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Nicolas Chamussy im Interview Airbus hat große Pläne für kleine Satelliten

Raumfahrtchef Nicolas Chamussy setzt auf den Bau kleiner Satelliten in den USA. Die Vorwürfe des Konkurrenten SpaceX kontert der Manager im Interview.
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Die Perspektive einer neuen Satellitenfabrik in den USA begeistert den Airbus-Manager. Quelle: dpa
Nicolas Chamussy

Die Perspektive einer neuen Satellitenfabrik in den USA begeistert den Airbus-Manager.

(Foto: dpa)

ParisNicolas Chamussy hat sich noch nicht ganz eingerichtet in seinem neuen Büro im Zentrum von Paris. Große Bilder lehnen noch in Plastikfolie verpackt an den Wänden. Der Umzug von der früheren Firmenzentrale im Vorort Suresnes liegt nicht lange zurück. Chamussy scheint mit dem Kopf sowieso mehr in den USA zu sein: Die Perspektiven der neuen Satellitenfabrik dort begeistern ihn.

So sieht er große Entwicklungsmöglichkeiten durch eine neue Familie von Mini-Satelliten, die in den USA gefertigt werden. „Es gibt mögliche Anwendungen, über die wir noch gar nicht richtig nachgedacht haben: Heute sehen wir wohl erst ein Zehntel dessen, was möglich sein wird“, sagte Airbus-Space-Chef Nicolas Chamussy im Interview mit dem Handelsblatt.

Entwickelt hat das europäische Unternehmen die künstlichen Erdtrabanten für eine Konstellation von mehreren hundert Stück, die schnelles Internet in entfernte Regionen der Erde tragen sollen.

Die Herstellung in den USA ist für Chamussy ein großer Vorteil, auch angesichts der jüngst wieder angeheizten handelspolitischen Spannungen mit der Trump-Regierung: „Das ist ein amerikanisches Produkt – das ist das Vorteilhafte an unserer neuen Aufstellung, wir haben somit einen Fuß in den USA.“

Von neuen Vorwürfen des Konkurrenten SpaceX von Elon Musk, Airbus werde subventioniert, zeigt Chamussy sich unbeeindruckt: „Space X nutzt eine etablierte Technologie, Motoren, ein Space Center, alles von der Nasa entwickelt, für die sie nichts oder jedenfalls nicht den Marktpreis bezahlen. Hinzu kommt ein gewaltiger institutioneller Markt in den USA, den es für Ariane nicht gibt.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Chamussy, die ersten Satelliten für Oneweb, ein Netzwerk für schnelles Internet, sind im Weltraum. Glauben Sie, dass Oneweb ein kommerzieller Erfolg wird?
Der Start der Satelliten war ein wichtiger Meilenstein: Sechs sind in der Umlaufbahn, vier haben wir noch in Reserve. Jetzt steigern wir die Produktionsrate und bilden dafür entsprechend die Teams in unserer Fertigungsstätte in Florida nahe Cape Canaveral aus. Ich möchte aber betonen: Oneweb ist kein reines Airbus-Projekt. Bei dieser Konstellation von anfangs 650 Satelliten sind wir vornehmlich Auftragnehmer.

Funktioniert die Idee noch, mithilfe der Konstellation entlegene Regionen mit Internet zu versorgen? Bislang scheinen nur sehr wenige Länder interessiert zu sein. China werden Sie möglicherweise nicht als Kunden gewinnen.
Die Frage müssen Sie Oneweb als Betreiber der Satellitenkonstellation stellen. Aber nur als Hinweis: Die ersten Satelliten sind nach Dörfern in Peru, Ecuador und anderen Ländern benannt, die in Zukunft über Oneweb versorgt werden. Das ist aber nicht die einzige Kategorie von Endabnehmern, auch die Informationsanbindung von Zügen, Autos und Schiffen ist eine Möglichkeit.

Sogar zwischen dem Münchener Flughafen und der Innenstadt haben Sie noch Funklöcher. In Summe besteht da eine große Nachfrage, und es gibt keine realistische Alternative zur Versorgung über Satelliten.

Auch Ihre traditionellen Kunden zeigen Interesse an preiswerten Minisatelliten. Herkömmliche Erdtrabanten kosten 100 Millionen Euro und mehr, die neuartigen dagegen nur eine Million Euro. Kannibalisieren Sie nicht Ihr eigenes Geschäft?
Nein. Die Preisrelation, wie Sie sie darstellen, ist nur so, wenn Sie eine sehr große Serie kleiner Satelliten haben. Und es geht hier eher um eine Ergänzung sehr leistungsfähiger, teurer Satelliten, nicht um deren Verdrängung. Für uns ist es ein Erfolg, dass wir von Oneweb erste kleine, leichte Satelliten abgeleitet haben, an denen die Darpa, das ist die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, interessiert ist.

Wir haben jetzt ein Werk in den USA, in dem amerikanische Ingenieure für den amerikanischen Markt und die amerikanische Regierung produzieren können.

Das Interesse der US-Regierung leidet nicht unter den handelspolitischen Spannungen mit der EU?
Nein, das ist ein amerikanisches Produkt – das ist das Vorteilhafte an unserer neuen Aufstellung, wir haben somit einen Fuß in den USA. Wir können zwei Produktfamilien anbieten, in den Vereinigten Staaten und in Europa, die jeweils den nationalen Bedingungen entsprechen.

Oneweb eröffnet Ihnen neue Möglichkeiten über die anfangs geplante Anwendung hinaus?
Absolut. Es gibt mögliche Anwendungen, über die wir noch gar nicht richtig nachgedacht haben: Für Meteorologen beispielsweise wäre es ein Traum, über eine Konstellation von Satelliten zu verfügen, die permanent rund um den Globus klimarelevante Daten erfasst. Heute sehen wir wohl erst ein Zehntel dessen, was möglich sein wird.

Space X hat kürzlich die Europäer kritisiert, sie würden von den Regierungen subventioniert und lieferten einen unfairen Wettbewerb. Wie sehen Sie die Konkurrenz.
Die beiden Modelle sind schwer zu vergleichen. Das Ariane-System besteht seit 40 Jahren, das andere ist neu: Da gibt es ein privates Investment, ein sehr effizientes Modell, aber mit einer sehr starken Anbindung an die Regierung. Wir sind mit der Ariane an das „Georeturn-Modell“ gebunden – jede Regierung will so viel Anteile an den Aufträgen erhalten, wie sie zur Finanzierung beiträgt.

„In Summe besteht da eine große Nachfrage, und es gibt keine realistische Alternative zur Versorgung über Satelliten.“ Quelle: Reuters
Modell eines Oneweb-Satelliten

„In Summe besteht da eine große Nachfrage, und es gibt keine realistische Alternative zur Versorgung über Satelliten.“

(Foto: Reuters)

Space X ist frei davon. Aber Space X hat kürzlich drei Starts für die US-Regierung vereinbart, mit geheimer Ladung, bei denen der Preis ein Mehrfaches des Listenpreises sein dürfte. Bei der Ariane kennen wir solche Preisdifferenzen nicht. Space X nutzt eine etablierte Technologie, Motoren, ein Space-Center, alles von der Nasa entwickelt, für die sie nichts oder jedenfalls nicht den Marktpreis bezahlen. Hinzu kommt ein gewaltiger institutioneller Markt in den USA, den es für Ariane nicht gibt.

Versucht Space X, ein neues Fass im Handelskonflikt aufzumachen, ähnlich wie Boeing contra Airbus?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls kann man nicht so einfach wie unser Wettbewerber behaupten: Space X erhalte keine Subventionen, die Europäer schon.

Hat Space X einen technologischen Vorsprung durch die Wiederverwendung von Raketenteilen?
Was sie machen, ist technisch extrem kompliziert, weil sie nur unter sehr engen Bedingungen die erste Stufe wiederverwenden können. Bei bestimmten Starts geht es überhaupt nicht. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, können wir nicht beurteilen. Man darf nicht vergessen: Selbst wenn eine Rakete mehrfach wiederverwendbar wäre – die Fixkosten für die Herstellung sinken dadurch nicht.

Space X hat den „Crew Dragon“ gestartet, Europa hat noch kein Gefährt für die bemannte Raumfahrt. Liegen wir technologisch zurück?
Wir haben eine Kapsel für den kontrollierten Wiedereintritt schon vor Jahren erfolgreich getestet. Technisch liegen sie nicht vor uns, was das Business angeht, schon, weil sie mit der Nasa über einen Kunden verfügen, der sie mit einem großen Volumen an Aufträgen versorgt.

Aber wir müssen sehen, dass Space X schnell vorangeht. Im Juni oder Juli werden sie wahrscheinlich Astronauten in den Weltraum bringen. Aus politischen und finanziellen Gründen ist Europa nicht so weit, auch wenn wir es technisch könnten.

Was Trägerraketen angeht: Falcon hatte 18 Starts im vergangenen Jahr, die Ariane sechs. Läuft Space X Ihnen davon?
Sie müssen sich genau ansehen, worum es geht. Was zählt, sind die beförderten Satelliten, nicht die Starts. Arianespace hat 21 Satelliten befördert, so viele wie Space X. Ich habe kein Problem damit, zu sagen, dass Space X über eine gute und schnelle Mannschaft verfügt. Das gilt aber auch für uns: Arianespace gewinnt immer noch neue Aufträge, trotz eines härter werdenden Wettbewerbs.

Ariane 6 scheint fast fertig zu sein. Wollen Sie nächstes Jahr die gesamte Rakete testen?
Was die Triebwerke angeht, ist Arianespace bereit. Das ist aber nicht alles, was benötigt wird. Jetzt müssen noch die einzelnen Stufen und dann muss die Rakete insgesamt qualifiziert werden. Vergessen wir auch nicht das im Bau befindliche Startgelände. Vor dem ersten Start kommt eine Generalprobe, bei der vollzieht sich alles wie bei einem echten Take-off, bis auf die Zündung. 2020 wollen wir startklar sein.

Sie haben den „Georeturn“ angesprochen. Warum halten Sie sich noch daran?
Weil die Esa und damit die Regierungen es so wollen. Es ist teurer als ein rein privates Modell, es ist etwas komplizierter, aber das, was die Nationen wollen.

Der französische Rechnungshof hat kürzlich davor gewarnt, Ariane 6 sei preislich nicht wettbewerbsfähig.
Uns ist schon klar, wie hart das Umfeld ist. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass Ariane 6 der Ausgangspunkt ist. Dann wird dieses Trägersystem kontinuierlich weiterentwickelt, um kostengünstiger zu werden. Ohne Ariane 6 aber wären das Ariane-Programm und damit Europa am Ende gewesen, was die Raumfahrt angeht.

Airbus als Gruppe arbeitet an der digitalen Wende. Trifft das auch auf Airbus Space zu?
Ja, und zwar in verschiedener Hinsicht. Bei uns hat jedes Produkt von der ersten Zeichnung an seinen digitalen Zwilling, bis zum Ende der Lebenszeit. Die Herstellung wird also digital optimiert. Darüber hinaus erhalten wir eine Menge an Daten, die genutzt werden können, um das Design von Satelliten besser zu gestalten.

Und schließlich bieten wir Services an, die auf Daten basieren, die von Satelliten generiert werden.

Wie können Sie die nutzen?
Versicherungen zum Beispiel sind sehr interessiert daran, etwa um Schadensfälle nach Naturkatastrophen zu dokumentieren. Ein anderes Beispiel sind Supermarktketten. Die wollen beispielsweise wissen, wie ihre Parkplätze genutzt werden. Auch das können wir über Satelliten leisten. Oder auch ein 3D-Modell eines Tagebaus, das wir für Bergbau-Unternehmen gestalten.

Lebensmittelhersteller haben ein Interesse daran, nachzuweisen, dass sie mit nachhaltigen Plantagen arbeiten, also beispielsweise keine Abholzung des Regenwalds betreiben. Dafür können wir die nötigen Auswertungen der Bilder und Daten bieten. Insgesamt setzen wir mit diesen Dienstleistungen bereits einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag um.

Herr Chamussy, vielen Dank für das Interview.

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