Verseuchter Titicacasee Der heilige See der Inkas verkommt zur Müllkippe

Der tiefblaue Titicacasee hoch in den Anden ist ein Touristenmagnet. Doch die Naturidylle trügt, der See wird durch Abwässer und Schwermetalle verseucht. Seit langem versprechen Politiker Abhilfe – geschehen ist nichts.
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Der größte See Südamerikas verkommt zur Müllhalde. Quelle: AP
Verschmutzter Titicacasee

Der größte See Südamerikas verkommt zur Müllhalde.

(Foto: AP)

TiticacaseeDer Titicacasee, zwischen schneebedeckten Berggipfeln gelegen, wurde einst von den Inkas verehrt, sein tiefblaues Wasser als Geburtsstätte der Sonne gefeiert. Heute sind die Ufer des größten Sees Südamerikas mit toten Fröschen, weggeworfenen leeren Farbtöpfen und Plastiktüten mit allem möglichen Müll übersät. Weniger sichtbare Gefahren lauern im Wasser selber: Blei und Quecksilber in giftigen Konzentrationen.

Der Zustand der viel besuchten Touristenattraktion ist inzwischen so schlimm geworden, dass er bei vielen der 1,3 Millionen Menschen, die an den verseuchten Ufern des Gewässers in Peru und Bolivien leben, Gesundheitsprobleme ausgelöst hat. Ungeklärte Abwässer aus zwei Dutzend nahegelegenen Städten und illegalen Goldminen hoch in den Anden schwemmen jedes Jahr bis zu 15 Tonnen Quecksilber in einen Fluss, der zum See führt.

Das sind die giftigsten Orte der Erde
Shenyang, China
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Seit Jahren versucht China, das Problem Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Eine Stadt, in der die Anti-Smog-Strategie nicht zu verfangen scheint, ist Shenyang in der Provinz Liaoning. Im November 2015 machte die Millionenstadt Schlagzeilen mit smogbedingten Sichtweiten unter 100 Metern. Die Konzentration schwebender Partikel mit Durchmessern unter 2,5 Mikrometern lag damals um mehr als das 50-Fache über der als unschädlich geltenden Konzentration. Ursache der Luftverschmutzung sind Kohlekraftwerke und Autoabgase, aber auch Staub aus den sich ausbreitenden Wüsten.

Hazaribagh, Bangladesch
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Auf kaum 25 Hektar Land stehen in Hazaribagh mehr als 90 Prozent aller Gerbereien des Landes. Sie produzieren Lederwaren für den Weltmarkt. Dabei sind Arbeiter und Umwelt beträchtlichen Mengen giftiger Chemikalien ausgesetzt, nicht zuletzt Krebs erregenden Chrom(VI)-Verbindungen.

Das Rohprodukt muss chemisch behandelt werden, um die Hautstruktur zu stabilisieren und das Material elastisch zu machen. Dabei gelangen täglich etwa 22.000 Kubikmeter Abwasser ungefiltert in die Umwelt. Fachleute berichten von erheblichen Gesundheitsproblemen bei den Einwohnern des Ortes durch Chrom, Blei, Sulfide und Kupfer. Die Luft enthält hohe Konzentrationen an Stickoxiden. Nicht weit entfernt von Hazaribagh fließt der Buriganga, wichtigste Trinkwasserquelle der Hauptstadt Dhaka.

Kabwe, Sambia
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Im Jahr 1902 entdeckten Prospektoren nahe der Stadt Kabwe in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien große Zink- und Bleivorkommen. Wenig später begann der Abbau der wichtigen Metalle, die als Legierungsbestandteile in Batterien und Akkus und für viele andere Anwendungen gebraucht werden.

Heute heißt Nordrhodesien Sambia, und die Mine von Kabwe wurde 1994 stillgelegt. Doch Kabwe trägt weiter schwer am kolonialen Erbe: In Boden, Wasser und Staub findet man bis heute hohe Konzentrationen von Kupfer, Zink und vor allem von Blei. Besonders Letzteres hat gravierende Folgen – das Metall reichert sich im Körper an und verursacht chronische Vergiftungen, die vor allem für Schwangere und Kinder gefährlich sind. Kinder in Kabwe haben sechs- bis zwölfmal so viel Blei im Blut wie Gleichaltrige in den Industrieländern. (Foto: Blacksmith Institute)

Horliwka, Ukraine
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In Horliwka im Osten der Ukraine steht die Ruine einer besonders gefährlichen Fabrik. Bis 2001 produzierten die Angestellten auf dem 167 Hektar großen Gelände den Sprengstoff TNT und das nicht explosive, aber sehr giftige Mononitrochlorbenzol (MNCB), vermutlich für die Produktion chemischer Kampfstoffe.

Als Fachleute zehn Jahre später durch Zufall auf den Ort stießen, fanden sie eine tickende Bombe vor: Verrottete Fässer und Tanks mit 50 Tonnen TNT und über 2300 Tonnen MNCB, die über die Jahre Boden und Wasser verseucht hatten. Bis zum Jahr 2014 gelang es, zumindest die vorhandenen MNCB-Tanks zu leeren und das TNT zu bergen. Dann brach in der Ostukraine der Krieg aus und die Arbeiten wurden eingestellt. Wie viel von den Chemikalien noch in Gebäuden, Boden und Wasser steckt, ist unbekannt. (Foto: Pure Earth)

Agbogbloshie, Ghana
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Westeuropa produziert immense Mengen Elektronikschrott und exportiert allein 215.000 Tonnen des Mülls nach Ghana. Ein beträchtlicher Teil davon landet in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra – und der zweitgrößten Elektronikschrott-Deponie der Welt. Um das Kupfer aus alten Kabeln und andere Metallteile zu gewinnen, verbrennen die Bewohner die elektronischen Komponenten zusammen mit Styropor, das ebenfalls auf der Deponie landet.

Der entstehende Rauch enthält nicht nur giftige Verbrennungsprodukte wie Furane und Dioxine; auch Schwermetalle der Elektrobauteile lagern sich an die Partikel an und ziehen mit dem Rauch über die Region. Allein die Bleikonzentrationen im Boden reichen bis zum 45-Fachen dessen, was in industrialisierten Ländern als akzeptabler Höchstwert gilt.

Kalimantan, Indonesien
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Gold gilt als edel und unvergänglich – aber bei der Gewinnung des meist fein verteilten Edelmetalls geht ohne hochgiftige Chemikalien überhaupt nichts. Die Konsequenzen davon zeigen sich am deutlichsten in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Dort wird das Edelmetall zum Teil illegal in Handarbeit gewonnen, und zwar mit Hilfe des hochgiftigen Quecksilbers, das man mit dem goldhaltigen Erz verknetet.

Das flüssige Metall bildet mit Gold ein Amalgam und löst es so aus dem Gestein. Anschließend lässt man das Quecksilber einfach verdampfen. Quecksilbervergiftungen verursachen schwere Gesundheitsschäden: von Nierenerkrankungen bis hin zu neurologischen Störungen. Etwa 1000 Tonnen Quecksilber gelangten in Kalimantan nach einer Schätzung von 2013 in die Umwelt – etwa ein Drittel des Ausstoßes der gesamten Menschheit.

Tschernobyl, Ukraine
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Der Begriff „Kernschmelze“ ist keine Metapher. Nach der Nuklearkatastrophe in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl fanden Arbeiter im Herbst 1986 in einem Dampfkorridor unter dem Reaktor eine erstarrte, hoch radioaktive Masse aus geschmolzenen Bestandteilen des Reaktorkerns, die sich während der Katastrophe durch den Boden des Reaktors brannte und in den Hohlraum lief.

Doch ein beträchtlicher Teil der radioaktiven Abfälle verteilte sich auch in der Umgebung: Rund 190 Tonnen radioaktives Material wie etwa Isotope von Uran und Plutonium, aber auch große Mengen der sehr langlebigen Isotope 137Cs und 90Sr mit Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Und die Gefahr, dass die restlichen Trümmer des zerstörten Reaktors in die Umwelt gelangen, ist nicht gebannt. Der Klumpen erstarrter Lava unter dem Reaktor dürfte das gefährlichste Stück Abfall sein, das die Menschheit jemals produzierte.

„Wenn die Frösche reden könnten, würden sie sagen, „dies hier bringt mich um““, sagt Maruja Inquilla. Die örtliche Umweltaktivistin ist kürzlich aus Protest gegen die Umweltzerstörung mit Taschen voller toter Frösche zur Gouverneursresidenz in der Stadt Puno gekommen. Die empfindlichen Tiere werden durch die Giftstoffe im See getötet.

Die wachsende Besorgnis über die Verschmutzung hat zu einer Serie wissenschaftlicher Studien und Versprechen von offizieller Seite geführt, das Problem in Angriff zu nehmen. So haben die Regierungen von Peru und Bolivien im Januar 2016 ein Abkommen unterzeichnet, nach dem sie umgerechnet rund 500 Millionen Euro für eine Reihe von Maßnahmen ausgeben wollen. Wofür genau, blieb aber weitgehend unklar.

Ein Jahr später hat der neue peruanische Präsident Pedro Pablo Kuczynski den Bau von zehn Kläranlagen für etwa 450 Millionen Euro am See versprochen, „damit der schönste See der Welt auch der sauberste auf der Welt ist“. Aber Einzelheiten, wie diese Anlagen finanziert werden sollen, nannte er nicht. Politiker haben in den vergangenen 20 Jahren immer wieder Maßnahmen zur Bekämpfung des Problems versprochen – aber nichts ist geschehen.

Viele der mehr als 400.000 Touristen allein aus Peru, die jedes Jahr den See besuchen, legen zunächst einen Stopp in Juliaca ein – einer Stadt, die täglich 200 Tonnen Müll produziert. Ein großer Teil davon landet im örtlichen Fluss, der zu einem Förderband für die Abfälle in Richtung See geworden ist. Injektionsnadeln, Autoreifen, alte Schuhe und schmutzige Windeln sind über die Kartoffelfelder an den Ufern des riesigen Sees verstreut.

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