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Biotechunternehmen Biontech-Chef Sahin erklärt, was sich durch den Börsengang ändert

Biontech glückt der Sprung an die US-Börse. Firmen-Chef Ugur Sahin versichert: Eine schleichende Abkehr vom Standort Deutschland soll damit nicht einhergehen.
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Die Mainzer Firma Biontech forscht an personalisierten Krebstherapien. Quelle: Getty Images
Genanalyse

Die Mainzer Firma Biontech forscht an personalisierten Krebstherapien.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Mit einem der bisher größten Börsengänge eines deutschen Biotechunternehmens hat die Krebsforschungsfirma Biontech den Sprung an den Kapitalmarkt geschafft. Das verschafft den Mainzern zusätzliche Ressourcen für ihren ehrgeizigen Expansionskurs.
Der IPO an der US-Börse Nasdaq entpuppte sich dabei als relativ mühsames Manöver – und gelang letztlich nur mit deutlichen Abstrichen bei Preis und Emissionsvolumen.

Zudem hatten die Mehrheitseigner Thomas und Andreas Strüngmann zugesichert, einen Teil der neuen Aktien selbst zu zeichnen. Dessen ungeachtet wertet Firmenchef und -gründer Ugur Sahin das Listing als wichtigen und erfolgreichen strategischen Schritt für weiteres Wachstum. „Der Sprung aufs internationale Parkett war unser Ziel. Und damit sind wir sehr glücklich“, sagte Sahin dem Handelsblatt.

Insgesamt holte Biontech mit dem Börsengang brutto 150 Millionen Dollar an frischem Kapital herein. Nach Abzug der Kosten verbleiben 137 Millionen Dollar, umgerechnet knapp 124 Millionen Euro. Ursprünglich hatte Biontech auf bis zu 300 Millionen Dollar Emissionsvolumen gezielt. Aber auch mit dem abgespeckten Börsengang sieht sich das Unternehmen in einer starken Position.

Die zusätzlichen Mittel wollen die Mainzer nun vor allem für die weiteren klinischen Studien mit einer Reihe von neuartigen Krebsimpfstoffen nutzen. Firmengründer Sahin hält nach dem Börsengang laut Prospekt noch 18,4 Prozent, die Brüder Strüngmann gut 51 Prozent des Kapitals.

Die gesamten Cash-Reserven steigen durch den Börsengang auf mehr als 650 Millionen Euro. Biontech ist damit das am stärksten finanzierte Biotechunternehmen Deutschlands. Mit einer Bewertung von rund 3,1 Milliarden Euro auf Basis des Emissionspreises von 15 Dollar je Aktie konnte sich das Unternehmen zudem auch in Sachen Marktkapitalisierung auf Anhieb in der Spitzengruppe der deutschen Biotech-Szene etablieren, in etwa gleichauf mit Morphosys auf dem zweiten Platz.

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Zwar hat die Aktie des Börsenneulings an den ersten beiden Handelstagen knapp acht Prozent an Wert verloren. Trotzdem bessert das Mainzer Unternehmen die Erfolgsbilanz der deutschen Biotechszene unter finanziellen Aspekten schon heute auf. Denn zusammen mit etablierten Schwergewichten wie Qiagen, Morphosys und Evotec gehört Biontech zu den wenigen Branchenvertretern mit einer Bewertung, die deutlich über das Kapital hinausgeht, das von Investoren bisher eingezahlt wurde.

Insgesamt fällt die Bilanz der deutschen Biotechbranche in dieser Hinsicht nur durchwachsen aus, wie eine Analyse des Handelsblatts zeigt. Die rund zwei Dutzend Biotechs, die bisher bereits börsennotiert sind, haben seit Gründung von ihren Investoren insgesamt gut sechs Milliarden Euro an Eigenkapital erhalten.

Dem standen zuletzt rund 13,6 Milliarden Euro Börsenwert gegenüber. Durch den Eintritt von Biontech in den Club der Börsenfirmen verbessert sich die Bilanz auf knapp 17 Milliarden Euro Börsenwert bei sieben Milliarden Euro Kapitaleinsatz. Zwei Drittel der börsennotierten deutschen Biotechs haben aus Sicht des Marktes Wert vernichtet.

Kapitalintensive Forschung

Nach dem erfolgreichen Nasdaq-Listing der Münchener Morphosys AG im vergangenen Jahr ist der Börsengang von Biontech zudem ein weiteres wichtiges Signal für die Finanzierungsfähigkeit und das Standing deutscher Biotechs in den USA. Branchenkenner wie Siegfried Bialojan, Biotechexperte der Beratung EY, gehen daher davon aus, dass der Börsenauftritt von Biontech mittelfristig weiteren deutschen Biotechs der Krebsimmunforschung den Weg an die Nasdaq ebnen könnte. Dazu zählen etwa die Tübinger Firmen Curvac oder Immatics.

Der Zugang zum amerikanischen Kapitalmarkt und die Unterstützung durch erfahrene US-Investoren sind für die Branche immer wichtiger geworden. Zumal Neuemissionen in Deutschland angesichts der Risikoaversion hiesiger Investoren als nahezu unmöglich gelten.

Biontech-Chef Sahin verweist zudem auf das generell stärkere Interesse und Verständnis in den USA für Technologieunternehmen. „Die Nasdaq ist seit Jahren der Marktplatz für innovative Technologie-fokussierte Unternehmen und war deshalb die erste Wahl für uns.“ Eine schleichende Abkehr vom Standort Deutschland soll damit, wie Sahin betont, nicht einhergehen. „Hauptsitz und das Herz des Unternehmens bleiben in Mainz. Wir bleiben ein deutsches Unternehmen mit einer Arbeitskultur, die durch uns und unsere Ziele geprägt ist.“

Biontech arbeitet an einer Reihe neuartiger und möglicherweise revolutionärer Immuntherapien gegen Krebs. Dazu zählen individualisierte Therapieverfahren, die sich besonders genau am genetischen Profil von Krebszellen orientieren.

Die Technologieplattform bietet theoretisch eine Basis für eine Vielzahl von neuen Medikamenten. Bisher befindet sich die Produktentwicklung aber noch durchweg in der frühen klinischen oder präklinischen Phase. Es dürfte sich daher erst in den nächsten Jahren klären, wie erfolgreich diese Ansätze sein werden.

Insgesamt befinden sich neun Projekte inzwischen in den klinischen Testverfahren, das heißt, sie werden bereits an Patienten getestet. Eine Reihe weiterer Produkte will Biontech im kommenden Jahr in die klinischen Tests bringen. Darüber hinaus ist auch ein weiterer Ausbau der Forschungs- und Produktionskapazität geplant. Der Cash-Bedarf dürfte daher weiter wachsen. Im ersten Halbjahr 2019 hat Biontech rund 130 Millionen Euro an Cash verbraucht.

Mehr: Der wachsende Finanzbedarf drängt die deutsche Biotechbranche immer stärker in Richtung US-Kapitalmarkt, wie die jüngsten Beispiele zeigen – ein Kommentar.

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