Reproduktionsmedizin Deutschland verliert den Anschluss bei der künstlichen Befruchtung

Ihr Kinderwunsch treibt immer mehr Menschen in die Arme der Reproduktionsmedizin. Doch die Gesetzgebung hinkt hinterher – mit negativen Folgen für die Gesellschaft.
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In Deutschland sind sechs Millionen Menschen ungewollt kinderlos. Quelle: Getty Images
Kleinkinder

In Deutschland sind sechs Millionen Menschen ungewollt kinderlos.

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Essen, DüsseldorfBarfuß klettert Lana die Rutschbahn hinauf. Sie muss sich beeilen, denn oben wartet schon ein anderes Kind, das rutschen will. Die Vierjährige liebt diesen Spielplatz, sie jauchzt vor Freude.

Für ihre Eltern ist es das größte Glück, dass es sie gibt, dass sie auf der Welt ist, dass sie sie endlich haben. Doch wenn es nach der deutschen Politik ginge, dürfte es Lana, die eigentlich anders heißt, gar nicht geben. Sie ist das Kind eines lesbischen Paares, ihr biologischer Vater ein anonymer Samenspender.

Vor fünf Jahren hatten Lanas Mütter, nennen wir sie Anna und Karina Koch, beschlossen, ein Kind zu bekommen, und sich hilfesuchend an eine Kölner Kinderwunschklinik gewandt. Als sie dort eintrafen, schloss der Arzt eilig die Tür des Behandlungszimmers hinter ihnen: Als lesbisches Paar dürfe er sie nicht beraten. Und ihnen erst recht nicht helfen, schwanger zu werden.

Lanas Müttern blieb nur, eine Fruchtbarkeitsklinik in Barcelona aufzusuchen. Dort herrschte reger Betrieb. Die Klinik hat einen deutschen Internetauftritt und deutschsprachiges Personal, um die immense Nachfrage zu bedienen. Denn in Spanien haben Frauen ab 18 Jahren das Recht, durch eine Samenspende schwanger zu werden, ganz egal, ob sie alleinstehend sind, homo- oder heterosexuell.

In Deutschland erhalten Samenspenden nur Paare, und auch nur dann, wenn jemand bereit ist, die Vaterschaft für das Kind anzuerkennen, das dadurch entsteht. Anonyme Spenden sind verboten. Eine Regelung, die auf heterosexuelle Paare ausgerichtet ist, bei denen eine Zeugung auf natürlichem Wege nicht funktioniert. Dementsprechend haben homosexuelle Paare und Frauen ohne Partner in der Regel keine Chance auf eine Spende.

Sie suchen sich andere Wege. Und das mit steigender Tendenz. 2004 gab es in Deutschland etwa 55.000 künstliche Befruchtungen, 2016 waren es schon mehr als 90.000. 10.500 Babys entstanden 2004 auf die Weise, 2015 bereits 21.000.

Die anonymen Samenspenden, genannt Donogene Insemination, sind darin noch nicht enthalten. Schätzungen zufolge kommen in Deutschland etwa 1200 Kinder zur Welt, die mithilfe von Spendersamen gezeugt wurden, gibt der Arbeitskreis Donogene Insemination an. Etwa 100.000 Menschen in Deutschland verdanken ihr Leben dieser Methode.

Die gestiegene Nachfrage an Reproduktionsmedizin spiegelt die veränderte Gesellschaft wider. Die Menschen bekommen immer später Kinder – aus vielfältigen Gründen. Längere Ausbildungswege, Karriereambitionen, die langwierige Suche nach dem Partner, das Warten auf den richtigen Zeitpunkt, der nie kommt. So ist die ungewollte Kinderlosigkeit in den gebildeten, einkommensstarken und mobilen gesellschaftlichen Milieus überproportional hoch.

Sechs Millionen ungewollt kinderlos

Denn was die Menschen überschätzen, ist ihre eigene Fruchtbarkeit. „Viele Frauen gehen davon aus, bis 40 problemlos Kinder bekommen zu können“, sagt Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren. „Dabei sinkt die Fruchtbarkeit bereits ab 30, ab 35 Jahren dann rapide.“ Auch die Mär des lebenslang zeugungsfähigen Mannes sei nicht richtig.

Und so sind mehr als sechs Millionen Deutsche ungewollt kinderlos – also ungefähr so viele Menschen wie in Berlin, Hamburg und Köln zusammengerechnet leben. In der Gruppe der Ledigen ist der Anteil der ungewollt Kinderlosen am höchsten. Eine Umfrage aus dem Jahr 2016 ergab: Elf Prozent der Männer und 29 Prozent der befragten Frauen können sich vorstellen, auch ohne festen Partner ein Kind zu bekommen, ehe sie für immer kinderlos bleiben. Je älter die Befragten sind, desto höher ist der Anteil derer, die dieser Aussage zustimmen.

Die deutsche Politik hat diese Veränderungen in der Gesellschaft lange ignoriert – mit negativen Folgen auch für Wirtschaft und Wissenschaft. Das große Geld verdienen die Reproduktionskliniken in den Ländern, in denen liberalere Gesetze herrschen. In Spanien, Dänemark oder Israel.

Nur wenige Kliniken in Deutschland, wie die Novum-Klinik in Essen, verfügen überhaupt über eine Samenbank. Nur die übergroßen blauen Spermien-Aufkleber auf dem Flurboden deuten darauf hin, dass dies hier keine ganz gewöhnliche Arztpraxis ist. Die Aufkleber weisen den Weg in die sogenannten Rückzugsräume, in denen Männer ihre Spende abgeben können. Wie das Klischee es will, liegen in den karg eingerichteten Räumen einschlägige Magazine, die den Herren helfen sollen.

100 bis 150 Euro erhalten Männer dafür im Schnitt. Für die Befruchtung mit diesen Samen zahlen Kundinnen 5000 Euro an Mediziner Thomas Katzorke. Der 70-Jährige ist Pionier auf dem Gebiet der Donogenen Insemination, gründete bereits 1981 seine Samenbank in Essen.

Unter Katzorkes Patientinnen sind auch ledige Frauen und lesbische Paare. Denn gesetzlich verboten ist die Behandlung nicht, solange der Spender seinen Namen preisgibt. „Die Bundesärztekammer hat zwar verlauten lassen, dass man diese Paare nicht behandeln sollte. Aber da ist dann sehr schnell erkannt worden, dass die Bundesärztekammer zwar Meinungskompetenz hat, aber keine gesetzgebende Instanz ist“, sagt Katzorke.

Große finanzielle Belastung für Paare

Trotzdem haben viele lokale Ärztekammern das Verbot in das Berufsrecht übernommen – und die Behandlung damit für ihre Ärzte ausgeschlossen.

Die Branche ist denn auch sehr verschlossen, konkrete Zahlen zu nennen. Beim Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands E.V. (BRZ) lässt sich lediglich nachvollziehen, dass gut 100 Mitgliedszentren verzeichnet sind. Dazu zählen Kinderwunschkliniken mit und ohne eigene Samenbank.

Laut Katzorke behandelt neben ihm nur noch eine Handvoll Kliniken in Berlin gleichgeschlechtliche Paare. Katzorke aber zeigt sich unerschrocken ob der rechtlichen Grauzone, in der er sich bewegt: „Wir blicken hier jetzt auf zehn Jahre der Behandlung solcher Paare ohne Probleme zurück.“

„Die psychischen Strapazen übertreffen die finanzielle Belastung bei weitem“

Den Kochs jedoch blieb nur der Weg ins Ausland. Mehrfach flogen sie nach Barcelona, damit Anna Koch dort eine anonyme Samenspende injiziert bekommen konnte. Bei dieser Methode liegt die Chance, schwanger zu werden, bei etwa zehn Prozent. Somit waren mehrere Inseminationen nötig, zudem hatte Anna Koch mehrere Fehlgeburten, sie musste Hormone nehmen, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen.

Zu dieser Belastung kamen jedes Mal Kosten für Flüge und Hotelzimmer. Jeder Versuch kostete letztlich mehrere Tausend Euro, bis die Kochs schließlich Lana in den Armen hielten. Hätten sie eine legale Möglichkeit in Deutschland bekommen, sie hätten weder ihre Psyche noch ihre finanziellen Ersparnisse derart strapazieren müssen.

Viele bringt eine künstliche Befruchtung an die Grenzen ihrer finanziellen Belastungsfähigkeit. Eine In-vitro-Befruchtung beispielsweise, bei der der Frau Eizellen entnommen und im Labor mit den Samenzellen des Mannes zusammengeführt werden, kostet etwa 3000 Euro pro Zyklus. In der Regel unterziehen sich die Frauen davor einer Hormontherapie, damit für die Entnahme mehrere Eizellen heranreifen. Dafür werden zusätzlich etwa 1500 Euro fällig.

Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, liegt bei dieser Methode bei etwa 30 Prozent. Es sind also oft mehrere Versuche notwendig, damit es zu einer Schwangerschaft kommt. Somit entstehen schnell Kosten in fünfstelliger Höhe.

Unklare Gesetzeslage

Bei verheirateten heterosexuellen Paaren übernehmen seit der Gesundheitsreform 2004 in Deutschland die gesetzlichen Krankenkassen nur noch die Hälfte dieser Kosten – und auch nur mit Einschränkungen: Gezahlt werden nur die ersten drei Versuche. Die Frau muss zwischen 25 und 40 Jahre alt sein, der Mann zwischen 25 und 50. Außerdem dürfen nur die Ei- und Samenzellen der jeweiligen Partner verwendet werden.

Und die Krankenkasse zahlt nur bei Frischentnahme; sollten die Zellen zuvor eingefroren sein, wird also nicht gezahlt. Genauso wenig, wenn Spendersamen verwendet werden, weil beispielsweise der Mann zeugungsunfähig ist. Oder weil es eben keinen Mann gibt, wie es bei lesbischen Pärchen der Fall ist.

Dass die Situation so ungeklärt ist, findet Katzorke untragbar. In seinem Büro stapeln sich die Ordner in den Regalen. Darin stecken die Akten zu den Samenspendern, die bei ihm Kunde sind. Wie die Paare ihre Behandlung finanzieren, ist für Katzorke zweitrangig.

Sein Problem: Man wisse bei lesbischen Paaren und ledigen Frauen nie, ob das, was man gerade macht, legal ist oder nicht. Deswegen wünscht er sich eine klare Regelung, ein Gesetz, in dem gleichgeschlechtliche Paare und ledige Frauen ausdrücklich erwähnt werden.

Gerade bei Ledigen wird es laut Katzorke problematisch: „Juristen sagen, dass wir wissentlich Halbwaisen produzieren, wenn wir diesen Frauen helfen. Und tatsächlich ist unklar, wer für das Kind da ist, sollte die Mutter die Geburt nicht überleben.“ Ledige Frauen zählen daher nur in seltenen Einzelfällen zu seinen Kundinnen.

Katzorke will sich nicht mehr in rechtlichen Grauzonen bewegen. So, wie viele seiner Kollegen. Der Arbeitskreis Ärzte und Juristen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) fordert daher ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz in Deutschland.

Doch das Umdenken in der Politik beginnt nur ganz langsam. An einem im Jahr 2012 von der damaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) eingeführten Programm, nach dem wenigstens die Hälfte des Eigenanteils der Paare bezuschusst werden soll, beteiligen sich nur sechs der 16 Bundesländer. Ohne sie aber zahlt auch der Bund seinen Anteil nicht.

Schröders Nachfolgerin Manuela Schwesig (SPD) erwirkte 2016, dass auch unverheirateten Paaren ein Zuschuss gewährt wird, jedoch liegt der unter dem für Ehepaare.

Kleine Schritte in Berlin

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lenkt nun zumindest in einem weiteren Aspekt ein. Im Juli hat er einen Gesetzesentwurf vorgelegt, nach dem für junge Krebserkrankte künftig die Kosten für das Einfrieren von Eizellen gezahlt werden, das eine spätere künstliche Befruchtung ermöglichen soll.

Konkret handelt es sich um, so heißt es im Gesetzesentwurf, die „Kosten für die erforderlichen Leistungen im Zusammenhang mit der Kryokonservierung, insbesondere Entnahme, Aufbereitung, Lagerung und ein späteres Auftauen, in vollem Umfang“.

Kryokonservierung ist der Fachbegriff für das Einfrieren menschlichen Gewebes. Werden die Patienten durch eine Chemotherapie unfruchtbar, bleibt ihnen so die Chance auf ein Kind. Unabhängig vom Familienstand.

Für andere Personen, die aus anderen Gründen ihre Familienplanung auf später verschieben, gilt diese Regelung jedoch nicht, betonte Spahn. Und auch bei einer anschließenden künstlichen Befruchtung gelten die bisherigen Kostenübernahme-Regelungen.

Katja Suding reicht das nicht. Ihre FDP-Fraktion hat den Antrag gestellt, die Förderrichtlinie des Bundesfamilienministeriums zu reformieren. Alle Betroffenen sollen den Zuschuss bekommen – unabhängig von Wohnort, Alter, Familienstand, sexueller Präferenz und verwendetem Genmaterial.

Es ist ein kalter Februartag, als sich Suding in Berlin auf den Weg in Richtung Reichstag macht. Sie ist nervös, denn heute wird ihr erster Antrag, den sie als Bundestagsabgeordnete stellt, im Plenum beraten. 38 Minuten sind eingeplant. 38 Minuten für ein heikles Thema, bei dem schnell die Emotionen hochkochen.

Denn die FDP fordert noch mehr, als dass alle die gleiche Hilfe bekommen sollen: „Aus unserer Sicht sollten Eizellspende und nicht kommerzielle Leihmutterschaft unter bestimmten Bedingungen legalisiert werden. Dafür muss jedoch viel mehr geändert werden als nur die Richtlinie“, schreibt Suding in ihrem Antrag. Sie begründet ihre Initiative mit einem „urliberalen Ansatz“: „Der Staat soll sich nicht in die Familienplanung einmischen.“

Im Plenum findet sie damit wenig Anklang. Vor allem CSU, CDU und AfD äußern sich ablehnend. Immerhin beschließt das Plenum, den Antrag an den Familienausschuss zu überweisen. Dieser befindet im Sommer, dass die Wohnortabhängigkeit der Fördermittel ungerecht sei, auch die Altersbegrenzung sei willkürlich.

Stattdessen sollte lieber jeder Mediziner nach Erfolgsaussichten urteilen, lautet die Empfehlung für den Bundestag. Jedoch sprachen sich die Experten auch gegen die Kostenübernahme bei Alleinstehenden aus. Wie es nun konkret weitergeht, ist noch offen.

Lana hat noch nie gefragt, warum sie keinen Vater hat, in ihrer Geburtsurkunde steht „unbekannt“. Wenn sie spielt, dann spielt sie sowohl die Variante Mutter-Vater-Kind, Mutter-Mutter-Kind, Mutter-Kind. Für sie hat eine Familie viele Facetten. Lanas Mütter hoffen, dass dieses Bewusstsein auch in der Politik bald ankommt.

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