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Hirnforschung Mythos Multitasking

Hirnforscher belegen, dass die Ansprüche vieler Arbeitgeber unerfüllbar sind. Der Mensch kann nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen. So bleibt Multitasking wohl vorläufig doch nur moderner Mythos.
  • Christian Wolf
3 Kommentare
Wer vieles gleichzeitig tut, ist häufig unkonzentriert. Quelle: Reuters

Wer vieles gleichzeitig tut, ist häufig unkonzentriert.

(Foto: Reuters)

DÜSSELDORF. Der ideale Angestellte sollte belastbar und flexibel sein, so steht es in fast jeder Stellenanzeige. Und die optimale Steigerung davon ist „multitaskingfähig“. Mitarbeiter, die wie ein Computer mehrere Aufgaben zugleich erledigen können, sind der Traum eines modernen Arbeitgebers. Doch dass er fast zwangsläufig platzen muss, legen neuere Studien aus der Psychologie und Hirnforschung nahe.

Der Kommunikationswissenschaftler Clifford Nass von der Stanford University testete selbsterklärte Multitasker darauf, was sie denn nun besser können als andere. Er fand nichts. Im Gegenteil: Wie nass und seine Kollegen vor kurzem im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ berichteten, erwiesen sich eifrige Multitasker, also Personen, die überdurchschnittlich viele Medien gleichzeitig konsumieren, als ziemlich unkonzentrierte Zeitgenossen. So ließen sie sich beim Erledigen einer Aufgabe viel leichter ablenken als die Probanden der Vergleichsgruppe, die selten mehrere Medien gleichzeitig konsumieren. Die Multitasker ließen sich durch störende Signale eher ablenken und brauchten mehr Zeit für die jeweilige Tätigkeit. Ohne Ablenkung und Störungen lösten beide Gruppen die Aufgaben gleich gut.

Auch Informationen, die sie in ihrem Kurzzeitgedächtnis behalten hatten, konnten die überzeugten Multitasker schlechter in wichtige und unwichtige einteilen. Sie brauchten sogar länger, um von einer zur anderen Tätigkeit zu wechseln. Das überrascht umso mehr, bedenkt man welch wichtige Rolle dem schnellen Hin-und Herwechseln beim Multitasking zukommt. Nass vermutet, dass es solchen Menschen schwer fällt, den Kopf frei zu kriegen. „Sie denken immer darüber nach, was sie zuvor getan haben oder in Zukunft machen werden, und verschlechtern damit ihre Denkleistung.“

Da sich die Teilnehmer beider Gruppen in ihren geistigen Fähigkeiten sonst nicht erheblich unterschieden, könnte die Konzentrationsschwäche eine Folge des häufigen Multitaskings sein. Nass räumt aber ein, dass es auch umgekehrt sein könnte: Vielleicht neigen Menschen zum Multitasking, die sich sowieso schlecht auf eine einzelne Sache konzentrieren können.

Der an der RWTH Aachen lehrende Psychologe Iring Koch glaubt ohnehin, dass es sich um einen modernen Mythos handelt: „Multitasking im strengen Sinne – man erledigt mehr als eine Aufgabe gleichzeitig und störungsfrei – gibt es wohl nicht.“ Entweder verschlechtere sich dann die Leistung oder wir werden langsamer. Wahrscheinlich, so Koch, seien wir in solchen Situationen eher konfus und brauchten letztlich häufig länger, als wenn wir die Sachen nacheinander angingen.

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3 Kommentare zu "Hirnforschung: Mythos Multitasking"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Daniel hat Recht. Auch in der informatik gibt es kein "gleichzeitig". Es gibt nur ein "verdammt schnell hintereinander". Natürlich ist das für uns Menschen nur noch als "gleichzeitig" wahrnehmbar, dennoch ist es das nicht.


    greez

  • Da ich seit einigen Jahren als berater Produktivitätstraining anbiete, ist mir die Thematik des Multi-Tasking natürlich vertraut – und ach noch nicht abschließend geklärt. Obwohl ich den Vergleich mit dem Prozessor des Computers sehr interessant finde, dem nacheinander Aufgaben für Millisekunden zur Verfügung gestellt werden, die dann scheinbar gleichzeitig bearbeitet werden, glaube ich, dass in der Diskussion des Phänomens noch ein Aspekt fehlt. Und zwar ganz einfach die Frage dem „iCH“. Von wem wird denn geredet? m beispiel von Gerald Ford, wie im Artikel aufgeführt, wurde Scherzes halber nachgesagt, er könne nicht einmal spazieren gehen und gleichzeitig dabei Kaugummi kauen. Hier, denke ich, liegt der Hase im Pfeffer. beide Tätigkeiten laufen bei uns normalerweise automatisch ab. Das heißt, um spazieren zu gehen, brauche „ich“ nicht viel zutun, genauso wenig um Kaugummi zu kauen. Mein unbewusst ablaufender Autopilot hat in diesen Fällen das Ruder übernommen. Wenn ich mir Kaugummikauen einmal angewöhnt habe, brauche „ich“ mich nicht mehr drum zu kümmern. Daher bin der Meinung, dass Multi-Tasking natürlich machbar ist, durchaus Sinn macht und in der Tat so wie so bei uns allen abläuft.
    Wenn „ich“ mich jedoch unterhalte und in dieser Kommunikation mehr vermittelt wird als die eigene Meinung zum Wetter, dann merken wir alle ganz schnell, wenn der oder die andere bei der Sache ist oder nicht. Sowie der gegenüber nicht mit seiner ganzen Aufmerksamkeit dabei ist, wird mir das von meiner inneren Kommandostation mitgeteilt: „Achtung, XY hört nur halb zu“ oder „hat den Rest nicht mitbekommen“. Was ich an der Sensorik unseres Kommandozentrums so interessant finde, ist, dass es selbst über große Entfernung hin funktioniert. Man muss sich gar nicht physisch gegenüber stehen: ich habe an Telefonkonferenzen mit vielen Teilnehmern teilgenommen, in denen sehr schnell auffiel, wenn manch einer nicht wirklich dabei war. Sie kennen das doch auch, wenn Sie am Telefon sind und am anderen Ende der Leitung auf einmal die Antwort eine Millisekunde zu spät kommt, nicht ganz den Nagel auf den Kopf trifft oder das Gespräch nicht wirklich vorwärts bringt… Jedes Mal, wenn der andere nicht seine 100% Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt, wird das registriert! Und wie wird es empfunden, wenn man mit nur einem Teil des anderen abgespeist wird?
    ich sage also ganz einfach, das die Frage des Multi-Tasking eine philosophische ist: Wer bin „ich“ denn? Und wer soll ich denn sein, wenn „ich“ mich teilen kann? Meine Erfahrung ist ganz einfach die, dass „ich“ mich nicht teilen kann. Wenn „ich“ versuche, durch Multi-Tasking mehr zu tun (und es nicht um Aufgaben geht, die ich an den Autopiloten delegieren kann), dann ist dies immer unbefriedigend. Wenn andere von meinem Multi-Tasking betroffen sind, ist es immer ein Zeichen von mangelndem Respekt dem anderen gegenüber.

  • Schaut man etwas genauer hin, wie gängige Desktop-PC und ihre betriebssysteme das Multitasking bis vor ein paar Jahren noch gelöst haben, erweist sich auch dieses als Mythos und ist durchaus mit dem des Menschen vergleichbar: Ein PC, der nur einen Prozessor(kern) hat, kann auch nur genau eine Aufgabe zur gleichen Zeit lösen. Dass er trotzdem scheinbar multitaskingfähig ist liegt daran, dass das betriebssystem den unterschiedlichen Aufgaben in extrem schneller Abfolge Abwechselnd "den Prozessor zur Verfügung stellt" (Preemptives Multitasking). Auch hierbei entsteht Overhead, so dass der PC vom Prinzip her schneller wäre, wenn er sich die ganze Zeit nur um eine Aufgabe zu kümmern hätte. Zum Glück wartet der Standard-Desktop-Rechner aber die meiste Zeit seines Lebens auf die Eingaben seines benutzers, so dass dies nicht so sehr auffällt. Da das menschliche Gehirn also offenbar auch nur einen Prozessor zu besitzen scheint, können mehrere Aufgaben auch nur abwechselnd und nur scheinbar im Multitasking erledigt werden. beim Menschen fällt der dabei entstehende Overhead jedoch deutlich ins Gewicht...