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Gletschermumie im Museum Ötzi im Ausstellungsstress

Jahrtausende lag der Ötzi friedlich im Gletschereis – dann begann für den „Eismann“ der Ausstellungstress. Seit 20 Jahren ist die Kultmumie jetzt im Museum zu sehen.
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Im Archäologischen Museum von Bozen wird die Gletschermumie in einer speziellen Kühlkammer gelagert. Quelle: dpa
Ötzi in der Eiskammer

Im Archäologischen Museum von Bozen wird die Gletschermumie in einer speziellen Kühlkammer gelagert.

(Foto: dpa)

Bozen Seit nunmehr 20 Jahren bestaunen Menschen die Gletschermumie Ötzi im Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen. Das Dasein als Publikumsattraktion scheint dem Gletschermann erstaunlich gut zu bekommen, wie Museumsleiterin Angelika Fleckinger bestätigt: „Es gibt die interne Regelung: Wenn es Hinweise gibt, dass der Ötzi wegen der Ausstellung Schaden nimmt, wäre er nicht mehr zu öffentlich sehen. Diese Tendenz können wird aber nicht erkennen.“

Zwei deutsche Wanderer hatten die mehr als 5000 Jahre alte Mumie im September 1991 im Gletschereis in den Alpen im österreichisch-italienischen Grenzgebiet entdeckt. Für das Museum und für die gesamte Region Südtirol ist der Ötzi seitdem ein absoluter Besuchermagnet.

„In den kommenden Tagen erwarten wir den fünfmillionsten Besucher“, sagte Fleckinger. Der bekomme dann eine Führung zur Fundstelle geschenkt. Letztes Jahr habe es mit rund 287.000 Menschen sogar einen Besucherrekord gegeben. Die meisten Besucher kommen aus Deutschland.

Diese Mumien sollten Sie kennen
Lombardo richtig
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Rosalia Lombardo – die schönste Mumie der Welt

Rosalia Lombardo sieht aus wie ein schlafendes kleines Mädchen. Doch die kaum Zweijährige fiel Anfang des 20. Jahrhunderts der Spanischen Grippe zum Opfer. Bevor sie in ihrem Glassarg beigesetzt wurde, wendete der Einbalsamierer Alfredo Salafia seine gesamte Kunst auf, um ihren Körper perfekt zu konservieren. Welches Geheimrezept er dabei verfolgte, war lange Zeit ein Rätsel.

"Ich habe seit 1999 nach der Lösung des Geheimnisses von Rosalia geforscht", erklärt der Mumienforscher Dario Piombino-Mascali. Im Nachlass von Salafia wurde er schließlich fündig: Der Körper der Kleinen wurde mit einer Lösung aus Glyzerin, Alkohol mit Salizylsäure sowie mit Chlorid und Zinksulfat gesättigtem Formalin durchspült. In Äther gelöstes Wachs half Salafia, die Gesichtszüge zu modellieren. Rosalia ruht heute in der Kapuzinergruft in Palermo.

(Foto: dpa - picture-alliance)
Forscher holten Tutenchamun aus dem Sarg
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Der Star – Pharao Tutanchamun

Diesen Star unter den Mumien muss man kaum vorstellen. Der junge Tutanchamun ist vor allem wegen seines prunkvollen Grabs bekannt, das Howard Carter im Jahr 1922 entdeckte. Der Familienclan Tutanchamuns, zu dem auch die berühmte Nofretete zählte, war von extremer Inzucht geprägt, wie Forscher festgestellt haben. Vielleicht hatte der König deswegen zeitlebens unter schweren Krankheiten zu leiden: von einem leichten Klumpfuß links und einem Plattfuß rechts über eine Gaumenspalte bis hin zur Rückgratverkrümmung und einer schmerzhaften Knochenmarkserkrankung in einem Fuß.

Dass er bei einem Streitwagenunfall starb, gilt daher inzwischen als überholt – ein derart kränklicher Mensch konnte ein so rasantes Gefährt gar nicht beherrschen. Immerhin: Der grotesk geformte Hinterkopf, den er und sein Eltern auf Darstellungen haben, ist wohl nur ein Produkt der Phantasie der Maler.

(Foto: dpa)
Mumie
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Das Mumiensteak

Bleiben wir in Ägypten. Damit es den Verstorbenen im Jenseits an nichts mangelte, erhielten sie bekanntermaßen zahlreiche praktische Grabbeigaben. Weniger bekannt ist, dass sich darunter auch saftige Fleischportionen befanden, die die Ägypter genauso einbalsamierten wie den Leichnam selbst. Dieses mumifizierte Rippchen sollte Juja und Tuja, den Schwiegereltern von Pharao Amenophis III., ein gepflegtes Tafeln im Jenseits erlauben.

Die Einbalsamierung hatte vermutlich auch ganz handfeste Gründe: Hätte man Frischfleisch in die Gräber gelegt, wäre es wohl noch während der langwierigen Zeremonie vergammelt. Der Geruch wäre dem feierlichen Augenblick mit Sicherheit nicht gerade zuträglich gewesen.

(Foto: PNAS)
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M2 – die peruanische Geheimnisträgerin

Beim Aufräumen stießen Mitarbeiter der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen im Jahr 2004 auf etliche gut erhaltene Mumien – darunter auch "M2", die Frau aus Peru. Als Kind hatte man ihr den Kopf in die Form eines Turmschädels gezwängt, wie es dem damaligen Schönheitsideal der peruanischen Chancay-Kultur entsprach. Dass sie liegt, statt im für peruanische Mumien typischen Schneidersitz zu sitzen, lag wohl an ihrer Krankheit: Die Frau war querschnittsgelähmt, erbrachte eine moderne Röntgenuntersuchung.

Auf den Röntgenaufnahmen konnten Forscher außerdem zwei mysteriöse Objekte entdecken, die M2 fest umklammert hielt. Da man ihre Hände nicht lösen konnte, griffen die Forscher zu einem Trick: Sie kopierten die Talismane aus ihren Händen heraus. Mit einem CT-Gerät scannten sie erst die Objekte und druckten sie dann mit einem 3-D-Drucker aus. Es waren zwei Milchzähne.

(Foto: dpa - picture-alliance)
Mumie
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Der Lindow-Mann – toter geht nicht

Gleich drei grausige Todesarten wurden für den Lindow-Mann ausersehen: Zunächst wurde ihm mit einer Axt der Schädel eingeschlagen, dann wurde der Bewusstlose gewürgt, bis die Halswirbel brachen und schließlich erhielt er einen Stich in den Hals. Wahrscheinlich war der Lindow-Mann ein keltisches Menschenopfer und die Dreifachtötung hatte rituelle Gründe. Gefunden wurde die Leiche 1984 im Moor Lindow Moss in der Nähe von Manchester.

Vermutlich stammt die Leiche aus dem ersten Jahrhundert nach Christus – zu einer Zeit, als die Römer nach Britannien vordrangen. Gut möglich, dass die Einheimischen mit der Opferung um göttlichen Beistand für den Kampf gegen die Eindringlinge baten. Die Beisetzung im Moor sorgte dann für eine natürliche Mumifizierung des Toten.

(Foto: Wikipedia CC-BY-SA-4.0/Mike Peel)
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Ritter Kahlbutz – das volkstümliche Schreckgespenst

Auch Ritter Kahlbutz zählt zu den Mumien, deren Körper sich ohne Konservierungsmaßnahmen erhielt – wenn man Selbstverfluchung zu Lebzeiten nicht dazu zählt. Genau das tat der Adlige aus der Mark Brandenburg nämlich der Legende nach. Wegen Mordes angeklagt, soll er geschworen haben: "Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann soll mein Leichnam nie verwesen." Und so geschah es dann auch, nachdem er 1702 starb.

Eine plausible Erklärung für seinen Erhaltungszustand gibt es bislang noch nicht. Der Ritter spukt durch zahlreiche Sagen und Legenden, so soll er einem französischen Soldaten, der mit seiner Mumie herumalberte, des Nachts den Hals umgedreht haben. Aber auch die Dorfbewohner hatten ihren makabren Spaß mit dem Toten. So wurde er – der örtlichen Folklore nach – mindestens einmal einer Braut ins Hochzeitsbett geschmuggelt.

(Foto: dpa - picture-alliance)
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Das Mädchen, das ein Junge war

Eine Story wie ein Roman: Das "Mädchen von Windeby" – 1952 im Domslandmoor nahe der Ortschaft Windeby entdeckt – sollte eine Ehebrecherin gewesen sein, die den drakonischen Strafen der Germanen entsprechend im Moor getötet wurde - die Augen verbunden, die Haare geschoren und als Zeichen für ihr sexuelles Fehlverhalten die Hand zur Geste der "Feige" geformt.

Problem nur: An dieser Geschichte, die kurz nach dem Fund die Runde machte, stimmt eigentlich nichts. Die vermeintliche Frau ist ein Junge, er starb eines natürlichen Todes und trug ein über die Augen gerutschtes Stirnband. Und die Handgeste war das Werk eines übereifrigen Konservators. Die Mumie aus der Zeit um Christi Geburt befindet sich heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf.

(Foto: dpa - picture-alliance)

Das Museum hat kuriose Zahlen zusammengetragen: So wurden bisher etwa 750 Kilometer Eintrittskarten verkauft, das entspricht ungefähr der Entfernung von Bozen nach Paris. Auch Prominente sind unter den Besuchern gewesen, zum Beispiel die beiden ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und Horst Köhler. Auch die französische Schauspielerin Catherine Deneuve war schon da.

Kanzlerin Angela Merkel, die jeden Sommer in Südtirol urlaubt, wurde zwar eingeladen, hat den Ötzi allerdings noch nicht persönlich bestaunt. Genauso wenig Brad Pitt, der ein Ötzi-Tattoo trägt: Das Museum haben ihn zwar eingeladen und angefragt, warum er dieses Tattoo habe, aber er sei bisher noch nicht gekommen, so Fleckinger.

Die Aufbewahrung des Eismannes ist sehr aufwändig. Damit der Ötzi nicht schrumpft oder sonstigen Schaden nimmt, wird er mit einem ausgeklügelten Kühlsystem in einer Eisgruft erhalten. Er liegt wie aufgebahrt hinter einem kleinen Guckloch, durch das die Besucher einzeln schauen dürfen. Die Temperatur in seiner Kammer liegt bei etwa minus sieben Grad, die Luftfeuchtigkeit bei 99 Prozent. Zudem wird er immer wieder mit Wassernebel besprüht, damit er nicht austrocknet.

Komplett aufgetaut werde er einzig für Forschungszwecke – aber das auch nur sehr selten, sagte Fleckinger. Bisher sei das drei Mal der Fall gewesen. Die Forschungsanträge werden in der Regel gesammelt, damit dann alle Wissenschaftler auf einmal Untersuchungen an der Leiche machen können.

Das wissenschaftliche Interesse am Eismann ist nach wie vor groß – obwohl Forscher schon sehr viel über Ötzi herausgefunden haben. So kennen wir heute vieles über seine Todesumstände (tödliche Verletzung durch Pfeilschuss), seine letzte Mahlzeit (Steinbock), seine körperlichen Leiden (unter anderem Arterienverkalkung und Laktose-Intoleranz) oder seine mitgeführte „Reise-Apotheke“ (ein blutstillender Pilz).

  • dpa
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