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„Futury“ Diese Initiative hat der Plastikflut den Kampf angesagt

Fünf Teams aus Studenten und Jungunternehmern erforschen im Auftrag der Frankfurter Werte-Stiftung, wie die Verpackungslawine im Supermarkt zu stoppen ist.
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18 Millionen Tonnen Verpackungsabfall produzieren die Deutschen jedes Jahr. Quelle: National Geographic Image Collection/Getty Images
Plastikmüll im Meer

18 Millionen Tonnen Verpackungsabfall produzieren die Deutschen jedes Jahr.

(Foto: National Geographic Image Collection/Getty Images)

Oestrich-Winkel Die Ansage von Bundesumweltministerin Svenja Schulze ließ Missverständnisse erst gar nicht aufkommen. „Wir erwarten bis zum Herbst eine Strategie des Handels für weniger Plastik und weniger Verpackungen“, polterte sie im Februar am „runden Tisch“ vor Einzelhändlern, Lebensmittelherstellern und Umweltverbänden. Mit einer „Reihe von Vereinbarungen“, erklärte die SPD-Politikerin, wünsche sie die „Plastikflut im Supermarkt“ einzudämmen.

Was seither geschieht, ist kaum mehr als Symbolik. Aldi kündigte an, Obstbeutel demnächst mit einem Cent Gebühr zu bepreisen. Supermarktketten wie Edeka gelobten, Salatgurken nicht länger in Plastikfolie einzuschweißen. Vor dem Hintergrund solcher Trippelschritte erscheint es da schon wie ein Durchbruch, dass die EU im Mai Trinkhalme, Wattestäbchen, Einwegteller oder Einweggeschirr aus Plastik untersagte. Wirkliche Konzepte aber, so scheint es, lassen auf sich warten.

Eine breit angelegte Initiative der Frankfurter Werte-Stiftung, im Kuratorium besetzt etwa mit dem langjährigen Roland-Berger-Geschäftsführer Burkhard Schwenker, Ex-Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer oder Frankfurts ehemaliger Oberbürgermeisterin Petra Roth, will dies nun mit Macht nachholen.

Über ihre Gründungs- und Innovationsplattform „Futury“ schickte sie Mitte der vergangenen Woche fünf zunächst unabhängig voneinander arbeitende Teams aus Studenten und Jungunternehmern ins Rennen, um endlich durchgreifende Lösungen gegen die Plastikflut zu finden.

Drei Monate erhalten sie nun Zeit, aus ihren Ideen Prototypen zu konstruieren – und das in enger Kooperation mit betroffenen Wirtschaftsunternehmen. Zugesagt haben nicht nur Händler wie Lidl und Kaufland, sondern auch die Lieferanten Nestlé, Katjes, Procter & Gamble sowie der westfälische Fleischfabrikant Reinert. Für Logistiklösungen steht DB Schenker den Studenten zur Seite, Recycling-Know-how kommt von den Lidl-&-Schwarz-Töchtern Pre-Zero und Reset-Plastic.

„Es geht dabei nicht wahllos ums Plastic Packaging“, erläutert Futury-Leiter Charlie Müller, „sondern um die gesamte Wertschöpfungskette.“ 200 Bewerbungen hat die Jury dazu vorab gesichtet, von denen am vergangenen Mittwoch fünf Teams für den endgültigen Pitch bei der European Business School (EBS) antraten.

In der Endrunde erhalten sie nun finanzielle Unterstützung durch die Werte-Stiftung, ebenso wie Tipps etwa von den Verpackungsproduzenten Huhtamaki, Schur Flexibles oder Fachleuten des Sauerländer Maschinenbauers Weber. „Der oder die Gewinner dürfen am Ende auf eine Firmenausgründung hoffen“, stellt Müller in Aussicht.

Wie dringend Lösungen benötigt werden, zeigt der Blick ins deutsche Müllgewerbe. Auf 18,2 Millionen Tonnen häufte sich 2016 (neuere Zahlen fehlen) der Verpackungsmüll – und markierte damit einen bundesdeutschen Rekordwert. 1996 hatte die Abfallmenge gerade einmal bei 13,6 Millionen Tonnen gelegen.

Grund für die seit 2009 anhaltend wachsenden Müllberge ist laut Umweltbundesamt (UBA) die steigende Zahl von Ein- und Zweipersonenhaushalten, die Hersteller zu kleineren Füllgrößen veranlasst. Auch die Fast-Food- und To-go-Gastronomie, die zunehmend Verbraucher lockt, produziert zusätzlichen Abfall.

Hinzu kommt der Onlineversand, weil dieser einen erheblichen Transportaufwand mit sich bringt. Der Verbrauch von Papierverpackungen im Distanzhandel, ermittelte das UBA, nahm von 1996 bis 2015 um 540 Prozent zu.

Die gern wiederholte Story vom „Recyclingweltmeister Deutschland“, dessen Bürger die Mülltrennung scheinbar in ihre DNA übernommen haben, dient allenfalls noch der Verschleierung. An den deutschlandweit 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsmüll hatten die privaten Haushalte einen unmittelbaren Anteil von 5,5 Millionen Tonnen. 3,1 Millionen Tonnen davon entfielen allein auf Kunststoffverpackungen, womit jeder Deutsche rechnerisch 38 Kilogramm Plastik wegwarf.

Ein peinlicher Befund. Der durchschnittliche EU-Bürger kam mit 14 Kilogramm weniger aus, nur Luxemburg, Irland und Estland hinterließen pro Verbraucher noch eine größere Menge an Kunststoffmüll als die Deutschen.

Der Start des Dualen Systems Deutschland (DSD), dessen „Grüner Punkt“ seit 1991 wie eine Zusatzgebühr auf Verpackungen erhoben wird, konnte die Müll-Lawine nicht stoppen. Im Gegenteil: Der Berg an weggeworfenen Joghurtbechern, Waschmittelflaschen oder Duschgeltuben hat sich seither sogar verdoppelt.

Zwar stieg der Verwertungsanteil von Kunststoff seit 2003 von 55 auf 99,8 Prozent, wie die Gesellschaft für Verpackungsforschung ermittelte. Die „stoffliche Verwertung“ aber ging um 3,1 Prozentpunkte zurück. Nur noch 49,7 Prozent der Kunststoffe aus der Gelben Tonne werden heute zu Granulat verarbeitet, die restlichen Mengen „thermisch verwertet“ – also verbrannt – oder schlicht „beseitigt“.

Als besonders bedenklich erscheint ein Hinweis des Forschungsinstituts Conversio: Nur ein Prozent des Verpackungsmaterials in Deutschland entsteht aus gebrauchten Konsumgütern und Inhalten der Gelben Tonne. Der Großteil des wiederverwerteten Plastikmülls endet damit weiterhin in Parkbänken und Autobahn-Schallschutzmauern.

Fragwürdige Müllexporte

Vorausgesetzt, er geht nicht in den Export. Doch auch der stellt die Abfallbranche vor neue Herausforderungen. Noch 2016 verschiffte sie 560.000 Tonnen Plastikmüll in die Volksrepublik China. Doch dem umweltpolitisch fragwürdigen Geschäft, mit dem sich Deutschland eines Zehntels seines Plastikabfalls entledigte, schob Peking Anfang 2018 einen Riegel vor. Plastikabfall, Altpapier, alte CDs oder gebrauchte Textilien lässt die Volksrepublik seither nicht mehr ins Land.

Stattdessen reist die übel riechende Schiffsfracht in Nachbarländer wie Malaysia, Vietnam oder Indonesien. Weil dort aber Recyclingkapazitäten fehlen, gehen immer wieder Müllhalden in Flammen auf. Zudem gelangt ein Teil des deponierten Abfalls über die Flüsse ins Meer – und verpestet damit die Ozeane.

Das Verzwickte: Mit schlichten Verboten, wie es Umweltministerin Schulze etwa bei Plastik-Einkaufsbeuteln schon ab 2020 vorschwebt, lässt sich Nachhaltigkeit kaum erzeugen. „Es muss der Zielkonflikt zwischen ‚no waste‘ und der gesamten Ökobilanz beachtet werden“, hat die am Pitch beteiligte Beratungsfirma PwC den fünf Uni-Teams ins Pflichtenheft geschrieben.

So stellen etwa Mehrwegsysteme höhere Anforderungen ans Verpackungsmaterial – was etwa bei Mineralwasser zu einem größeren Transportgewicht durch den Einsatz von Glas führt. Bei Kreislaufsystemen müssen umweltfreundliche Wege gefunden werden, auf denen die Verpackungen zurück zum Hersteller gelangen. Aus Sicht von PwC ebenso wichtig: „Wie gewinnen wir auch die nicht vorrangig ökologisch orientierten Kunden?“

Ersatz für den Plastikbeutel?

So ist selbst ein Ersatz für Kunststoff-Tragetaschen in Wahrheit schwer zu finden. Tüten aus Papier, rechnet die Umweltschutzorganisation BUND vor, verbrauchen bei der Herstellung rund die doppelte Menge an Energie. Zudem fehlt es ihnen an Stabilität, sodass sie häufig nach einmaligem Gebrauch im Abfall landen.

Wer stattdessen auf Tragetaschen aus Baumwolle setzt, sollte darauf hoffen, dass sie mindestens 100 Mal zum Einsatz kommen. Schaffen sie es nicht, warnt die Organisation Nabu, wäre der Plastikbeutel die umweltfreundlichere Lösung gewesen.

Was dagegen wirklich helfen kann, in Deutschland die Flut von Plastikmüll in den Griff zu bekommen, testen in den kommenden drei Monaten die von Futury ausgewählten Teams – und zwar mit Konzepten, die oft ineinandergreifen.

So bastelt das von dem IT-Experten Max Bannasch vorgestellte Projekt „Scalable Circular Systems“ an einer Mehrweglösung für Kaffee, Tee, Kakao, Müsli oder Käse – und konzentriert sich dabei zunächst allein auf die Logistik. Wie ist das Pfandsystem zu organisieren? Wer sorgt für das Clearing der Geldströme? Wie und wo wird sortiert? Und wie gelangen die Mehrwegverpackungen zurück zum Hersteller?

Über die Behälter selbst macht sich dagegen das Nachbarteam „Use 2 Reuse“ Gedanken. Die drei Volkswirte um Till Faupel wollen sie vermieten und testen dazu unterschiedliche Materialien auf ihre Hygieneeigenschaften.

Als Vorbild dient ihnen das „Loop“-System des US-Logistikers Terracycle, das Unilever, P&G, Nestlé, Mars, Clorox, Coca-Cola und Pepsi seit Mai 2019 in Paris, New York, New Jersey und Pennsylvania betreiben. Die bepfandeten Verpackungen von online bestellten Artikeln, so lautet das Angebot, gehen nach dem Gebrauch zurück an den Hersteller. Abgeholt werden sie an der Haustür von UPS.

In Frankreich hat sich zudem die Supermarktkette Carrefour an dem System beteiligt, wobei die Anbieter zum Teil komplett neue Verpackungen entwarfen. So verkauft P&G seine Eismarke „Häagen-Dazs“ in doppelwandigen Behältern aus rostfreiem Stahl, um den Inhalt für mehrere Stunden gefroren zu halten. Das Shampoo „Patene“ liefert der Konsumgüterriese in Aluminiumflaschen.

Kontrolliert werden sollen die Umweltversprechen dennoch. Das ebenfalls am Wettbewerb teilnehmende Team „Innoblock“ will den Recyclinganteil auf den Verpackungen sichtbar machen, das Futury-Team „Recyda“ baut eine Datenbank, die Recyclingmöglichkeiten für jedes Land aufführt.

Sie alle sehen sich als Dienstleister – nicht zuletzt für die über 250 Unternehmen, die einen Stopp der Abfallflut gelobt haben: 2018 versprachen Multis wie Pepsi, H&M oder P&G, ihre kompletten Verpackungen recycelbar, wiederverwertbar oder wenigstens kompostierbar zu machen.

2025, wenn dazu die versprochene Frist abläuft, wird man sehen, ob sie ihr Ziel erreicht haben.

Mehr: Aldi will bald Geld für Obst- und Gemüsetüten nehmen. Doch das ist nur ein kleiner Beitrag zur Plastikvermeidung.

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