Medizin Ring im Auge beseitigt Kurzsichtigkeit

Mit einem Kunststoffring unter der Hornhaut können auch Menschen mit mehr als acht Dioptrien ohne Brille scharf sehen – der ambulante Eingriff dauert nur wenige Minuten. Diese Methode bietet aber noch weitere Vorteile, zum Beispiel für Patienten, die mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind.
  • Hans Schürmann

DÜSSELDORF. Auch für Patienten mit hoher Kurzsichtigkeit ist ein Leben ohne Brille möglich. Mit einem ambulanten Operationsverfahren ist es dem österreichischen Augenarzt Albert Daxer gelungen, stark Sehbehinderten mit über acht Dioptrien eine normale Sehschärfe zu verschaffen. Der Professor an der Universitätsklinik Innsbruck hat das neue Verfahren zur Behandlung hoher Kurzsichtigkeit entwickelt und bei der Jahrestagung der European Society of Cataract and Refractive Surgeons in Stockholm vorgestellt.

Bei dem neuen Verfahren wird in einem 15 minütigen Eingriff ein kleiner, dünner und flexibler Kunststoffring in der Hornhaut, knapp unterhalb der Hornhautoberfläche positioniert – quasi zwischen zwei der 200 Hornhautlamellen. „Die Wirkung des sogenannten Myo-Rings ist vergleichbar mit der einer Kontaktlinse“, sagt Daxer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Hornhaut wird abgeflacht und so die natürliche Sehschärfe wieder hergestellt. Der Effekt sei dauerhaft und im Gegensatz zur Lasikbehandlung, bei der Hornhautgewebe im Augeninneren abgetragen wird, sei der Eingriff reversibel.

Rund 1 Millionen Menschen leben derzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit erheblichen Einschränkungen des Sehvermögens von über acht Dioptrien. Für sie war ein Leben ohne Brille oder Kontaktlinsen bisher kaum denkbar. Denn nach den Richtlinien der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), die auch für die übrigen Länder Europas gilt, ist eine Laserbehandlung wegen der Gefahr schwerwiegender Komplikationen nur bei Kurzsichtigkeiten bis acht Dioptrien zulässig. Aus diesem Grund gab es für Patienten mit höherer Kurzsichtigkeit bisher nur eine Alternative: die Einpflanzung von Linsen ins Augeninnere. Dazu ist allerdings die Öffnung des Augapfels notwendig.

„Wenn das Verfahren hält, was der Kollege verspricht, bietet es auch für jüngere Menschen eine Chance eine normale Sehstärke ohne Brille zu erzielen“, sagt der Düsseldorfer Augenarzt Jan Kindermann. Vor einer endgültigen Beurteilung müsse man jedoch Langzeitstudien abwarten. So sei nicht sicher, ob es bei dem Eingriff zu Gewebeveränderungen kommen würde. „Auch bei der Laserbehandlung war lange Zeit unsicher, wie sich das Abtragen der Hornhaut langfristig auswirkt“, gibt Kindermann zu Bedenken. Es gebe erst jetzt Ergebnisse von Langzeitstudien. Intraokulare Linsen werden schon seit über vierzig Jahren eingesetzt. „Hier gibt es bereits jede Menge Erfahrungen“, so der Düsseldorfer Augenarzt.

Mit Cisis – so der Name des neuen Verfahrens – steht nun erstmals ein nicht-invasives Verfahren zur Verfügung, das ambulant durchgeführt werden kann. Es korrigiert automatisch Hornhautverkrümmungen mit. Außerdem könnten Abbildungsfehler höherer Ordnung, sogenannte optische Aberrationen, beseitigt werden, sagt Daxer. Diese Aberrationen führen dazu, dass an der Netzhaut nicht nur ein Brennpunkt erzeugt wird, sondern viele Brennpunkte um die Macula, der Stelle des schärfsten Sehens, was zu Blendungen führt und das Kontrastsehen beeinträchtigt.

„Sollte der Patient mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein oder die Kurzsichtigkeit im Laufe der Zeit zunehmen, kann der ringförmige Einsatz jederzeit entfernt oder ausgetauscht werden“, sagt Daxer, der die Eingriffe in einer Linzer Augenklinik durchführt. Sowohl das Einsetzen als auch das Entfernen des Rings, der wie eine Kontaktlinse wirkt, sei schmerzfrei, so der Augenarzt.

Der Myo-Ring und das Operationsverfahren sind als Medizinprodukt in der EU zugelassen. Produziert wird das international patentierte System von der Firma Dioptex in Österreich. Daxer hat rund 50 Patienten mit der neuen Methode behandelt. Allerdings müssen einige von ihnen nach wie vor eine Brille tragen. „Jedes Augenproblem unterscheidet sich von dem anderen“, sagt Daxer. Bei einigen Patienten kämen komplizierte Hornhautverkrümmungen dazu, so dass eine Fehlsichtigkeit von wenigen Dioptrien übrig geblieben sei. Für Patienten, die bislang eine schwere Brille tragen mussten, sei dies bereits ein großer Fortschritt.

Daxer will das Verfahren ab 2008 auch an andere Augenärzte weitergeben. Erste Schulungen beginnen Anfang Dezember in Linz. Sie werden ebenso wie das Operationswerkzeug und die Augenringe von Dioptex angeboten. Interessant sei dies vor allem für Augenärzte, die bereits mit einem Laser arbeiten. „Diese können dann auch Patienten mit einer hohen Fehlsichtigkeit helfen, ohne ihnen eine Kunstlinse einsetzen zu müssen“, sagt Daxer.

Patienten, die sich den Augenring einsetzen lassen wollen, müssen die Kosten aus eigener Tasche bezahlen. Der Eingriff ist allerdings teurer als eine Lasikbehandlung und liegt bei 3 000 Euro pro Auge. „Der Grund liegt darin, dass wir bislang nur wenige Patienten behandeln konnten“, sagt Daxer. Sollte sich das Verfahren breit durchsetzen, werde es auch billiger.

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