Nach Giftalarm im All Entwarnung für die ISS-Crew

Eilig mussten zwei US-Astronauten auf der Raumstation ISS ihren Forschungsbereich verlassen. Es gab Hinweise, dass ein giftiger Stoff ausgetreten sein könnte. Jetzt hat die Nasa Entwarnung gegeben.
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Giftalarm sorgt für Evakuierung

Moskau/HoustonNach dem Giftstoff-Alarm auf der Internationalen Raumstation ISS hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa Entwarnung gegeben. Es sei nicht wie zunächst vermutet Ammoniak ausgetreten, teilte die Nasa am Mittwoch (Ortszeit) mit. Der Fehlalarm sei wohl von einer Computerpanne ausgelöst worden.

Die US-Astronauten sind bereits wieder in das vorübergehend evakuierte US-Segment der ISS zurückgekehrt. „Die Astronauten sind in guter Verfassung und waren nie in Gefahr“, hieß es in einer Mitteilung der US-Weltraumbehörde. Der Vorfall werde aber weiter untersucht.

Der russische Vizeregierungschef Dmitri Rogosin betonte bei einem Funkgespräch mit der ISS-Besatzung, die Raumfahrtbehörden Russlands und der USA stünden in engem Kontakt. Alle Seiten würden sich um eine Lösung der ungewöhnlichen Situation bemühen, sagte er der Agentur Tass zufolge in Moskau. Der Kosmonaut Alexander Samokutjajew meinte in dem Gespräch, die Lage an Bord der ISS sei „unter Kontrolle“.

Alkoholverbot und ein sündhaft teures Kosmos-Klo
Internationale Raumstation (ISS)
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Was macht die Besatzung eigentlich die ganze Zeit?

Ein normaler Tag auf der ISS beginnt mit einer Morgentoilette mit feuchten Tüchern, denn eine Dusche gibt es nicht. Nach einem meist bescheidenen Frühstück widmet sich die Crew der Forschung sowie der Pflege der Bordanlagen – mit der Faustregel, dass viele Arbeiten im All doppelt so lange dauern wie auf der Erde. Je nach Tagesprogramm stehen zwei Stunden Fitness auf dem Plan, etwa das Strampeln auf Standfahrrädern, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Freizeit gibt es kaum während der sechs Monate im All. „Jede Sekunde ist verplant, man hechelt fast dem Plan hinterher“, sagt Kosmonaut Sergej Wolkow.

Internationale Raumstation (ISS)
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Könnten die Experimente auch ohne Crew funktionieren?

Theoretisch könnten Raumfahrer durchaus Bakterienkulturen oder Materialproben kurz zur ISS bringen und nach einigen Monaten wieder abholen. Das würde den Kritikern der Station gefallen, die die ständige Anwesenheit einer mehrköpfigen Mannschaft als überflüssig und teuer monieren. Der US-amerikanische Chef des ISS-Programms, Michael Suffredini, warnt aber vor einer längeren Abwesenheit von Raumfahrern. Immer wieder seien Probleme bei den Experimenten aufgetreten, die nur von Astronauten an Bord gelöst werden könnten. Sollte die ISS tatsächlich nach 2020 verschrottet werden, wollen die Partner aber stattdessen kleinere unbemannte Labore im All betreiben.

The Soyuz TMA-09M capsule carrying the International Space Station (ISS) crew of U.S. astronaut Karen Nyberg, Russian cosmonaut Fyodor Yurchikhin and
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Wie retten sich die Raumfahrer im absoluten Notfall?

Aus einem Brand 1997 auf der mittlerweile versenkten russischen Raumstation Mir haben die ISS-Betreiber nach eigenen Angaben viel gelernt. Die Station durchziehen mittlerweile Sprinklersysteme mit Kohlenstoffdioxid und Schaum, die notfalls Flammen löschen sollen. Zudem können Schleusen zwischen den Forschungsmodulen geschlossen werden. Als „Rettungsboote“ bei einer Evakuierung fungieren die Sojus-Kapseln, die an der Station angedockt und für die reguläre Rückkehr von Raumfahrern zur Erde gedacht sind. Der Platz ist knapp bemessen: Drei Menschen passen in eine Sojus.

Thomas Reiter in der ISS
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Alkoholverbot im All: Das ist doch nur ein Mythos, oder?

Offiziell gilt auf der ISS die Null-Promille-Grenze – zum Verdruss mancher Raumfahrer. „Zwei Gläser Wein täglich, wie bei U-Boot-Matrosen, würden das Leben an Bord komfortabler machen“, sagt etwa der Kosmonaut Salischan Scharipow. Experten warnen aber: Alkohol wirke im All viel stärker, weil der Körper in der Schwerelosigkeit Substanz abbaut. „Im Kosmos muss man alle Sinne beisammen haben“, sagt der deutsche Raumfahrer Thomas Reiter (im Bild 2006 auf der ISS). Die Alkoholregelung sei aber eher Richtlinie als Verbot. „Es gibt hin und wieder Anlässe, bei denen ein kleiner Tropfen dazu gehört...“, räumt Reiter ein.

Toilette der Internationalen Raumstation ISS
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Wie funktioniert eigentlich die Toilette an Bord der ISS?

Wegen der Schwerelosigkeit müssen Raumfahrer ihre Beine an der Toilette festklemmen. Was auf der Erde mit Wasser weggespült wird, saugt Unterdruck zunächst in einen 20-Liter-Behälter. Von dort werden die Stoffe weitergepumpt in leere Wassertanks des angedockten „Progress“-Raumtransporters, der als Müllcontainer dient. Der Frachter wird später zum Absturz gebracht und verglüht in der Atmosphäre. Das rund 14 Millionen Euro teure Kosmo-Klo der ISS kann zudem Urin zu Trinkwasser aufbereiten. Dies sei aber nur für den Notfall gedacht und bei den Raumfahrern „nicht besonders beliebt“, sagt der Ex-Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Wladimir Popowkin.

Austritt von Ammoniak gilt – neben einem Brand und einem Druckabfall – als größte Gefahr für den Außenposten der Menschheit. Der gasförmige Stoff dient unter anderem zur Kühlung des Stromkreislaufs auf der ISS rund 400 Kilometer über der Erde. „Wir glauben, dass jetzt alles gut ist, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis wir alles wieder neu konfiguriert haben“, sagte Nasa-Manager Mike Suffredini.

Die US-Astronauten Barry Wilmore und Terry Virts hatten nach dem Alarm Sauerstoffmasken übergezogen und waren mit großer Eile in den russischen Teil der ISS hinübergewechselt. Die Luke zwischen den beiden Modulen wurde geschlossen.

„Wir sind alle sicher, und uns geht es gut im russischen Segment“, twitterte die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti kurz darauf. Die Räumung des US-Segments sei eine Vorsichtsmaßnahme gewesen, betonte Suffredini. „Für die Crew bestand nie ein Risiko.“ Der Raumfahrtbehörde Roskosmos in Moskau zufolge wurde der Alarm gegen 09.44 Uhr (MEZ) ausgelöst.

Ernster Zwischenfall
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