Umweltgifte an ehemaligen US-Basen Giftige Hinterlassenschaft

Gefährliches Erbe: Löschschaum hat das Grundwasser im Gebiet mehrerer ehemaliger US-Militärbasen verseucht. Die Belastungen liegen teils weit über den Grenzwerten. In den betroffenen Gemeinden sind die Menschen besorgt.
Kommentieren
Die Gemeinde Portsmouth installierte im vergangenen Jahr eine Anlage, mit dem PFC aus dem Wasser zweier Brunnen gefiltert werden kann. Quelle: AP
Filteranlage am Pease International Tradeport

Die Gemeinde Portsmouth installierte im vergangenen Jahr eine Anlage, mit dem PFC aus dem Wasser zweier Brunnen gefiltert werden kann.

(Foto: AP)

PortsmouthDer Pease International Tradeport im US-Staat New Hampshire könnte ein Paradebeispiel dafür sein, was man aus einem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt machen kann. Ein Flughafen, Hunderte Geschäfte und Betriebe sowie mehrere Kindertagesstätten gibt es dort in der Hafenstadt Portsmouth.

Doch viele, die dort arbeiten oder ihre Kinder untergebracht haben, sind mittlerweile beunruhigt. Der Grund: Das Trinkwasser ist verseucht mit Perfluorcarbonen (PFCs), Rückstände aus dem Löschschaum, der auf den Militärbasen eingesetzt wurde.

Das sind die giftigsten Orte der Erde
Shenyang, China
1 von 9

Seit Jahren versucht China, das Problem Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Eine Stadt, in der die Anti-Smog-Strategie nicht zu verfangen scheint, ist Shenyang in der Provinz Liaoning. Im November 2015 machte die Millionenstadt Schlagzeilen mit smogbedingten Sichtweiten unter 100 Metern. Die Konzentration schwebender Partikel mit Durchmessern unter 2,5 Mikrometern lag damals um mehr als das 50-Fache über der als unschädlich geltenden Konzentration. Ursache der Luftverschmutzung sind Kohlekraftwerke und Autoabgase, aber auch Staub aus den sich ausbreitenden Wüsten.

Hazaribagh, Bangladesch
2 von 9

Auf kaum 25 Hektar Land stehen in Hazaribagh mehr als 90 Prozent aller Gerbereien des Landes. Sie produzieren Lederwaren für den Weltmarkt. Dabei sind Arbeiter und Umwelt beträchtlichen Mengen giftiger Chemikalien ausgesetzt, nicht zuletzt Krebs erregenden Chrom(VI)-Verbindungen.

Das Rohprodukt muss chemisch behandelt werden, um die Hautstruktur zu stabilisieren und das Material elastisch zu machen. Dabei gelangen täglich etwa 22.000 Kubikmeter Abwasser ungefiltert in die Umwelt. Fachleute berichten von erheblichen Gesundheitsproblemen bei den Einwohnern des Ortes durch Chrom, Blei, Sulfide und Kupfer. Die Luft enthält hohe Konzentrationen an Stickoxiden. Nicht weit entfernt von Hazaribagh fließt der Buriganga, wichtigste Trinkwasserquelle der Hauptstadt Dhaka.

Kabwe, Sambia
3 von 9

Im Jahr 1902 entdeckten Prospektoren nahe der Stadt Kabwe in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien große Zink- und Bleivorkommen. Wenig später begann der Abbau der wichtigen Metalle, die als Legierungsbestandteile in Batterien und Akkus und für viele andere Anwendungen gebraucht werden.

Heute heißt Nordrhodesien Sambia, und die Mine von Kabwe wurde 1994 stillgelegt. Doch Kabwe trägt weiter schwer am kolonialen Erbe: In Boden, Wasser und Staub findet man bis heute hohe Konzentrationen von Kupfer, Zink und vor allem von Blei. Besonders Letzteres hat gravierende Folgen – das Metall reichert sich im Körper an und verursacht chronische Vergiftungen, die vor allem für Schwangere und Kinder gefährlich sind. Kinder in Kabwe haben sechs- bis zwölfmal so viel Blei im Blut wie Gleichaltrige in den Industrieländern. (Foto: Blacksmith Institute)

Horliwka, Ukraine
4 von 9

In Horliwka im Osten der Ukraine steht die Ruine einer besonders gefährlichen Fabrik. Bis 2001 produzierten die Angestellten auf dem 167 Hektar großen Gelände den Sprengstoff TNT und das nicht explosive, aber sehr giftige Mononitrochlorbenzol (MNCB), vermutlich für die Produktion chemischer Kampfstoffe.

Als Fachleute zehn Jahre später durch Zufall auf den Ort stießen, fanden sie eine tickende Bombe vor: Verrottete Fässer und Tanks mit 50 Tonnen TNT und über 2300 Tonnen MNCB, die über die Jahre Boden und Wasser verseucht hatten. Bis zum Jahr 2014 gelang es, zumindest die vorhandenen MNCB-Tanks zu leeren und das TNT zu bergen. Dann brach in der Ostukraine der Krieg aus und die Arbeiten wurden eingestellt. Wie viel von den Chemikalien noch in Gebäuden, Boden und Wasser steckt, ist unbekannt. (Foto: Pure Earth)

Agbogbloshie, Ghana
5 von 9

Westeuropa produziert immense Mengen Elektronikschrott und exportiert allein 215.000 Tonnen des Mülls nach Ghana. Ein beträchtlicher Teil davon landet in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra – und der zweitgrößten Elektronikschrott-Deponie der Welt. Um das Kupfer aus alten Kabeln und andere Metallteile zu gewinnen, verbrennen die Bewohner die elektronischen Komponenten zusammen mit Styropor, das ebenfalls auf der Deponie landet.

Der entstehende Rauch enthält nicht nur giftige Verbrennungsprodukte wie Furane und Dioxine; auch Schwermetalle der Elektrobauteile lagern sich an die Partikel an und ziehen mit dem Rauch über die Region. Allein die Bleikonzentrationen im Boden reichen bis zum 45-Fachen dessen, was in industrialisierten Ländern als akzeptabler Höchstwert gilt.

Kalimantan, Indonesien
6 von 9

Gold gilt als edel und unvergänglich – aber bei der Gewinnung des meist fein verteilten Edelmetalls geht ohne hochgiftige Chemikalien überhaupt nichts. Die Konsequenzen davon zeigen sich am deutlichsten in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Dort wird das Edelmetall zum Teil illegal in Handarbeit gewonnen, und zwar mit Hilfe des hochgiftigen Quecksilbers, das man mit dem goldhaltigen Erz verknetet.

Das flüssige Metall bildet mit Gold ein Amalgam und löst es so aus dem Gestein. Anschließend lässt man das Quecksilber einfach verdampfen. Quecksilbervergiftungen verursachen schwere Gesundheitsschäden: von Nierenerkrankungen bis hin zu neurologischen Störungen. Etwa 1000 Tonnen Quecksilber gelangten in Kalimantan nach einer Schätzung von 2013 in die Umwelt – etwa ein Drittel des Ausstoßes der gesamten Menschheit.

Tschernobyl, Ukraine
7 von 9

Der Begriff „Kernschmelze“ ist keine Metapher. Nach der Nuklearkatastrophe in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl fanden Arbeiter im Herbst 1986 in einem Dampfkorridor unter dem Reaktor eine erstarrte, hoch radioaktive Masse aus geschmolzenen Bestandteilen des Reaktorkerns, die sich während der Katastrophe durch den Boden des Reaktors brannte und in den Hohlraum lief.

Doch ein beträchtlicher Teil der radioaktiven Abfälle verteilte sich auch in der Umgebung: Rund 190 Tonnen radioaktives Material wie etwa Isotope von Uran und Plutonium, aber auch große Mengen der sehr langlebigen Isotope 137Cs und 90Sr mit Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Und die Gefahr, dass die restlichen Trümmer des zerstörten Reaktors in die Umwelt gelangen, ist nicht gebannt. Der Klumpen erstarrter Lava unter dem Reaktor dürfte das gefährlichste Stück Abfall sein, das die Menschheit jemals produzierte.

Perfluorcarbone finden sich in zahlreichen Alltagsprodukten wie antihaftbeschichteten Pfannen oder fleckabweisendem Teppichen. In kleinen Dosierungen sind sie deswegen bei den meisten Menschen nachzuweisen. Studien an Tieren haben diese Stoffe mit niedrigerem Geburtsgewicht, Schilddrüsenproblemen oder sogar Krebs in Verbindung gebracht, wie die US-Umweltbehörde EPA erklärt.

Bislang ist nicht gesichert, inwieweit sich diese Probleme auch bei Menschen zeigen. Doch diese Unsicherheit beunruhigt die Eltern in Pease, bei deren Kindern erhöhte Spuren von PFCs im Blut gefunden wurden. Andrea Amico, Alayna Davis und Michelle Dalton haben deswegen 2015 eine Bürgerrechtsgruppe gegründet.

Fieberschübe und Infektionen

Die drei Frauen sagen, es sei schwer, Ärzte zu finden, die die Testergebnisse interpretieren könnten. Keine von ihnen kann definitiv sagen, dass die Werte sich in gesundheitlichen Problemen ihrer Kinder äußern. Doch sie sind besorgt, ob die häufigen Fieberschübe und Infektionen im Zusammenhang mit den Chemikalien stehen.

„Mein Sohn sieht wie ein normaler vier Jahre alter Junge aus. Er ist aktiv. Er mag all das, was jeder Vierjährige mag“, sagt Dalton. „Doch in ihm sieht es anders aus. Sein Körper befindet sich in einem ständigen Kampf.“

Beunruhigend sei auch, dass die Chemikalien über Jahre im Körper bleiben könnten. „Meine Sorge ist, dass ihre langfristige Gesundheit beeinträchtigt wird durch die signifikante Belastung, der sie als kleine Kinder ausgesetzt waren“, sagt Amico. Ihre beiden Kinder besuchen eine Tagesstätte in Pease. Bei beiden wurden erhöhte PFC-Werte nachgewiesen.

Nach einer Warnung der EPA im vergangenen Jahr hat die US-Luftwaffe 190 Stützpunkte auf eine Verunreinigung durch den Löschschaum untersucht. An 20 Standorten wird das Wasser derzeit behandelt oder sogar von anderswo Wasser geliefert – darunter auch Pease. Zudem ersetzt die Luftwaffe gerade den bisherigen Löschschaum durch andere Sorten.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Doppelt so hohe Werte wie in anderen Regionen
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Umweltgifte an ehemaligen US-Basen - Giftige Hinterlassenschaft

0 Kommentare zu "Umweltgifte an ehemaligen US-Basen: Giftige Hinterlassenschaft"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%