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Richard Socher Deutscher KI-Forscher wird im Silicon Valley zum Superstar

Der Chefwissenschaftler von Salesforce bringt Maschinen das Sprechen bei – und wird im Silicon Valley als Vordenker der Künstlichen Intelligenz bewundert.
Update: 24.07.2019 - 11:06 Uhr Kommentieren
Socher erforscht im Silicon Valley Anwendungen für Künstliche Intelligenz. Quelle: Urs Bucher/St.Gallen
Richard Socher

Socher erforscht im Silicon Valley Anwendungen für Künstliche Intelligenz.

(Foto: Urs Bucher/St.Gallen)

San Francisco Für einen, der berufsmäßig über die Welt von morgen nachdenkt, ist Richard Socher ziemlich bodenständig. Während Tesla-Chef Elon Musk gerade noch in der vergangenen Woche öffentlichkeitswirksam davor warnte, Maschinen könnten sich künftig gegen Menschen wenden, beschäftigt sich der Deutsche lieber mit der Gegenwart. „Die Möglichkeiten und Probleme, die Künstliche Intelligenz heute verursachen kann, sind wichtiger als der Terminator in weiter Zukunft“, sagt er.

Von den düsteren Prophezeiungen mancher Technologieeliten hält er wenig. Denn diese stammen meistens nicht von KI-Experten. „Keiner von ihnen hat selbst einen KI-Algorithmus programmiert“, kritisiert er. Trotz der Warnungen beschäftigten deren Unternehmen zudem „Tausende Leute, die versuchen, KI in alle möglichen Anwendungen zu integrieren“, so der Experte. „Das ist ein bisschen scheinheilig.“

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Wenn Socher spricht, hört die Branche hin. Er ist Chefwissenschaftler beim Cloud-Computing-Riesen Salesforce und zählt zu den wenigen Deutschen, die sich auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) einen Namen gemacht haben.

Das World Economic Forum bezeichnete das Softwaretalent 2017 als „eines der Wunderkinder der Künstlichen Intelligenz“, dessen „bahnbrechende Technologien“ die natürliche Sprachverarbeitung und das Computersehen grundlegend wandelten. „Forbes“ nannte ihn einen der „aufstrebenden KI-Führer“.

Im Silicon Valley gehört der gebürtige Dresdener längst dazu. Bei einem Mittagessen auf dem Campus der Eliteuniversität Stanford plaudert Socher locker mit Investor Reid Hoffman oder dem Chefwissenschaftler von Pinterest, Jure Leskovec, der zu seinen Freunden zählt.

Auf seinen Ruf als „Wunderkind“ angesprochen, winkt er ab. „Ich habe sehr viel gearbeitet“, erklärt er den Erfolg. Manchmal sei er auch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Als Sohn zweier DDR-Wissenschaftler wuchs Socher zeitweise in Äthiopien auf. Nach dem Bachelor-Studium in Leipzig und dem Master in Saarbrücken zog es ihn zur Promotion nach Stanford. Neben der Assistenzprofessur gründete Socher 2014 Metamind, ein Start-up für Künstliche Intelligenz, das acht Millionen Dollar von Investoren wie Khosla Ventures und Salesforce-Chef Marc Benioff erhielt. 2016 kaufte Salesforce das Unternehmen.

Angst vor der Zukunft

Wenn Socher redet, dann klingt immer noch sein sächsischer Akzent durch. Geht es um seine Arbeit, mäandert er zwischen Englisch und Deutsch. An die Zeit am Gymnasium in Dresden erinnert er sich bis heute. „Im Deutschunterricht lasen wir davon, wie manche Dichter früher Angst vor Zügen und der Zukunft hatten, die ihnen so groß, mechanisch und brutal erschien. Ähnlich geht es wohl einigen Menschen heute.“

Dresden liegt weit zurück. Inzwischen verbringt Socher seine Zeit im Hightech-Boomland Silicon Valley, bei Salesforce, dem größten privaten Arbeitgeber in San Francisco mit futuristischen Bürogebäuden in ganz Downtown, inklusive eines 326 Meter hohen Wolkenkratzers, dessen Spitze abends zwischen leuchtend Blau und Weiß oszilliert.

Doch die Gedanken aus der Schule, dass Menschen schon immer Angst vor der Zukunft hatten, beschäftigen Socher bis heute. Die Furcht vor Arbeitsplatzabbau, vor der skrupellosen Kälte von Computerprogrammen, davor, dass die Grenzen zwischen Mensch und Roboter verschwimmen – es sind Themen des 21. Jahrhunderts, Themen, mit denen sich Socher auseinandersetzt.

Die Interaktion von Mensch und Maschine ist sein Kernarbeitsgebiet. Der 35-Jährige entwickelte die Künstliche Intelligenz namens Einstein, ein Kernprodukt für Salesforce. 2018 unterstützte Einstein täglich etwa vier Milliarden Analysen und Vorhersagen im gesamten Produktportfolio von Salesforce. Zum Kundenkreis zählen 150.000 Unternehmen, viele davon aus der Liga der „Fortune 500“.

In seiner Dissertation zeigte Socher, dass das sogenannte Deep Learning, das sich grob an der Funktionsweise von Neuronen im menschlichen Gehirn orientiert, verschiedene Aufgaben gleichzeitig lösen kann. Die Dissertation gewann in Stanford den Preis als beste Arbeit im Fach Computerwissenschaft.

Ähnlich soll Einstein funktionieren. Einstein versteht geschriebene Wörter und jetzt auch Sprache; die Spracherkennung soll dieses Jahr auf den Markt kommen. Socher programmierte die Chatbots so, dass sie sich ihrem Gegenüber als Maschine vorstellen, wenn sie mit ihnen in Kontakt treten.

„Das ist eine der vielen sinnvollen Regeln für KI“, sagt der Entwickler. „Wir wollen niemanden austricksen.“ Google sorgte im vergangenen Mai für Aufregung, als es KI Duplex präsentierte, ein Programm, das menschliches Sprachverhalten täuschend echt imitierte. Danach entbrannte im Valley eine Debatte darüber, welche ethischen Grundregeln für Künstliche Intelligenz gelten müssen.

Aus Sicht von Socher hängt das ethische Verhalten der KI von den Informationen ab, die Entwickler ihren Algorithmen zufüttern. „Menschen sind selten perfekt, und wenn wir ihre Daten nutzen, nimmt die KI diese Fehler wahrscheinlich auf und automatisiert sie.“

Das heißt: Nur wenn die Datensätze repräsentativ, aktuell und genau kategorisiert sind, zieht die KI die richtigen Schlüsse. Unfaire Algorithmen hält Socher für eines der größten KI-Probleme. Ein Beispiel ist für ihn die Frau, die den Hauskredit nicht erhält, weil die KI der Bank ihr Urteil auf Basis des männlichen Kundenstamms trifft.

Bei Salesforce will er faire Datensätze bereitstellen, inklusive einer Art „Zutatenliste“ mit Verfallsdatum, um die KI-Ergebnisse zu verbessern. „Wir weisen unsere Kunden darauf hin, wenn sie ihre KI mit unvollständigen Datensätzen trainieren“, sagt Socher. Also etwa, wenn die Maschine nur die Bilder von weißen älteren Männern zu sehen bekommt und droht Frauen oder Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe zu benachteiligen.

KI und Fairness

Doch der 35-Jährige ist auch überzeugt: Künstliche Intelligenz kann helfen, fairere Entscheidungen zu treffen. Die Logik einer Maschine sei von außen nachvollziehbar. Anders als bei einem Menschen, der unbewusst diskriminiert: Wie der Wissenschaftler Jonathan Levav von der Columbia University 2011 in einer Studie feststellte, urteilten Richter morgens milder als am späten Nachmittag, wenn sie müde und hungrig waren.

„Das würde einer Maschine nicht passieren“, sagt Socher. „Es ist sehr viel einfacher, einen Algorithmus zu verbessern, als tausend hungrigen, müden Richtern ihre eigenen Fehler vor Augen zu führen.“

Eine Technologie will Socher vorerst nicht einsetzen: die heftig debattierte Gesichtserkennung, die Datenschützer wegen möglicher Verletzungen von Privatsphäre und Persönlichkeitsrechten kritisieren. Microsoft-Präsident Brad Smith rief die US-Regierung dazu auf, Regeln für den Einsatz der Software zu schaffen. „Weil die Fragen zur Gesichtserkennung so kompliziert sind, haben wir bei Salesforce entschieden, dass Kunden unsere Software und Algorithmen dafür nicht verwenden dürfen.“

Mehr: Der Tesla-Chef will die neue Technologie für Hirn-Vernsetzung bereits 2020 testen. Bis zum Markteintritt muss Musks Firma Neuralink aber noch einige Hürden überwinden.

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