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Interview Stifterin Brigitte Mohn: „Europa hat alle Zutaten und macht nichts daraus“

Die Vorständin der Bertelsmann Stiftung sieht eine Innovationskluft in Europa. Im Interview erklärt sie, was in Sachen Digitalisierung besser laufen muss.
Update: 08.04.2019 - 17:31 Uhr Kommentieren
„Jungen Menschen in Deutschland fehlt es an Mut, Risikobereitschaft und auch Neugierde.“ Quelle: Jan Voth /  Bertelsmann Stiftung
Brigitte Mohn

„Jungen Menschen in Deutschland fehlt es an Mut, Risikobereitschaft und auch Neugierde.“

(Foto: Jan Voth / Bertelsmann Stiftung )

Gütersloh Brigitte Mohn plädiert für einen europäischen Weg in der Datenökonomie. Die Stifterin findet, dass Deutschland und Europa sich bei Innovationen zur Künstlichen Intelligenz „gerade gegenüber Konkurrenten wie China oder den USA“ klar profilieren und eine führende Rolle übernehmen können.

Brigitte Mohn ist nicht nur Mitglied im Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sondern auch in der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft und Mitglied des Aufsichtsrats von Bertelsmann. Die 54-Jährige ist gut vernetzt und sieht gute Voraussetzungen für den Standort Deutschland: „Wir haben eigentlich alle Zutaten und machen nichts daraus“, sagt Mohn. Das Resultat sei, dass die EU im internationalen Vergleich als Innovationsraum derzeit deutlich hinter den USA oder Ländern wie Südkorea oder Japan zurückbleibe.

Mohn mahnt, dass auch das Unternehmertum gezielt gefördert werden müsse. Sie denkt dabei vor allem an Innovationen im Bereich der „Künstlichen Intelligenz, die human und umweltfreundlich sind und zu den demokratischen Werten offener Gesellschaften besonders passen“.

Sie skizziert, wie Daten zum Beispiel in China genutzt würden: „Zur Stabilisierung des politisch-wirtschaftlichen Systems und auch zur Steuerung der Gesellschaftsentwicklung.“ In den USA fehle dagegen das „ethische Rückgrat“, man konzentriere sich dort auf den maximalen Shareholder-Gewinn.

Europa dagegen stehe für „Rechtssicherheit, Freiheitsinanspruchnahme und Datensouveränität des Bürgers“. Europa könne daher einen dritten Weg aufzeigen, sagt die Familienunternehmerin.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Mohn, als Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung beobachten Sie die Entwicklung der Digitalisierung im Detail. In welchen Bereichen kann Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen?
Ein besonderer Wettbewerbsvorteil für Deutschland und Europa kann erwachsen, wenn Innovationen einen klaren gesellschaftspolitischen Mehrwert bieten: Idealerweise helfen sie bei der Lösung drängender Probleme, etwa im Kontext des demografischen Wandels, der Pflege, einer chancengerechten Arbeitswelt oder des Klimaschutzes. Auch die ethischen und qualitätsbezogenen Leitlinien und Korridore für eine gesellschaftliche Systemgestaltung der digitalen Ökonomie können und sollten aus Europa kommen.

Warum gerade aus Europa?
Weil Innovationen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, die human und umweltfreundlich sind, zu den demokratischen Werten offener Gesellschaften besonders passen. Zu Werten, die Privatsphäre achten und die Transparenz und Fairness gewährleisten. In solchen Feldern könnten Deutschland und Europa – gerade gegenüber Konkurrenten wie China oder den USA – sich klar profilieren und eine führende Rolle übernehmen.

Bitte etwas konkreter …
Im staatszentrierten chinesischen Modell werden Daten sowohl zur Stabilisierung des politisch-wirtschaftlichen Systems als auch zur Steuerung der Gesellschaftsentwicklung genutzt. Das marktzentrierte US-Modell begreift sie vor allem als hauseigene Ressource der großen Tech-Konzerne, die ohne ethisches Rückgrat auf maximalen Shareholder-Gewinn abzielen.

Europa kann hier eine klare Antwort geben auf die Gestaltung der Systeme bezüglich der Rechtssicherheit, Freiheitsinanspruchnahme und Datensouveränität des Bürgers. Staatliche Rahmensetzung, verbunden mit einer langfristigen Berücksichtigung des technologischen Fortschritts auf die System- und Gesellschaftsgestaltung, wird zu einer Herausforderung, derer wir uns annehmen können und sollten. Wir haben die Chance, diese strategische Lücke zu füllen und globale Standards zu entwickeln.

Haben wir denn die Kraft und das Potenzial dazu in Europa?
Was die eigentliche Innovationskraft Europas betrifft, liegen wir an sich nicht schlecht. Im Global-Competitiveness-Ranking des World Economic Forum belegt Deutschland den ersten Platz bei der Innovationskraft. Auf eine Million Einwohner kommen hierzulande mit 295 doppelt so viele Patentanmeldungen wie in den USA mit 144. Und bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen wir im globalen Vergleich mit drei Prozent des BIP unter den Top Ten. Aber dies allein reicht nicht. Wir müssen auch das Unternehmertum gezielt fördern.

Was kann da getan werden?
Als Erstes brauchen wir unbedingt mehr Führung und gemeinsamen Konsens zwischen Politik und Wirtschaft bei der Frage, wohin Deutschland im EU-weiten und internationalen Wettbewerb wirklich will. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Beispiel: Die Benennung einer Staatsministerin für Digitalisierung ist zwar ein erster Schritt in die richtige Richtung. …

... aber?
Unsere Digitalkompetenz ist immer noch nicht gebündelt in einem Digitalministerium, sondern verteilt auf 14 Bundesministerien, 76 Abteilungen und 244 Teams mit 482 Mitarbeitern, wie eine Anfrage der Grünen ergeben hat. Ein klarer Fahrplan fehlt sowohl nach innen als auch in der Frage der Führung in Europa.

Wenn Deutschland zumindest in Europa einen Führungsanspruch deklarieren möchte, dann sollten wir aufhören, den Wettbewerb im Kleinen zu definieren, und schneller unnötige Barrieren aufheben. Innovation braucht Fokus, Freiheit und den Mut und Willen, Veränderung bewusst anzugehen. Dies hat China ganz sicher verstanden. Auch Indien zieht zügig nach, und Israel als kleinstes Land im Innovationsbereich weiß als Start-up-Nation schon längst, dass Innovation durch den Staat gefördert werden muss.

Was ist demnach vordringlich zu tun?
Wenn Deutschland und Europa wirklich wettbewerbsfähig bleiben wollen, brauchen wir grundlegend bessere Rahmenbedingungen in der Bereitstellung von Wagniskapital, Steuererleichterungen für Jungunternehmen und eine bessere Verknüpfung von Schule, Ausbildung, Forschung und Industrie. Grundlage ist eine konzentrierte Weiterentwicklung einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur.

Polemisch gefragt: Funktioniert überhaupt schon etwas in dieser Richtung?
Die für Deutschland skizzierten strukturellen Schwächen und Herausforderungen sind sogar noch gravierender im europäischen Gesamtkontext. Auf den ersten Blick steht Europa zwar nicht schlecht da, aber die Heterogenität der Innovationskraft innerhalb Europas ist immens. Während die nordwesteuropäischen Länder Schweden, Dänemark, Finnland, Deutschland und die Benelux-Staaten im internationalen Maßstab über eine noch immer vergleichsweise hohe Innovationskraft verfügen, sind insbesondere die südlichen und südosteuropäischen Staaten abgehängt. Es herrscht eine regelrechte Innovationskluft. Von den 50 innovativsten Unternehmen der Welt stammten im Jahr 2018 bloß 16 aus Europa.

Was schließen Sie daraus?
Wir haben eigentlich alle Zutaten und machen nichts daraus. Resultat: Die EU liegt im internationalen Gesamtvergleich als Innovationsraum derzeit deutlich hinter den USA oder Ländern wie Südkorea oder Japan. Mit einem Anteil von 1,3 Prozent des BIP investieren EU-Unternehmen weniger stark in Innovation als ihre weltweiten Konkurrenten.

In China liegt der Anteil bei 1,6 Prozent, in den USA bei zwei Prozent, in Südkorea bei 3,3 Prozent und in Israel bei 3,7 Prozent. Von dem selbst gesteckten Ziel, bei den öffentlichen und privaten Innovationsausgaben auf jährlich drei Prozent des BIP zu kommen, ist die EU mit derzeit zwei Prozent weit entfernt.

Woran fehlt es konkret?
Auf der Unternehmensseite zählt zu den wesentlichen strategischen Problemfeldern gegenüber globalen Konkurrenten ein Rückstand im Bereich neuer digitaler Schlüsseltechnologien wie der Künstlichen Intelligenz. Es fehlt an Sprunginnovationen und der branchenspezifischen digitalen Datenökonomie, außerdem fehlen häufig entsprechende Kompetenzen bei den Mitarbeitern. Dabei wird die Kluft zwischen Großunternehmen und KMU bei den Innovationsausgaben größer. Und die Anzahl der Gründungen insgesamt ist rückläufig.

Hinzu kommt: Auch das Gefälle zwischen ländlichen und urbanen Räumen nimmt zu. Die für Innovationen so wichtige Verzahnung von Unternehmen, Forschung und Gründern konzentriert sich nur auf wenige Zentren, die dann auch noch regional spezifisch sind und im Wesentlichen in Süddeutschland liegen. In strukturschwachen Regionen und in vielen Branchen liegt das Innovationssystem komplett brach.

Was bedeutet dieser Befund?
Kreativität, erforderliche Risikobereitschaft und Mut zum Unternehmertum müssen gezielt gefördert und unterstützt werden. Das fängt in der Schule an, geht über die Universitäten und Forschungseinrichtungen bis in die Unternehmen. Nur in einem übergreifenden Bildungs- und Förderungsansatz werden wir es schaffen, die Innovationskraft sowohl in der Spitze als auch in der Breite zu steigern.

Dies legen eindrücklich drei Zahlen nahe: Von den Einhörnern (junge Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar, d. Red.) der Digitalökonomie kommen nur sehr wenige aus Europa. Aus der traditionellen Wirtschaft liegt Siemens unter den 50 weltweit innovationsstärksten Unternehmen als erster deutscher Vertreter auf Platz 21. Statt Sprunginnovationen produzieren wir immer mehr inkrementelle Fortschritte: Wurde 1980 noch jedes zweite Patent aus Deutschland als wesentliche Neuerung eingestuft, ist dies heute nur noch bei jedem fünften der Fall.

Wie unterscheidet sich der heutige Gründergeist von dem vorheriger Generationen?
Man kann das nicht verallgemeinern. Was man aber sicher sagen kann: Die heutige Denkweise des schnellen Exits und Cash-outs ist getrieben durch eine überhöhte Euphorie hinsichtlich der Digitalisierung und des Finanzmarkts. Viele junge Unternehmen gründen gar nicht aus der Überlegung, langfristig einen neuen Mittelstand zu etablieren. Zudem fehlt es hier in Deutschland an Mut, Risikobereitschaft und auch Neugierde. Diese Neugierde aber kann gefördert werden und in Innovation münden. Das muss nur schon sehr früh geschehen – wie in den skandinavischen Ländern und auch in Israel bereits im Kindergarten und in der Schule.

Wieso sind auch die Nähe zwischen Wirtschaft und Start-ups und das Vertrauen dieser Welten zueinander so wichtig?
Der Wettbewerber von heute ist dabei der Partner von morgen – und umgekehrt. Was wir brauchen, sind Investitionen in Talente, die den Zeitgeist einer digitalen Generation in unternehmerisches Handeln umsetzen. Viele Entscheidungsträger folgen noch immer dem Wissen, das sie sich in ihrer Universitätszeit über Kapital und Ertrag angeeignet haben. Dann entstehen Digitalstrategien, die fast ausschließlich mit Blick auf das eigene Marktsegment entwickelt wurden. Die digitale Transformation macht es aber erforderlich, statt in Branchen in Netzwerken zu denken.

Was kann die „alte“ Welt von der „neuen“ lernen?
Start-ups haben einen Riesenvorteil in Bezug auf die Haltung und den unbedingten Willen, etwas besser und anders machen zu wollen. Sie können frei denken und sind schnell, wendig und flexibel. Und anders als früher verstehen sie, dass das Einzelkämpferdasein nicht das Erfolgsrezept ist, sondern dass wie bei den globalen Unternehmenscampus-Ansätzen das Shared-Economy-Prinzip übergreifende Werte durch Netzwerkeffekte kreiert. So wie bei Kindern sind die Teams oft intrinsisch fest davon überzeugt, dass ihre Idee, ihr Geschäftsmodell das richtige ist – und dass sie besser sind als die Konkurrenz. Sie wollen! Dabei hat die junge Generation eine deutlich gelassenere Einstellung als viele arrivierte Unternehmer. Dies gilt auch für den Umgang mit Fehlern. Scheitern wird nicht als persönliches Problem gesehen, sondern als Lernprozess.

Statt Sprunginnovationen produzieren wir immer mehr inkrementelle Fortschritte.

Können Sie Beispiele nennen?
Viele der derzeit erfolgreichsten globalen Player – von Alibaba über Apple und Alphabet bis Tencent – haben es geschafft, diese beiden Aspekte, den Netzwerkgedanken und die Fehlerkultur, nachhaltig in ihrer Unternehmenskultur zu verankern. Das findet bei uns noch kaum statt. Wir müssen viel offener und lernfähiger sein.

Haben Sie persönlich schon mal bei einem Start-up Hilfe gesucht?
Ja, absolut! Immer dann, wenn alle sagen, wir haben keine Lösung für das Problem. Nehmen Sie die Umsetzung der Sustainable-Development-Ziele – und hier die Vermeidung von Abfällen und Plastikmüll, der Dekontaminierung des Bodens und der Ausnutzung von Arbeitskräften in der Textilindustrie. Wir brauchen in der Textilindustrie für die Herstellung, die Verarbeitung und den Vertrieb unbedingt neue Lösungen im Sinne der Circular Economy und des Umweltschutzes.

Warum genau?
Wir können uns nicht damit zufriedengeben, dass wir weltweit allein für die Herstellung von Textilien 93 Milliarden Kubikmeter Wasser und damit 20 Prozent des globalen industriellen Wasserverbrauchs benötigen – und dabei jährlich mehr als 500.000 Tonnen Mikroplastik in den Weltmeeren landen. Schließlich werden weniger als ein Prozent der erstellten Textilien als Bekleidung wiederverwendet, und 85 Prozent enden im Müll. Und nicht zu vergessen, dass ein großer Teil der 170 Millionen Kinder, die weltweit von Kinderarbeit betroffen sind, in der Textilindustrie arbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass Start-ups hier eine sehr wertvolle Arbeit liefern können, in genau diesen Problemfeldern neue Lösungen anzubieten. Und hier haben gerade die etablierten Unternehmen eine riesige Chance, wenn sie den Schulterschluss suchen.

Frau Mohn, vielen Dank für das Interview.

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