Raumstation Mir Als Russland im All Roulette spielte

Mit einem bewohnten Außenposten im All reagierte der Kreml 1986 auf den verlorenen Wettlauf zum Mond. Heute gilt die Raumstation Mir als technische Großtat - auch wenn die Pannenliste beeindruckend war.
Die Mir blieb 15 Jahre im All – und wurde zum Mythos. Quelle: AP
Raumstation Mir

Die Mir blieb 15 Jahre im All – und wurde zum Mythos.

(Foto: AP)

BerlinTragik und Triumph lagen in der Raumfahrt wohl nie so nahe beieinander wie vor 30 Jahren. Nur drei Wochen nach der Challenger-Katastrophe, als sieben US-Astronauten bei der Explosion ihres Space Shuttles starben, schoss die Sowjetunion am 19. Februar 1986 die Basis für die Raumstation Mir ins All. Heute gilt der Forschungskomplex als technische Großtat – trotz erheblicher Mängel.

Von Baikonur aus startete zunächst eine Proton-Rakete mit dem mehr als 20 Tonnen schweren Modul in die Umlaufbahn. Die Betriebsdauer des „Nationalen Orbital-Komplexes“, wie das Himmelslabor im Jargon der Kommunistischen Partei hieß, war auf sieben Jahre angelegt. Doch die Mir blieb 15 Jahre im All – und wurde zum Mythos. „Wir stünden ohne diese Erfahrung noch am Anfang“, sagt Esa-Direktor Thomas Reiter, der als Astronaut insgesamt sechs Monate auf der Raumstation verbrachte.

Deutsche Weltraumlegenden
Sigmund Jähn wird 80
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Der erste Deutsche im All war ein DDR-Bürger. Mit der Rakete „Sojus 31“ startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 vom russischen Raumfahrtzentrum Baikonur aus, gemeinsam mit dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski (82). Sieben Tage, 20 Stunden und 49 Sekunden blieb er im All. Am Montag (13. Februar) feiert Jähn nun seinen 80. Geburtstag – ganz privat.

Sigmund Jähn (M.) im September 1978 in Berlin
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Für größere Aktionen fehle ihm einfach die Zeit und auch die Stimmung, teilte der einstige Kosmonaut mit. Dabei ist er nach wie vor sehr populär: Nach seiner Rückkehr aus dem All wurde er in der DDR als Held gefeiert, und auch bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten heute ist er vor allem in Ostdeutschland regelmäßig von Autogrammsammlern umlagert.

Sigmund Jähn
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125 Mal umkreiste Jähn den Planeten. An Bord erledigte er seinerzeit zahlreiche Experimente und machte Aufnahmen von der Erde mit der Multispektral-Fotokamera MKF-6 aus Jena. Er hatte auch den Status eines „Angestellten der Deutschen Post im Weltraum“: Mit einer für das All geeigneten Apparatur stempelte er Sonderpostwertzeichen ab.

Sigmund Jähn und Waleri Bykowski
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Am 3. September 1978 landeten Jähn und Bykowski mit einer Kapsel wohlbehalten in der kasachischen Steppe. Der damals 41-Jährige behielt allerdings Schäden an der Wirbelsäule zurück, wie er Jahre später eingestand.

Ulf Merbold und Sigmund Jähn
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Erst 1983 folgte als zweiter Deutscher Ulf Merbold aus dem Westen. Er war als einziger Deutscher dreimal im All. Der Astronaut Merbold und der Kosmonaut Jähn sind seit Jahren befreundet.

Ulf Merbold
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Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Ulf Merbold als erster Westdeutscher ins All flog. 1983 war das, beim Jungfernflug des europäischen Raumlabors „Spacelab“. Und er war der erste Ausländer an Bord eines US-Raumschiffs überhaupt. „Erleichtert und glücklich“ sei er damals gewesen, unter mehr als 2000 Bewerbern ausgewählt worden zu sein, sagt Merbold heute.

Gefragter Gesprächspartner
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Dass Ulf Merbold als einziger Deutscher dreimal im Weltall war und auch sonst mit Rekorden aufwarten kann, lässt ihn auch nach mehr als zehn Jahren im Ruhestand nicht los. Noch immer ist der deutsche Raumfahrer ein gefragter Gesprächspartner. Dabei mahnt er vor allem immer wieder die Europäer, sich stärker einzubringen bei der Erforschung des Alls – und den Weltraum nicht den Russen, Chinesen und US-Amerikanern zu überlassen.

Die Nachfolger der beiden ersten deutschen Raumfahrer sind längst zu gefragten Experten im Weltraum geworden, wie der folgende Überblick belegt.

Zwar leisten die sowjetische Saljut (1971) und das US-amerikanische Skylab (1973) als Arbeitsplätze im All wichtige Pionierarbeit. Die Mir war aber eine galaktische Premiere: Ein solch komplexes, für den Betrieb in der Schwerelosigkeit geschaffenes Gebilde hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Die Idee von einem ständig bewohnten Koloss im Kosmos setzte sich in Moskau in den 1970er Jahren durch. Ansporn war das Trauma, den Wettlauf zum Mond gegen die US-Weltraumbehörde Nasa verloren zu haben, die 1969 die ersten beiden Menschen auf den Erdtrabanten brachte. Nach dieser Niederlage setzte die UdSSR verstärkt auf Vorposten im All, und die Mir wurde zum Flaggschiff der sowjetischen Raumfahrt, zum „Roten Stern“ am Technikhimmel.

Keine Vielfliegerlounge mit Plüschsesseln

Das Basismodul diente dabei als „fliegender Bauwagen“, von dem aus Kosmonauten die Mir erweiterten. Bis 1996 folgten vier Module, ein Labor und vier Solar-Panels zur Energieversorgung. Die Inneneinrichtung stammte aber gleichermaßen aus der Steinzeit der Raumfahrt, wie Reiter 1995 als einer von vier deutschen Mir-Besuchern feststellen durfte.

Pumpen und Ventilatoren verursachten Lärm wie im Inneren eines Staubsaugers. Dusche und Toilette entpuppten sich als fehleranfällig. Schläuche durchzogen kreuz und quer die Station, Schraubzwingen hielten eine Luke dicht.

„Viele Russen basteln am Wochenende an ihrem Lada herum – mit dieser Einstellung sind auch die Kosmonauten auf der Mir am Werk“, schilderte der deutsche Astronaut Reinhold Ewald launig die Lage auf dem 136 Tonnen schweren Weltraum-Fossil. Eine Raumstation sei eben „keine Vielfliegerlounge“ mit Plüschsesseln.

Ewald war 1997 kaum eine Woche auf dem Außenposten rund 350 Kilometer über der Erde, als der schlimmste Fall eintrat: Feuer auf der Mir. Mit Mühe löschte die dreiköpfige Besatzung die halbmeterlange Stichflamme aus einem Sauerstoffgenerator. Doch die Materialermüdung auf dem robusten Orbit-Oldtimer war unübersehbar geworden. Mal trat Chemie aus der Kühlung aus, dann kam es beim Bordcomputer zum Blackout, schließlich schlug ein Frachter ein Leck in die Schutzhülle.

Angst vor dem Absturz des "Russenschrotts"
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