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Experimentelle Archäologie Forscher testen urzeitliche Waffentechnik

Neandertaler-Waffe im Praxistest: Beim Herstellen tödlicher Fernwaffen erwies sich unsere ausgestorbene Verwandtschaft als sehr geschickt, haben Forscher herausgefunden.
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Mit dem Bild vom Neandertaler als tumbem Keulenschwinger hat die Forschung kräftig aufgeräumt. Quelle: dpa
Nachbildung eines älteren Neandertalers

Mit dem Bild vom Neandertaler als tumbem Keulenschwinger hat die Forschung kräftig aufgeräumt.

(Foto: dpa)

BerlinMit dem einst weit verbreiteten Bild vom Neandertaler als tumbem Keulenschwinger hat die Forschung in jüngerer Zeit kräftig aufgeräumt. Jetzt haben Forscher des University College London einen weiteren Beleg dafür gefunden, welche hoch entwickelten technischen Fähigkeiten unsere ausgestorbenen Vorfahren tatsächlich hatten. Durch Tests mit nachgebauten Neandertaler-Waffen konnten sie nachweisen, dass die Frühmenschen in der Lage waren, Beute auf große Distanz zu erlegen.

Im Fachmagazin Scientific Reports berichten die Archäologin Annemieke Milks und ihr Team über entsprechende Versuche: Die Forscher ließen trainierte Athleten Nachbauten der berühmten „Schöninger Speere“ werfen – hölzerne Wurfspieße aus der Altsteinzeit, die zwischen 1994 und 1998 bei Ausgrabungen im Braunkohletagebau Schöningen in Niedersachsen gefunden worden waren.

Das Ergebnis: Die Sportler konnten Ziele bis auf eine Entfernung von 20 Metern treffen – und das mit einer Wucht, die ein Beutetier getötet hätte. Bislang ging man davon aus, dass der Neandertaler seine Waffen nur in einem begrenzten Radius einsetzen konnte, indem er etwa seiner Beute einen tödlichen Stoß versetzte oder seinen Speer auf kurze Distanz warf. In beiden Fällen hätten sich die steinzeitlichen Jäger einem größeren Risiko ausgesetzt, durch ihr potenzielles Beutetier verletzt oder getötet zu werden.

Die Forscher ließen zunächst eine exakte Replik eines Schöninger Speers anfertigen. Die etwa 300.000 Jahre alten, aus Fichten- und Kiefernholz gefertigten Waffen gelten als älteste vollständig erhaltene Jagdwaffen der Welt und werden dem Homo heidelbergensis zugerechnet. Da dieser in unmittelbarer Entwicklungslinie zum Neandertaler stand und die Trennlinie zwischen beiden eher unscharf ist, rechnen die Forscher aus London die Speere der Welt der Neandertaler zu.

Die für die Tests benutzten modernen, per Hand aus Fichtenholz gefertigten Nachbauten der Speere wogen zwischen 760 und 800 Gramm, was dem Gewicht der Originale nahe kommt. Sechs geübte Speerwerfer testeten die Waffen, indem sie die Speere auf Heuballen warfen, die in unterschiedlicher Entfernung platziert waren.

Das Resultat: Die Sportler trafen die Heuhaufen bis auf 20 Meter recht genau, und das mit einer Wucht, die für ein Beutetier tödlich gewesen wäre. Für Studienleiterin Milks ist das ein klarer Beleg dafür, dass der Neandertaler durchaus technologisch geschickt und in der Lage war, Großwild mit verschiedenen Strategien zu jagen.

Hochkomplexe Fähigkeit

Dafür spricht auch die Ausgereiftheit der Originale: Ihr Schwerpunkt liegt nicht in der Mitte, sondern Richtung Spitze. Die Spitze wiederum lag etwas versetzt zum weichen Mark, welches die anfälligste Stelle des Stammes ist.

Zudem wählten die Frühmenschen Stämme von Bäumen, die sehr langsam gewachsen waren. Diese verfügten entsprechend über viele Baumringe, aber einen geringen Durchmesser, was sie zu idealem Material für die Waffen machte.

Der Archäologe Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der nicht in die Studie involviert war, betont, dass die Nutzung von Speeren eine hochkomplexe Fähigkeit ist, die Planung und eine mehrteilige Arbeitskette erfordert. „Man braucht zunächst Werkzeuge, um einen Baum zu fällen, dann, um die Speere herzustellen und sie zu bearbeiten. Nicht zuletzt müssen diese Werkzeuge zunächst einmal produziert werden.“

Entsprechend interessant ist die Studie aus London für den Leiter der Grabungen in Schöningen. „Die Arbeit ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Menschen vor 300.000 Jahren dem modernen Menschen nicht nur ein wenig ähnlich waren, sondern in vielen Aspekten sogar identisch, wenn man etwa ihre motorischen Fähigkeiten betrachtet.“

Auf einer Stufe mit Säbelzahnkatzen

Ähnlich äußert sich Felix Hillgruber, Kurator am Paläon, dem eigens für die Speere gebauten Museum und Forschungszentrum: „Die Studie erlaubt uns, ein besseres Bild von der Vergangenheit zu zeichnen.“ Schon die Entdeckung der Schöninger Speere habe die bis dahin geltenden Annahmen über die Altsteinzeit komplett umgeworfen.

„In den 70er und 80er Jahren ging man davon aus, dass unsere Vorfahren aus dieser Zeit Aasfresser und opportunistische Jäger waren“, so Hillgruber. Die Speere zeigten, dass die Menschen aus dem Mittelpleistozän stattdessen mit Spitzenprädatoren wie Löwen und Säbelzahnkatzen auf einer Stufe standen.

Neben sieben Holzspeeren wurden in Schöningen auch eine Stoßlanze und ein kürzerer Wurfstock gefunden. „Die Menschen hatten damals also Waffen, mit denen sie unterschiedlichen Jagdsituationen begegnen konnten“, führt Archäologe Serangeli aus.

Die Untersuchungen der Londoner Archäologen lassen auch steinzeitliche Waffenfunde in einer südafrikanischen Höhle in einem anderen Licht erscheinen, über die eine andere Forschergruppe 2012 berichtet hatte. Die dort gefundenen 70.000 Jahre alten Steinspitzen waren als Teile von Speeren und Pfeilen interpretiert worden, die von Vorfahren des modernen Menschen (Homo sapiens) hergestellt wurden.

Die Fähigkeit, solche präzisen und tödlichen Fernwaffen herstellen zu können, war von den Forschern seinerzeit als ein möglicher technologischer Vorsprung gewertet worden, der es Homo sapiens ermöglichte, sich im Konkurrenzkampf mit dem Neandertaler durchzusetzen.

  • tt
  • dpa
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