Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Cyberkriminalität Mit Künstlicher Intelligenz will die Justiz Kinderpornografie bekämpfen

Ein Team aus Wirtschaft, Wissenschaft und Justiz will den Kampf gegen illegale Inhalte im Netz vorantreiben – mit Software zur Bilderkennung.
Kommentieren
Der Konzern liefert technisches Know-how zur Bekämpfung von Kinderpornografie. Quelle: ddp/imageBROKER/Kurt Amthor
Microsoft

Der Konzern liefert technisches Know-how zur Bekämpfung von Kinderpornografie.

(Foto: ddp/imageBROKER/Kurt Amthor)

Düsseldorf Zusammen könnten sie es schaffen: Experten von Microsoft, der Zentral- und Ansprechstelle für Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC NRW) und mehrere Wissenschaftler haben gemeinsam mit der Justiz NRW ein Verfahren entwickelt, mit dem kinderpornografische Bilder schneller entdeckt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Der Justizminister von Nordrhein-Westfalen, Peter Biesenbach, zeigte sich bei der Vorstellung des neuen Verfahrens euphorisch: Schon in wenigen Monaten, so schätzte er bei der Vorstellung am Montag, könnten Ermittler in NRW bei der Datenauswertung von Künstlicher Intelligenz unterstützt werden. Für die Bekämpfung von Kriminalität im Internet ist dem interdisziplinären Team damit ein wegweisender Fortschritt gelungen, den keiner der Akteure allein hätte erreichen können.

Bisher haben Kriminelle es im Netz oft leicht – etwa bei der Verbreitung von Kinderpornografie. Bilder von sexuellen Handlungen mit Säuglingen und Kindern lassen sich auf Plattformen, in Chaträumen und den unüberwachten Winkeln des Darknets unbemerkt und anonym verbreiten. Die Polizei kann noch nicht einmal allen Verdachtsfällen nachgehen: Sie stelle mehr Bildmaterial sicher, als sie sichten kann, sagte Biesenbach. Tausende Terabyte waren es allein im Jahr 2018: „Ein NRW-Ermittler bräuchte etwa 2000 Jahre, um diese Daten zu sichten.“

Das verbotene Material ist selten – leicht auffindbar für die Polizei – an einem Ort gespeichert. Die strafrechtlich relevanten Fotos und Videos lagern irgendwo auf USB-Sticks und Festplatten, zwischen Fotos von Omas Geburtstag und dem Familienurlaub an der Nordsee. Bei Durchsuchungen nimmt die Polizei alles mit.

All diese Bilder müssen Ermittler bisher einzeln durschauen und entscheiden, ob sie strafrechtlich relevant sind oder nicht. Und weil die Behörden beschlagnahmtes Material nur vorübergehend aufbewahren dürfen, müssen sie viele Datenträger undurchsucht an deren Besitzer zurückgeben. Statistiken, wie viele Täter den Behörden aus diesem Grund möglicherweise entkommen, gibt es nicht.

Juristische Grenzen

Das ist umso ärgerlicher für alle, die das Problem bekämpfen wollen, weil es längst technische Möglichkeiten zur Sichtung gäbe: Die Rede ist von Bilderkennung. Um die technischen und juristischen Möglichkeiten bei der Verfolgung von Straftaten im Netz zu prüfen und auszuloten, wurde eigens die ZAC NRW eingerichtet.

Immer wieder seien dort Fragen zur Anwendung neuer Technologien in Bezug auf Kinderpornografie eingetroffen, sagte Oberstaatsanwalt und Hauptabteilungsleiter Markus Hartmann. Deshalb hat die Ansprechstelle das Projekt schließlich angestoßen und engagierte Mitstreiter gefunden.

„Die Technologie wird für viele dunkle Dinge des Lebens genutzt, jetzt muss das Richtige damit getan werden“, sagte Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland. Das Unternehmen unterstützt das Projekt mit einer Plattform und technischem Know-how.

Algorithmen haben bereits gelernt, Bäume und Verkehrsschilder zu erkennen. Das Verfahren wird zum Beispiel für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge genutzt. Die Algorithmen könnten technisch gesehen genauso trainiert werden, Kinderpornografie zu identifizieren.

Das Problem: Schon der Besitz kinderpornografischer Bilder ist in Deutschland strafbar. Niemand, der Künstliche Intelligenz entwickeln könnte, kommt ran an die Daten, die die Behörden unter Verschluss halten müssen. Das Originalmaterial ist hochsensibel. Die Opfer sollen davor geschützt werden, dass die Bilder weiterverbreitet werden. Auch die Täter dürfen unter keinen Umständen wiedererkannt werden.

Doch jetzt ist dem interdisziplinären Team anscheinend der Durchbruch geglückt. „Es ist gelungen, kinderpornografische Darstellungen innerhalb der Justiz so umzuwandeln, dass sie rausgegeben werden können“, sagte Peter Biesenbach. Die Bilder, die wie Schablonen für die verbotenen Bilder genutzt werden können, bestünden nur noch aus wenigen Pixeln. Rasterfahndung im besten Sinne.

Pixel statt echter Bilder

Für einen Menschen ist nicht zu erkennen, welchen Inhalt sie ursprünglich hatten. Ebenso wichtig: Sie können auch technisch nicht zurückverwandelt werden. „Nach aktuellem Stand der Wissenschaft und Technik ist das nicht gegeben“, sagte Dominik Brodowski, Juniorprofessor für Strafrecht und Strafprozessrecht von der Universität des Saarlandes, einer der juristischen Experten im Team. Und auch Sabine Bendiek betonte: Sicherheit gebe es bei der technologischen Entwicklung zwar nie, aber die Experten von Microsoft hätten alles versucht, das ursprüngliche Material wiederherzustellen und es sei ihnen nicht gelungen.

Seit April 2017 war das interdisziplinäre Team mit dem Vorhaben befasst. In den vergangenen drei Monaten wurde das Verfahren immer wieder mit verschiedenen Bildern getestet – bisher wurde aber nur mit unverfänglichem Material gearbeitet. Man könne sich das vorstellen, so Biesenbach, als hätten die Entwickler immer wieder versucht, mit dem entfremdeten Material Hunde und Katzen zu unterscheiden.

Die Technologie ist nach Ansicht der Experten nun so weit, dass sie nicht nur bereits polizeibekanntes Material wiedererkennt, sondern auch neue pornografische Inhalte identifizieren kann. Künftig könnten nach den Vorstellungen von Justizminister Biesenbach und den beteiligten Experten beschlagnahmte Bilder und Videodateien in eine Cloud hochgeladen und systematisch durchsucht werden. Die Künstliche Intelligenz würde den Ermittlern zuarbeiten, sagte Bendiek.

Am Ende eines weiteren Testlaufs bis voraussichtlich Ende des Jahres soll die Trefferquote der Algorithmen bei deutlich über 90 Prozent liegen. Dann könnte es zwar noch sein, dass die Ermittler unter 100 Bildern zwei, drei Strandfotos anschauen müssen, ihre Arbeit würde aber viel effizienter als bisher. Zeigt sich das Projekt erfolgreich, könne es Staatsanwaltschaften und Polizei in NRW und überall da helfen, wo Kinderpornografie verfolgt wird. Vor der Datenmenge wollen die Experten nicht mehr kapitulieren müssen.

Wird die Technologie bald flächendeckend von den großen Plattformen angewendet und zum Scannen des Internets verwendet? Solchen Vorstellungen erteilten die beteiligten Juristen vorerst eine Absage. Die rechtlichen Fragen dazu müssten auf europäischer Ebene geklärt werden.

Mehr: Das Darknet gilt als Marktplatz für Drogen, Waffen und Kinderpornos. Doch für Menschenrechtler wie Ramy Raoof ist es die einzige Möglichkeit, um frei zu sein. Ein Multimedia-Special.

Startseite

Mehr zu: Cyberkriminalität - Mit Künstlicher Intelligenz will die Justiz Kinderpornografie bekämpfen

0 Kommentare zu "Cyberkriminalität: Mit Künstlicher Intelligenz will die Justiz Kinderpornografie bekämpfen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote