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Privatschulen in Frankreich Die Renaissance der Erziehung

Vorbei sind die Zeiten, in denen katholische Privatschulem in Frankreich als Anstalten für elitäre Außenseiter und religiöse Spinner verachtet wurden. Immer mehr Franzosen schicken ihre Kinder auf teure konfessionelle Privatschulen, weil sie dem staatlichen Bildungssystem nicht mehr vertrauen.

PARIS. Die Direktorin kennt jeden ihrer 245 Schüler persönlich. "Na, wie geht?s dir heute, Hugo", fragt sie den blonden Jungen, der ihr auf der alten Holztreppe entgegenkommt. "Sandrine, was machst du denn hier ganz allein", erkundigt sie sich bei einem Mädchen, das in der Pause im Klassenzimmer sitzen geblieben ist. Durch die großen Fenster scheint die Herbstsonne herein in eine Schule wie aus einem Bilderbuch: Die Wände frisch gestrichen in Hellblau oder Sonnenblumengelb, Computer mit Flachbildschirmen schon für die Kleinsten, ein Musikzimmer mit modernster Hi-Fi-Anlage, im Pausenhof unter alten Platanen ein leuchtend buntes Wandgemälde. "Die Kinder lernen ihre Umgebung nur schätzen, wenn sie gepflegt ist", sagt Direktorin Stephanie Charles.

Gratis gibt es die schöne Umgebung nicht. Denn die Ecole Sainte Geneviève, gleich neben der berühmten Place de Vosges im Herzen von Paris gelegen, ist ein katholisches Privatinstitut. Rund 1 500 Euro pro Kind und Jahr kostet die Vor- und Grundschule für Drei- bis Zehnjährige. "Ein finanzieller Kraftakt vor allem für manche größeren Familien", räumt die 34-jährige Directrice ein. Dennoch höre sie nie Klagen über das Schulgeld. "Die Eltern melden ihr Kind freiwillig hier an", betont sie. Schließlich gebe es in unmittelbarer Nähe auch kostenlose öffentliche Schulen.

Die Ecole Sainte Geneviève im dritten Arrondissement von Paris ist kein Einzelfall. In ganz Frankreich flüchten immer mehr Eltern aus dem staatlichen Bildungssystem. Zwei Millionen Kinder besuchen eine Privatschule - und es könnten noch viel mehr sein. Die privaten Bildungseinrichtungen sind mittlerweile derart überlaufen, dass sie Jahr für Jahr Tausende von Interessenten abweisen müssen. Zu Beginn dieses Schuljahrs erteilten die rund 8 500 Privatschulen rund 30 000 Bewerbern aus Kapazitätsgründen eine Absage. Vor allem die privaten Gymnasien platzen aus allen Nähten - ein Trend, der im Ansatz auch in Deutschland zu beobachten ist (siehe unten).

Der Ansturm auf die Privatschule ist in Frankreich als Misstrauenserklärung an das staatliche Bildungssystem zu verstehen. Eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts Centre de Recherche pour l?Etude et l?Observation des Conditions de Vie (Credoc) ergab, dass 30 Prozent der Eltern ihr Kind "aus Enttäuschung über die öffentliche Schule" in ein privates Institut schicken.

Zum Kreis der Enttäuschten gehört Martin Landon (Name von der Redaktion geändert). Der Diplomat, der von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt nach Paris zurückkehrte, versuchte es zunächst mit einer öffentlichen Grundschule im vornehmen 16. Bezirk. Nach nur zwei Wochen gab er auf. Grund: Im reichsten Viertel von Paris schickt mittlerweile das gesamte Bürgertum seinen Nachwuchs auf die Privatschule. Deshalb entwickelte sich die öffentliche Schule zum Sammelbecken für ausländische Dienstbotenkinder.

So tief wie im 16. Arrondissement ist die soziale Kluft zwischen öffentlich und privat anderswo zwar nicht. Doch generell gilt, dass die Kinder der Unterschicht eher in der Staatsschule landen. "Die stark benachteiligten Familien sind bei uns unterrepräsentiert", räumt Paul Malartre ein.

Der Generalsekretär des Enseignement Catholique (katholisches Bildungswesen) ist der wichtigste Repräsentant der zu über 90 Prozent katholischen Privatschulen. Das Erfolgsgeheimnis seiner Institute sieht Malartre vor allem in ihrer Pädagogik. "Unsere Schulen bilden nicht nur, sondern sie erziehen auch, und wir lassen die Kinder mit ihren Problemen nicht allein." Direktorin Charles bestätigt: "Die Eltern wollen, dass wir ihren Kindern Regeln beibringen."

Über die Qualität des staatlichen Schulwesens sagt die Direktorin lieber nichts. Schließlich sind die katholischen Schulen auf Subventionen angewiesen. Der Staat finanziert die Lehrergehälter und das Lehrmaterial. Den Bau und die Renovierung der Schulgebäude sowie andere Investitionen müssen die Eltern selbst mit ihrem Schulgeld finanzieren.

Die staatliche Teilfinanzierung der konfessionellen Schulen war im laizistischen Frankreich stets ein Quell von Konflikten. Anfang der 80er-Jahre entbrannte deswegen ein regelrechter Schulkrieg zwischen dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand und den Katholiken. Manche linken Intellektuellen und Politiker träumen bis heute davon, die katholischen Schulen finanziell auszutrocknen. Nur die laizistische Staatsschule garantiere gleiche Rechte für alle Kulturen und geistige Überzeugungen, schreibt der linke Philosoph Henri Pena-Ruiz und vertritt damit eine Meinung, die in Frankreich seit der Revolution zum guten Ton gehört.

Doch hinter den zur Schau getragenen republikanischen Überzeugungen verbirgt sich mittlerweile eine ganz andere gesellschaftliche Wirklichkeit. Vorbei sind die Zeiten, in denen die katholische Privatschule als Anstalt für elitäre Außenseiter und religiöse Spinner verachtet wurde. Heute sind es beileibe nicht mehr nur großbürgerliche Katholiken, die sich für eine konfessionelle Schule entscheiden. "Früher war die religiöse Motivation wichtig, doch heute spielt sie nur noch eine untergeordnete Rolle", weiß Paul Malartre.

Inzwischen schicken Familien aus allen politischen Lagern ihre Kinder auf die Privatschule. Sogar linke Lehrer öffentlicher Schulen sollen dabei sein. Auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften schrecken vor den katholischen Instituten nicht zurück. An der Grundschule Sainte Geneviève etwa sind derzeit 15 jüdische und vier muslimische Kinder angemeldet. Alle Kinder lernen unabhängig von ihrem Glauben etwas über die Werte und die Geschichte der verschiedenen Religionen. Hier unterscheidet sich die Privatschule ganz wesentlich von der laizistischen staatlichen Schule, die religiöse Themen strikt ausklammert.

Die Ecole Sainte Geneviève habe aber nicht den Ehrgeiz, die Kinder zu missionieren, beteuert Direktorin Charles: "Kommunionsunterricht und Kirchgang sind bei uns absolut freiwillig, denn schließlich ist die Zeit der Kreuzzüge lange vorbei."

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