Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Europäischer Erfinderpreis Häuptling Silberscheibe

Knisterndes Vinyl prägte Anfang der 80er noch das tägliche Musikerlebnis. Dann kam Kornelis Schouhamer Immink und revolutionierte die Unterhaltungsindustrie. Ohne den Niederländer gäbe es weder CD noch DVD oder Blu-ray.
Kommentieren
Der von ihm geschaffene Code legte den Grundstein für die Entwicklung von CD, DVD und Blue-Ray.
Kornelis Schouhamer Immink

Der von ihm geschaffene Code legte den Grundstein für die Entwicklung von CD, DVD und Blue-Ray.

Berlin Die Liebhaber knisternden Vinyls, die in Second-Hand-Läden von Berlin bis Tokio nach alten Plattenaufnahmen der Rockheroen ihrer Jugend stöbern, werden das Jahr 1982 vielleicht nicht als besonders denkwürdig empfinden. Am 17. August wurde seinerzeit im Werk des Philips-Konzerns im niedersächsischen Langenhagen die erste kommerzielle Compact Disc gepresst: „The Visitors“ von Abba – der offizielle Beginn einer digitalen Revolution in der damals noch analog geprägten Welt der Musik- und Filmaufnahmen.

Auch Kornelis Schouhamer Immink ahnte damals nicht, dass die Silberscheibe, die er seit Mitte der siebziger Jahre mit einem Team bei Philips entwickelt hatte, binnen nur weniger Jahre die Schallplatte fast völlig verdrängen würde. „Es gab natürlich eine starke Hoffnung, damit den Massenmarkt zu erreichen. Doch gerade in den Anfängen war die Technik sehr teuer“, sagt der heute 68-Jährige.

Allein die Geräte, mit denen analoge Musikaufnahmen digitalisiert wurden, kosteten zehntausende Dollar, Abspielgeräte waren für Normalbürger unerschwinglich. „Ich bin meinen Chefs wirklich dankbar, dass sie uns trotzdem das Geld und die Ausrüstung für unsere Experimente gaben“, sagt der Erfinder rückblickend.

Dabei waren die Versuche mit von Lasern ausgelesenen digitalen Datenträgern für Philips zunächst erfolglos verlaufen: Eine digitale Video Disc in der Größe einer Schallplatte wurde zum kommerziellen Flop. Dennoch setzten sich Ende der siebziger Jahre Ingenieure von Philips und Sony zusammen, um ein digitales Medium für Musikaufnahmen zu entwickeln. Die späteren erbitterten Konkurrenten schrieben Standards für CDs fest, die bis heute gelten: Durchmesser 11,5 Zentimeter, Spieldauer 74 Minuten.

Auf letzteres einigten sich die damaligen Partner Gerüchten zufolge, damit eine CD auch Beethovens Neunte fassen konnte – dem Vernehmen nach das Lieblingsstück der Frau des damaligen Sony-Chefs. Immink hat dazu eine etwas andere Theorie: Sony habe auf die längere Spieldauer nur gepocht, weil das Philips-Werk in Langenhagen bereits 60-minütige CDs produzieren konnte und dadurch zum Umstellen gezwungen worden sei.

Mehr als 1000 Patente tragen Imminks Namen

Von seinem Haus in der Nähe des Rheins in Rotterdam pendelte Immink bis zu seiner kürzlichen Emeritierung auch an die Universität Duisburg-Essen und gab Vorlesungen am Institut für Experimentelle Mathematik.
Einer, der gern Grenzen überschreitet

Von seinem Haus in der Nähe des Rheins in Rotterdam pendelte Immink bis zu seiner kürzlichen Emeritierung auch an die Universität Duisburg-Essen und gab Vorlesungen am Institut für Experimentelle Mathematik.

Der makellose Klang der CD und auch die bestechende Bildqualität der späteren DVDs und Blue Ray Discs mussten von Immink und seinen Forscherkollegen in den Philips-Labors in Eindhoven hart erarbeitet werden. Statt einer Nadel, die die Rillen der Schallplatte abtastet, liest der Laser auf der Oberfläche der CD die auf engem Raum als Binärcode gespeicherten Musikinformationen aus. Da die Lasertechnik damals noch nicht weit fortgeschritten war, konnten schon etwas Staub, Fingerabdrücke oder leichte Kratzer dafür sorgen, dass etwa eine Eins fälschlicherweise als Null interpretiert wurde und der Fehler sich beim weiteren Auslesen der CD fortpflanzte. Ruckeln und Ausfälle beim Musikhören waren die Folge.

„Es ging darum, eine Fehlerkorrektur einzubauen“, erläutert Immink. Um diese Aufgabe zu lösen, griff der gelernte Elektro-Ingenieur auf die sogenannten Reed-Solomon-Codes zurück, die schon in den siebziger Jahren im Voyager-Raumfahrtprogramm eingesetzt wurden, um eine verständliche Funkübertragung zwischen den Raumsonden und der Erde sicherzustellen. Zusätzliche Kontrollbits prüfen dabei die Kohärenz der übertragenen Informationen und korrigieren sie gegebenenfalls.

„Um die Theorie zu verstehen, musste ich mit ziemlich vielen Mathematikern sprechen und sie mir sozusagen im Vorbeigehen aneignen“, erinnert sich Immink, eigentlich gelernter Elektroingenieur. Und dann galt es auch noch, die Theorie mit den technischen und physikalischen Anforderungen der CD-Herstellung in Einklang zu bringen. „Ich musste zwischen den Disziplinen vermitteln“, sagt Immink heute mit Blick auf die Ablehnung vieler Ingenieure gegenüber der Mathematik. „Aber genau das hat mir ja auch Spaß gemacht.“

Nach mehreren gescheiterten Versuchen hatte Immink schließlich in einer der zahlreichen Diskussionen mit Kollegen von Philips und Sony die entscheidende Idee: Er entwickelte die sogenannte Eight-to-Forteen-Modulation, kurz EFM genannt. Dabei werden nach bestimmten Regeln acht Bits – eine Reihe von acht Einsen und Nullen – in ein Muster von 14 Bits übersetzt. Der binäre Code wird in kürzere Blocks unterteilt, die vom Laser einfacher und exakter auszulesen sind.

Zusätzlich baute Immink eine Komponente ein, die sicherstellte, dass der Scanner immer seine genaue Position auf dem Medium erkennt. Dadurch konnten Musikhörer auf der CD von Stück zu Stück springen, eine erhebliche Verbesserung im Vergleich zu Kassetten- oder Plattenaufnahmen.

In den folgenden Jahren verfeinerte der Niederländer die Technik. Sie steckt in den noch speicherstärkeren DVDs, die Mitte der neunziger Jahre die analogen Videokassetten ablösten, und auch in den Blu-Ray-Discs, die seit 2006 verkauft werden. Auf mehr als 1000 Patenten weltweit steht heute Imminks Name. Auch erkannte er als einer der Ersten, dass CD und DVD auch als Speichermedien jenseits von Musik und Film dienen könnten: Bereits 1984 forschte er an einer wieder beschreibbaren Silberscheibe.

Eine halbe Billion Silberscheiben

Seinem eigentlichen Metier ist Immink, den seine Freunde „Kees“ nennen, bis heute treu: Mit seinem Unternehmen Turing Machines tüftelt er weiter an Kodierungsverfahren.
Unermüdlicher Tüftler

Seinem eigentlichen Metier ist Immink, den seine Freunde „Kees“ nennen, bis heute treu: Mit seinem Unternehmen Turing Machines tüftelt er weiter an Kodierungsverfahren.

Als „Meilenstein auf dem Weg zur Digitalisierung“ lobte jüngst der Präsident des Europäischen Patentamts (EPA), Benoît Battistelli, die Arbeit Imminks, der nun auch in der Kategorie „Lebenswerk“ für den diesjährigen Europäischen Erfinderpreis nominiert ist. Auch wenn im vergangenen Jahr Downloads und Streams aus dem Internet erstmals mehr Einnahmen erwirtschafteten, bleibt die CD für die Musikindustrie nach Angaben der Internationalen Vereinigung der Phono-Industrie (IFPI) mit Einnahmen von umgerechnet fast sieben Milliarden Euro im Jahr 2014 ein Verkaufsschlager.

Ihr Rekordjahr erlebte die Musik-CD 2000 mit fast 2,5 Milliarden verkauften Scheiben. Zählt man wieder beschreibbare Varianten mit, ging seit den frühen Achtzigern die enorme Zahl von einer halben Billion Silberscheiben über die Ladentische.

Immink ist trotz zahlreicher Ehrungen bodenständig geblieben. Unter anderem schlug ihn im Jahr 2000 die niederländische Königin Beatrix zum Ritter des Oranien-Nassau-Ordens, 2003 bekam er sogar den renommierten US-Fernsehpreis Emmy. 1998 trennte er sich nach fast drei Jahrzehnten von seinem Arbeitgeber, aus Ärger über die sich verändernde Unternehmenskultur. „Das war ein bisschen wie eine Scheidung, ich habe damals überlegt, ob ich nicht was ganz anderes machen soll, klassisches Griechisch zum Beispiel“, erinnert er sich heute

Zeitweise unterrichtete Immink Studenten in Singapur – und entdeckte seine Leidenschaft für eine etwas andere Form der Kodierung: für die chinesische Schrift und Sprache, die er seit drei Jahren studiert. „Faszinierend, aber kompliziert“, fasst er seine Erfahrungen zusammen.

Seinem eigentlichen Metier ist Immink, den seine Freunde „Kees“ nennen, bis heute treu: Mit seinem Unternehmen Turing Machines tüftelt er weiter an Kodierungsverfahren und verkaufte einige Patente äußerst gewinnbringend, unter anderem an den koreanischen Konzern LG. Von seinem Haus in der Nähe des Rheins in Rotterdam pendelte er bis zu seiner kürzlichen Emeritierung auch an die Universität Duisburg-Essen und gab Vorlesungen am Institut für Experimentelle Mathematik. „Es ist schön zu sehen, dass unsere für die Anwendung entwickelten Konzepte heute in der Forschung zur Informationstheorie eine Rolle spielen.“

Das Europäische Patentamt verleiht alljährlich den Europäischen Erfinderpreis. In fünf Kategorien werden Erfinder für ihren Beitrag zur europäischen Wirtschaft und zur Weiterentwicklung der Gesellschaft geehrt. Bis zur diesjährigen Preisverleihung am 11.Juni in Paris stellt Handelsblatt Online alle 15 Nominierten und ihre innovativen Ideen vor.

Startseite

0 Kommentare zu "Europäischer Erfinderpreis: Häuptling Silberscheibe"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote