Interaktive Tische Erfolg durch Handauflegen

Zwei Gründer aus Wedel bauen interaktive Tische, die sich mit Gesten steuern lassen. So versetzen sie einen virtuellen Fischschwarm in Aufregung und lenken Präsentationen. Die Technik könnte das Werben und Präsentieren revolutionieren.
  • Lars Reppesgaard
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Schüler probieren den interaktiven Tisch der jungen Firma Eyefactive aus. Nutzer können mit der sogenannten Multi-Touch Technik Präsentationen steuern. (Quelle: pr) Quelle: eyefactive

Schüler probieren den interaktiven Tisch der jungen Firma Eyefactive aus. Nutzer können mit der sogenannten Multi-Touch Technik Präsentationen steuern. (Quelle: pr)

HAMBURG. Ein wenig sehen sie aus wie zwei Zauberlehrlinge beim Kräftemessen. Geheimnisvoll beugen sich Johannes Ryks und Matthias Woggon über ihren selbst gebauten Tisch. Dort, wo ihre Hände die schwarz schimmernde Platte berühren, erwacht sie zum Leben: Flammen züngeln unter der Oberfläche und tauchen den Raum in flackerndes Licht. Dann nicken sich die Männer zu und halten die Hände still. Sofort erlischt der Spuk.

Mit Magie hat der Auftritt der beiden 26-Jährigen im Multimedia-Labor der Fachhochschule Wedel in Schleswig-Holstein nichts zu tun. Es geht um reine Technik: Die Tischoberfläche ist ein Computerbildschirm aus kratzfestem Glas, auf dem sich Multimediaanwendungen durch Berührungen steuern lassen.

Gesten und Fingerzeige genügen, um virtuelles Feuer zu entfachen – und viel mehr: Man kann Fotos herumschieben, vergrößern und verkleinern, sogar Texte bearbeiten und über die Tischplatte zum Gegenüber schubsen.

Neue Displaytechnik verändert präsentieren

Mit ihrem Unternehmen Eyefactive Interactive Systems wollen die Gründer die Displaytechnik umkrempeln. „Interaktive Oberflächen werden die IT-Welt verändern“, sagt Matthias Woggon. Es geht nicht nur um Spiele. Die kommunikativen Großdisplays helfen beim Werben und Präsentieren.

Eyefactive startete 2008 als ein Spin-off der Fachhochschule Wedel. Direkt über dem Multimedia-Labor hat die junge Firma noch immer ihr Büro. Ryks und Woggon bauten hier als Medieninformatik-Studenten ihren ersten interaktiven Tresen – eine Art Werkbank für IT-gestütztes Teamwork.

Die Multitouch-Technik macht Maus und Tastatur überflüssig. In den Eyefactive-Tischen projiziert ein Beamer ein computergeneriertes Bild auf die Glasplatte. Dort sorgt eine Rückprojektionsfolie für ein scharfes und kontrastreiches Beamerbild.

Im Inneren erzeugen Infrarotlampen ein für den Menschen unsichtbares Licht. Wenn Hände die Oberfläche berühren, erfasst eine Kamera – ebenfalls im Tischunterbau integriert – die entstehenden Infrarotreflexionen und misst sie. Eine Spezialsoftware rechnet die Signale durch Filter- und Bildbearbeitungsschritte in eindeutige Befehle um. So versteht der Computertisch, was der Nutzer will.

Die sogenannte Multimotion-Technik, die Eyefactive alternativ anbietet, ist eine Erweiterung dieses Prinzips. Sie erkennt Bewegungen auch ohne Oberflächenkontakt. Die Infrarotquelle hängt dabei über dem Tisch. Das System rechnet Schatten in Steuerimpulse um.

Werbewände werden lebendig

Die Produkte der Norddeutschen richten sich an Firmenkunden – und sind echte Hingucker: Auf interaktiven Fußböden setzt jeder Schritt Animationen in Gang. Ein virtueller Fischteich ist in einen Tresen eingebettet. Ein Wink versetzt die Fische in helle Aufregung. Und mannshohe Werbedisplays erwachen zum Leben, wenn ein Passant an ihnen vorbeischreitet.

Die positive Resonanz auf der Computermesse Cebit, wo der Tisch 2008 gezeigt wurde, ermutigte das Duo, die Technologie in ein Geschäftsmodell zu gießen. Ein halbes Jahr lang paukten Woggon und Ryks im Gründerzentrum Hamburg das Einmaleins der Firmenführung. 2009 trugen sie ihre Gesellschaft ein, heute helfen Fördertöpfe des Landes Schleswig-Holstein bei der Finanzierung.

Durchgearbeite Nächte und leere Pizzaschachteln

Das Herz der Eyefactive-Technologie heißt Evovis. Diese Software, eine sogenannte Tracking Engine, ist das Bindeglied zwischen Hardware und den Anwendungen. Sie misst Berührungen und Gesten und rechnet diese Signale so um, dass der Computer sie als Befehle erkennt – sei es „Bild vergrößern“ oder „Film abspielen“.

Vom Klischee echter IT-Freaks mit durchgearbeiteten Nächten und aufgetürmten leeren Pizzaschachteln wissen auch diese Gründer zu berichten: „Evovis zu programmieren war ein hartes Stück Arbeit“, sagt Ryks.

Heute entwickeln Woggon und Ryks mit ihren fünf Mitarbeitern Ideen, um die Riesenbildschirme zu bespielen. Jugendliche seien aus dem Häuschen, wenn ihnen ein solcher Zaubertisch unter die Finger kommt. So geschehen auf der Schweizer Nachwuchsmesse Tecmania, als Schüler auf einer gut fünf Quadratmeter großen, interaktiven Oberfläche daddeln durften. Sie lenkten im Team Laserstrahlen um Hindernisse herum oder schoben kniffelige Wasserrohrsysteme zusammen. Der Mix aus Denksport und Gruppenspiel hatte noch einen tieferen Sinn: Das junge Publikum sollte sich für technische Berufe begeistern.

Da die Gründer vor allem individuelle Lösungen verkaufen wollen, geben sie keinen Teil der Entwicklung aus der Hand. Eyefactive baut auch die Hardware für die Systeme. „Dass wir Hard- und Software gemeinsam entwickeln, ist von Vorteil – es garantiert, dass alles reibungslos funktioniert“, sagt Woggon.

Zwanzig Nutzer um einen Tisch

Vor allem beim Bau von Präsentationssystemen für Messen sehen die Unternehmer Potenzial. „Überall, wo Firmen öffentlich Produkte zeigen, haben wir mit unserer Technologie gute Chancen“, sagt Ryks. Vorhandene Kiosksysteme sind eher für Solonutzer ausgelegt. „Wir aber können Bildschirme bauen, an denen 20 und mehr Leute gleichzeitig interaktive Anwendungen bedienen und sich zum Beispiel Fotos, Videos, 3D-Animationen oder Präsentationen zeigen lassen können.“

Auch in den Flagship Stores großer Markenunternehmen könnte die Technik zum Einsatz kommen. Zudem hat das Duo Konferenzräume im Visier. „Der eine öffnet eine Excel-Tabelle, der nächste fügt Skizzen in einer Mindmap hinzu, und alle können auch persönlich miteinander interagieren“, sagt Ryks.

Experten machen den Jungunternehmern Mut. „So etwas kauft man nicht von der Stange, der Bedarf an individuellen Lösungen ist groß“, sagt Patrick Baudisch, Displayexperte an der Uni Potsdam. Er sieht Chancen im Messebau oder in der Konferenztechnik: „Man kann sich gegenseitig sehen, während man gemeinsam Anwendungen benutzt. Gerade das macht diese Lösungen enorm attraktiv.“

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