Umweltproblem Strohhalme

Der jährliche Verbrauch an Plastiktrinkhalmen liegt in den 28 EU-Ländern bei gut 36 Milliarden Stück. Das sind für jeden EU-Bürger 71 pro Jahr.

(Foto: dpa)

Verbote geplant Die EU sagt dem Plastikmüll den Kampf an

Die EU will Trinkhalme und andere Gegenstände aus Plastik verbannen. Umweltschäden in Milliardenhöhe sollen verhindert werden – doch es gibt auch Kritik.
Update: 28.05.2018 - 14:03 Uhr 2 Kommentare

BerlinPlastikmüll ist überall. Selbst in den Tiefen des arktischen Ozeans und auf unbewohnten Inseln haben Forscher den Wohlstandsmüll entdeckt – eine Gefahr für Seevögel, Meerestiere, aber auch für den Menschen. Denn über die Nahrungskette und Verunreinigungen im Wasser gelangt Plastik im Mikroformat auch zu uns zurück.

Nun will die EU-Kommission ein Verbot bestimmter Wegwerfware durchsetzen. „Plastikmüll ist ohne Zweifel ein großes Thema, und die Europäer müssen dieses Problem zusammen angehen“, erklärte Vizepräsident Frans Timmermans an diesem Montag.

Dabei präsentiert die Behörde konkrete Vorschriften und Verbote, die auf den Schutz der Weltmeere zielen. Ein Überblick über den Vorschlag des europäischen Gesetzgebers:

Was soll verboten werden?

Plastik, das nur einmal verwendet wird, soll im Angebot der Supermärkte deutlich verringert und durch umweltfreundlichere Alternativen ersetzt werden. Konkret geht es um die zehn Plastikprodukte, die am häufigsten im Strandmüll auftauchen: Plastikbesteck und Geschirr, Trinkhalme, Getränkerührstäbchen, Halter für Luftballons und Wattestäbchen. Bei der Hälfte des Plastikmülls, der an europäischen Stränden landet handelt es sich um Wegwerfprodukte zum einmaligen Gebrauch.

Was macht Plastikmüll so problematisch?

Vor allem seine lange Haltbarkeit. Bis sich Plastik zersetzt hat, können Jahrhunderte vergehen. Bis dahin werden die Plastikteile nur immer kleiner, was das Problem verschärft, denn diese Mikroplastik-Partikel können mit der Nahrung oder dem Trinkwasser aufgenommen werden. Da Plastik oft ungesunde Stoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel enthält, sind Gesundheitsschäden nicht auszuschließen – auch wenn es noch keine belastbaren Erkenntnisse über das Ausmaß möglicher Gesundheitsrisiken für den Menschen gibt.

Für Meerestiere und Seevögel endet der Kontakt mit im Wasser treibendem Plastik oft tödlich – sie sterben an den Giftstoffen oder weil der unverdauliche Plastikmüll ihre Mägen verstopft. Oder sie verfangen sich in Plastiknetzen, die auf Fischkuttern verloren gingen und nun als Geisternetze durchs Wasser treiben.

Was verspricht sich die EU-Kommission von ihren Plänen?

Die Kommission verspricht sich große Umweltvorteile. So sollen die Maßnahmen den Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen pro Jahr verringern. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22Milliarden Euro vermieden werden, erklärte die Brüsseler Behörde. Verbraucher könnten bis zu 6,5Milliarden Euro sparen.

Was hat die EU noch im Visier?

In ihrem Entwurf führt die Kommission auch Einmalprodukte auf, die nicht verboten, aber massiv zurückgedrängt werden sollen, darunter Verpackungen für Fastfood, Luftballons, Getränkeverpackungen und Deckel. Damit Deckel nicht durch die Landschaft fliegen, sollen sie gleich so konstruiert werden, dass sie künftig an Einwegflaschen oder -trinkbechern hängen bleiben.

Hersteller von Chipstüten, Zigarettenfiltern und anderen häufig in der Umwelt gefundenen Produkten will die Kommission für Sammlungen sowie für Infokampagnen zur Kasse bitten. Den EU-Staaten schließlich will sie das Ziel vorgeben, bis 2025 mindestens 90 Prozent der Einwegplastikflaschen getrennt zu sammeln. Ein Vorschlag zur Umsetzung in der Richtlinie: ein Einwegpfand, wie es in Deutschland schon 2003 eingeführt wurde.

26 Millionen Tonnen Plastikmüll fallen allein in der EU pro Jahr an. Viel davon landet in Gewässern - und schließlich an den Stränden von Nord- und Ostsee. Quelle: dpa
Plastikmüll am Ostseestrand

26 Millionen Tonnen Plastikmüll fallen allein in der EU pro Jahr an. Viel davon landet in Gewässern - und schließlich an den Stränden von Nord- und Ostsee.

(Foto: dpa)

Sind Trinkhalme denn wirklich so ein großes Problem?

Tatsächlich sind die Plastikhalme weltweit zum Symbol geworden für unnötigen Einmalkonsum mit drastischen ökologischen Folgen. Denn es geht dabei um gewaltige Stückzahlen. Die in Brüssel ansässige Umweltschutzorganisation Seas at Risk hat den Verbrauch in der EU auf Basis von Handels- und Abfallstatistiken geschätzt: Demnach liegt der jährliche Verbrauch in den 28 EU-Ländern bei gut 36 Milliarden Halmen. Rechnerisch nutzt jeder EU-Bürger also 71 Stück pro Jahr.

Würden die EU-Maßnahmen etwas bringen?

Zumindest wären sie ein Schritt in die richtige Richtung. Allein in der EU entstehen jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll, von denen weniger als 30 Prozent zur Wiederverwertung gesammelt werden. Vom Rest landet ein Großteil auf Müllkippen oder in der Umwelt. Dieser Müllberg würde durch die EU-Vorschläge vermutlich kleiner.

Was sagen Kritiker?

Das wirtschaftsnahe Centrum für Europäische Politik meint, die Kommission schieße mit den Verboten übers Ziel hinaus und schränke die Wahlfreiheit der Verbraucher ein. Infokampagnen, Pfandsysteme und notfalls lokale Verbote reichten aus, meint cep-Experte Moritz Bonn.

Die Grünen im Europaparlament argumentieren andersherum: Der Ansatz mit dem Verbot bestimmter Produkte sei gut, reiche aber nicht. Entscheidend seien eine Reduzierung des Verpackungsmülls und höhere Recyclingquoten. Die Grünen fordern die komplette Wiederverwertbarkeit von Kunststoffen schon 2025, nicht erst 2030.

Wie steht die Bundesregierung zu den EU-Vorschlägen?

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich gegen ein generelles Verbot von Plastik ausgesprochen. Plastik sei ein sehr wertvoller Stoff und werde in vielen Bereichen, etwa der Medizin, gebraucht, so die Ministerin im Vorfeld der EU-Initiative. Aber der Gebrauch als Verpackungsstoff müsse zurückgedrängt werden.

Was sagen die Hersteller?

Große Unternehmen arbeiten längst an Alternativen, auch für Trinkhalme. Im April kündigte zum Beispiel Tetrapak die Umstellung auf Papiertrinkhalme bis zum Jahresende an – dabei geht es um die Röhrchen für Saft- oder Milchpackungen zum Direktverzehr. Bis es soweit ist, gebe es einen einfachen Rat für Verbraucher, die die Vermüllung durch Strohhalme vermeiden wollen, sagt eine Sprecherin: „Schieben sie ihn zurück in die Packung, so dass sie zusammen eingesammelt und recycelt werden können.“

Ab wann sollen die EU-Verbote gelten?

Das kann dauern. Zunächst ist es nur ein Vorschlag, der nun mit dem EU-Parlament und den EU-Staaten geklärt werden muss. Vor der Europawahl 2019 wird das knapp. Und weil es eine Richtlinie werden soll, müssen die EU-Staaten sie nach der Verabschiedung noch in eigene Gesetze gießen.

Mit Material von dpa

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2 Kommentare zu "Verbote geplant: Die EU sagt dem Plastikmüll den Kampf an"

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  • Wieder einmal eine EU-Nebelkerze, der Großteil des Mülls sind doch keine Ohrstäbchen u.s.w

    https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/kunststoffabfaelle#textpart-2

  • Interessanterweise werden Mikroplastik-Partikel in Hygiene- und Kosmetikartikeln (also das für die Umwelt schädlichste Plastik) nicht verboten. Hier wurde wohl sehr gute Lobbyarbeit betrieben.


    Und daß die Grünen weit mehr Artikel verbieten oder mit Abgaben belegen wollen, dürfte auch niemanden mehr wundern. Typisch für eine Bevormundungs- und Gängelungspartei.


    Fazit: Die Politik ergeht sich (wieder einmal) in Aktionismus zum Schaden von Verbruchen und Umwelt.

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