Raumfahrt: Stille Weltraummacht: Wie eine japanische Firma auf dem Mond Geschichte schreiben will
Am 11. Dezember 2022 hob der Mondlander von ispace an Bord einer Rakete des US-Unternehmens SpaceX ab. Am Dienstag deutscher Zeit soll nun die Landung erfolgen.
Foto: IMAGO/USA TODAY NetworkTokio. Takeshi Hakamada hat Großes vor mit dem Mond: Der Japaner glaubt, dass der Erdtrabant zum „Sprungbrett für weitere Weltraummissionen“ wird. Und sein Unternehmen Ispace soll dabei zu einer Art globalem Weltraumspediteur werden. „Wir erwarten ein Mondtransportgeschäft im zweistelligen Milliardenbereich.“
Schon in dieser Woche will Hakamada einen großen Schritt in diese Richtung machen – und Geschichte schreiben. Am Mittwochabend Tokioter Zeit soll die in Deutschland gebaute Sonde M1 des Unternehmens auf der Mondoberfläche landen und dort den in den Vereinigten Arabischen Emirate gebauten Rover Rashid freilassen. Es wäre die erste Landung eines Privatunternehmens. Japan könnte damit, von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet, künftig beim Wettlauf um den Mond eine entscheidende Rolle spielen.
Grund für den globalen Kampf um die Vorherrschaft sind die Mondpole. Dort gibt es Eis, aus dem sich Trinkwasser für Menschen und Wasserstoff als Treibstoff für Maschinen gewinnen lasse. „Sobald wir eine Tankstelle im All haben, werden die Weltraumaktivitäten dramatisch zunehmen“, erklärt Hakamada den Reiz. Einen Teil des Geschäfts hofft er mit Ispace zu kontrollieren, indem er günstige Lieferdienste zum Erdtrabanten anbietet.
Am Finanzmarkt zahlt sich die Vision bereits aus. Am 13. April ging Ispace in Japan an die Börse und versechsfachte am ersten Tag den Ausgabepreis auf 1201 Yen, umgerechnet rund acht Euro. In der vergangenen Woche schoss der Kurs dann mit 2373 Yen auf seinen ersten Zenit, bevor er an diesem Montag auf etwa 2000 Yen (13,50 Euro) sank.
Riskante Wette für Investoren
Die Wette der Investoren ist allerdings riskant: Zum einen hat das Unternehmen auf absehbare Zeit keine Gewinne in Aussicht gestellt. Zum anderen wächst die Konkurrenz im Weltraumgeschäft rasant. Die USA, China und die Europäische Union haben bereits eigene Mondmissionen gestartet. Nun kommen neue Länder wie Südkorea und Indien hinzu. Anfang Januar unterzeichneten die USA und Japan ein neues Rahmenabkommen, um die Zusammenarbeit im Weltraum zu unterstreichen.
Es soll die langjährige Zusammenarbeit „auf eine neue Ebene heben“, erklärte US-Außenminister Antony Blinken. Vorgesehen ist nicht nur eine beschleunigte gemeinsame Entwicklung von Technologien, sondern auch von Transportsystemen sowie die Erschließung des Mondes. Dahinter stehen auch in Japan politischer Wille und viel Geld. „Das japanische Raumfahrtprogramm ist extrem ehrgeizig“, urteilt der japanische Experte Kazuto Suzuki von der Universität Tokio.
Die Multinationalität sieht der ispace-Gründer als großen Wettbewerbsvorteil.
Foto: dpaJapan ist seit Langem eine Weltraummacht mit breiter industrieller Basis. Doch die zunehmende militärische und zivile Nutzung des Weltraums hat die Regierung veranlasst, die staatliche Förderung innerhalb von zwei Jahren auf 600 Milliarden Yen (vier Milliarden Euro) zu verdoppeln.
Davon profitieren einerseits etablierte Kräfte wie die Raumfahrtagentur Jaxa und Japans Großkonzerne, die seit Jahrzehnten wichtige Beiträge zur Erschließung des Weltalls leisten. Aber eben auch Start-ups und kleinere Unternehmen wie Ispace. Dessen Gründer hat von Anfang an versucht, ein wirklich internationales Unternehmen aufzubauen, mit Mitarbeitern und Partnern in Schlüsselmärkten. Diese Multinationalität ist für Hakamada ein großer Wettbewerbsvorteil. Sein Unternehmen habe so auf Augenhöhe mit den Großen der Raumfahrt sprechen können, sagt der Gründer. „Wenn wir nur mit Japanern angefangen hätten, wäre das nicht möglich gewesen.“
Der Ispace-Gründer fürchtet, weltraumkrank zu werden
So befindet sich eine Kommunikationszentrale für die Raumflüge in Luxemburg. Das europäische Raketenunternehmen Ariane übernimmt derweil den Bau des Mondlanders. Die Sonde wurde in Ottobrunn beim Anlagenbauer IABG zusammengesetzt. Das amerikanische Draper Laboratory, ein nicht gewinnorientierter Entwickler von Weltraumtechnik mit immerhin 1700 Mitarbeitern, liefert derweil die Steuerung und den Zugang zu den gut gefüllten Fördertöpfen der US-Regierung.
Besonders ist auch das Geschäftsmodell, das Hakamada ursprünglich für Googles Lunar X-Prize erdacht hatte: Zusammen mit Experten aus Deutschland nahm sein Team unter dem Namen Hakuto an dem mit 20 Millionen Dollar dotierten Wettbewerb teil. Hakuto ist der japanischen Mythologie entlehnt, das „weiße Kaninchen“. Es ist das asiatische Pendant zum „Mann im Mond“.
Zwar schaffte Hakamada es nicht, in der von Google vorgegebenen Zeit einen Rover über den Mond zu schicken. Aber seine Idee, einen Anbieter für Mondlogistik zu entwickeln, hat überlebt. Raketen und Großprojekte liegen ihm fern, weil sie viel Geld und Zeit kosten. Er setzt lieber auf die Nische. „Große Projekte sind vielleicht spektakulär“, erklärt er, „aber sie erfordern auch viele kleine Transporte.“
„Ich möchte eine Welt erleben, in der coole Raumschiffe zwischen den Planeten reisen.“
Foto: Bloomberg2015 beschloss er, eine eigene Landesonde zu entwickeln. Kunden fand er schnell: Die Vereinigten Arabischen Emirate schicken ihren Mondrover Rashid auf die Reise, Japans Raumfahrtagentur Jaxa einen weiteren Lander. Mit an Bord ist auch eine Feststoffbatterie der japanischen Firma NGK Spark Plug, die unter Weltraumbedingungen getestet werden soll.
Die Sterne scheinen für das Projekt günstig zu stehen: Nach dem chinesischen Horoskop befindet sich die Welt im Jahr des Hasen. Bisher verlief die Reise reibungslos. Hakamada selbst träumt allerdings nicht davon, zum Mond oder Mars zu fliegen. Er fürchtet sich davor, weltraumkrank zu werden. Stattdessen verfolgt er ein anderes Ziel: „Ich möchte eine Welt erleben, in der coole Raumschiffe zwischen den Planeten reisen.“
Auch Japans Versicherer entdeckten die Raumfahrt
Zu Japans etablierten Playern zählen unter anderem die Technologiekonzerne NEC und Mitsubishi Electric, die eine breite Palette von Satelliten bauen. Bei den Raketen wollen die Japaner mittelfristig Elon Musks SpaceX Konkurrenz machen, das derzeit kommerzielle Raketenstarts dominiert. Auch „Hakuto-R“, wie die Ispace-Mission zum Mond heißt, startete im Dezember 2022 an Bord einer Falcon-9-Rakete des US-Raumfahrtkonzerns.
IHI Aerospace entwickelt dafür die Rakete Epsilon, die sich dank Künstlicher Intelligenz vor dem Start in kurzer Zeit selbst überprüfen können soll. Für die großen Trägerraketen wie Japans H2A ist Mitsubishi Heavy Industries zuständig, einer der größten Schwerindustriekonzerne des Landes.
Allerdings hat das Programm gerade einen schweren Rückschlag erlitten: Die neue H3-Rakete, die Satelliten in Umlaufbahnen um den Mond und sogar um die Sonne bringen soll, musste im März bei ihrem Jungfernflug kurz nach dem Start gesprengt werden. Dafür florieren inzwischen ein bunter Haufen privater Unternehmen.
Der japanische Internetunternehmer Takafumi Horie versucht mit seinem Start-up Interstellar Technologies eine Rakete für Kleinsatelliten zu entwickeln – bisher mit wenig Erfolg. Canon versucht ein eigenes Projekt in die Höhe zu bringen.
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Der ehemalige Autoingenieur Shinichiro Nakajima, der in seiner eher irdischen Karriere an der Entwicklung des Allradantriebs von Audi beteiligt war, will die Raumfahrt mit Mini-Rovern bereichern. Seine Firma Dymon produziert den zweirädrigen „Yaoki“, der nur 498 Gramm wiegt. Der Name stammt aus dem japanischen Sprichwort „nanakorobi, yaoki“. Wörtlich übersetzt heißt es „siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen“. Denn der Rover mit seinen zwei großen Rädern auf einem kleinen Körper ist so konstruiert, dass er auch nach einem Überschlag weiterfahren kann.
Auch dieses Produkt ist schon weit fortgeschritten. Dymon soll an drei Mondreisen teilnehmen, darunter Missionen der amerikanischen Raumfahrt-Start-ups Astrobotics und Intuitive Machines sowie des Artemis-Programms der US-Raumfahrtbehörde Nasa.
Selbst Japans Versicherer haben die Raumfahrt als Wachstumsmarkt entdeckt. Tokio Marine & Nichido Fire Insurance will Mondrover versichern. Rivale Mitsui Sumitomo entwickelt gemeinsam mit Ispace eine Versicherung für Mondsonden.