Anthropozän Forscher wollen neues Erdzeitalter ausrufen

Plastikmüll, gerodete Wälder, Klimawandel: Der Mensch hat die Natur tiefgreifend verändert. Sein Wirken ist Forschern zufolge so stark, dass es an der Zeit ist, eine neue Epoche in der Erdgeschichte einzuläuten.
Die vom Menschen verursachten Veränderungen auf unserem Heimatplaneten sind mittlerweile so groß, dass manche Forscher ein neues Erdzeitalter ausrufen wollen. Quelle: dpa
Blick vom Mond auf die Erde

Die vom Menschen verursachten Veränderungen auf unserem Heimatplaneten sind mittlerweile so groß, dass manche Forscher ein neues Erdzeitalter ausrufen wollen.

(Foto: dpa)

BerlinBeim Berliner Teufelsberg war die Absicht eindeutig: Menschen waren es, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Trümmer aus der Stadt zu dem 120 Meter hohen Hügel anhäuften. Weltweit hat der Mensch aber oft auch unbeabsichtigt die Natur völlig umgekrempelt, wenn nicht zerstört. Zahlreiche Tiere sind ausgerottet, Ökosysteme wurden zerstört, Plastikmüll findet sich mittlerweile sogar in den abgelegenen Gewässern der Arktis.

Geologen spüren in Sedimenten noch viel mehr auf: Spuren neuer Materialien wie elementares Aluminium, Beton und Kunststoffe. Den menschlichen Einfluss sehen sie als so groß an, dass sie ein neues Zeitalter der Erdgeschichte definieren wollen: das Menschen-Zeitalter. Belege haben sie jüngst im Journal „Science“ zusammengetragen.

Plastikmüll verschmutzt die arktischen Gewässer
Nicht nur Eis schwimmt im arktischen Meer
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Selbst in den abgelegenen Meeresregionen der Arktis sind mittlerweile Plastikabfälle zu finden. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven haben treibenden Kunststoffmüll auf dem Meer zwischen Grönland und der östlich davon liegenden Inselgruppe Spitzbergen entdeckt. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Sebastian Menze)

Forschungsschiff Polarstern
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Von Bord des Forschungseisbrechers Polarstern... (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Sebastian Menze)

Polarstern-Bordhelikopter im Einsatz
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...und von einem Helikopter aus suchte das Team um die AWI-Biologin Melanie Bergmann in der sogenannten Framstraße nach Müllteilen. Auf einer Strecke von 5600 Kilometern wurden 31 Teile entdeckt. Diese Zahl mag im ersten Moment klein klingen, doch beunruhigt die Forscher, dass in der weit entfernten Arktis überhaupt Müll an der Wasseroberfläche zu finden ist. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Sebastian Menze)

Plastikmüll am Meeresboden der Framstraße
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Mit der Methode habe nur großes Treibgut erfasst werden können. „Unsere Zahlen sind deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach eine Untertreibung des tatsächlichen Müllbestandes“, sagte Bergmann. In einer früheren Studie hatte die Forscherin bereits festgestellt, dass die Müllmenge am Meeresboden der Framstraße zunimmt. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Melanie Bergmann/OFOS)

Plastikmüll im Meer
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Wie der Abfall so weit nach Norden gelangt, sei noch unklar. Er könnte Bergmann zufolge aus einem Müllstrudel stammen, der sich gerade in der Barentssee nördlich von Norwegen und Russland bilde. Dort sammle sich vermutlich Müll aus den Küstenregionen Nordeuropas. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Cecil Feierabend)

Müll- und Plastikreste am Strand von St. Peter-Ording (Nordsee)
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Müllstrudel entstehen, wenn treibende Plastikteile von großen kreisenden Meeresströmungen eingefangen werden und sich im Zentrum dieser Wirbel konzentrieren. Neben dem in der Barentssee sind nach AWI-Angaben bisher weltweit fünf solcher Müllwirbel bekannt. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Thomas Ronge)

Basstölpel „nutzen“ Plastikmüll als Nistmaterial
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Eine andere Ursache für den Müll in der Arktis könnte der Rückgang des arktischen Meereises sein, wodurch mehr Fischtrawler nach Norden vorstoßen. Von den Schiffen könnte Müll in den Gewässern landen. Problematisch sei der treibende Müll insbesondere für Seevögel, die sich von Beute an der Wasseroberfläche ernähren, berichten die Forscher. Plastikreste wurden schon in den Mägen von Seevögeln und Grönlandhaien gefunden. (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Thomas Ronge=

In der Fachwelt brodelt die Debatte schon länger. Den Anstoß gab der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000. Er sagte damals, er halte den aktuellen erdgeschichtlichen Abschnitt, das sogenannte Holozän, eigentlich für beendet. Jene Zeit, die vor etwa 11.700 Jahren nach dem Ende der jüngsten Eiszeit begann, war von weitgehend verlässlichen Umweltverhältnissen gekennzeichnet.

Inzwischen hat der Mensch mit seinen technologischen Entwicklungen das Ruder herumgerissen: Abgeleitet aus dem Griechischen (ánthropos für „Mensch“) prägte Crutzen für sein Zeitalter-Konzept den Begriff Anthropozän. Offiziell ist die Bezeichnung bisher nicht.

In Deutschland ist es vor allem der Geologe Reinhold Leinfelder (FU Berlin), der sich für die Verbreitung der Idee bei Laien stark macht. Auch Ausstellungen und Comics gab es schon zu dem Thema.

In „Science“ untermauern vor allem Geologen aus einer Anthropozän-Arbeitsgruppe, dass wir bereits im neuen Zeitabschnitt leben. „Wir haben alles zusammengetragen, was es gibt – alle Kriterien, die nun aussagen, dass das Anthropozän unterschiedlich ist vom Holozän“, sagt Leinfelder. Die Spuren in den Sedimenten zählen dazu ebenso wie die CO2-Konzentration in der Atmosphäre und das Ausmaß des Artensterbens.

Damit sei gezeigt, dass das Anthropozän auf Fakten basiere, erklärte Mitautor Jan Zalasiewicz (Uni Leicester). Die Veränderungen seien so groß wie die am Ende der jüngsten Eiszeit, sagte Mitautor Colin Waters (British Geological Survey) dem „Guardian“.

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