Entwurfsskizze von Boeing
(Foto: PR)

Luftfahrt Wie Boeing den Wettlauf um das schnellste Überschall-Flugzeug anheizt

Boeing heizt mit einem neuen Konzept für ein superschnelles Überschall-Flugzeug den Wettlauf um den Concorde-Nachfolger an. Doch ein kleines Start-up ist schon weiter.
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FrankfurtDie ersten animierten Bilder erinnern an einen Jet, der nie gebaut wurde, die Boeing 2707. Im Jahr 1971 wurde das Projekt aus finanziellen Gründen eingestellt. Jetzt will der US-Flugzeugkonzern wieder in das Wettrennen um den schnellsten Passagierjet einsteigen.

Mitte der Woche präsentierte Boeing auf einer Konferenz in Atlanta (USA) das Konzept für einen sogenannten Hypersonic-Jet, ein Flugzeug, das mit fünffacher Schallgeschwindigkeit (Mach 5) fliegen soll. Zum Vergleich: Die legendäre Concorde schaffte maximal Mach 2,2.

Bislang ist der Jet nur eine Idee. Weder nennt Boeing Details zur Zahl der Passagiere noch zum Antrieb. Boeing-Manager Kevin Bowcutt erklärte lediglich, dass das Flugzeug in fast 29 Kilometern Höhe unterwegs sein soll, wo der Luftwiderstand äußerst gering ist. Die Reisehöhe der Concorde betrug seinerzeit 18 Kilometer. Und noch etwas machte Bowcutt deutlich. Es werde wohl noch 20 bis 30 Jahre dauern, bis der Super-Flieger abheben kann. Wenn er denn überhaupt abheben wird.

Boeing tritt damit einem kleinen Kreis von Unternehmen bei, die die Concorde wiederbeleben wollen. Der legendäre aber auch umstrittene Überschalljet hob 2003 zum letzten Mal ab. Ein tragischer Absturz im Jahr 2000 hatte der „Königin der Lüfte“ den Todesstoß versetzt.

Noch während des Starts am Pariser Flughafen geriet die Maschine seinerzeit in Brand, konnte den Start aber nicht mehr abbrechen. Ein zuvor von einem anderen Flugzeug verlorenes Teil auf der Startbahn war hochgeschleudert worden und hatte den Tank zerstört. Alle Passagiere sowie die Besatzung kamen ums Leben.

Doch der schnittige Jet mit der absenkbaren Spitze war schon vorher in der Diskussion gewesen. Wegen des Lärms der Triebwerke – vor allem der Nachbrenner - war es der Concorde verboten gewesen, ihre maximale Geschwindigkeit über Land zu erreichen. Nur über dem Ozean war das erlaubt. Hinzu kommt der berühmte Überschallknall. Der tritt auf, wenn das Flugzeug schneller fliegt als der Schall in seiner Umgebung. Der dabei entstehende Verdichtungsstoß äußert sich in Form eines Knalls.

Boeing heizt den Wettlauf um das schnellste Überschall-Flugzeug an
Aerion AS2

Das Thema Überschall-Jet ist für Flugzeugbauer wieder attraktiv geworden. So entwickelt Airbus zusammen mit dem US-Unternehmen Aerion die AS2. Das Flugzeug ist als Business-Jet für acht bis zwölf Personen geplant. (Foto: dpa)

Die Schallgeschwindigkeit ist dabei von vielen Faktoren abhängig, etwa von der Temperatur und der Luftdichte. In etwa elf Kilometern Höhe liegt sie zum Beispiel bei rund 1060 Stundenkilometern. Im Flugzeug selbst ist dieser Knall nicht zu hören. Deshalb wurde im Flugzeug seinerzeit immer Champagner just in dem Moment ausgeschenkt, in dem das der Jet die Schallgrenze erreichte, denn sonst hätten die Passagiere von dem „einzigartigen“ Moment gar nichts mitbekommen.

Kleiner Hype um den Überschall-Jet

Das Verbot, ein Überschall-Flugzeug für Passagiere über Land mit voller Kraft zu betreiben, hat dazu geführt, dass sich über viele Jahre kein Unternehmen mehr an das Thema Überschall-Flugzeug für den kommerziellen Einsatz herantraute. Das änderte sich vor wenigen Jahren. Seitdem ist ein kleiner Hype um das Thema Überschall entstanden.

So entwickelt der europäische Flugzeugkonzern Airbus zusammen mit dem US-Unternehmen Aerion die AS2. Das Flugzeug soll allerdings anders als bei der Idee von Boeing als Business-Jet abheben, also lediglich für acht bis zwölf Personen an Bord. Auf der EBACE 2018, der Genfer Messe für den Geschäftsreiseverkehr, haben beide Firmen vor wenigen Wochen den Erstflug für das Jahr 2023 in Aussicht gestellt.

Die Zertifizierung, also die behördliche Freigabe für den Einsatz des Flugzeugs, soll dann bis 2025 erfolgen. Gleichzeitig werkelt die US-Weltraumbehörde Nasa zusammen mit dem Flugzeughersteller Lookheed Martin an einem Modell für einen Überschall-Jet.

Concorde 2.0: Diese Maschine fliegt mit doppelter Schallgeschwindigkeit

Concorde 2.0: Diese Maschine fliegt mit doppelter Schallgeschwindigkeit

Am weitesten dürfte aber ein kleines Jungunternehmen aus Denver sein: Boom Technologies. Deren „Boom Supersonic“ soll zwar nur mit Mach 2,2 unterwegs sein, dafür aber schon 2023 in Betrieb gehen, also in dem Jahr, in dem Airbus/Aerion erst den Erstflug planen und Boeing wahrscheinlich noch am Grundkonzept basteln wird.

Treiber des Projekts ist Blake Scholl, der Gründer von Boom. Scholl ist selbst Pilot und Gründer der mittlerweile an Groupon verkauften Mobiltechnologiefirma Kima Labs. Und er glaubt fest an eine Zukunft der superschnellen Flugzeuge.

„Wir werden zunächst mit Privatjets für etwa 45 Personen beginnen, doch dann wird sehr schnell die Diskussion beginnen, ob es nicht effizienter ist, auch mehr Passagiere zu befördern“, begründet er wieder und wieder seine Zuversicht.

Flugzeugteile aus dem 3D-Drucker

Die politischen und technischen Hürden hält er für bewältigbar. So glaubt der Chef von Boom, dass die Regulierer angesichts der Effizienzvorteile der ultraschnellen Flüge ihre früheren Vorgaben lockern werden. Tatsächlich wird derzeit etwa in der US-Politik über eine Lockerung diskutiert. Und Scholl hat Mitstreiter an seiner Seite. Eli Dourado vom Mercatus Center der George Mason Universität, ein Spezialist für Drohnen, Überschallflugzeuge und fliegende Autos, plädiert auf Veranstaltungen vehement dafür, die Vorgaben aufzuweichen.

„Es ist doch enttäuschend, dass Überschallflugzeuge heute kaum schneller fliegen als die Concorde der 60er-Jahre“, sagt er. „Wir müssen diese Stagnation in der Geschwindigkeit beenden. Denn Geschwindigkeit verändert die Welt.“

Gleichzeitig arbeiten die Ingenieure emsig daran, die technischen Hürden – Lärm und hoher Kerosinverbrauch – in den Griff zu bekommen. Die Nasa etwa setzt auf ein spezielles Design. Die Form des Flugzeugs soll, so die Idee, den Verdichtungsstoß und dessen Ausbreitung voneinander trennen. Bei dieser sogenannten Quiet Supersonic Technology (QueSST) soll der Lärm des Knalls soweit zu reduziert werden, dass er auf der Erde gar nicht mehr zu hören sein wird.

Boom wiederum nutzt im großen Stil neue und leichte Materialien wie mit Karbon beklebten Kunststoff. Das soll die Effizienz des Flugzeugs steigern. Viele Komponenten wollen die Boom-Ingenieure zudem mit 3D-Druckern herstellen. Zusammen mit neuer Triebwerkstechnik, die ohne den lauten Nachbrenner auskommen soll, will Boom die Betriebskosten des Jets gegenüber einer Concorde um 30 Prozent senken. „Wir sind in der Triebwerkstechnik heute so weit, dass wir keine Nachbrenner mehr wie die Concorde brauchen, um Überschall zu erreichen“, so Scholl.

Sein Ziel: Ein Flug von New York nach London in dreieinviertel statt in sieben Stunden – und das für 2500 Dollar je Ticket. Zum Vergleich: Bei der Concorde kostete ein solches Ticket einst 18.000 Dollar.

Scholls Überschallmaschine wäre zwar langsamer als der nun angekündigte Boeing-Superjet, der die gleiche Strecke wohl in weniger als zwei Stunden bewältigen könnte. Aber der ist ja bislang nicht mehr als eine erste Idee.

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