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Künstliche Intelligenz Microsoft und die Forschung mit China: Jede Menge Streit um drei Aufsätze

Forscher von Microsoft haben mit einer chinesischen Militäruniversität kooperiert. Der Vorwurf: Microsoft habe sich an Menschenrechtsverstößen mitschuldig gemacht.
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Der Staat nutzt Technologie, um die Zensur zu verschärfen und gegen Minderheiten vorzugehen. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Chinesische Bürger

Der Staat nutzt Technologie, um die Zensur zu verschärfen und gegen Minderheiten vorzugehen.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

DüsseldorfIst Technik neutral? Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler für die Nutzung ihrer Forschung? Und wie wirkt sich ein globaler Konflikt auf die internationale Wirtschaft aus? All diese Fragen wirft ein Fall auf, der in diesen Tagen die Öffentlichkeit beschäftigt.

„Microsoft arbeitete mit chinesischer Militäruniversität an Künstlicher Intelligenz“, titelt die „Financial Times“ (FT) in der Donnerstagsausgabe auf Seite 1. Was mit dieser scharf formulierten Schlagzeile der Wirtschaftszeitung gemeint ist: Forscher des Softwarekonzerns verfassten im vergangenen Jahr gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftlern drei Aufsätze, in denen es um Bild- und Textanalyse ging.

So eine Kooperation ist in der akademischen Welt üblich, zwei Dinge sind daran aber pikant. Erstens: Die National University of Defense Technology (NUDT) steht unter Kontrolle der Nationalen Volksbefreiungsarmee. Zweitens: Die Technologien können für zivile Zwecke, aber auch für Überwachung und Zensur genutzt werden. Microsoft, so der Subtext, helfe China bei der Unterdrückung der Bevölkerung.

Die Titel der Aufsätze klingen wie üblich wissenschaftlich nüchtern. „Attention-Guided Answer Distillation for Machine Reading Comprehension“ ist ein Text beispielsweise überschrieben – es geht den Autoren also grob gesagt darum, das Leseverständnis von Maschinen zu verbessern. Eine andere Publikation beschäftigt sich damit, wie Algorithmen in Videos bestimmte Aktivitäten erkennen können.

Solche Technologien lassen sich für unterschiedliche Zwecke nutzen. Beispiel maschinelle Textanalyse: Sie ermöglicht es, Patentportfolios nach Themen zu sortieren oder in Verträgen wichtige Passagen zu identifizieren – die Maschine erleichtert es den Menschen, die Materialfülle zu bewältigen. Sie kann indes auch den Inhalt von Kommentaren im Internet interpretieren – was den Zensoren in China die Arbeit erleichtern würde.

„Wie viele andere Technologien auch lassen sich KI-Techniken oft auch militärisch nutzen“, sagt Christian Bauckhage, Professor für Informatik an der Universität Bonn und Forscher am Fraunhofer-Institut IAIS. „Ob sie primär für diesen Zweck entwickelt werden, hängt natürlich vom Einzelfall ab, aber Dual Use kann nur selten kategorisch ausgeschlossen werden.“

Forschung für alle

Für Microsoft ist die Kooperation „business as usual“: Die Mitarbeiter der Forschungsabteilung seien an Grundlagenforschung mit führenden Experten aus aller Welt beteiligt, „um unser Verständnis von Technologie zu verbessern“, erklärt der Konzern in einer Stellungnahme. „In jedem Fall orientiert sich die Forschung an unseren Prinzipien und entspricht vollständig US-amerikanischen und lokalen Gesetzen.“ Zudem veröffentliche man die Ergebnisse, damit jeder davon profitieren könne, betont das Unternehmen.

Unabhängige Beobachter halten die Zusammenarbeit dagegen für problematisch. „Diese Methoden und Technologien werden in China bereits für die Zensur und den Aufbau eines Überwachungssystems im autonomen Gebiet Xinjiang genutzt“, erklärt Helena Legarda, Forscherin am Mercator-Institut für Chinastudien (Merics). Microsoft helfe also womöglich der Kommunistischen Partei, die Zensur zu verschärfen und gegen Minderheiten vorzugehen.

Zumal die NUDT unter direkter Führung des Militärs steht. Die Universität habe zu wichtigen technologischen Fortschritten beigetragen, etwa bei der Weltraumforschung. Häufig handle es sich um „Dual use“-Technologien, die zivil wie auch militärisch genutzt werden könnten, betont die Expertin für chinesische Außen- und Sicherheitspolitik. Ihr Fazit daher: „Letztendlich ist NUDT eine militärische Institution, und ihre Studenten und Forscher arbeiten für das Militär.“

Auch Jörg Bienert, Vorsitzender des KI-Bundesverbands, sieht die Zusammenarbeit kritisch. „Im Umfeld der Künstlichen Intelligenz sieht man es sehr häufig, dass Unternehmen gemeinsam mit Universitäten Paper veröffentlichen.“ Dass Microsoft mit einer Universität der Armee zusammenarbeitet, wundert den Gründer der Firma Aiso Lab aber. „Es zeigt einen gewissen Mangel an Sensibilität, wenn Microsoft-Forscher an Projekten arbeiten, die das Militär einsetzen könnte.“

China hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Das Land will eine globale Supermacht in Wissenschaft und Technik werden – um die Wirtschaft zu stärken, aber auch, um das Militär zu entwickeln. Daher betreibt es Industriepolitik, um in wenigen Jahren bei Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz und Quantencomputer führend zu sein.

Forschungskooperationen wie zwischen Microsoft und der NUDT sind nach Ansicht von Merics-Forscherin Legarda Teil einer breit angelegten Strategie, mit der sich das Regime Zugriff auf Know-how verschaffen will. KI ist beispielsweise eine Querschnittstechnologie, die der Wirtschaft große Produktivitätsgewinne verheißt, aber auch im Militär von großem Nutzen sein könnte, etwa für autonome Fahrzeuge oder Überwachungssysteme.

„Zutiefst verstörend“

Mit dieser ehrgeizigen Politik eckt China jedoch immer wieder an, gerade erneut in den USA. Die beiden Supermächte stehen in einem vielschichtigen Konflikt, bei dem es vordergründig um Handelsbeziehungen geht, hintergründig aber um die Vorherrschaft in der Welt. Auch der juristische Streit zwischen der US-Regierung und dem chinesischen Netzwerkausrüster Huawei kommt nicht von ungefähr.

Daher sorgte auch der aktuelle Fall für Diskussionen. Microsoft habe sich an chinesischen Menschenrechtsverstößen mitschuldig gemacht, polterte etwa der republikanische Senator Marco Rubio. Es sei „zutiefst verstörend, dass eine amerikanische Firma aktiv mit dem chinesischen Militär zusammenarbeitet“, um zum Beispiel das Überwachungsnetzwerk in China auszubauen. China sei eine Bedrohung für die nationale und wirtschaftliche Sicherheit Amerikas.

Ähnlich hart formuliert es Senator Ted Cruz, ebenfalls Republikaner. „Amerikanische Firmen müssen verstehen, dass Geschäftsbeziehungen mit China erhebliche und sich vertiefende Risiken bergen“, diktierte er den Reportern der „Financial Times“ eine unverhohlene Drohung in den Block.

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