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Deep-Tech-Firmen Millionen für Isar Aerospace: Investoren glauben an Münchener Raketen-Start-up

In einem Jahr wollen die Gründer ihre erste Rakete starten. Das Geld für den Bau bringen auch deutsche Investoren auf. Ein Meilenstein für die gesamte Szene.
08.12.2020 - 20:06 Uhr Kommentieren
Bereits im kommenden Jahr will das Münchener Start-up einen Satelliten ins All bringen. Quelle: Hering Schuppener Consulting
Visualisierung eines Raketenstarts von Isar Aerospace

Bereits im kommenden Jahr will das Münchener Start-up einen Satelliten ins All bringen.

(Foto: Hering Schuppener Consulting)

Düsseldorf Die deutsche Wagniskapitalszene glaubt an die Rakete eines Münchner Start-ups: Die Firma Isar Aerospace hat weitere 75 Millionen Euro eingesammelt und will damit in einem Jahr erstmals Satelliten ins Weltall katapultieren. „Der Zeitplan ist super aggressiv, aber es spricht nichts mehr dagegen, dass wir Ende 2021 starten“, sagt Chef und Mitgründer Daniel Metzler. Dabei gelingt den Gründern schon vor dem Countdown Beachtliches.

Wie das Handelsblatt erfuhr, soll der Bau der Trägerrakete „Spectrum“ und ihr erster Start aus Mitteln vorrangig deutscher und europäischer Wagniskapitalgeber finanziert werden. Das schien lange unmöglich: Einerseits war Geld für große Finanzierungen grundsätzlich knapp. Andererseits setzte die Berliner Szene eher auf Onlinehandel-Start-ups als auf sogenannte Deep-Tech-Themen, die wissenschaftlich getriebene und ingenieurlastig sind.

Doch mit dem Raketeninvestment vereint sich die Szene geradezu in politischer Mission. Isar Aerospace könnte für Europa den strategisch wichtigen, souveränen Zugang zum Weltall bringen. „Es liegt mir am Herzen, mich hier vor den Karren spannen zu lassen und jedem zu sagen: Das ist unsere europäische Wette“, sagt Klaus Hommels, Chef des Risikokapitalgebers Lakestar. „Lösungen aus den USA kommen mittelfristig mit dem Preis einer Abhängigkeit und Alternativlosigkeit.“

Hommels hat zuvor unter anderem in Skype, Spotify und Airbnb investiert. In der zweiten großen Finanzierungsrunde hat er sich erstmals an Isar Aerospace beteiligt. Als Lead-Investor hat er den Preis verhandelt und wird künftig im Aufsichtsrat sitzen. Die Bewertung von Isar Aerospace dürfte Branchenkennern zufolge im Bereich von 300 Millionen Euro liegen.

Die Wagniskapitalgeber Earlybird, Vsquared Ventures und Airbus Ventures haben ihre Investitionen aufgestockt, neu dabei sind zudem der Investor HV Capital sowie Ann-Kristin und Paul Achleitner.

Mit ihrem Geld soll die Münchener Firma nun ihre Rakete fertig bauen und die ersten Starts schaffen. Auch ein möglicher Fehlstart ist einkalkuliert. Mit der Produktion der Spectrum haben Metzler und seine derzeit gut 120 Mitarbeiter bereits im September begonnen. Ein Teil des Teams arbeitet nun auf einem Testgelände in Schweden.

Die Finanzierungsrunde ist ein wichtiger Schritt für die Münchener Ingenieure. Für die deutsche Wagniskapitalszene ist er mindestens ebenso bedeutend. Die Geldgeber Lakestar und Earlybird haben für sich schon länger entschieden, künftig stärker in die als schwierig geltenden Deep-Tech-Themen zu investieren, und ihre Teams dafür um Ingenieure verstärkt.

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So hat Lakestar in diesem Jahr bereits in die Schweizer Firma Terra Quantum investiert. Dessen Gründer und Quantenphysiker Markus Pflitsch arbeitet an Übergangstechnologien bis zur Einführung des Quantencomputing.

Das aktuelle Investment ist ein weiterer großer Schritt für den Deep-Tech-Sektor. Selbst Hendrik Brandis, Earlybird-Gründer und promovierter Luft- und Raumfahrtingenieur, gibt dabei zu, dass ihm ein Raketeninvestment zunächst „zu heiß“ war. Man könne nicht wie bei Software-Start-ups mit wenigen Millionen Produkt und Markteinführung testen und dann nachschießen.

„Beim Bau einer Rakete geht das technische Risiko bis zum ersten erfolgreichen Launch nur marginal runter“, sagt Brandis. Vor seinem ersten Investment hat er deshalb zwei Risiken gesehen. „Erstens, fliegt die Rakete am Ende wirklich? Und zweitens: Finden wir genug Investoren für die Anschlussfinanzierung?“ Zumindest das zweite Risiko ist nun keins mehr.

Innovationsplattform der nächsten Dekade

Denn die führenden europäischen Investoren sind sich einig: Bei Isar Aerospace geht es nicht nur um eine lukrative Anlagegelegenheit, sondern um einen Schlüssel zu weiteren bahnbrechenden Innovationen.

Daniel Metzler, Josef Fleischmann und Markus Brandl haben die Firma 2018 aus der Technischen Universität München ausgegründet, um Satelliten kostengünstig in den erdnahen Orbit zu transportieren. Von dort werden zunehmend die Daten gesammelt, die das Leben und die technologische Entwicklung auf der Erde bestimmen.

„Jeder Mensch ist abhängig von Satelliten“, sagt Metzler. „Wir hätten alle keine Ahnung vom Ausmaß der Erderwärmung, wenn Satellitenbilder nicht zeigen würden, dass der Atlantik steigt – und neue Satellitenkonstellationen werden künftig die 50 Prozent der Menschen mit Internet versorgen, die bis heute keinen Zugang haben.“

Isar Aerospace will solche und andere Satelliten ins All bringen, die nur 500 Kilometer hoch fliegen. „Der Vorteil dieser Satellitenschwärme ist gigantisch und eröffnet ganz neue Anwendungen“, erklärt Earlybird-Gründer Brandis.

Ein Beispiel ist das autonome Fahren. Klassische GPS-Systeme auf Basis von 20.000 Kilometer entfernten Satelliten können Positionen auf einen Meter genau berechnen. Mit Satelliten im sogenannten Low-Earth-Orbit ist eine zentimetergenaue Bestimmung möglich. Deshalb ist sich Brandis sicher: „Space ist eine der großen Investitionsplattformen der kommenden Dekade.“

Die Gründer von Isar Aerospace arbeiten fast ausschließlich mit Technik aus dem Großraum München. Quelle: Hering Schuppener Consulting
Josef Fleischmann, Markus Brandl und Daniel Metzler (v. l.)

Die Gründer von Isar Aerospace arbeiten fast ausschließlich mit Technik aus dem Großraum München.

(Foto: Hering Schuppener Consulting)

Schon jetzt entstehen zahlreiche Start-ups in der als „New Space“ bezeichneten privaten Raumfahrtwirtschaft. Manche wollen wie Isar Aerospace Trägerraketen bauen, andere entwickeln Satelliten, konzentrieren sich auf Anwendungen für Geodaten, das Einsammeln von Weltraumschrott oder wollen gar Datenzentren im All installieren, wo sie nicht gekühlt werden müssten.

Strategischer Zugang zum Weltraum

Für Klaus Hommels ist nicht nur wichtig, dass diese Lösungen kommen, sondern auch, wer sie ermöglicht und kontrolliert: „Über die neuen Internet-Satelliten lässt sich jede einzelne Bewegung auslesen, die wir im Internet machen“, sagt er. „Wir dürfen solche systemkritischen Infrastrukturen künftig nicht mehr den Amerikanern überlassen.“

Die Spectrum könnte 2021 neben der europäischen „Ariane“ die erste deutsche Weltraumrakete werden, die Satelliten ins All befördern kann. Hommels will dann persönlich an Regierungen und Industrieunternehmen appellieren: „Wenn wir eine europäische Alternative haben, soll unsere Industrie auch europäische Alternativen nutzen“, sagt der Investor.

Unterstützung dürfte er dabei von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bekommen, die mit dem Ziel angetreten ist, dass Europa Schlüsseltechnologien selbst beherrschen lernt und besitzen sollte.

Die Kunden könnten aber auch von selbst zu den Münchenern kommen: „Wenn nur Elon Musk mit SpaceX solche Satelliten launcht, dann wird man bald latenzfrei Filme in Teslas streamen können, aber deutsche Autobauer werden sich mit ihren Bedürfnissen hintanstellen müssen“, sagt Vsquared-Partner Thomas Oehl.

Laut Analysten von Bryce Space and Technology hat die globale Weltraumwirtschaft derzeit ein Volumen von 366 Milliarden US-Dollar, davon entfallen 271 Milliarden US-Dollar auf die Satellitenindustrie, 4,9 Milliarden werden mit dem Launch, also dem Start der Satelliten umgesetzt.

Das Geschäftsmodell von Isar Aerospace und anderen „Launchern“ ist „Kilo ins All bringen“. Kunden buchen Startplätze auf der Trägerrakete und zahlen abhängig vom Gewicht. Die Trägerraketen verschiedener Anbieter wie Elon Musks SpaceX oder der deutschen Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse unterscheiden sich unter anderem in der Nutzlast. Das hat für die Kunden große Folgen für Kosten und Flexibilität.

Genau da will sich Isar Aerospace mit der bis zu 1,2 Tonnen fassenden Spectrum abheben. „Bei den Satellitenkonstellationen der nächsten Jahre werden die Kunden typischerweise zehn bis zwölf Satelliten pro Orbitebene einsetzen“, erklärt Metzler.

Das heißt: Die Kunden können einen ganzen Flug buchen. Sie müssten nicht auf weitere Interessenten warten. Bei großen Raketen müssten sie die leeren Plätze gegebenenfalls zusätzlich zahlen. Die Falcon 9 von SpaceX etwa fasst ungefähr 23 Tonnen. Für deutlich kleinere Raketen sieht Metzler wiederum „kaum ein kommerzielles Geschäftsmodell“.

Kostenvorteil am Standort München

Beraten wurden die Münchener auch von Bülent Altan, dem ehemaligen Chefingenieur von SpaceX. „Isar Aerospace hat das Potenzial, US-Firmen wie Relativity, ABL, Firefly Aerospace und Virgin Orbit Konkurrenz zu machen“, sagt Altan, der als einer der Ersten in das Start-up investierte.

Die Münchener könnten die Kosten seiner Meinung nach sogar geringer halten, weil die Wettbewerber an der US-Westküste deutlich mehr für ihr Personal zahlen müssten. „Mit dieser Finanzierungsrunde werden sie eine Visibilität bekommen, die weltweit nur ganz wenige haben.“

Dem Unternehmen sollen bereits Absichtserklärungen über Aufträge in Höhe einer halben Milliarde Euro vorliegen. „Auf der ersten Rakete werden wir Testladungen fliegen, weil die Wahrscheinlichkeit relativ groß ist, dass etwas schiefgeht“, sagt der 28-jährige Metzler. „2022 bis 2027 haben wir dann von Universitäten bis hin zu großen Unternehmen wie Airbus alle möglichen Kunden dabei.“

Altan hatte Mitgründer Josef Fleischmann bereits vor der Gründung kennen gelernt, durch den von Tesla-Chef Elon Musk initiierten Hyperloop-Wettbewerb. Dabei treten seit 2015 Studenten an, das Gefährt zu designen, das am schnellsten auf einer Schiene durch eine Vakuum-Teströhre rast.

Bisher gingen alle Wettbewerbsrunden an die Studententeams aus München. Seither ist Altan von den Ingenieuren überzeugt: „Bei Isar herrscht dieselbe Energie wie bei SpaceX“, sagt er.

Mehr: Raketen „made in Germany“: Deutschland strebt ins All

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