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Geschichte Die Hanse des Ostens

Das Handelsreich Srivijaya beherrschte jahrhundertelang den asiatischen Raum. Dann verschwand es für immer. Jetzt streiten Forscher über den Ursprung seiner Macht - und die Ursachen seines Untergangs. Wie eines der größten Rätsel der Geschichte die Wissenschaft herausfordert.
  • Nike Heinen
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Buddhistischer Tempel in Thailand: Von Sirvijaya haben keine Bauwerke die Zeit überdauert - aber warum nicht? Quelle: ap

Buddhistischer Tempel in Thailand: Von Sirvijaya haben keine Bauwerke die Zeit überdauert - aber warum nicht?

(Foto: ap)

DÜSSELDORF. Die Flotte des Chola-Reiches, die im Frühjahr des Jahres 1025 von Südindien her Richtung Sumatra in See stach, war der Anfang vom Ende. Als sich die Soldaten ausgetobt hatten, lagen 14 prächtige Häfen in Schutt und Asche. Ein empfindlicher Schlag ins Kontor der mächtigen Handelsleute aus dem sagenhaft reichen und mächtigen "Goldland" Srivijaya.

Sie sollten sich nie mehr vollständig davon erholen: Die letzte Erwähnung Srivijayas findet sich 1403, als ein abtrünniger Prinz seines bereits unterjochten Herrschergeschlechtes sich aufmachte, um Malakka zu gründen. Danach verliert sich die Spur von Srivijaya, das einige Jahrhunderte lang der unangefochtene Herrscher auf den Meeren zwischen China und Indien war.

Srivijaya gehört zu den großen Rätseln der Geschichtswissenschaft. "Womit es seine Vormachtstellung sicherte, das wird nirgendwo beschrieben", sagt Hermann Kulke, emeritierter Professor für Asiatische Geschichte an der Universität Kiel. Das liegt vor allem an der dünnen Quellenlage: Bis auf wenige rituelle Inschriften, die den Schwur für ein Blutritual - vielleicht eine Art Initiation für die jungen Männer - vorzustellen scheinen, gibt es keine eigenen schriftlichen Zeugnisse der Srivijaya-Kultur.

Die übrigen Quellentexte sind in all den Sprachen verfasst, die im Mittelalter beim Seehandel zwischen Orient und Okzident eine Rolle spielten: Arabisch, Persisch, Sanskrit, Tamil und das klassische Mandarin-Chinesisch der Tang-Zeit. Gerade arbeitet ein internationales Konsortium aus Indologen, Sinologen und Arabisten an einem Buch, das jetzt erstmals alle Quellen vereinen soll.

Aus dem Meer dagegen kommen in jüngster Zeit immer mehr Zeugnisse der Srivijaya-Kultur zutage. In den tiefen Meeresgräben zwischen den indonesischen Inseln liegen noch unzählige Wracks aus Srivijayas Blütezeit. "Weil gute Fischgründe auch um Indonesien herum immer rarer werden, fahren die Treibnetze heute dort so tief unten wie nie zuvor", sagt Kulke. "Dann haben sie mal ein paar alte Fässer als Beifang, mal ist es Porzellan. Die Fischer wissen dann schon Bescheid und holen die Taucher."

Kulke erhofft sich von der alten Fracht Aufklärung über eine zentrale Frage: Was begründete die Macht dieser Handelskultur? Srivijaya bestand aus Dutzenden von Küstenstädten, zunächst nur in Ost-Sumatra, dann auch auf West-Java und auf der malayischen Halbinsel, die über Flüsse mit dem Hinterland verbunden waren. Aus diesen Regionen konnten sie alle Schätze der malayischen Welt zusammentragen: Kampfer, Pfeffer, Zimt und andere Gewürze, Gold, Edelhölzer, wertvolle Baumharze. "Srivijaya versorgte zu seiner Blütezeit den gesamten Mittelmeerraum und ganz China mit Gewürzen", sagt Kulke.

Die moderne historische Wissenschaft weiß erst seit 1918 von der Existenz dieses Staates. Damals fiel dem französischen Südostasienforscher George Coedès auf, dass es sich bei dem prächtigen Land, das in den Warenbüchern arabischer Seefahrer "Sribuza" und in den Reiseberichten eines chinesischen Mönches "Sanfozi" genannt wird, um ein und dasselbe Land handeln könnte. Nämlich um das, das in den Geschichten auf Sumatra allgegenwärtig ist und das im klassischen Sanskrit Srivijaya genannt wird: der "herrliche Sieg".

Kulke glaubt, dass Srivijaya kein Reich mit einer zentralen Regierung und einer straffen, hierarchisch organisierten Verwaltung war, sondern dass seine Könige als religiös legitimierte Herrscher einem Städtebund vorstanden, dessen politische Verfassung man am besten mit den Städten der deutschen Hanse vom 13. bis 17. Jahrhundert vergleichen könnte.

Für Kulke ist Srivijaya die Hanse des Ostens: "Das waren Menschen, die sich sehr klug und sehr überlegt, vor allem durch ihren Geschäftssinn, für die ganze ihnen bekannte Welt unentbehrlich machten", meint er. Mit ihrer Überzeugungskraft schafften es die Srivijayer sogar, die grimmigen Piraten Borneos zu befrieden, die die Handelswege rund um ihre Häfen unsicher machten.

"Vielleicht machten sie auch den fremden Händlern aus Arabien, die ihre Gewässer nur passieren wollten, klar, dass ihnen etwas zustoßen könnte, wenn sie nicht auch mit Srivijaya Geschäfte machen", spekuliert Kulke. "Die Piraten waren für Srivijaya vielleicht das, was Störtebeker für die Wismarer war - ein böser Geist, den man für den eigenen Schutz einspannen konnte."

Heute würde man wohl sagen, dass gute Kontaktpflege den Kern der srivijayischen Geschäftspolitik ausmachte. Es gibt ein Modell, das die Handelsströme in Srivijaya selbst beschreibt; es hat die Struktur kleiner Bäumchen. An zahlreichen Punkten irgendwo in den Dschungeln Indonesiens liegen kleine Dörfer, deren Bewohner den Wald ihr Zuhause nennen. Sie wissen, wo es die würzigste Zimtrinde zu schälen gibt, sie kennen die harzenden Bäume und wissen, wie man heimische Tiere fängt und aufzieht.

Diese Dörfer geben ihre Waren an größere Ortschaften, die wiederum versorgen die nächstgrößere Ortschaft, und ganz am Ende steht die Küstenstadt, die alle Welt zu sich einlädt, um sich die Dschungelschätze versilbern zu lassen. "So etwas funktioniert nicht durch Autorität und Staatsgewalt", argumentiert Kulke. "Dafür muss man Leute kennen, die Leute kennen. Und der eigene Handschlag muss etwas gelten. Da sind Kaufleute von einem Schlag gefragt, wie sie auch in Lübecks Bürgerschaft zu finden waren."

Auch nach außen hin scheint Srivijaya eher listige Beziehungspflege als rasselnde Säbel angewandt zu haben: Die Stadtgründer steckten viel Mühe in ihre Bibliotheken und sammelten sorgfältig alle möglichen hinduistischen und buddhistischen Schriften. So wurde die Hauptstadt Palembang zu einem international anerkannten Gelehrtenzentrum. Dann beschenkten sie die Nachbarländer mit Stiftungstempeln. "Das macht gute Stimmung - und ist das ideale Terrain, um seine eigenen Agenten unter den Augen der Nachbarn unterzubringen", meint Kulke.

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