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Giga-Gipfel Viele Deutsche fürchten sich vor der Digitalisierung – die „Digitale Bewegung“ will das ändern

Auf dem Giga-Gipfel machen Experten der „Digitalen Bewegung“ Vorschläge, wie der Nutzen der Digitalisierung stärker in den Vordergrund gestellt werden kann.
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Die Botschaft des Gipfel: Technologie muss den Menschen in der Verantwortung halten. Quelle: Sebastian Muth für Wiwo
Giga-Gipfel

Die Botschaft des Gipfel: Technologie muss den Menschen in der Verantwortung halten.

(Foto: Sebastian Muth für Wiwo)

Sölden Die Digitalisierung ist wie ein wildgewordener Elefant im Porzellanladen. Sie marschiert unaufhaltsam durch die Gesellschaft und zerstört auf ihrem Weg alles Altbekannte. Tech-Unternehmen wie Amazon, Google, Apple oder Facebook funktionieren nach diesem Prinzip, das auch als Disruption bezeichnet wird. Die Konzerne verändern mit ihren Algorithmen die alte Welt. In der neuen wird derweil alles immer digitaler, vernetzter und schneller – und das hinterlässt tiefe Spuren in der Gesellschaft.

Viele Menschen in Deutschland sind verunsichert, weil sie um ihre Jobs fürchten, seit Künstliche Intelligenz und Roboter bestimmte Tätigkeiten besser, schneller und günstiger ausüben. Sie verlieren das Vertrauen in die Institutionen, seit Fake News sich über digitale Plattformen auf der ganzen Welt verbreiten. Und sie blicken mit großen Sorgen in die Zukunft, weil sie nicht wissen, was die Digitalisierung auf ihrem künftigen Weg noch alles verwüsten wird. Kurz: Die Debatte um die Digitalisierung ist von der Angst der Menschen geprägt.

Die „Digitale Bewegung“, eine Initiative des Handelsblatts, des „Tagesspiegels“, der „Wirtschaftswoche“, des Tech-Magazins „ada“ und des Telekommunikationsanbieters Vodafone, will das ändern. Auf ihrem dritten „Giga-Gipfel“ im österreichischen Skiort Sölden haben namhafte Gäste aus der Tech-Szene nach Lösungen gesucht, um der deutschen Gesellschaft mehr Tech-Optimismus einzuimpfen.

Unter den Teilnehmern waren Chris Boos, Chef des KI-Unternehmens Arago und Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung, Betterplace-Gründerin Joana Breidenbach, Bildungsstratege Kimo Quaintance, Programmiererin Aya Jaff, Valerie Mocker, Direktorin bei Nesta, einem gemeinnützigen Fonds für soziale Innovationen der britischen Regierung, und Anne Kjaer Riechert, Mitgründerin von Redi, einer Programmierschule für Migranten und Flüchtlinge. Sie alle engagieren sich dafür, den Menschen eine neue Sichtweise auf die Digitalisierung zu eröffnen.

Blickt man allerdings etwa auf die Umbrüche in der Automobilindustrie, zeigt sich, dass die Ängste der Menschen nicht unbegründet sind – das weiß auch Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter. „Die Digitalisierung ist eine Art Zentrifugalkraft, die alles schneller macht und die Gesellschaft in einen Zustand der Zerrissenheit versetzt“, sagt er im Gespräch mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe.

Die Teilnehmer des Giga-Gipfel in Sölden. Quelle: Sebastian Muth für Wiwo
Giga-Gipfel

Die Teilnehmer des Giga-Gipfel in Sölden.

(Foto: Sebastian Muth für Wiwo)

Überwinden lasse sich dieser Zustand mit einem zuversichtlichen Blick nach vorn. Die Debatte müsse sich weg von Angstszenarien hin zu Lösungen bewegen, wie mithilfe von Technologie die Welt besser und der Umgang mit ihr nachhaltiger gestaltet werden kann. „Tech ist weder gut noch schlecht“, so Ametsreiter. „Entscheidend ist, was man mit ihr macht.“

Damit gibt Ametsreiter auf der Vorabendveranstaltung das Motto („Tech for Good“) des Giga-Gipfels vor, über das sich die Teilnehmer am darauffolgenden Tag auf dem Gipfel des Gaislachkogls auf 3048 Meter Höhe im Restaurant Ice Q in Workshops und Diskussionen austauschen. Ziel ist es, ein optimistisches Narrativ zu finden, das der Gesellschaft den Mehrwert von Technologie aufzeigt und sie dadurch zum Handeln animiert, neue Technologien für gute Zwecke zu nutzen, statt sie zu fürchten.

Helfen solle dabei laut Ametsreiter eine Vision, der die Menschen rational und emotional folgen können. „Jeder Mitarbeiter will einen Sinn sehen in dem, was er tut. Nur dann ist er auch bereit, mehr zu tun, und genau deswegen benötigen wir Leadership“, sagt der Vodafone-Manager.

Valerie Mocker zählt zu diesen Führungspersönlichkeiten. Als Direktorin der Nesta-Stiftung, die Regierungen und Unternehmen im Bereich der gemeinwohlorientierten Digitalisierung berät, ist sie dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass ein „Leader“ ein „Gladiator“ sein müsse und kein „Marshmallow“, der bestehende Strukturen nicht hinterfragt.

Außerdem müsse eine Führungspersönlichkeit ausgeschlafen sein. „Schlaf ist wichtig, damit wir produktiv sind“, sagt Mocker im Gespräch mit „Tagesspiegel“-Chefredakteur Lorenz Maroldt. Auf diese Weise bringe eine Führungsposition die erforderliche Energie und Klarheit mit, um alte Strukturen in Unternehmen und Regierungen zu digitalisieren. Das sei besonders in Deutschland eine Herausforderung.

„Kinder für Technologie begeistern“

Im Gespräch mit „ada“-Gründungsverlegerin Miriam Meckel macht sich Programmiererin Aya Jaff für einen vernünftigen Umgang mit der KI stark. Immer wieder höre sie von Schreckensszenarien, in denen die KI und Roboter die Führung über die Menschheit übernehmen. Dabei würden Programmierer lediglich Algorithmen erstellen, die bestimmte Dinge besser analysieren oder ausführen können als Menschen.

Etablieren könne sich ein solches Technikverständnis laut Vodafone-Manager Ametsreiter allerdings nur mithilfe von Bildung. „Lehrer müssen Kinder für Technologie begeistern können und die Digitalisierung verstehen“, sagt Ametsreiter. „Programmieren sollte die zweite oder dritte Fremdsprache werden.“

Eine aktuelle Studie der Universität Paderborn jedoch sieht keinen Zusammenhang zwischen der Qualifikation eines Menschen und der Angst vor der Digitalisierung. Entscheidend dafür, ob sie den Wandel annehmen oder ihn verschmähen, seien die Erfahrungen der jeweiligen Menschen mit der Digitalisierung.

Valerie Mocker sieht daher die Tech-Szene in der Pflicht aus ihrer Blase herauszukommen. „Wir müssen an die Menschen herantreten, um ihnen die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen.“ Und gelingen solle das, indem man die Menschen in ihrem Alltag auf die Digitalisierung anspricht.

Arago-Chef Chris Boos hält einen etwas anderen Ansatz für sinnvoller. Der Mehrwert der Digitalisierung könne den Menschen aufgezeigt werden, indem man sie in der Arbeitswelt von unliebsamen Aufgaben befreit. Boos‘ Forderung lautet daher: „Wir sollten alles automatisieren, was möglich ist – nur das Zwischenmenschliche nicht.“ Auf diese Weise könnten die Menschen von repetitiven Aufgaben, die im Industriesektor besonders verbreitet sind, befreit werden und in der frei gewordenen Zeit sinnvolleren Tätigkeiten nachgehen.

Für Boos ist das essenziell. Denn „viele Technologien haben den Menschen einsamer gemacht“, sagt der KI-Experte. Facebook beispielsweise ist in seinen Augen keine technische Innovation, die der Gesellschaft dient, sondern vielmehr eine Plattform zur beschleunigten Verbreitung von Gerüchten, die die Menschen entzweit.

Hürden für mehr Humanismus

Boos zufolge müssten bei der Digitalisierung die Ziele so gesetzt werden, dass sie einen „bedeutenden Impact“ auf das Leben der Menschen haben. Europa könnte hierbei ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln. „Während in den USA vor allem der Profit zählt und in China die Kohärenz, könnten wir die Digitalisierung in Europa auf den Grundlagen des Humanismus aufbauen“, sagt Boos.

Dieser Vision allerdings stehen bislang noch sehr reale Probleme im Weg. Anne Kjaer Riechert hat mit ihrer Programmierschule für Flüchtlinge genau diese Erfahrung gemacht. So bremst beispielsweise die deutsche Verwaltung ihrer Meinung nach ihr Start-up aus. Die Regeln der Behörden seien sogar existenzbedrohend.

„Die deutsche Bürokratie bringt mein Engagement fast um“, sagt Kjaer. An dieser Stelle sieht Nesta-Direktorin Mocker die Politik in der Pflicht. Sie dürfte nicht von der Verantwortung freigesprochen werden und den digitalen Wandel ausbremsen. Stattdessen müsse sie ihn aktiv unterstützen.

Das ist allerdings nach Ansicht der Teilnehmer des Giga-Gipfels noch nicht der Fall. Deswegen müsse die Wirtschaft die Digitalisierung gestalten, und zwar auf eine Art und Weise, dass sie über die marktwirtschaftlichen Kriterien hinaus auch sozialgesellschaftlich Einfluss auf die Menschen nehme, ohne sie dabei aus dem Gestaltungsprozess auszuschließen. Grundlage dafür sei der transparente Umgang mit Daten.

In Europa sei man mit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) dabei auf einem richtigen Weg, findet Vodafone-Deutschlandchef Ametsreiter. „Die DSGVO wurde viel kritisiert. Aber ich glaube, dass es der Beginn ist, dem Einzelnen die Datenhoheit zurückzugeben“, sagt er. „Der Schlüssel zu Vertrauen ist die Transparenz. Das ist eine Stärke von Europa.“

Ametsreiter hofft, dass in Deutschland und Europa bald nicht mehr über die Digitalisierung diskutiert werde, sondern über den Nutzen der Digitalisierung. „Wir müssen einen Weg finden, den Nutzen der Digitalisierung besser zu kommunizieren. Nur so können wir die Menschen in Deutschland auch für große Tech-Projekte begeistern.“

Mehr: Noch nie floss mehr Geld in Gründungen in Deutschland. Doch der Fall WeWork hat aufgerüttelt: Experten warnen auch hierzulande vor einer Blase.

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