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Iter

Der Reaktor ist seit 2007 beim südfranzösischen Kernforschungszentrum Cadarache im Bau.

(Foto: Iter Organization)

Iter-Generaldirektor Bernart Bigot „Deutschland wäre einer der größten Profiteure von Fusionskraftwerken“

Strom aus Kernfusion soll sauber, günstig und sicher sein. Der Chef des internationalen Forschungsprojekts Iter spricht über Chancen und Risiken.
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Düsseldorf Mit Erneuerbaren Energien allein ist der Klimawandel nicht zu stoppen, glaubt Bernart Bigot. „Die Probleme, dass es nicht windig ist oder die Sonne nicht scheint, werden wir niemals beseitigen können“, sagte der Generaldirektor des Projekts „International Thermonuclear Experimental Reactor“, kurz Iter, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Es brauche einen Weg, schwankungsfreie Energie zu produzieren, um schmutzige fossile Energieträger zu ersetzen. Bigot hält die Kernfusion für die sinnvollste Lösung. Seit Jahrzehnten wird daran geforscht, Teilchen eines radioaktiven Gasgemischs in Reaktoren zu verschmelzen, wobei große Mengen Energie frei werden. Daraus soll dann Strom gewonnen werden.

Unter der Leitung von Bigot bauen die EU, die USA, China, Südkorea, Japan, Russland und Indien derzeit gemeinsam in Südfrankreich den Iter, einen voraussichtlich 20 Milliarden Euro teuren Versuchsreaktor für die Kernfusion. 2035 will man mit diesem erstmals mehr Energie erzeugen, als für den Betrieb verbraucht wird.

Wie bei heutigen Atomkraftwerken könnte so günstig Strom ohne CO2-Ausstoß produziert werden. Im Gegensatz zur Kernspaltung aber, bei der hunderte Tonnen radioaktives Material eingesetzt werden, würden sich „im System eines Fusionskraftwerks gerade einmal zwei Gramm radioaktives Material befinden“, so Bigot.

„Bei Fusionsreaktoren wird es nur etwa hundert Jahre dauern, bis es keine Strahlung mehr gibt“, ergänzt der Franzose. Es bedürfe nicht der Suche nach Endlagern für Jahrtausende wie bei heutigen Brennstäben.

Lesen hier das ganze Interview:

Herr Bigot, wann fusionieren zum ersten Mal Teilchen im Iter?
Das erste Plasma wollen wir 2025 erzeugen. Bis 2035 wollen wir Iter dann so weit ausbauen, dass wir einen Netto-Energiegewinn erzeugen können. Dann wollen wir so viele Kerne fusionieren kann, dass zehn Mal mehr Energie aus der Anlage gewonnen werden könnte als wir hineinstecken.

„Wer Energie aus Fusion gewinnen will, braucht viel Platz.“ Quelle: Iter Organization
Bernart Bigot

„Wer Energie aus Fusion gewinnen will, braucht viel Platz.“

(Foto: Iter Organization)

Auf die Forschungsanlage Iter soll der Kraftwerks-Prototyp Demo folgen. Wann soll dann zum ersten Mal Strom aus der Fusion ins Netz eingespeist werden?
Ich denke, nach 2035 wird es noch weitere zehn Jahre dauern, bis eine solche Demo-Anlage steht. Bis die Technik dafür optimal ausgereift ist, dass wir das erste stromproduzierende Kraftwerk sehen, wird es nochmal bis etwa 2055 dauern.

Sind wir bis dahin insbesondere in Deutschland nicht längst in der Lage, unseren kompletten Strom aus Erneuerbaren Energien zu beziehen?
Natürlich werden Erneuerbare immer wichtiger. Aber die Probleme, dass es nicht windig ist oder die Sonne nicht scheint, werden wir niemals beseitigen können. Deshalb brauchen wir einen Weg, schwankungsfreie Energie zu produzieren, um schmutzige fossile Energieträger zu ersetzen. Und da ist die Fusion der sinnvollste Weg.

Warum soll ausgerechnet Energie aus Kernfusion am sinnvollsten sein?
Neben dem Punkt, dass sie keinerlei CO2 ausstößt, vor allem wegen der Flexibilität. Fusionskraftwerke lassen sich – anders als Kohlekraftwerke – schnell hoch- und wieder runterfahren. Deutschland wäre einer der größten Profiteure von Fusionskraftwerken. Außerdem werden wir als Kraftstoff lediglich Wasser und Wasserstoff brauchen. Und davon gibt es auf der Welt genug.

Dafür bedeutet Kernkraft ja auch immer den Einsatz von radioaktivem Material.
Im System eines Fusionskraftwerks, das nach unseren Planungen aus über 20.000 Tonnen Stahl bestehen würde, würden sich gerade einmal zwei Gramm radioaktives Material befinden. Und selbst wenn es ein Problem gibt, würde die Anlage sich automatisch abschalten. Deswegen kann es auch zu keinen Havarien durch Kettenreaktionen wie bei Tschernobyl kommen. Bei klassischen Atomkraftwerken werden hunderte Tonnen spaltbares Material verwendet.

Aber was passiert mit den vielen Tonnen Stahl, wenn ein Kraftwerk ausgedient hat?
Die Wände des Reaktors werden radioaktiv. Aber auch hier ist die Dimension wieder eine ganz andere. Man muss nicht wie bei heutigen Brennstäben nach Endlagern für Jahrtausende suchen. Bei Fusionsreaktoren wird es nur etwa 100 Jahre dauern, bis es keine Strahlung mehr gibt. Das liegt daran, dass superschwerer Wasserstoff das einzig radioaktive Material ist, das eingesetzt wird. Davon benutzen wir eben nur extrem wenig, und es hat nur eine Halbwertszeit von knapp über zehn Jahren.

Ein großflächiger Brand ist so ungefähr das schlimmste Szenario, was bei Kernkraftwerken eintreten kann. Was machen Sie, wenn es brennt?
Selbst wenn dadurch radioaktives Material freigesetzt wird, müssten die Anwohner am Kraftwerk nicht evakuiert werden. Sie wären ein paar Stunden in ihrer Mobilität eingeschränkt, bis alle Überprüfungen abgeschlossen wären. Das ist alles, weil nur so wenig strahlendes Material freigesetzt wird. Die Freisetzung von radioaktivem Staub etwa würde nie über die natürliche Konzentration in der Luft hinaus gehen.

Circa 20 Millionen Euro soll Iter kosten – komplett finanziert aus Steuergeldern. Im Vergleich zur Forschung an Erneuerbaren ist das ziemlich viel. Halten Sie das nicht für unverhältnismäßig?
Wer Energie aus Fusion gewinnen will, braucht viel Platz. Wenn man Fusionsenergie effizient produzieren will, müssen die Anlagen sehr groß sein, damit die Teilchen viel Platz haben, Geschwindigkeit aufzunehmen und viel Energie zu produzieren. Eine kleine Anlage mit 20 Metern Durchmesser wird niemals mehr Strom produzieren, als man hineinsteckt. Große Anlagen kosten natürlich mehr Geld.

Das amerikanische Energieministerium schätzt, dass Iter dreimal teurer wird, als geplant. Wie kann das sein?
Als die Mitgliedsstaaten begonnen haben, Iter zu planen, war ihnen noch nicht das Ausmaß des Projekts bewusst. Damals überwog einfach der Enthusiasmus. Aber dann wurden sie von der Komplexität eingeholt: Es dauert selbst in den besten Industriestandorten der Welt bis zu fünf Jahre, ein Bauteil für den Iter herzustellen. Ein realistischer Preis für das gesamte Projekt entstand erst, als das Projekt schon lief. Die Behauptung, dass die Kosten so stark gestiegen wären, fußen nur auf dem fehlenden Wissen vom Beginn des Projekts.

Trotzdem gab es ja auch danach immer wieder Kostensteigerungen.
Von einer Verdreifachung kann aber keine Rede sein. Und die Kosten, die wir 2015 veranschlagt haben, werden auch die finalen sein.

In Nordamerika wird Kernfusion ebenfalls gefördert. Schlagzeilen machen dort aber private Unternehmen, die mit alternativen Reaktortechnologien bereits in den nächsten Jahren Strom aus Fusion gewinnen wollen. Warum ist man dort so viel schneller?
Wer Kapital von privaten Geldgebern haben will, muss sein Vorhaben möglichst attraktiv verkaufen. Wenn die Unternehmen ihre Pläne umsetzen können, ist das natürlich wunderbar und würde alle unsere Probleme lösen. Aber bisher haben diese Unternehmen noch nichts Handfestes von ihrer Technik demonstrieren können. Ich halte eine Entwicklung in einer so kurzen Zeit nicht für möglich.

Wenn Kernfusion als Energieträger funktionieren würde, würde sie sich dann nicht einfach im freien Markt durchsetzen? Dann bräuchte es ja gar keine staatliche Förderung.
Wenn Iter gelingt und es zur Kommerzialisierung der Technik kommt, wird der freie Markt übernehmen. Bis dahin braucht es aber öffentliche Gelder, weil es wie gesagt massive Investments braucht. Das ist wie mit dem Bau von Passagierflugzeugen. Da hat auch niemand Millionen von Dollar in die Hand genommen und gesagt: Ich mache das jetzt auf eigenes Risiko. Stattdessen haben Deutschland und Frankreich Airbus gegründet, gezeigt, dass es funktioniert, und dann konnten private Unternehmen nachziehen. Genauso wird es auch bei der Fusion sein.

Herr Bigot, vielen Dank für das Interview.

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