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Profit im Orbit In der Raumfahrt entsteht ein neuer Milliardenmarkt – auch in Deutschland

Rund um die Raumfahrt ist ein Milliardenmarkt entstanden, in dem auch deutsche Unternehmen mitspielen. Was sind die Geschäftsmodelle und Technologien?
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SpaceX: Raumfahrt wird zum Milliardenmarkt – auch in Deutschland Quelle: Thomas Kuhlenbeck
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Direkt drei US-Milliardäre drängen derzeit ins All.

(Foto: Thomas Kuhlenbeck)

Ganz in Weiß sind die Fabrikhallen gestrichen. „Space X“ steht in silbernen Buchstaben unter dem Dachrand. Nicht groß und prahlerisch, sondern elegant und futuristisch. Wer mit dem Auto an den Hallen in Los Angeles nah am Flughafen vorbeifährt, könnte den Schriftzug leicht übersehen.

Nicht zu übersehen ist hingegen die Falcon-Rakete, die neben dem Eingangsgebäude in den blauen Abendhimmel ragt. Ein Triumph der Ingenieurskunst wie der Betriebswirtschaft: Die neuesten Falcon-Varianten fliegen so zuverlässig und preiswert wie kaum ein anderer Lastenträger zuvor in den Weltraum und kehren anschließend zu großen Teilen unversehrt auf die Erde zurück.

Der Zugang zu den schwer bewachten Hallen an der Rocket Road ist schwer zu erlangen. Space X schirmt sich ab. Beim Besuch des Handelsblatts durften keine Fotos gemacht werden, keine Details aus der aktuellen Produktion beschrieben werden. Nur so viel: Es ist 20 Uhr abends, und die Halle brummt. Überall hämmert, schweißt und klopft es. Hier wird immer gearbeitet, mit Hochdruck, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche.

Die Fabrikhallen sind das Reich von Elon Musk. Der Physiker hat mit seinem Unternehmen Tesla nicht nur die Mobilität auf der Straße revolutioniert und mit Paypal das Bezahlen im Internet, sondern mit Space X auch den Weg in den Weltraum. Musk gründete das Unternehmen 2002, anfangs als kleines Projekt, um die US-Weltraumorganisation Nasa zu unterstützen. Doch entwickelte sich daraus eines der erfolgreichsten Start-ups der Gegenwart, das heute mit mehr als 33 Milliarden Dollar bewertet ist.

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Musk hat auf den richtigen Trend gesetzt. Alle Welt spricht von Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz oder dem Quantencomputer. Viel zu wenig Beachtung findet in diesem Diskurs die Weltraumwirtschaft. Dabei hat sich rund um die Raumfahrt in den vergangenen Jahren ein Milliardenmarkt entwickelt. Es geht um viel Geld und enormes Wachstum. Amerika und China liefern sich ein neues Wettrennen um die Vorherrschaft im All.

Neue Anwendungen wie kleine Satelliten sorgen für einen Boom. Die Investmentbank UBS schätzt den jährlichen Umsatz in der Weltraumwirtschaft derzeit auf 400 Milliarden Dollar, ein Wert, der sich bis 2030 verdoppeln soll. Nur ein Viertel der Umsätze entfällt auf staatliche Raumfahrtprojekte, drei Viertel auf Privatwirtschaft.

Neben Musk sind es vor allem zwei weitere illustre Unternehmer, die diesen Trend erkannt und genutzt haben: Amazon-Gründer Jeff Bezos gründete das Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Der britische Multiunternehmer Richard Branson brachte vor wenigen Tagen seine Raumfahrtsparte Virgin Galactic an die Börse.

Der Zugang zu SpaceX ist schwer bewacht. Das Unternehmen schirmt sich ab. Quelle: action press
Raketenstart

Der Zugang zu SpaceX ist schwer bewacht. Das Unternehmen schirmt sich ab.

(Foto: action press)

Was alle drei antreibt, ist neben der ewigen Faszination des Alls vor allem die Aussicht auf stetig sinkende Grenzkosten. Die Kosten für Weltraumtechnik werden durch Erfindungen und Unternehmertum schon bald 100-mal geringer sein wie derzeit, ist Bezos überzeugt, und eine „völlig neue Welt“ eröffnen. „Kreativität, Dynamik, ihr werdet die gleichen Dinge im Weltraum sehen, die ich in den vergangenen 20 Jahren im Internet erlebt habe.“

Der entscheidende Unterschied: Bezos und Branson setzten auf Touristenflüge ins All. Ein Zukunftsmarkt, der die in ihn gesetzten Hoffnungen erst noch erfüllen muss. Auch Musk ist nie um eine hochfliegende Vision verlegen. Doch zugleich steckt er tief drin im momentanen Brot-und-Butter-Geschäft der Raumfahrt: zu möglichst geringen Kosten Satelliten im Weltraum zu platzieren, die uns mit Unterhaltung und Informationen versorgen, Autos autonom fahren lassen, Uber und Lyft ihre Fahrdienste ermöglichen oder die Deutsche Bahn wissen lassen, wo Bäume ihre Gleise blockieren.

Deutschland hat keinen Musk und keinen Bezos. Doch auch für die Bundesrepublik bietet die Raumfahrt-Bonanza vielfältige Chancen. Die deutsche Ingenieurs- und Tüftlerexpertise ist wie geschaffen für den Weltraummarkt. Zuverlässigkeit und Innovation sind lebenswichtig im Weltraum, die Verschmelzung von Software und IT mit mechanischer Meisterschaft dringende Voraussetzung – alles bekannte Stärken deutscher Firmen, Industrie 4.0 in Reinform.

Musk ist der Antreiber bei Space X, aber angeleitet werden die Ingenieure und Experten von einem Deutschen, Hans Koenigsmann. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, sagt Koenigsmann, Chefingenieur bei Space X, im Interview mit dem Handelsblatt.

Europäisch-deutsche Firmen wie Airbus oder OHB in Bremen setzten bereits viele Milliarden Euro in der Raumfahrt um. Airbus beispielsweise liefert das Servicemodul für die bemannte Nasa-Raumkapsel Orion. Zahlreiche Start-ups vor allem um Bremen und München arbeiten an kleinen, aber wichtigen Projekten für die Weltraumwirtschaft. „Das halbe Orion-Raumschiff wird in Bremen gebaut. Wir liefern den Amerikanern damit den Weg zum Mond“, sagt Thomas Jarzombek stolz, der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung.

Im Bundeswirtschaftsministerium von Peter Altmaier kämpft Jarzombek für die Ausweitung der Raumfahrtprogramme. 855 Millionen Euro für die Programme der europäischen Raumfahrtbehörde European Space Agency (ESA) sieht der Bundeshaushalt 2020 vor – Jarzombek hätte sich eine Milliarde gewünscht. Das nationale deutsche Programm enthält zusätzlich 297 Millionen Euro.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kündigte an, in den nächsten Jahren 700 Millionen Euro für ein bayerisches Luft- und Raumfahrtprogramm auszugeben. Allerdings wurden in diesem Jahr erst 30 Millionen Euro für Projekte bewilligt. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer witzelte denn auch im Handelsblatt-Interview: „Bayern kann ja schon mal vorausfliegen.“

Der Spott fällt leicht bei dem Thema. Schließlich galt die Raumfahrt über viele Jahrzehnte als ein teures Prestigespielzeug mächtiger Männer, als Sinnbild für die Verschwendung von Steuergeld. Lasst uns doch erst einmal die Probleme auf der Erde lösen, bevor wir ins All fliegen: Diese skeptische Haltung ist gerade in Deutschland ausgeprägt. Noch verstärkt wird sie dadurch, dass Raketenstarts gewaltige Mengen des Klimagases C02 verursachen.

Richard Branson läutet die Glocke für sein Weltraumtourismusunternehmen Virgin Galactic. Quelle: AFP
Börsengang in New York

Richard Branson läutet die Glocke für sein Weltraumtourismusunternehmen Virgin Galactic.

(Foto: AFP)

Dabei sind wir auf der Erde längst abhängig von der Raumfahrt. Die ESA schätzt, dass zehn Prozent der Wirtschaftsleistung in der EU inzwischen allein von funktionierenden Navigationssatelliten abhängen. Allmählich setzt sich auch in Deutschland die Erkenntnis durch, dass die Raumfahrt ein Zukunftsmarkt ist, der vielfach bereits ohne Staatsgeld funktioniert – und in dem deutsche Unternehmen gute Chancen haben.

Kramp-Karrenbauer meint es daher durchaus ernst, wenn sie vorschlägt, die neue EU-Agentur für Rüstung und Weltraum dafür zu nutzen, die nationalen Kompetenzen europaweit zusammenzulegen. Das Geschäft im Weltraum kann man nicht im Sprint erobern, es gleicht vielmehr einem Marathon. Projekte laufen nicht Jahre, sondern oft Jahrzehnte. Sie sind hochriskant und komplex.

Vor wenigen Wochen wagte sich der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, auf einem Weltraumkongress seines Verbands aus der Deckung. Der BDI-Chef verlangte vor 400 Gästen aus der Raumfahrtszene und der Berliner Politik, einen deutschen Weltraumbahnhof zu bauen. „Raumfahrt ist für das Industrieland Deutschland ein Schlüssel für Zukunftstechnologien“, so Kempf.

Es geht dabei nicht um riesige Raketenrampen, wie jene in Französisch-Guayana, von denen die Ariane startet, sondern um Startplätze für neue „Mini-Launcher“: Kleinraketen, die Minisatelliten in die Erdumlaufbahn bringen sollen. Enorme Vorteile biete das, so Kempf. Heute müssten Kleinsatellitenhersteller oft Monate warten, bis sie Plätze auf indischen Raketen buchen könnten.

Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns lässt bereits seit sechs Monaten prüfen, ob nicht der Flughafen Rostock Laage infrage kommen könnte. Auch der Bundeswehr-Flugplatz Nordholz in Niedersachsen wird untersucht. Und Wirtschaftsminister Altmaier sagte Kempf nach dem Kongress zu, die Idee prüfen zu wollen.

Deutschland liegt mit seinen 297 Millionen Euro für das nationale Raumfahrtprogramm international nur auf Platz 8. „Die Bundesrepublik sollte das Programm mindestens auf das Niveau des französischen Budgets von mehr als 700 Millionen Euro erhöhen“, fordert Kempf.

In wenigen Tagen kommt der Ministerrat der ESA zusammen. Dort beraten die Europäischen Länder, wie viel Geld sie dem Nasa-Pendant in Europa bewilligen. Allerdings stellt sich die Frage, ob in Europa nicht mehr auf Privatwirtschaft gesetzt werden sollte. Die europäische Ariane-Rakete gilt als zuverlässig, aber auch teuer und daher wenig konkurrenzfähig.

Ein Blick in die USA zeigt Überraschendes: Die Budgetkürzungen der Nasa in den Wirtschaftskrisen 2002 und 2008 zwangen die Weltraumbehörde zu einer Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft – und lösten so den Raumfahrt-Gründungsboom in den USA aus, den heute Elon Musk anführt.

Bewusstlos in Moskau

Die Idee zu Space X entstand im Frühjahr 2001 auf einer Autofahrt. Elon Musk hatte mit Freunden das Wochenende am Strand in den Hamptons verbracht und fuhr mit seinem Studienfreund Adeo Ressi zurück nach New York. Die beiden sprachen über ihren Reichtum. Was tun damit? Ressi hatte gerade seine Internetfirma Methodfive verkauft. Der von Musk mitgegründete Bezahldienst Paypal sollte bald an die Börse gehen.

Musk und Ressi kamen auf den Weltraum zu sprechen. Wie wenig seit der Mondlandung 1969 passiert sei. Wie aber die Menschen wieder für das Thema begeistern? Die „offensichtliche“ Sache wäre ein Flug zum Mars, erinnerte sich Ressi in einem Artikel an das Gespräch. Die Idee war geboren. Erst war es eine Maus, dann eine Pflanze, die die beiden 228 Millionen Kilometer weit zum Mars schicken wollten. Ein Symbolakt.

Fehlte nur noch die Rakete. Erste Gespräche mit Arianespace in Paris brachten wenig, die Europäer waren zu teuer. Doch in Paris hörten Musk und Ressi, dass Russland seine umgebauten Interkontinentalraketen loswerden wolle. Die beiden flogen nach Moskau, das Treffen mit der russischen Raumfahrtbehörde war unvergesslich.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Quelle: imago/ZUMA Press
Elon Musk (links) mit SpaceX-Chefingenieur Hans Koenigsmann

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

(Foto: imago/ZUMA Press)

„Alle zwei Minuten gab es einen Trinkspruch“, erinnerte sich Ressi. Auf Amerika, auf den Weltraum, auf den amerikanischen Weltraum. Einer der letzten Erinnerungen von Ressi war der Anblick von Musk, wie er bewusstlos auf der Tischplatte lag. „Dann war ich auch weg.“

Statt in Russland eine Rakete zu kaufen, kam Musk bald die Idee: selbst bauen. Mehrmals war Musk in Russland, auf seinem letzten Rückflug tippte er die ganze Zeit im Flugzeug in einen Laptop. Bei der Landung zeigte er seinen Begleitern, zwei Raumfahrtingenieuren, seine Tabellenkalkulation. Einer von ihnen war der spätere Nasa-Chef Mike Griffin, heute Staatssekretär im Pentagon.

Die Experten überraschte Musk mit einer simplen und zugleich überzeugenden Rechnung: Wie man eine Rakete für deutlich weniger Geld bauen könnte als jemals zuvor. Griffin fragte ihn, woher er denn die Details habe. Aus Büchern, antwortete Musk.

Der Rest ist Geschichte. Die Falcon 9 revolutionierte die Raumfahrt. So wird die Rakete fast vollständig von Space X selbst gebaut. Das war am Anfang teuer und mühsam, doch konnten die Ingenieure so das Sparpotenzial in jedem noch so kleinen Teil realisieren. Auch können sie auf diese Weise das technische Zusammenspiel von Triebwerk, Steuer- und Lenkeinrichtungen und anderen Elementen optimieren. Und sie können die Rakete so konstruieren, das man sie wiederverwenden kann, was zuvor als kaum machbar galt.

Die Falcon 9 drückte die Kosten für Raumfahrtverhältnisse in fast beispielloser Manier. Von 1970 bis 2000 musste man mit konventionellen Raketen mehr als 18.000 Dollar bezahlen, um ein Kilogramm Fracht ins Weltall zu schicken. Beim Spaceshuttle beliefen sich die Kosten gar auf mehr als 54.000 Dollar. Mit der Falcon 9 kostet ein Kilo Fracht nur rund 2600 Dollar.

Die Preise werden weiter fallen. Alteingesessene Firmen wie Orbital ATK und Northrop Grumman oder die United Launch Alliance von Lockheed Martin Space Systems und Boeing sind aufgewacht und drücken mit ihren Innovationen die Kosten. Immer mehr Satelliten können billig in die Erdumlaufbahn geschossen werden – und das dichte Satellitennetz ermöglicht völlig neue Geschäftsmodelle auch auf der Erde.

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