Digitalisierung Santander ist eine „Smart City“ – doch bislang haben das die Bewohner nicht gemerkt

Der spanische Küstenort war eine der ersten Smart Citys weltweit. Das Konzept hat jedoch einen Fehler – das soll sich jetzt ändern.
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„Smart Cities“ – so soll Verkehr effizienter unter schlauer gemacht werden

SantanderLuis Muñoz kann sich Understatement leisten. „Ich bin gar niemand, nicht wichtig“, erklärt er. Dabei ist der Professor für Telematik das Gehirn einer der ersten Smart Citys weltweit. Kollegen aus Japan, den USA oder Australien, aber auch Telekomkonzerne und Gerätehersteller pilgerten in den vergangenen Jahren zu seinem Campus im nordspanischen Santander.

Sie wollten sehen, welche Erfahrungen die kleine Küstenstadt mit der Intelligenz machte, die Muñoz ihr 2010 verlieh. Besucher empfängt er an einem langen Besprechungstisch, an den Wänden flimmern Bildschirme mit Echtzeitinformationen über die Stadt. Auf einem laufen im Millisekundentakt die Daten aller 12 000 Sensoren ein, die in der Stadt verteilt sind.

Santander leidet mit seinen 170 000 Einwohnern zwar nicht unter allen Problemen, die überfüllte Metropolen haben. Doch die überschaubare Größe macht die Stadt zum idealen Testgebiet. Straßen, Lampen, Müllcontainer und Wasserleitungen sind hier mit elektronischen Fühlern ausgestattet. Rathaus, Firmen und Dienstleister nutzen die daraus gewonnenen Daten – bisher vor allem, um Zeit, Energie und Geld zu sparen.

Doch das hat einen Haken: Bei den Bewohnern sind die neuen Dienste noch nicht angekommen. Kaum einer kennt das Projekt. Die Pilotstadt hat damit ein Problem, das viele Smart Citys teilen. In Santander soll sich das jetzt ändern: Die Stadt will nicht mehr die Technik, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Gut die Hälfte der Weltbevölkerung lebt derzeit in Städten, bis zum Jahr 2050 sollen es mehr als zwei Drittel sein. Die Metropolen müssen des Ansturms Herr werden und Folgen wie Staus, Luftverschmutzung oder Lärmbelastung mildern. Smart Citys galten dafür eine Zeit lang als Zauberformel schlechthin. Jeder Ort, der etwas auf sich hielt, entwickelte ein Konzept.

Wirtschaftskrise gab den Anstoß

„Es gab vor sechs Jahren einen wahren Hype um Smart Citys“, sagt Antonio De Gregorio von der Unternehmensberatung McKinsey. „Aber dann kam die große Desillusion, weil die Menschen die technischen Möglichkeiten nicht genutzt haben.“ Inzwischen übernehme wie in Santander vielfach die öffentliche Verwaltung statt der Techniker und Unternehmen die Federführung. Das Ziel sei nun, die verbaute Technologie zu nutzen, um die Lebensqualität der Einwohner zu erhöhen. „Dieser Wandel ist der Schlüssel zum Erfolg der Smart Citys“, ist der Experte für Infrastrukturprojekte überzeugt.

In Santander lieferte die Wirtschaftskrise den Anstoß für das Projekt. Auf der Suche nach Ideen, wie sich die Stadt besser für die Zukunft rüsten kann, klopfte das Rathaus auch bei Muñoz an der Uni an. Der schlug die Vernetzung vor und brachte die Europäische Union für die Finanzierung ins Spiel. 107 Millionen Euro erhielt Santander bislang aus Brüssel, während die Stadt selbst 37 Millionen finanzierte.

Mit dem Geld ließ Bürgermeisterin Gema Igual eine eigene Busspur mit Vorfahrtsrecht bauen: Intelligente Ampeln schalten auf Grün, sobald sich der Bus nähert. Öffentliche Parks werden nur noch besprengt, wenn der Boden Wasser braucht und kein Regen angesagt ist. Die Straßenlaternen dimmen automatisch herunter, wenn zu ihren Füßen niemand unterwegs ist. Selbst die Papier- und Glascontainer haben Sensoren und werden erst geleert, wenn sie voll sind.

Von den Innovationen haben vor allem die Verwaltung und die Unternehmen profitiert. Laut Muñoz sind die Betriebskosten des Entsorgers um rund ein Viertel gesunken. Die Müllabfuhr ist der größte Ausgabenblock im Budget der Stadt. „Bei der Müllentsorgung und den Ampeln hat Santander das beste System weltweit“, versichert McKinsey-Berater De Gregorio. Der Forschungsarm der Beratung, das McKinsey Global Institute, hat jüngst 50 Smart Citys weltweit unter die Lupe genommen, darunter die Stadt in Nordspanien.

Doch die Santanderinos, wie die Bewohner heißen, wissen von alldem nichts. Nicolas Ruiz war 35 Jahre Polizist, bevor er im April in den Ruhestand ging. „Ich kenne meine Stadt genau“, sagt er. „Aber die Smart City Santander kenne ich nur aus der Zeitung.“ Zwar sehe er die Antennen an den Laternen – aber niemand wisse, wozu die gut sein sollen. „Ich glaube, das Ganze ist mehr politisches Marketing als ein reales Projekt.“

Die Unwissenheit ist keine Frage des Alters. Der 36-jährige Argentinier Rodrigo Figoli hat von dem Projekt noch nie etwas gehört. „Ach, da gibt es eine App, die mir sagt, in welcher Straße Parkplätze frei sind?“, fragt er verwundert. Interesse hat er trotzdem keines. „Das ist doch Quatsch – bis ich dahin gefahren bin, sind die längst wieder weg. In der Innenstadt suchen ständig Autos nach Plätzen.“

Die Stadtherrin wird ungehalten, wenn sie solche Vorbehalte hört. Dabei ist auch ihr bewusst, dass es an der Kommunikation mangelt. Deshalb plant sie eine Kampagne der eigenen Art: „Wir wollen über die Kinder in das Bewusstsein der Bürger dringen.“ Sie fischt aus einem Stapel Papier Zeichnungen heraus, mit denen den Kleinen demnächst in der Schule Schritt für Schritt die intelligente Stadt vorgestellt wird. „Kinder sind viel offener für digitale Dienste – und vor allem erzählen sie es allen zu Hause weiter“, erklärt sie.

Auf so manchem Handy funktioniert sie nicht. Quelle: AFP/Getty Images
Santander-App mit virtueller Realität

Auf so manchem Handy funktioniert sie nicht.

(Foto: AFP/Getty Images)

Dabei gab es in Santander durchaus bereits Versuche, die Bevölkerung einzubinden – sogar in die Entwicklung von neuen Diensten. Santander war neben London und dem dänischen Aarhus ab 2015 Teststadt für eine EU-Initiative, in der Bürger lernen sollten, mit einfachen Mitteln selbst Apps zu entwickeln. Muñoz hat in verschiedenen Workshops rund 1 000 Santanderinos geschult. Denjenigen, die aus ihrer Idee später ein Start-up gründen wollen, stellt das Rathaus gratis Büroräume zur Verfügung und bietet Beratung und Hilfe etwa bei der Suche nach einer Finanzierung oder nach Partnern an.

Doch die Zahl der Gründer hält sich offenbar in Grenzen, zumindest macht die Stadt keine Angaben dazu, wie viele es sind. Bürger-Apps haben zudem ein Problem: Oftmals pflegen die Initiatoren sie nicht mehr oder verabschieden sich ganz von dem Projekt. „Einige Rathäuser verlangen deshalb Verträge mit den Entwicklern“, sagt Daniel Fletcher, der an der Business-School IE in Madrid digitale Transformation von Städten unterrichtet. „Damit haben sie wenigstens einen Überblick darüber, welche Angebote es gibt.“

Nicht alles läuft so, wie es soll

Die Stadt Santander hat sogar Probleme mit ihren eigenen, offiziellen Apps. So verspricht sie, Nutzer würden „mit einem einzigen Download“ alle elf Programme der Stadt erhalten. Das aber funktioniert nicht. Auch wer die Apps einzeln lädt, bringt sie oft nicht ans Laufen – offenbar je nach Kapazität des Handys. Im Touristenbüro des Rathauses erklärt die zuständige Dame: „Ach, da kann ich leider nicht helfen – ich habe die App nicht mehr auf meinem Handy, sie hat zu viel Speicherkapazität gebraucht.“

Bürgermeisterin Igual räumt ein, dass derzeit nicht alles so läuft, wie es sollte. Die Stadt hat inzwischen die Steuerung der Dienste übernommen und baut gerade an einer neuen Plattform, auf der die Informationen der verschiedenen Sensor-Arten miteinander verbunden werden.

Ist der Prozess abgeschlossen, sollen Angebote möglich sein, die das Leben tatsächlich deutlich erleichtern. „Wir wissen dann, wann und wo ein Stau entstehen wird – und können ihn vermeiden, indem wir den Verkehr vorher schon umleiten“, erklärt Ingenieur Muñoz.

Auch Geschäftsmodelle rund um die Daten würden dann möglich. Beispiel Tourismus: „Wenn ich weiß, welche Art von Besuchern in einer bestimmten Woche nach Santander kommen, kann ich viel gezieltere Werbeangebote für sie machen“, so Muñoz. „Diese Information dürfte den Unternehmen aus der Branche auch Geld wert sein.“ Probleme mit dem Datenschutz erwartet er nicht, da niemals individuelle, sondern nur aggregierte Daten verwendet würden.

Dass solche Dienste bisher noch nicht möglich sind, liegt auch daran, dass die Entwicklung länger gedauert hat als geplant. „Als wir 2010 anfingen, hatten die Hersteller noch gar nicht die nötigen Produkte“, erinnert sich Muñoz. „Im Labor hatten wir sie schon entwickelt – etwa wetterfeste Antennenkästchen –, aber es gab sie nirgendwo zu kaufen.“

Die zweite große Hürde sind die Abläufe in der öffentlichen Verwaltung. „Die Ausschreibungsverfahren in den Rathäusern sind noch aus den 60er- und 70er-Jahren“, schimpft Muñoz. Es dauere Jahre, bis sie abgeschlossen seien – aber wenn endlich das Okay vorliegt, ist die Technik schon viel weiter. „Die schwerfällige Bürokratie muss dringend beschleunigt werden“, fordert er.

Ein Santanderino, dem all diese Stolpersteine fremd sind, ist Angel Rodriguez Gutierrez. Der Taxifahrer schwört auf den neuen Dienst seines Arbeitgebers: „Alle unsere Taxen haben jetzt Sensoren, und ich weiß genau, an welcher Haltestelle wie viele Wagen stehen“, sagt er. „Ich fahre jetzt nur noch dahin, wo noch kein Kollege steht.“ Das erspart Wartezeit.

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