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Mobilität Flugtaxi-Entwickler haben große Pläne – doch die Zweifel wachsen

Das deutsche Start-up Volocopter wirbt mit einem bemannten Testflug in Singapur. Experten sind skeptisch, ob Passagierdrohnen je massentauglich werden.
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Das Flugtaxi soll die Verkehrsprobleme der Megacitys lösen. Quelle: Volocopter
Volocopter-Eigenwerbung

Das Flugtaxi soll die Verkehrsprobleme der Megacitys lösen.

(Foto: Volocopter)

Frankfurt, Bangkok, Düsseldorf Florian Reuter kennt die Verkehrsprobleme von Asiens Megacitys: Ein Dreivierteljahr lebte der Chef des Bruchsaler Flugtaxi-Start-ups Volocopter in Singapur, als er nach dem Studium als Berater tätig war. Von dem südostasiatischen Land aus bereiste er die Region und blieb in den Metropolen des Kontinents regelmäßig im Stau stecken.

Nun will er seinen Multicopter gerade in Asien als eine Alternative für die überlasteten Straßen präsentieren: In Singapur hebt Volocopter am Dienstag zu einem bemannten Testflug ab – erstmals öffentlich über einer Millionenstadt. Der Start-up-Unternehmer hofft, damit weit über die Grenzen des Stadtstaats hinaus Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Wir haben Singapur ausgewählt, weil es eine der technologisch fortschrittlichsten Städte ist und anderen Metropolen als Vorbild dient“, sagt Reuter dem Handelsblatt. Er sei sich sicher, dass eine erfolgreiche Demonstration das Interesse in Orten wecken werde, in denen die Verkehrsprobleme besonders drängen. „Wir denken da an Manila, Jakarta, Bangkok – das sind alles Städte, die wir mit dem Beispiel Singapur überzeugen können, dass Urban Air Mobility ein echter Beitrag zur Lösung ihrer Probleme ist.“

Nicht nur Reuter wirbt mit aller Kraft für die Flugtaxis als neues Verkehrsmittel. Auch der chinesische Luftfahrzeugproduzent EHang drückt aufs Tempo. In Europa ist das Unternehmen gerade eine Kooperation mit Vodafone eingegangen. Denn ohne moderne 5G-Technologie werden die Geräte niemals autonom fliegen können.

Hu Huazhi, der Gründer von EHang, ist fest davon überzeugt, dass sich Flugtaxis durchsetzen werden. „Es geht nicht um das Ob, es geht nur um das Wann“, sagt er. In München wiederum arbeiten die Gründer von Lilium mit Hochdruck an ihrem Flugtaxi. Auch hier werden bald Neuigkeiten erwartet.

Erste Ernüchterung

Doch unter Experten wachsen die Zweifel, ob die neuen Vehikel tatsächlich eines für die Massen werden und damit den Verkehr etwa auf den verstopften Straßen entlasten können. So sieht die Investmentbank Morgan Stanley in den Passagierdrohnen allenfalls ein Beförderungsmittel für VIPs und Vermögende.

Tatsächlich befindet sich das Thema Flugtaxi derzeit an der Schwelle zwischen Euphorie und Ernüchterung. Nach dem Boom Ende 2018 und Anfang dieses Jahres mussten erste Anbieter erkennen, dass sich ihre Ideen nicht so einfach realisieren lassen. So haben Airbus und Audi ihre Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt gerade eingestellt.

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Die Idee einer Passagierkapsel, die sowohl auf ein Autofahrgestell als auch unter einen Rotor montiert werden kann, habe sich als zu komplex und damit wohl auch zu teuer erwiesen, heißt es zur Begründung. Gleichzeitig entstehen neue Partnerschaften. So haben der US-Flugzeugkonzern Boeing und der deutsche Sportwagenhersteller Porsche vor wenigen Tagen bekanntgegeben, gemeinsam einen elektrischen Senkrechtstarter entwickeln zu wollen.

„Porsche will seinen Ruf als Sportwagenhersteller erweitern und eine führende Marke für Premium-Mobilität werden“, begründete Detlev von Platen, Vorstand für Marketing und Verkauf bei Porsche, den Vorstoß: „Mit unseren kombinierten Stärken können wir einen möglichen Schlüsselmarkt der Zukunft erreichen.“

Auch den anderen Anbietern fehlt es nicht an Selbstbewusstsein: „Niemand ist so weit wie wir“, behauptet etwa EHang-Gründer Hu. Die Herstellung seiner bemannten Drohnen soll noch in diesem Jahr in Serienproduktion gehen. Dazu hat EHang eine Partnerschaft mit dem österreichischen Flugzeugzulieferer FACC geschlossen.

Taxi-Apps als Partner

„Flugtaxis werden den ÖPNV viel besser ergänzen“

Auch mit der deutschen DHL wurde ein Pilotprojekt gestartet. Auf einer Teststrecke in Südchina fliegen automatisierte Lieferdrohnen eine rund acht Kilometer lange Verbindung ab. Pro Flug können die Drohnen laut dem Unternehmen bis zu fünf Kilo schwere Pakete in einer Art überdimensionaler Packstation abliefern. Die Erfahrungen sieht Hu als hilfreich, um die Konkurrenz im Rennen um die ersten regulären Flugtaxi-Einsätze zu schlagen: „Die anderen haben noch einen langen Weg vor sich“, glaubt Hu.

Doch auch Volocopter, das Daimler und den chinesischen Autobauer Geely zu seinen Investoren zählt, unterstreicht in Singapur, wie weit man schon ist. Neben dem Testflug stellt das Unternehmen dort diese Woche erstmals einen Prototyp der Infrastruktur vor, an die die Flugtaxis in Zukunft angebunden sein sollen. Dazu gehört eine 625 Quadratmeter große Wartelounge, in der sich Passagiere künftig selbstständig per App einchecken sollen.

Die Taxis heben von einer angrenzenden Außenlandefläche ab. Voloport nennt Volocopter seine Start- und Landestationen, an denen auch die Batterien des Fluggeräts geladen werden sollen. Entwickelt wurden sie in Zusammenarbeit mit dem britischen Unternehmen Skyports. Firmenchef Reuter verspricht Komfort: „Passagiere müssen nicht erst an einer rostigen Feuerleiter auf ein Hoteldach klettern, wie das heute noch bei Helikopterflügen der Fall ist.“

Um sein Angebot in den Verkehrsmix zu integrieren, erwägt Reuter Kooperationen mit lokalen Taxi-Start-ups – in Südostasien etwa mit Grab aus Singapur oder Go-Jek aus Indonesien: „Natürlich wird es in Zukunft Routen geben, auf denen sich die Passagiere über verschiedene Verkehrsträger hinweg bewegen – etwa mit einem E-Scooter losfahren, dann mit dem Volocopter fliegen und mit einem Ride-Hailing-Anbieter bis ans Ziel kommen“, sagt er. „Ich gehe deshalb davon aus, dass wir entsprechende Allianzen schließen werden.“

Er dürfte damit auf offene Ohren stoßen. Kaum ein Mobilitätsanbieter traut sich noch, das Thema Flugtaxi völlig auszublenden. „Da muss man mit am Tisch sitzen, auch wenn es nach wie vor viel Skepsis bei dem Thema gibt“, bringt ein Luftfahrt-Manager die Stimmung auf den Punkt.

Der Flughafenbetreiber Fraport hat bereits eine Partnerschaft mit Volocopter geschlossen, um Einsatzmöglichkeiten der Drohnen zu untersuchen. „Es gibt einen gewissen Hype, aber der hat Substanz“, sagt der zuständige Fraport-Vorstand Pierre Dominique Prümm. Bestehende Verkehrsträger stießen zunehmend an ihre Grenzen. „Wir sehen deshalb in Flugtaxis mittelfristig ein großes Potenzial.“

Doch es gibt noch einige Hürden. „Für den kommerziellen Einsatz von Passagierdrohnen müssten grundsätzlich dieselben Vorschriften gelten wie für die kommerzielle Luftfahrt“, sagt Gerald Wissel vom Luftfahrtberatungsunternehmen Airborne Consulting. Das bedeute strenge Auflagen beim Betrieb und auch bei der Wartung der Fluggeräte.

In Deutschland überwiegt Skepsis

Angesichts des großen Aufwands werden die fliegenden Taxis anfangs wohl zunächst hohe Ticketpreise aufrufen. Doch laut einer Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger wird es dabei nicht bleiben: Das Konzept könnte „nicht sehr weit in der Zukunft“ gängige Praxis werden. Diese Prognose teilt aber längst nicht jeder: „Ob Flugtaxis jemals ein Verkehrsmittel für die Massen werden, wage ich mal zu bezweifeln“, sagt ein Luftfahrtmanager.

Auch in der deutschen Bevölkerung überwiegt Skepsis. In einer Studie des Beratungsunternehmens Bearing Point sprachen sich 53 Prozent der Befragten im Sommer gegen einen Einsatz der neuen Flugvehikel in Städten aus, vor allem mit dem Verweis auf die Gefahr von Abstürzen. Auch bei dem pilotierten Flug von Volocopter in Singapur gehen die Beteiligten lieber noch auf Nummer sicher.

Er soll über der Marina Bay Waterfront stattfinden, also über Wasser. Volocopter-Chef Florian Reuter sieht keinen Grund für Nervosität: „Wenn ich nicht absolut überzeugt wäre, dass wir sicher fliegen können, dann würden wir das nicht tun“, sagt er. „Da darf nichts schiefgehen, das ist schon vollkommen klar.“

Mehr: Hu Huazhi ist überzeugt, dass sich Flugtaxis als Verkehrsmittel durchsetzen werden. Doch der Weg zu Alltagsflügen dürfte noch weit sein.

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