Peter Scholze

Mit 24 war er jüngster W3-Professor der Republik.

(Foto: AFP)

Persönlichkeit der Woche Peter Scholze begeistert als „Mozart der Mathematik“ nicht nur Experten

Peter Scholze gilt als Jahrhunderttalent der Mathematik. Der „Mathe-Nobelpreis“ war schon längst überfällig. Was macht den 30-Jährigen aus?
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Regelmäßig präsentieren wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die „Persönlichkeit der Woche“. Manchmal, wie am Donnerstag, fällt die Wahl schwer. Allerdings nicht, weil es so viele knallige Alternativen gibt.

Wir saßen in unserer Frühkonferenz und beratschlagten: „Tim Cook“, sagte jemand. Wegen seiner tollen Apple-Quartalszahlen. Hmmm! „Elon Musk“, kam aus einer anderen Ecke, weil er sich erstmals richtig entschuldigt hat. Ja, ja, wer’s glaubt … Irgendwann ganz am Ende fiel der Name „Peter Scholze“. Auf einmal leuchteten alle Augen. Au ja! Cool! Genau! Peter Scholze.

Peter ... wer?

Peter Scholze ist weder Unternehmer noch Start-up-Gründer, Topinvestor, Ökonom oder Manager. Er ist 30 Jahre alt, lebt in Bonn und sieht aus wie ein junger Richard David Precht in ziemlich schrägen Klamotten. So was sieht sonst nur an Sheldon Cooper lässig aus, dem Super-Nerd aus der TV-Serie „Big Bang Theory“. Wahrscheinlich allerdings hätte die amerikanische Fiktion gegen die deutsche Realität keine Chance, wenn sich beide bei einem Theoretiker-Contest träfen.

Scholze hat nämlich schon so ziemlich alles gewonnen, was die Mathematik an Preisen zu bieten hat. Seit dieser Woche ist er dank seiner Beiträge zur „arithmetischen Geometrie“ nun auch stolzer Träger der Fields-Medaille, für die vielleicht die Gleichung gelten kann: Fields = Oscar + Nobelpreis + Olympiasieg + Weihnachten.

Der Preis wird nur alle vier Jahre vergeben – an die wahren Gegenwarts-Einsteins. Und dessen Relativitätstheorie verstehen ja auch nur die wenigsten. Um die Komplexität von Scholzes Arbeit würdigen zu können, muss man sich nur seinen Wikipedia-Eintrag anschauen. Dort heißt es unter anderem, er habe schon „als 22-jähriger Student einen neuen Beweis der lokalen Langlandskorrespondenz“ erbracht – und zwar einen deutlich kürzeren und eleganteren. „Es war demütigend“, sagte ein Professor aus Boston der „Süddeutschen Zeitung“.

In seiner Dissertation führte Scholze „die neue Technik der perfektoiden Räume ein, die es erlaubt, bei zahlentheoretischen Fragen zwischen Körpern gemischter Charakteristik und solchen positiver Charakteristik zu wechseln“. Falls das noch nicht reicht: „Eine Anwendung ist eine allgemeinere Formulierung des Almost-Purity-Theorems von Gerd Faltings in der p-adischen Hodge-Theorie.“ Es soll hier gar nicht erst der Versuch einer Erklärung unternommen werden. Wir können uns allenfalls einer Antwort auf die Frage nähern: Warum finden wir diesen Typen so faszinierend?

Weil er uns Mut macht? Weil wir eben nicht verstehen, worüber er überhaupt nachdenkt? Weil er ein cooler Imageträger ist? Wir sind Fields – obwohl sich Scholze für sein Genie offenbar nicht sonderlich anstrengen musste.

Er habe nie mitgeschrieben, erzählen Ex-Kommilitonen, sondern einfach verstanden. Ein Mozart der Mathematik. Okay, Papa Scholze ist Physiker und Mama Scholze Informatikerin. Da wurde zu Hause sicher selten „Bachelor“ geguckt. Andererseits ist er ziemlich normal aufgewachsen: geboren noch im Vorwende-Dresden und dann im Berliner Stadtteil Friedrichshain zur Schule gegangen am Heinrich-Hertz-Gymnasium, das für seinen Mathe-Schwerpunkt bekannt ist.

Mit 24 war er jüngster W3-Professor der Republik, mit 27 erhielt er den Leibniz-Preis. Und nun, mit 30, ist er neben seiner Lehrtätigkeit in Bonn auch noch Direktor des Max-Planck-Instituts für Mathematik. Klar, sie versuchen, ihn zu halten mit solchen Ämtern und Würden. Im Ausland könnte er sich die Jobs aussuchen. Aber will er überhaupt weg? Er hoffe, dass sich durch die Fields-Medaille in seinem Leben „nicht viel ändern wird“, sagte er nach der Verleihung in Rio de Janeiro.

Scholze gilt als hilfsbereit, still und bescheiden. Er ist keiner dieser lauten Marktschreier, die derzeit auf den öffentlichen Bühnen zu erleben sind in Konzernen und Regierungen. Er macht sein Ding, und ob dieses Ding jemals die Welt verändern wird, weiß man nicht. Aber ist nicht auch das deutlich sympathischer als all die Apples und Amazons und Facebooks, die einem dauernd sagen, sie würden uns glücklicher machen, dabei aber vor allem ihre Umsätze weiterbefeuern?

Einen hochdotierten US-Mathepreis, der letztlich von Mark Zuckerberg finanziert wird, hat Scholze vor drei Jahren abgelehnt. Er selbst hat sich dazu nicht erklärt. Es gibt aber Kollegen von ihm, die glauben, dass ihm der Hollywood-Pomp und der missionarische Eifer des Silicon Valley fremd sind. Auch das würde Scholze jedenfalls nicht unsympathischer machen.

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