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Luftfahrt Autonom und CO2-frei: Das plant Airbus für die Zukunft des Fliegens

Autonome Jets und Fliegen ohne CO2-Emissionen: Bei den Innovation Days in Toulouse präsentiert der Flugzeugbauer seine Zukunftsvisionen.
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Kürzlich hob das revolutionäre Flugtaxi zu seinem Jungfernflug ab. Quelle: Airbus
City-Airbus

Kürzlich hob das revolutionäre Flugtaxi zu seinem Jungfernflug ab.

(Foto: Airbus)

Toulouse Airbus hat einen neuen Chefpiloten. Guillaume Faury ist seit gut einem Monat im Amt. Die Flugzeuge des europäischen Musterkonzerns dagegen sollen bald ohne Piloten auskommen, enthüllte Technikchefin Grazia Vittadini am Mittwoch bei den „Innovation Days“ des Herstellers in Toulouse.

Es ist ein gewagter Sprung in die Zukunft, und es ist zugleich ein Hinweis darauf, dass Airbus sich von der Ära des Faury-Vorgängers Tom Enders löst. Ein „neues Kapitel“ werde aufgeschlagen, formuliert der Franzose Faury.

Die Herausforderungen seien nicht mehr dieselben wie in der Vergangenheit, und es gebe „eine große Verlagerung der Prioritäten, erklärte der neue CEO bei den zweitägigen Innovation Days: „Wir zielen ernsthaft auf die Dekarbonisierung ab und wollen digital werden.“

Fast das gesamte Team um Faury ist neu. Und alle waren sie da: COO Michael Schöllhorn, Verkaufschef Christian Scherer, Programmchef Philippe Mhun, Marc Fontaine, für den digitalen Umbau verantwortlich, Technikchefin Grazia Vittadini und Jean-Brice Dumont, Vizepräsident von Airbus sowie Topingenieur des Unternehmens. Sie erläuterten Faurys Agenda im Detail.

Digitalisierung bedeutet für das Management, die Entwicklung neuer Produkte, die Produktionsprozesse und Services für die Kunden auf die digitale Ära einzustellen. „Wir wollen ein datengetriebenes Unternehmen werden“, sagte Mhun. Damit verbunden seien die Beschleunigung der Entwicklung und Kostensenkungen, fügte Schöllhorn hinzu. Er ist erst vor drei Monaten von Bosch zu Airbus gestoßen, hat sich aber bereits voll in die Abläufe eingearbeitet.

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Digitalisierung heißt aber auch, völlig neue Arten des Fliegens ins Auge zu fassen. „In ungefähr zehn Jahren“ würden kommerzielle Flüge mit nur noch einem Piloten stattfinden, sagte Vittadini. Noch vor Kurzem wollte Airbus kaum über das heikle Thema autonomes Fliegen sprechen. Die Widerstände gegen einen Flieger, der vollständig von Computern gesteuert wird, sind bei Passagieren wie Piloten erheblich.

Ein Jet mit einem Piloten müsste aber „vollständig auf Autonomie ausgelegt sein“, erläuterte Dumont, da der einzige Pilot an Bord ausfallen könne. Vittadini sagte, man werde das Projekt „Schritt für Schritt“ umsetzen. Viele der technischen Bausteine existierten bereits. So gibt es in Toulouse ein Einsitzer-Cockpit von Airbus, das gemeinsam mit Fluggesellschaften getestet wird. Doch noch sind technische Hürden zu überwinden.

So fehle eine absolut ausfallsichere Verbindung zwischen Boden und Flugzeug, sagte Dumont. Vittadini verwies auf die Zulassung: Es sei schwierig, die Künstliche Intelligenz (KI) zertifizieren zu lassen, die für autonomes Fliegen nötig ist. Denn bislang ist der Pilot der Garant für die Sicherheit jedes zugelassenen Fliegers. Künftig wäre es die KI eines Bordcomputers.

Hochfahren der Produktion als erste Priorität

Dennoch hat Airbus die Entscheidung getroffen, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. Das zeigt: Die Airbus-Mannschaft kann derzeit zwar in Ruhe arbeiten, weil infolge der Abstürze von zwei Boeing-Maschinen des Typs 737 Max alle Aufmerksamkeit auf dem Erzrivalen aus den USA liegt. Beschaulichkeit ist in Toulouse aber dennoch nicht eingekehrt – der europäische Boeing-Konkurrent scheint eher zu beschleunigen.

Erste Priorität ist das Hochfahren der Produktion. Bei seinem Brot-und-Butter-Flieger, der A320-Familie, ist das Unternehmen bereits bei einer Produktionsrate von 60 Flugzeugen pro Monat. Bis 2021 soll sie auf 63 Stück steigen. „Wir könnten auch noch höhere Stückzahlen verkraften“, sagen Airbus-Manager. Doch die Zulieferer halten nicht mit. Geprüft wird nun, was geschehen muss, damit die Lieferkette eine weitere Erhöhung der Produktion hergibt.

Airbus glaubt, dass automatisierte Prozesse dieses Szenario bald möglich machen. Quelle: Airbus
Nur ein Pilot?

Airbus glaubt, dass automatisierte Prozesse dieses Szenario bald möglich machen.

(Foto: Airbus)

Damit ist auch die Frage beantwortet, ob die teilweise schleppend verlaufenden Neubestellungen auf ein Ende des Booms hindeuten. Airbus ist dezidiert nicht dieser Ansicht, erwartet, dass in wenigen Jahren bereits 50 000 Flugzeuge unterwegs sein werden. Heute sind es rund 20.000. Dafür werden laut Airbus 600.000 Piloten benötigt. Für das Unternehmen ist dies ein Grund, sich auf den Ein-Piloten-Flieger (Single Pilot Operation, abgekürzt: SPO) vorzubereiten.

Airbus sieht eine Nachfrage nach diesen weitgehend selbstständigen Flugzeugen vor allem bei den Low-Cost-Airlines, die Personalkosten sparen müssen. Sie würden als erste Airlines Flüge mit SPO alternativ zu herkömmlichen Flügen mit Doppelkabine anbieten. Der Hersteller will schrittweise an die Umsetzung des ehrgeizigen Konzepts herangehen. Als Erstes würde ein autonomer Modus für die Bewegungen des Flugzeugs am Boden ausprobiert.

Dann würden Start und Ladung folgen und schließlich die Fähigkeit, voll autonom unterwegs zu sein. In Erwägung gezogen wird offenbar auch eine Architektur, bei der ein weiterer Pilot in einer Bodenstation mehrere Flüge überwacht und zur Not eingreifen kann.

Airbus glaubt an Flugtaxen

Airbus’ Technikvisionen sind damit noch nicht erschöpft. Zwischen 2025 und 2030 werde Airbus Flugtaxen in der Luft haben, die auf stark frequentierten Straßen etwa zu einem Flughafen für Entlastung sorgen sollen, hieß es am Mittwoch.

Erhebliches Potenzial sieht das Unternehmen zudem beim elektrischen Fliegen. Es soll ein Beitrag zur Umsetzung des Ziels sein, Flugzeuge ohne CO2-Emissionen zu betreiben. „Mein Traum ist es, dass in ein paar Jahren Greta Thunberg in einen Airbus einsteigt, der die Umwelt nicht belastet“, sagte Vittadini mit Blick auf die schwedische Klimaschutzaktivistin.

Verkaufschef Scherer legte seine eigene Vision für das nächste Jahrzehnt dar: Airbus – das Unternehmen feiert in der kommenden Woche seinen 50. Geburtstag – sei als vollintegriertes europäisches Unternehmen ein Vorbild. In Zukunft könne es ein vollkommen integrierter Global Player werden. Airbus produziert seine Jets längst nicht mehr nur in Europa, sondern auch in den USA und in China.

Der Airbus-Chef löst sich von der Ära seines Vorgängers Tom Enders. Quelle: ddp/abaca press
Guillaume Faury

Der Airbus-Chef löst sich von der Ära seines Vorgängers Tom Enders.

(Foto: ddp/abaca press)

Faury wie auch Programmchef Mhun unterstützten die Rhetorik, wonach Airbus „ein gutes Stück asiatischer werden“ müsse, aber sie zeigten auch Schranken für die Expansion in China auf. Airbus wolle zwar immer stärker zu einem chinesischen Hersteller werden, sagte Faury. Doch soll die Expansion auf die A320-Familie beschränkt werden.

Immer wieder drängt die chinesische Führung das Unternehmen dazu, auch Großraumflugzeuge wie die A330 oder die A350 in China zu fertigen. Das schließt Faury für die absehbare Zukunft aus. „Es fällt mir schwer zu sehen, dass wir eine neue Endmontagelinie für Großraumflugzeuge in China bauen.“

Wie stark das Unternehmen von dem eskalierenden Handelskonflikt zwischen den USA und China in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, dazu wollte Faury sich nicht äußern: „Von einem Handelskrieg profitiert niemand, alle leiden darunter.“ Die Luftfahrtindustrie sei viel zu sehr integriert, als dass ein Land von Restriktionen im Handel profitieren könne.

Die Frage, ob sein Unternehmen bei einem Handelskrieg Kollateralschäden zu befürchten habe, ließ Faury unbeantwortet. Ebenso die Frage, ob Airbus von den US-Behörden möglicherweise durch Ausfuhrsperren dazu gezwungen werden könnte, sich an die Seite der Amerikaner zu stellen.

Dagegen sandte er ein Friedenszeichen in Richtung Berlin. Airbus hatte damit gedroht, die Bundesregierung zu verklagen, weil diese Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien gesperrt hat. Er fühle sich zwar „in die Ecke gedrängt“, so Faury, suche aber nun nach einem anderen Lösungsweg.

Mehr: Ex-Airbus-Chef Tom Enders ist ein überzeugter Europäer. Warum der Luftverkehr in Europa für ihn so wichtig ist, lesen Sie hier.

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