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Raumfahrt Wie Unternehmen und Regierungen das Weltall erobern wollen

Das Wettrennen um vermögende Raumfahrttouristen läuft. Regierungen entdecken das All strategisch wieder. Es könnte mehr sein als eine Spinnerei.
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Die Raketen von Elon Musks Unternehmen sind wiederverwendbar. Quelle: Moment/Getty Images
Start einer Space X Falcon 9

Die Raketen von Elon Musks Unternehmen sind wiederverwendbar.

(Foto: Moment/Getty Images)

Frankfurt, San Francisco An diesem Samstag ist ein Feiertag für alle Mondsüchtigen. Vor genau 50 Jahren – in Europa war zu dem Zeitpunkt bereits der Sonntag angebrochen – betrat mit Neil Armstrong der erste Mensch den Mond. Doch das eine oder andere Hochamt fällt bescheidener aus als geplant.

Der britische Multiunternehmer Richard Branson etwa wollte passend zum Jahrestag die ersten zahlenden Passagiere mit seiner Firma Virgin Galactic ins All transportieren. Das von einem Trägerflugzeug ausgeklinkte „Spaceship Two“ sollte die äußersten Schichten der Atmosphäre für mehrere Minuten verlassen und dabei nicht nur einen offenen Blick in die Weiten der Galaxie ermöglichen, sondern auch klar die Krümmung der Erde erkennen lassen. Doch das Programm verzögert sich.

Aufhalten lässt sich Branson davon nicht. Bis Jahresende soll Virgin Galactic an die Börse. Mit dem Kapital will der umtriebige Unternehmer seine Vision vom Privattrip ins All Realität werden lassen. Und er ist nicht der Einzige. Um das Thema Weltraumtourismus ist ein regelrechter Hype entstanden.

Auch Elon Musk, Tesla-Chef und Gründer von Space X, will Touristen in den Weltraum schicken. Und mit Amazon-Gründer Jeff Bezos mischt noch ein dritter Milliardär mit. Mit seiner schon 2000 gegründeten Firma Blue Origin war er sogar einer der Ersten. 2002 folgte Musk mit Space X, 2004 dann Branson mit Virgin Galactic.

Was sich auf den ersten Blick wie die Spielerei einer Clique von Megareichen für Megareiche anhört, könnte sich als das nächste „big thing“ erweisen, wenn man der Investmentbank Morgan Stanley glaubt. Sie geht in einer aktuellen Studie davon aus, dass der Raumfahrtmarkt weltweit bis 2040 einen Umsatz von einer Billion Dollar erreichen kann. Dabei sind natürlich nicht nur Touristen- und Kaffeefahrten zum Mond berücksichtigt, sondern auch und vor allem die Satellitenindustrie sowie die russischen und chinesischen Aktivitäten.

Nasa-Rückzug ebnete den Weg

Die Initialzündung für diesen neuen Markt war die Entscheidung der Nasa, sich mehr und mehr aus der direkten Raumfahrt zurückzuziehen und Aufträge für den Bau von Raumfahrzeugen oder die Aussetzung von Satelliten im All an Privatunternehmen wie Space X zu übergeben. Seitdem hat das Thema enorm an Geschwindigkeit gewonnen. Denn der private Trip ins All profitiert von einer parallelen Entwicklung: Die Regierungen haben das All als strategisches Sicherheitsthema entdeckt.

Getrieben wurde das nicht zuletzt durch die Ambitionen Chinas, eine führende Rolle in der Raumfahrt einzunehmen. Das wollen andere Staaten so nicht hinnehmen – und pumpen nun ihrerseits Milliarden in die Raumfahrt. Donald Trump etwa plant eine sechste Abteilung der US-Streitkräfte, die „Space Force“. Sie dürfte ein gigantischer Kunde für Musk, Bezos oder Branson werden.

Von dem neuen Boom wollen auch europäische Anbieter profitieren. Ein Beispiel ist die Bremer Firma OHB. Mit rund 2 500 Mitarbeitern hat sich das Unternehmen auf den Bau von Satelliten konzentriert, etwa für das Galileo-Navigationssystem. Doch OHB befasst sich auch mit der Errichtung von Außenposten für die Raumfahrt. So haben die Bremer am Forschungslabor Columbus der Internationalen Raumstation ISS mitgewirkt.

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Im vergangenen Jahr hat man zudem Kontakt zu Blue Origin von Bezos aufgenommen und eruiert eine mögliche Zusammenarbeit beim Thema Mondmission. Auch Airbus setzt große Hoffnungen auf den neuen Boom und hat Kontakt zu den neuen Anbietern in den USA geknüpft, allen voran zu Blue Origin. Daneben gibt es eine enge Kooperation bei dem von der Nasa geplanten Projekt Artemis. Zwischen 2024 und 2028 sind sieben Mondmissionen geplant.

Die Europäer steuern über die Europäische Weltraumorganisation Esa ein europäisches Servicemodul bei, das maßgeblich von Airbus mitentwickelt werden soll. Im Gegenzug könnte die Esa erstmals einen Europäer zum Mond schicken.

Für Pascale Ehrenfreund, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR), sind das typische Beispiele dafür, wie Projekte in der Raumfahrt künftig funktionieren: „Bei den großen Raumfahrtmissionen schließt man sich sehr gut zusammen. Das geht auch nicht anders, denn allein kann man die großen Projekte nicht umsetzen.“ Ehrenfreund hält es deshalb auch für verkraftbar, dass es in Europa keine vergleichbaren Unternehmer gibt, die das Thema Raumfahrt so vorantreiben wie in den USA.

Auch in Deutschland und Europa arbeite man eng mit der Industrie zusammen, so Ehrenfreund: „Doch wir arbeiten anders als etwa das Silicon Valley. Wir sind risikoscheuer und haben auch nicht in diesem Umfang die Möglichkeiten des Risikokapitals.“ Zwar habe man in Deutschland eine Start-up-Szene. „Aber es herrschen andere Bedingungen, wir können also nicht das kopieren, wie es sich zum Beispiel in Kalifornien entwickelt hat.“

Dennoch sei etwa Deutschland beim Thema Raumfahrt keineswegs hintendran, ist Ehrenfreund überzeugt: „Wir haben in Deutschland eine extrem erfolgreiche Weltraumforschung, ein nationales Programm, und wir haben eine ausgezeichnete deutsche Industrie.“ In der Raumfahrt sei Deutschland spitze und spiele zusammen mit Frankreich sicherlich die Hauptrolle in Europa. In der astronautischen Raumfahrt bringe Deutschland in Europa sogar die meisten Gelder ein.

Langer Atem ist gefragt

Allerdings ist in der Raumfahrt ein langer Atem gefragt. Den hat nicht jeder. So musste in der vergangenen Woche das Berliner Jungunternehmen PT Scientist Insolvenz anmelden. Die Firma will Frachtflüge zum Mond anbieten. Ohne die sind Ideen wie etwa der Bau einer Mondbasis nicht zu realisieren. PT Scientist hatte renommierte Sponsoren an Bord.

Audi will zum Beispiel einen Lunar Rover für Transporte auf der Mondoberfläche entwickeln. Vodafone wiederum engagiert sich beim Start-up mit dem Ziel, ein LTE-Kommunikationsnetz auf dem Mond zu errichten. Wie es nun weitergeht, ist offen. Bei PT Scientist heißt es, der Betrieb laufe unter dem Insolvenzverwalter weiter.

Fest steht: Ohne die große Leidenschaft der Milliardäre und deren unbändiges Bestreben, das Unmögliche zu schaffen, wäre der Boom kaum möglich. Klar, dass ein entsprechendes Pathos dabei nicht fehlen darf. Als Space X-Gründer Musk am 27. Februar 2017 seinen Plan verkündete, zwei Menschen zum Mond zu bringen, begann er das mit der wohl berühmtesten musikalischen Hommage an den Erdtrabanten: „Fly me to the moon“.

Der Song des Komponisten Bart Howard aus dem 1964 wurde in der Version von Frank Sinatra weltberühmt. Die Astronauten von Apollo 10 hatten ihn auf einer Musikkassette dabei, als sie den Erdtrabanten umrundeten. 1969 wurde er dann nach der geglückten Mondlandung von der Bodenstation zur Apollo 11 gefunkt – ein interstellarer Musikstreamingdienst.

Der Song passt perfekt zu Musks Vision. Die Falcon-Heavy-Superrakete, die stärkste seit der Apollo-Rakete Saturn V, soll die Passagiere auf eine Mondumrundung schicken. Dafür besaß Musk 2017 sogar schon zwei Kunden, die nach seiner Aussage bereits „signifikante Anzahlungen“ geleistet hatten. Doch wie bei Virgin Galactic steht die Reise wegen diverser Probleme bis heute aus.

Bezos wiederum verkauft jedes Jahr einen winzigen Anteil seines Aktienpakets am Onlinegiganten Amazon, um ihn in das Projekt All zu stecken. Seinem Unternehmen Blue Origin ist es bereits gelungen, das „New Shepard“ getaufte Raumschiff von einem Trägerflugzeug zu starten und sicher in der Wüste von Texas wieder landen zu lassen.

Alle drei Milliardäre setzen auf größtenteils wiederverwendbare Raketen. Das senkt die Kosten, was wiederum wie ein Katalysator für die Industrie wirken wird, ist Morgan-Stanley-Analyst Adam Jones überzeugt. Die neuen Anbieter würden die Raumfahrt verändern, wie Aufzüge den Haus- und Städtebau revolutioniert hätten, bemüht Jones eine Analogie aus der Vergangenheit.

Seit Elisha Otis im Jahr 1854 den ersten Sicherheitsaufzug präsentiert hatte, habe es nur 20 Jahre gebraucht, bis von Boston bis New York jedes neue mehrstöckige Gebäude rund um einen Aufzugschacht konstruiert wurde.

Unterschiede gibt es dagegen bei den Geschäftsmodellen. Während Musk mit Space X auch für externe Kunden Satelliten ins All schießt, um damit das nötige Kleingeld für sein teures Hobby zu verdienen, kaprizieren sich Bezos und Branson ausschließlich auf die Unterhaltungsseite der Industrie: den Weltraumtourismus.

Den ersten Weltraumtouristen beförderten indes andere. 2001 durfte der US-Milliardär Dennis Tito mit einer russischen Sojus-Rakete und nach monatelangem Training auf die Raumstation ISS fliegen. Zur völligen Verärgerung der Nasa und zur Freude der russischen Seite, die das Geld aus dem Flugticket gut gebrauchen konnte.

Für 50.000 Dollar ins All

Es wird von einem Betrag von 20 Millionen Dollar gesprochen, Genaues ist nie bekannt geworden. Der Preis galt übrigens für Hin- und Rückflug, Übernachtungen und Verpflegung – all inclusive. Was Space X für eine Mondumrundung aufruft, ist nicht bekannt. Wilde Spekulationen gehen von einem Ticketpreis um die 100 Millionen Dollar aus, etwa so viel, wie die Nasa den Russen zahlen muss, um einen Flug zur ISS zu buchen.

In einem Interview mit dem Smithonian Channel erklärte Branson, was ihn zu dem Abenteuer Raumfahrt bewogen habe. Vor „vielen, vielen Jahren“, so Branson, habe ihn der russische Präsident Michail Gorbatschow eingeladen, mit einer Sojus-Rakete ins All zu fliegen. Aus mehreren Gründen, einer davon sei der Preis gewesen, habe er aber abgesagt – und es bis heute bereut. So sei er zum Unternehmensregister gegangen und habe „Virgin Galactic Airways“ angemeldet.

Nach schweren Rückschlägen – am 31. Oktober 2014 stürzte ein Raumschiff bei einem Testflug über der Mojave-Wüste in Kalifornien ab und riss den Co-Piloten in den Tod – scheint die jüngste Version seines Raumgleiters nun aber fast einsatzbereit. In der Weite von New Mexico steht bereits der erste kommerzielle Raumflughafen der USA, „Spaceport America“. Es ist ein ebenso futuristisches wie elegantes Riesengebäude für 200 Millionen Dollar, von dem aus in Zukunft täglich mehrere Virgin-Flüge ins All starten sollen.

Tickets könnten zu Beginn um 50.000 Dollar kosten, und die Preise sinken, wenn der Dienst erfolgreich ist. Mittlerweile stehen laut Virgin Galactic 600 Interessenten auf einer Liste, die sich einen Platz reserviert haben.

Space X wiederum will seine wiederverwertbaren Falcon-Raketen nicht nur zum Mond oder zum Mars schicken. Musk träumt auch von einem Raketen-Liniendienst von New York nach Schanghai oder London. Auf schwimmenden Plattformen im Meer würden die Raketen starten und landen, ein Transatlantikflug würde vielleicht eine Stunde dauern. Der längste Teil der Reise wäre die Bootsfahrt vom Hafen zur Plattform, schwärmt Musk.

Die Preise? Vergleichbar mit einem Businessclass-Ticket heute. Denn während eine Boeing 747 zwei oder drei Tage brauche, um hin- und zurückzufliegen, könne eine Falcon zwei Flüge oder mehr pro Tag absolvieren.

Nachzügler Branson hat wieder andere Pläne. Virgin Galactic wird voraussichtlich bis Jahresende mit der börsennotierten Social Capital Hedosophia Holdings (Börsenkürzel: „NYSE: IPOA“) verschmolzen. Anleger können sich dann nicht nur über Tickets, sondern auch über Firmenanteile in das Abenteuer Weltall einkaufen.

Mit der Aussicht auf den Zugang zum Kapitalmarkt bastelt Branson schon an seiner nächsten Idee: „Irgendwann haben wir – hoffentlich noch zu meinen Lebzeiten – ein Virgin-Hotel auf dem Mond“, sagt er. „Man hat immer Träume. Einige werden wahr, andere nicht.“

Mehr: Virgin Galactic strebt an die Wall Street: Die Weltraumfirma von Richard Branson soll noch 2019 an die Börse kommen

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