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Raumfahrt Wie Europa seine Zukunft im All vertrödelt

Während Elon Musk Astronauten zur ISS fliegt, verpasst Europa die neuen Chancen der Raumfahrt. An fehlender Technologie liegt das nicht.
19.11.2020 - 16:18 Uhr Kommentieren
Die Ariane 6 fliegt nur in der Animation – der Start verzögert sich um zwei Jahre. Quelle: dpa
Rakete Ariane 6

Die Ariane 6 fliegt nur in der Animation – der Start verzögert sich um zwei Jahre.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Raketen ins All zu starten ist das große Ziel von Isar Aerospace. Das Start-up aus München stellt Kleinraketen her, mit denen ab 2021 Satelliten preiswert in niedrige Umlaufbahnen gebracht werden sollen. Das Unternehmen, gefördert von der Bundesregierung, sammelt derzeit 100 Millionen Euro an Investorengeld ein.

Um seine Raketentriebwerke am Boden zu testen, braucht die Firma einen Prüfstand. Nordöstlich von Heilbronn unterhält das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein geeignetes Testgelände. Isar Aerospace fragte bereits 2018 nach, erhielt aber neun Monate lang keine Antwort.

Dann kam auch nur eine „sehr grobe Schätzung der Kosten“, sagt CEO und Gründer Daniel Metzler. Bis heute sind grundsätzliche Fragen wie eine mögliche Förderung nicht geklärt.

Das dauerte den jungen Gründern zu lange. Isar Aerospace fragte ein Testgelände in Esrange in Schweden an. Die Zusage kam schnell, einschließlich einer Auflistung möglicher staatlicher Subventionen.

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    Das DLR ist sich keines Versäumnisses bewusst. Es habe Gespräche gegeben, aber dem Zentrum würden „keine dezidierten Anfragen“ vorliegen, „in denen konkrete technische Informationen genannt werden, um ein Angebot zu erstellen“.

    Warum ein Münchener Start-up seine Raketen statt nach Heilbronn nach Nordschweden verfrachten muss – das sagt viel aus über den Zustand der deutschen und europäischen Technologieförderung.

    Bürokratie, Kleinstaaterei und fehlende Vision: Die europäische Raumfahrt leidet unter gravierenden Problemen. Während Start-ups neue Geschäftsmodelle entwickeln, liegt die staatlich geförderte Ariane-Rakete aufgrund der Corona-Pandemie für mindestens zwei Jahre auf Eis.

    Das Start-up von Josef Fleischmann, Markus Brandl und Daniel Metzler (von links) stellt Kleinraketen her, mit denen ab 2021 Satelliten preiswert in niedrige Umlaufbahnen gebracht werden sollen. Quelle: Hering Schuppener Consulting
    Die Gründer von Isar Aerospace

    Das Start-up von Josef Fleischmann, Markus Brandl und Daniel Metzler (von links) stellt Kleinraketen her, mit denen ab 2021 Satelliten preiswert in niedrige Umlaufbahnen gebracht werden sollen.

    (Foto: Hering Schuppener Consulting)

    Und auch die zweite staatlich finanzierte Europa-Rakete mutiert zum Flop: Am Dienstag kam die mittelgroße Vega-Rakete von Arianespace vom Kurs ab und ging mit zwei Satelliten verloren – wie schon im Vorjahr. Ganz anders die amerikanische Konkurrenz: Dass es anders geht, zeigte Anfang der Woche SpaceX. Das Unternehmen von Elon Musk brachte erfolgreich Astronauten zur Internationalen Raumstation.

    Die Ariane 6 braucht weitere 230 Millionen

    Wenn am Freitag die für Raumfahrt zuständigen Minister Europas zusammenkommen, werden sie auch über die Forderung der europäischen Weltraumbehörde Esa beraten. Die derzeit nicht startfähige Ariane-6-Rakete braucht weitere 230 Millionen Euro. Das Geld sei für den Abschluss der Entwicklung nötig, sagt Stéphane Israël, Chef von Arianespace, der kommerziellen Betreibergesellschaft der Ariane. „Außerdem entstehen Kosten durch die Verzögerung – es fehlt ja ein Jahr an Einnahmen durch die Vermarktung.“

    Die Bundesregierung ist nicht glücklich über die neuen Forderungen. Deutschland ist bei der Ariane über die europäischen Partner gebunden, die große Europa-Rakete gilt als Ausweis der gemeinsamen europäischen Raumfahrtpolitik.

    Aus Sicht der Berliner Politik fließt bei der Ariane zu viel Geld in zu träge Strukturen. „Es muss einfach flotter werden“, verlangt Thomas Jarzombek, Raumfahrtkoordinator im Bundeswirtschaftsministerium. Er, aber auch andere würden lieber mehr Geld in Start-ups wie Isar Aerospace stecken, die mit weniger Aufwand und schnelleren Strukturen arbeiten.

    Experten bescheinigen Deutschland exzellente Universitäten, dynamische Start-ups und eine gewisse Leidenschaft für das Thema Raumfahrt. Rund 90 deutsche Unternehmen im Bereich „New Space“ haben sich in den vergangenen Jahren gegründet. Sie nutzen neue Möglichkeiten wie den 3D-Druck, mit dem sich Raketentriebwerke innerhalb weniger Tage herstellen lassen.

    Die Miniaturisierung von Elektronikbauteilen schrumpft tonnenschwere Satelliten auf die Größe von Schuhkartons. Das macht Raketenstarts und den Aufbau von Satellitennetzen einfacher und preiswerter. Ganz vorn liegen US-Unternehmen, finanziert aus dem Silicon Valley. „Europa muss aufpassen, nicht wieder einen großen Markt zu verpassen“, sagt Matthias Spott, Gründer von EightLeo, einem Start-up zu Satellitenkommunikation.

    Das Unternehmen von Elon Musk brachte erfolgreich Astronauten zur Internationalen Raumstation. Quelle: imago images/UPI Photo
    Falcon-9-Rakete von SpaceX

    Das Unternehmen von Elon Musk brachte erfolgreich Astronauten zur Internationalen Raumstation.

    (Foto: imago images/UPI Photo)

    Die europäischen und deutschen Start-ups werden stark von Amerikanern umworben. Sie stoßen auf Gehör, in Europa sind zu wenig Perspektiven auszumachen. 93 Prozent der deutschen Start-ups wünschen sich „mehr staatliche Aufträge nach dem Vorbild der USA“, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer Umfrage vor wenigen Monaten ermittelte.

    Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa lässt ihre Raketen und Raumkapseln mittlerweile von privaten Unternehmen entwickeln und finanzieren. Hinzu kommen Großaufträge des US-Militärs, das in großem Stil Raketenstarts und Satelliten bestellt.

    In Europa mangelt es den Unternehmen aber an Visionen und Ideen. „Europa fehlt ein Top-Projekt“, sagt Bulent Altan, Chef von Mynaric aus München. Das Unternehmen, das Laserkommunikation für Satelliten anbietet, hat gerade erst einen zweiten Sitz in Los Angeles eröffnet.

    Produziert wird nach dem Länderproporz

    Bei MT Aerospace in Augsburg ist die Stimmung schlecht. Die Firma mit rund 600 Mitarbeitern baut Tanks und Strukturbauteile der Oberstufe der Ariane 6. Doch die Rakete startet aufgrund der Corona-Pandemie und technischer Verzögerungen erst Mitte 2022 – zwei Jahre später als geplant.

    Bisher hilft der Firma die Kurzarbeit, die bis Ende 2021 verlängert wurde. Aber spätestens Mitte 2021 muss die Tochter des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB entscheiden, wie es weitergehen soll. „Aktuell ist ein Drittel der Entwickler beschäftigt“, sagt Hans Steininger, CEO von MT-Aerospace. „Ich denke, dass wir langfristig 100 bis 150 Leute zu viel an Bord haben.“

    „Launcher“ heißen die großen Raketen in der Branche. Warum fliegen die Falcon-„Launcher“ von SpaceX, nicht aber die Ariane? Es liegt an den Strukturen, sagen Insider. Bei der europäischen Rakete gilt das Prinzip „Geo-Return“: Jedes Land, das Geld für die Raumfahrt gibt, erhält dafür Aufträge. Das ist laut Stéphane Israël, Chef von Arianespace, ein „ausgezeichnetes Mittel, um Finanzen zu mobilisieren“.

    Der Nachteil: An der neuen Ariane 6 sind über 600 Zulieferer aus 13 Ländern beteiligt. Ein ungeheuer komplexes Unterfangen, mit Zulieferungen quer durch Europa. Ganz anders die Produktion von SpaceX. Dort wird bei der Falcon-Rakete vom Motor bis zur Verkleidung alles möglichst „inhouse“ hergestellt.

    Aufgrund der Reiseeinschränkungen können sich die Ingenieure aus den unterschiedlichen Ländern nicht treffen. Laut Pierre Godart, Deutschlandchef der Ariane-Gruppe, ist das aber eine unverzichtbare Vorrausetzung. „Es ist richtig, in Europa gibt es viel Komplexität“, verteidigt er die Struktur. „Die Vorteile jedoch überwiegen, die verschiedenen Sprachen und Kulturen bringen neue Ideen hervor, es herrscht eine Offenheit der Welt gegenüber.“

    Die wenigen europäischen Starts wirken sich auch technologisch nachteilig aus. Quelle: Bloomberg
    OHB-Produktion in Bremen

    Die wenigen europäischen Starts wirken sich auch technologisch nachteilig aus.

    (Foto: Bloomberg)

    Die Vorgehensweise ist langsam und umständlich, soll aber Verlässlichkeit bringen. Der Crash von der Vega-Rakete von Arianespace vor wenigen Tagen stellt das Vorgehen aber wieder einmal infrage. „Die Ariane muss liefern, und das Konsortium wird an einer Umstrukturierung nicht vorbeikommen“, sagt Raumfahrtkoordinator Jarzombek. Er setzt auf Unternehmen wie Isar Aerospace. „Wir wollen mit den kommerziellen Microlauncher-Projekten, die wir fördern, durchaus auch das Ariane-Konsortium etwas aufmischen.“

    Die Start-ups werden das gern hören. Allerdings: Aussteigen aus der Ariane will die Bundesregierung keinesfalls. „Wir sollten die Raketen in Europa genauso sehen wie die Amerikaner: Es gibt einen kommerziellen Raumfahrtmarkt, aber daneben nach wie vor Regierungslauncher. In den USA von der Nasa, in Europa von der Esa“, betont Jarzombek.

    Auf zu neuen Sternen

    Rund 20 Milliarden Euro gibt Europa unter Einrechnung aller Programme insgesamt jährlich für die Raumfahrt aus. Viel Geld, aber es könnte mehr sein. Die USA legen inklusive der Verteidigungsprogramme jährlich rund 60 Milliarden Dollar auf den Tisch. „Europa ist der reichste Kontinent der Welt“, sagt Godart und verweist auf die lange Geschichte Europas als „Entdeckerkontinent“. „Es ist bedauerlich, dass Europa in der astronautischen Raumfahrt nicht dabei ist.“

    Dabei hat Europa in seiner Geschichte wichtige Erfolge vorzuweisen, beispielsweise 2005 das Navigationssystem Galileo oder 2014 das kleine, aber wichtige Erdbeobachtungsnetzwerk Copernicus.

    Jetzt schlägt EU-Kommissar Thierry Breton ein neues Projekt vor: eine eigene Satellitenkonstellation im niedrigen Orbit aufzubauen. Die Konstellation kann fast überall in der Welt ein schnelles Internet anbieten, wichtig für Telekommunikation, Luftfahrt, Landwirtschaft oder die Industrie mit dem Internet der Dinge.

    „Das wäre – wettbewerblich organisiert – ein enorm wichtiger Impuls“, sagt Matthias Wachter, Raumfahrtexperte vom BDI, der sich für eine Startplattform im deutschen Teil der Nordsee einsetzt – von dem die Raketen der neuen europäischen Microlauncher-Start-ups für die kleinen Satelliten starten könnten.

    SpaceX platziert bereits seine Starlink Satelliten im All, Amazon arbeitet ebenfalls an einem Netz. Eine Satellitenkonstellation für das Internet aufzubauen ist kostspielig und zeitaufwendig, ist aber für Wirtschaft und Militär von großer Bedeutung. „Die Branche hat noch eine Durststrecke vor sich – aber mittelfristig werden sich die Investitionen auszahlen“, sagt Gundbert Scherf, Partner und zuständig für Raumfahrt und Tech-Themen bei McKinsey.

    Nicht EU-Kommissar Breton entscheidet über den Aufbau einer Konstellation, sondern die Mitgliedsländer der EU und die Weltraumagentur Esa. Wie gut oder schlecht es mit der europäischen Zusammenarbeit aussieht, zeigt eine Episode aus Berlin.

    Die Bundeswehr spioniert

    Vier Jahre lang war Katrin Suder Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung. Die frühere McKinsey-Beraterin sollte den Rüstungsbereich reformieren. Ein Ziel lautete, die Kosten zu drücken, auch bei Satellitenstarts. Für die drei Spionagesatelliten vom Typ Sarah wählte sie den preiswertesten Anbieter: SpaceX.

    Allerdings gibt es einen kleinen Schönheitsfehler: SpaceX ist ein amerikanisches Unternehmen. Der europäische Anbieter Ariane Group hätte den Auftrag gut gebrauchen können. Die Rakete Ariane wurde mithilfe von Milliarden Euro deutschen Steuergelds gebaut. Trotzdem fliegen 2022 deutsche Feldjäger nach Cap Canaveral, um die Sarah-Satelliten von dort loszuschicken.

    Nachdem sich die Ariane Group in Berlin beschwert hatte, beschloss der Bundestag, eine „Präferenz“ für die europäische Rakete festzulegen. Dass die Bundeswehr ihre Sarah-Satelliten mit SpaceX ins All bringt, „das war keine gute Idee, und in Zukunft wird das auch nicht mehr vorkommen“, sagt Raumfahrtbeauftragter Jarzombek.

    Als OHB 2016 den Auftrag für die Sarah-Satelliten bekam, sollte die Firma den Auftrag zu einem Komplettpreis abwickeln: Bau der Satelliten einschließlich des Transports ins All. So führte kein Weg an Space X vorbei. Was in Europa möglich ist, wäre in den USA, China oder Russland undenkbar.

    Ariane braucht dabei aber händeringend sogenannte „institutionelle Aufträge“ von staatlicher Seite. In den USA gibt es jedes Jahr mehr als 25 von der Nasa oder dem Pentagon. In Europa sind es vier bis fünf. Das gibt SpaceX einen großen Vorteil. „Es kommt mit extrem aggressiven Preisen in den Markt“, sagt Ariane-Manager Godart. Es herrsche ein verzerrter Wettbewerb. „Für institutionelle Kunden stellt SpaceX mit der Falcon 9 mehr als 100 Millionen Dollar in Rechnung, für einen kommerziellen Kunden weniger als die Hälfte.“

    Die wenigen Starts wirken sich auch technologisch nachteilig aus. Es lohnt sich für die Ariane-Gruppe nicht, die Raketen wiederzuverwenden – diese Fähigkeit ist aber mittlerweile das Markenzeichen von SpaceX. Die spektakuläre Rückkehr der Falcon 9 aus dem All ist ein Beispiel technischer Innovation, die bis vor Kurzem noch für unmöglich erklärt wurde.

    Auch die Ariane-Gruppe könnte das technisch hinbekommen. Nur lohnt es sich nicht. Schon heute hat sie mit ihren wenigen Aufträgen Probleme, die Lieferanten bei der Stange zu halten. Wenn Ariane wiederverwendbar wäre, würden nur ein bis zwei Stück pro Jahr produziert werden. „So eine geringe Stückzahl ist auch für die europäischen Zulieferer schwierig und nicht darstellbar“, sagt Godart.

    Zu wenig Aufträge, zu wenig Vision – es muss sich etwas tun in Europas Raumfahrt.

    Mehr: Deutsche Start-ups erobern das All.

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