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EuGH-Urteil Genfood hat in Europa wohl weiter keine Chance

Auch neue Methoden der Gentechnik müssen streng reguliert werden. Im Wettbewerb um moderne Agrarprodukte droht Europa zurückzufallen.
Update: 25.07.2018 - 12:13 Uhr 1 Kommentar
EuGH beschließt strenge Auflagen für Gentechnik-Verfahren Quelle: dpa
Getreidefeld

Es gibt in Supermärkten keine Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) zu kaufen, weil diese laut Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels die überwiegende Mehrheit der Verbraucher ablehnt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf In Europa werden auch künftig keine Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen unbemerkt auf den Teller kommen. Denn für Pflanzen, deren Erbgut mit der Genschere Crispr verändert wurde, gelten ebenfalls die strengen Kennzeichnungspflichten im Lebensmittelhandel. Das hat am Mittwochmorgen der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden.

Das Gericht hat damit ein weitreichendes Urteil für Verbraucher, den Lebensmittelhandel und die Agrarwirtschaft getroffen. In der EU müssen nach geltendem Recht alle Lebensmittel deutlich gekennzeichnet werden, wenn sie aus gentechnisch veränderten Pflanzen gewonnen werden.

In deutschen Supermärkten sind solche Produkte aber praktisch nicht zu finden, weil die meisten Verbraucher die Gentechnik ablehnen. Der Verkauf lohnt sich also nicht – anders als in den USA, wo Lebensmittel auf Basis gentechnisch veränderter Organismen (GVO) weitverbreitet sind.

Erfasst sind von der Kennzeichnungspflicht in Europa bisher Pflanzen, denen fremdes Erbgut eingesetzt wurde. Sie sollen damit ertragreicher und widerstandsfähiger gegen Witterungseinflüsse gemacht werden.

Die Richter mussten sich nun mit der Frage beschäftigen, ob auch neuere gentechnische Verfahren unter die seit 18 Jahren geltenden EU-Restriktionen fallen. Dazu zählt die sogenannte Genschere Crispr. Mit Hilfe dieses sogenannten Genom-Editings werden aus dem Erbgut einer Pflanze bestimmte Abschnitte abgetrennt oder stillgelegt.

Auf diese Weise können die Pflanzen ebenfalls so verändert werden, dass sie widerstandsfähiger sind. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Gentechnik ist, dass keine fremde DNA eingesetzt wird.

Für die Richter ist der Unterschied aber nicht entscheidend. Aus ihrer Sicht müssen die auf diesem Wege bearbeiteten Pflanzen auch als GVO-Lebensmittel gekennzeichnet werden. Das EuGH folgte damit nicht dem Argument, dass dieses neue Verfahren mit herkömmlichen Züchtungsmethoden rechtlich gleichzusetzen sind, etwa dem biologischen Kreuzen verschiedener Pflanzen.

Die Vorbehalte bei den Verbrauchern sind groß

Verbraucherverbände begrüßen das Urteil. Sie fordern schon länger die klare Kennzeichnungspflicht auch für Produkte, die mit Crispr-veränderten Pflanzen hergestellt wurden. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen geht davon aus, dass derartige Lebensmittel sonst unbemerkt durch die Hintertür in den Handel kommen.

Die entscheidende Frage dabei bleibt: Sind solche Produkte gefährlich und schädlich für den Verbraucher? Aus Sicht der Gentechnik-Kritiker ist die Unbedenklichkeit von GVO-Lebensmitteln nicht erwiesen, sie warnen vor einer unkontrollierten Ausbreitung der Pflanzen.

Sie wissen um die großen Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik. Rund zwei Drittel der Bevölkerung halten es für problematisch, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu essen, zeigt eine Studie des Bundesumweltministeriums.

Allerdings gibt es bisher keinen gesicherten wissenschaftlichen Beweis für die Gefahren, die von GVO-Lebensmitteln ausgehen. Darauf bauen die Befürworter der grünen Gentechnik, vorneweg die Agrochemiefirmen Bayer, BASF sowie Dow-Dupont aus den USA.

Im Fall von Crispr kommt hinzu: Das Prinzip der Erbgutveränderung per Genom-Editing ist aus ihrer Sicht nahe an den bestehenden einfachen Züchtungstechnologien: So werden heute Pflanzen mit Strahlen oder Chemikalien behandelt, um vorteilhafte DNA-Veränderungen hervorzurufen. Crispr hat das gleiche Ziel, ist aber weniger aufwendig und wesentlich zielgenauer.

Forschung in den USA schreitet voran

Auch die Landwirte setzen sich für solche neuen Züchtungstechnologien ein. Deutschland dürfe im Wettbewerb um moderne Agrarprodukte nicht zurückfallen, heißt es beim Deutschen Bauernverband.

Dessen Präsident Joachim Rukwied hält die Züchtung neuer Sorten, die resistenter gegen Krankheitserreger, Hitze und Wetterkapriolen sind, für die Branche für überlebenswichtig. Er verweist auf die Folgen der momentanen Trockenheit in Deutschland, die vielen Bauern die Ernte kostet.

Doch der breite Einsatz des Genom-Editing auf Basis von Crispr bleibt nun verschlossen – zumindest in Europa. In den USA hingegen hat das Justizministerium bereits entschieden, dass die neue Technologie nicht unter die stärkere Regulierung von GVO-Pflanzen fällt.

Dort dürfte die Forschung mit Crispr ungehindert vorangehen. In den USA werden erste Produkte bald ins Zulassungsverfahren kommen: etwa eine neuartige Kartoffel, die besser zu lagern ist, oder Sojabohnen, die besseres Öl zum Kochen produzieren.

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1 Kommentar zu "EuGH-Urteil: Genfood hat in Europa wohl weiter keine Chance"

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  • In meinem Buch (Was mach ich nur mit all dem Geld, ISBN 978-3-03831-003-7, € 6,80, bzw. € 5,00 als e.-book) beschreibe ich auch die Gentechnik in allgemeinverständlicher Sprache. Meine Schlussfolgerung lautet auf S. 93: "In Ländern, in denen noch immer Hunger herrscht, kann man sich kaum den Luxus leisten, auf den technischen Fortschritt in der Pflanzenzucht und im Pflanzenschutz zu verzichten."

    Es lebe die Engstirnigkeit der deutschen Justiz!!!!!

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