk Krümmel: „Wird sicher in allen Schulungen eine Rolle spielen." Foto: ap

(Foto: ap)

ESSEN. 27. Juli, 11.42 Uhr. In der Kontrollwarte des Kernkraftwerkes Biblis B hupt und blinkt es hektisch, die vier Mitarbeiter um Schichtleiter Andreas Taube sind sofort alarmiert. Eine Warnleuchte an der Vorderwand signalisiert ein Leck im Sicherheitsbereich. Was der 44-jährige Elektrotechniker und seine Mannschaft nicht sehen können: Im Kühlkreislauf des Reaktors ist eine Anschlussleitung abgerissen, durch das 50 Quadratzentimeter große Loch entweicht Kühlmittel und verdampft in dem Sicherheitsbehälter. Innerhalb von zwei Sekunden schaltet sich der Reaktor automatisch ab. Die Steuerstäbe fallen ab, die Kettenreaktion ist beendet. In der Kontrollwarte steht der Zeiger, der die Stromleistung misst, auf null, der Druck fällt zügig von 155 auf 60 Bar ab.

Einen solchen Unfall hat Deutschland noch nicht gesehen – glücklicherweise auch dieses Mal nicht. Die Störung ist nur Teil einer Übung. In einem sechsstöckigen Gebäude aus den 80er-Jahren in Essen-Kupferdreh wird täglich geprobt, was hoffentlich nie passieren wird: der Umgang mit schwerwiegenden Pannen in deutschen Atomkraftwerken. Im Simulatorzentrum, das von den vier deutschen Energiekonzernen Eon, RWE, Vattenfall Europe, Energie Baden-Württemberg sowie einem niederländischem Partner getragen wird, soll das gepflegt werden, was wegen der Pannen in Brunsbüttel und Krümmel zurzeit in der Kritik steht: die Sicherheitskultur.

Seit am 28. Juni eine Störung im Netz Brunsbüttel und fast zeitgleich ein Brand in einem Transformatorengebäude Krümmel lahmgelegt haben, hat sich in Deutschland die ohnehin hitzige Debatte über die Kerntechnik noch verschärft. Nach und nach kamen neue Details ans Licht, fast täglich meldete der Betreiber Vattenfall weitere Unregelmäßigkeiten: falsch montierte Dübel, zu große Bohrlöcher oder ein kleines Leck im Turbinenbereich. Vor allem aber verschwieg Vattenfall zunächst, dass von der Panne in Krümmel auch der Reaktorbereich betroffen war.

Eine dankbare Steilvorlage für die Politik: „Wer zu doof ist, ein Loch in die Wand zu bohren, ist definitiv ungeeignet, ein AKW zu betreiben“, lästerte unlängst Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen. Und auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) schießt seither gegen die Kerntechnik. Die zuständige Reaktoraufsicht, das Sozialministerium von Schleswig-Holstein, droht Vattenfall Europe nun sogar mit Entzug der Betriebslizenz.

Hinter aller Polemik steckt allerdings auch die ernst zu nehmende Frage: Wie sorgfältig gehen die deutschen AKW-Betreiber tatsächlich mit der sensiblen Technik um?

Eberhard Hoffmann hat Antworten. Er ist Geschäftsführer im Essener Simulatorzentrum und ein nüchterner obendrein. „Sicherheitskultur ist kein technischer Parameter, den Sie einmal einarbeiten und der dann so bleibt“, sagt Hoffmann, „die Sicherheitskultur müssen Sie ständig am Leben erhalten.“ In dem Simulatorzentrum, einem unscheinbaren Gebäude mit roter Backsteinfassade und brauner Metallverkleidung, verbirgt sich High-Tech. In 13 Räumen sind die Kontrollwarten von 16 deutschen und einer niederländischen Anlage – darunter mehrere baugleiche – detailgetreu nachgebaut. Nur der Simulator für Krümmel steht direkt am Standort.

Für Essens Schichtleiter Taube und seine Gruppe sieht es in der Warte genauso aus wie am Standort Biblis in Hessen. Jeder Knopf sitzt an seiner Stelle, jede Kontroll-Lampe, jeder Datenschreiber und jeder Bildschirm. Im Hintergrund arbeiten leistungsstarke Server. Aufwendige Softwareprogramme bilden die Vorgänge im Kraftwerk detailgetreu als komplexe mathematische Modelle ab. Jede Eingabe – ob Anfahren oder Störfall – muss so wirken wie in der Realität. Und alles in Echtzeit: Pro Sekunde werden ein bis zwei Millionen Operationen berechnet. Bis zu 25 Millionen Euro kostet jeder Simulator, nur 15 Prozent entfallen auf die Warte, der Rest auf die Softwareentwicklung, an der rund 40 Mitarbeiter drei Jahre lang gearbeitet haben.

Den Aufwand betreiben die Konzerne nicht ganz freiwillig. Die Aufsichtsbehörden haben für das Fachpersonal Richtlinien erarbeitet, um „die Fachkunde zu erhalten“. 100 Stunden im Jahr muss jeder am Standort theoretisch geschult werden. Zudem muss jede Schicht zweimal im Jahr für fünf Tage in den Simulator. Etwa 15 Prozent der Arbeitszeit verbringt jeder Schichtleiter, Reaktor- oder Turbinenfahrer mit Übungen und Unterricht.

Der Ausbilder komponiert in wochenlanger Vorarbeit für jeden Kurs neue Störungsszenarien. Nach jedem Kurs werden die Teilnehmer bewertet. Das Feedback kommt in die Personalakte. Kritisch beobachtet werden neben den Arbeitsabläufen auch die Kommunikations- und Teamfähigkeit. Alle zwei bis drei Jahre durchlaufen die Schichten ein Spezialtraining mit Psychologen der Lufthansa.

Durchgespielt wird neben dem Standardbetrieb vor allem der Schadensfall. Einfache Leckagen werden ebenso nachgestellt wie unrealistische Vorfälle, bei der die unterschiedlichsten Störfälle parallel auftreten und die Mitarbeiter Prioritäten setzen müssen. „Der Fall Krümmel wird mit Sicherheit in allen kommenden Schulungen eine Rolle spielen“, sagt Hoffmann, „obwohl der Ausfall eines Transformators schon jetzt zur Routine gehört.“

Warum aber gibt es bei aller Vorsicht, bei allem Training dann trotzdem immer wieder Pannen? Weil es eben Menschen gibt, und die versagen nicht selten. 2006 zählte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) immerhin 130 Vorfälle – auch wenn es in keinem Fall wirklich gefährlich wurde. Jedes der Ereignisse konnte auf der siebenstufigen „International Nuclear Event Scale“ (Ines) in die Kategorie null eingeordnet werden. Etwa 30 Prozent der Fehler in Kernkraftwerken gehen dabei auf menschliche Unzulänglichkeiten zurück, schätzen Experten.

In Krümmel hat nicht nur ein Transformator gebrannt. In Krümmel reagierte das Personal in einer Stresssituation, die doch eigentlich ständig geübt wird, falsch, wie Vattenfall einräumt. Der Reaktorfahrer verstand die Anweisungen seines Schichtleiters falsch und ließ den Druck aus dem Reaktor schneller ab als geplant. Er öffnete zwei Entlastungsventile komplett, statt sie immer wieder zu öffnen und zu schließen. Der rasche Druckabfall löste eine Schnellabschaltung aus. So etwas dürfe „natürlich nicht“ vorkommen, gibt Konzernchef Lars Göran Josefsson zu.

Aus der Defensive heraus versucht Vattenfall nun verzweifelt, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Künftig müssen die Mitarbeiter Anweisungen laut wiederholen, bevor sie sie ausführen, lautet eine neue Vorschrift. „Wir werden alles tun, um Fehler und Versäumnisse für die Zukunft auszuschließen“, verspricht das Unternehmen.

Ein Versprechen, das nach den Worten des Simulatorchefs Hoffmann so aber gar nicht einzuhalten ist: „Die Wortwahl ist unglücklich“, sagt der 58-Jährige: „Man kann menschliche Fehler nicht komplett ausschließen.“ Die Anlagen müssten aber so gebaut werden, dass jeder Einzelfehler des Menschen oder der Technik abgefangen werde. Auch in Krümmel habe die Technik ja „folgerichtig reagiert“, zu keinem Zeitpunkt habe eine wirkliche Gefahr bestanden: „Den perfekten Menschen brauchen Sie nur, wenn Sie keine weiteren Sicherheitssysteme haben.“

Im Biblis-Simulator erledigen die Mitarbeiter unter den strengen Augen des Ausbilders ihre Aufgabe bestens. Die Anweisungen von Schichtleiter Taube werden zügig ausgeführt, nach wenigen Minuten kann er Entwarnung geben. Der Reaktor wurde kontrolliert heruntergefahren, Temperatur und Druck sind stabil, der Schaden an einer großen Kontrolltafel ist schnell eingegrenzt. „Es hat alles gut geklappt“, sagt Taube. Wäre das heute keine Übung, müsste er den Fall jetzt umgehend an die Aufsichtsbehörde melden – Stufe drei auf der Ines-Skala, ein „ernster Störfall“. Dann bekäme die Diskussion über die Sicherheitskultur in deutschen Atomkraftwerken wieder neue Nahrung.

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