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Riskanter Weltraumeinsatz Robinsons Weltraum-Abenteuer erfolgreich

Riskante Mission für die Astronauten Stephen Robinson und Soichi Noguchi: Die beiden haben am Vormittag die Raumstation ISS verlassen, um im offenen Weltraum den Hitzeschutzschild der US-Raumfähre „Discovery“ zu reparieren. Stunden später konnte die Nasa aufatmen. Robinson hat am Roboterarm hängend die störenden "Füllstreifen" entfernt.
Stephen Robinson hat die störenden Füllstreifen am Bauch der Discovery erfolgreich entfernt. Foto: Nasa

Stephen Robinson hat die störenden Füllstreifen am Bauch der Discovery erfolgreich entfernt. Foto: Nasa

HB MOSKAU/HOUSTON. Die Raumfahrer Robinson und Noguchi stiegen mit leichter Verzögerung zu dem Einsatz an dem US-Shuttle „Discovery“ aus, wie die US-Raumfahrtagentur Nasa gegen 11 Uhr unserer Zeit mitteilte. Robinson wurde darauf am Ende eines 30 Meter langen Roboterarmes bis zur Nase der Raumfähre heruntergelassen. Der 49-jährige Astronat befand sich dann auf Armeslänge von den beschädigten Stellen am Bauch der Raumfähre entfernt.

„Wir sehen uns später, ich bin jetzt in der freien Natur“, funkte Robinson den zurückbleibenden Besatzungsmitgliedern durch, als er die „Discovery“ verließ. Beobachtet wurden Robinsons Arbeiten von seinem Kollegen Soichi Noguchi, der dazu ebenfalls die Internationale Raumstation ISS verließ. Die „Discovery“ ist an die ISS angedockt.

Bei seiner risikoreichen Notreparatur hat US-Astronaut Steve Robinson darauf in einer mehr als einstündigen Notreparatur den Hitzeschild der Raumfähre „Discovery“ für eine Rückkehr zur Erde in Stand gesetzt. Robinson entfernte mit bloßen Händen beide zwischen den Hitzekacheln bis zu 2,5 Zentimeter hervorstehenden Füllstreifen am Bauch des Shuttles. Der Fernsehsender der US-Raumfahrtbehörde Nasa übertrug den risikoreichen Weltraumeinsatz live. Die beiden Streifen hätten sich leicht zwischen den Hitzeschutzkacheln herausziehen lassen, sagte der 49-jährige Astronaut. Die Füllstreifen wären ein erhebliches Sicherheitsrisiko für die Raumfähre beim Wiedereintritt in die Atmosphäre gewesen.

Hätte der Astronaut kein Glück mit bloßen Händen gehabt, hätte er die Teile auch mit einem Spezialmesser oder einer Schere kürzen können. Dabei hätte er die empfindlichen Hitzeschutzkacheln jedoch nicht mit seinem Weltraumanzug oder Werkzeugen verletzen dürfen. Der stellvertretende Nasa-Programmdirektor Wayne Hale zählte zuvor eine ganze Reihe von Risiken auf, die von der Beschädigung des Weltraumanzuges durch scharfe Teile über die Gefahren durch den Roboterarm bis zu besonders kalten oder heißen Abschnitten am Shuttle reichen.

Der Außeneinsatz am Bauch der Fähre war der erste seiner Art in der 25 Jahre alten Geschichte der Raumfähren. Bisher haben Astronauten bei Einsätzen im All noch nie die Unterseite einer Raumfähre inspiziert und am Hitzeschild gearbeitet. US-Präsident George W. Bush wünschte den Raumfahrern am Dienstag Glück für die Arbeiten. „Das, was Sie tun, ist sehr, sehr wichtig“, sagte er in einem Telefonat. „Sie haben mit mir einen großen Unterstützer im Weißen Haus sitzen.“ Robinson sagte am Dienstag, seine größte Sorge sei, dass er selbst mit dem Helm gegen die Außenwand des Shuttles stoße und diese dabei beschädige.

Ein Bild eines der überstehenden Füllstreifen, welche Robinson entfernt hat. Foto: Nasa

Ein Bild eines der überstehenden Füllstreifen, welche Robinson entfernt hat. Foto: Nasa

Bei Fehlschlag weiterer Weltraumeinsatz geplant

Für den Fall eines Fehlschlags plante die Nasa einen weiteren Weltraumeinsatz, den vierten der am 26. Juli gestarteten Crew. Nach den Problemen mit den Füllstreifen machte den Technikern auch ein beschädigtes Teilstück in der Nähe des Fensters zu schaffen. Der Knick in dem Teil sei wahrscheinlich durch ein losgelöstes Schaumstoffteil beim Start entstanden, sagte der stellvertretende Programmdirektor Wayne Hale am Dienstag in Houston. Bis Donnerstag solle für das vorerst letzte Problem am Shuttle eine Lösung gefunden werden. Dagegen scheinen die Sorgen über mögliche Beschädigungen an den Flügelkanten der Raumfähre unbegründet.

Die Nasa hatte sich für die Behebung des Schadens am Hitzeschild entschieden, um jegliches Risiko bei der Rückkehr der Fähre zur Erde am kommenden Montag auszuschließen. Aerodynamiker befürchteten eine Überhitzung des Schutzschildes an den betreffenden Stellen.

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter sah im Vorfeld die riskante Außenreparatur an der „Discovery“ mit Optimismus. „Die Astronauten im Orbit haben diese Außeneinsätze auf der Erde schon lange trainiert“, sagte Reiter im russischen Trainingszentrum für Kosmonauten bei Moskau, kurz bevor der Außeneinsatz beginnen sollte. Reiter bereitet sich in Moskau und Houston als erster Astronaut der Europäischen Raumfahrtagentur ESA auf einen Langzeitaufenthalt auf der ISS vor. Ein Starttermin steht wegen der Unklarheit über den Betrieb der US-Shuttles noch nicht fest.

Die russische Raumfahrtbehörde wird Reiter eventuell einen Platz beim Sojus-Flug zur Internationalen Raumstation ISS im Oktober einräumen. Roskosmos-Chef Anatoli Perminow sagte am Mittwoch in Moskau, darüber solle mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA bei der Moskauer Luftfahrtschau MKS Mitte August entschieden werden.

„Mit der Sojus im Oktober zu fliegen wäre aus meiner Sicht kein Problem“, sagte Reiter der dpa zu diesem Hoffnungsschimmer. Der ESA-Astronaut ist eigentlich auf dem US-Shuttle „Atlantis“ eingeplant, dessen Start jedoch wegen der aktuellen Probleme der Raumfähren in den Sternen steht. Der Deutsche bereitet sich im Trainingszentrum der russischen Kosmonauten, dem Sternenstädtchen bei Moskau, als erster Europäer auf einen ISS-Langzeiteinsatz vor.

Ob ein Flug mit der Sojus im Oktober „von den politischen Rahmenbedigungen möglich ist, kann ich nicht beurteilen“, sagte Reiter. Er sei aber für die bewährte russische Kapsel ausgebildet. „Vorteil eines Sojus-Fluges wäre, dass ich von Anfang an mit meiner Langzeitcrew zusammen wäre.“ Die Raumfähre „Discovery“ habe auf ihrem Flug genug Sauerstoff und Wasser zur ISS gebracht, so dass dort wieder drei Raumfahrer leben könnten, sagten ESA-Experten.

Zuversichtlich über die Reparatur an der Unterseite des Weltraum-Gefährts äußerten sich auch führende deutsche Astro-Physiker im ZDF-Morgenmagazin. „Die Stimmung wird gut sein, denn die Besatzung hat Gelegenheit, sich richtig zu bewähren“, sagte ESA-Astronaut Ulf Merbold. „Meine Einschätzung ist, dass man das in den Griff bekommen und am kommenden Montag sicher landen wird“, sagte auch der Leiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Prof. Sigmar Wittig, im ZDF.

Die beiden Streifen hätten sich leicht zwischen den Hitzeschutzkacheln herausziehen lassen, sagte Astronaut Robinson. Foto: Nasa

Die beiden Streifen hätten sich leicht zwischen den Hitzeschutzkacheln herausziehen lassen, sagte Astronaut Robinson. Foto: Nasa

Nie gekannte Verantwortung lastete auf Robinson

Mit seinem Ausstieg aus der Luke der Raumstation ISS lastete auf Astronaut Steve Robinson am Mittwoch also eine nie gekannte Verantwortung: Als erster Mensch in der Geschichte der Raumfahrt musste er das Raumschiff, das ihn zurück zur Erde bringen soll, per Außeneinsatz im Weltall reparieren. Wäre er dabei gescheitert, hätten die Chancen schlecht gestanden, dass Robinson und die übrigen Crewmitglieder an Bord der Raumfähre Discovery zur Erde zurückkehren.

Wayne Hale, stellvertretender Projektleiter für die Shuttle-Flüge, räumte ein, dass der Erfolg der Mission schwer abzuschätzen gewesen sei. Die Arbeit könnte sich unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit und der hohen Geschwindigkeiten im All als äußerst schwierig erweisen.

Astronauten haben bei all ihren Außenbordeinsätzen noch nie die Unterseite einer Raumfähre im All inspiziert und auch noch nie während eines Fluges am Hitzeschild gearbeitet. Schon kleine Fehler, etwa eine kurze Unachtsamkeit bei der Bedienung des Roboterarms, würde die Situation der Discovery weiter verschlimmern.

Dass sich die Nasa trotzdem zur Reparatur entschlossen hatte, zeigt, wie angespannt die Situation der Discovery derzeit eingeschätzt wird. Für die Weltraumbehörde ist Robinsons Einsatz gewissermaßen der Griff zum vorletzten Strohhalm.

Im Falle eines Scheiterns wären der siebenköpfigen Discovery-Crew nur zwei Optionen geblieben: Entweder sie nimmt mit einem lädierten Raumschiff Kurs zur Erde und hofft, dass die Schäden am Hitzeschild weniger gravierend sind als beim verunglückten Schwesterschiff Columbia. Das war vor zweieinhalb Jahren zerborsten, als beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre heißes Gas durch einen Riss im Hitzeschild strömte. Alle sieben Astronauten fanden damals den Tod.

Die andere Möglichkeit wird im Nasa-Jargon „Save Haven“ (sicherer Hafen) genannt. Dabei bleiben die Astronauten an Bord der Raumstation ISS, bis sie ein anderes Raumschiff abholt und zur Erde zurück bringt. Die Discovery wird aufgegeben, von der Station abgetrennt und über einem abgelegenen Meeresgebiet kontrolliert zum Absturz gebracht. So weit die Theorie.

Praktisch stößt das „Hafen“-Konzept allerdings auf kaum zu bewältigende Probleme. Denn der Nasa fehlt ein Rettungsschiff, das die Astronauten zur Erde zurückbringen kann. Zwar verfügt die ISS über eine permanent angedockte Sojus-Kapsel, um im Notfall die Stationscrew zu evakuieren. Doch das russische Raumschiff bietet nur Platz für drei Astronauten.

Die US-Raumfähre Discovery im All. Foto: Nasa

Die US-Raumfähre Discovery im All. Foto: Nasa

Unsicheres Rettungsboot

Der eigenen Shuttle-Flotte traut die Nasa inzwischen keinen Flug ins All mehr zu, wie das vor wenigen Tagen verhängte Startverbot zeigt. Doch selbst wenn die Verantwortlichen dieses Verbot ignorierten, blieben ihnen nur die „Atlantis“ als Rettungsschiff.

Denn das zweite verbliebene Shuttle, die „Endeavour“, wird derzeit generalüberholt. Sollte die Atlantis während eines möglichen Rettungsflugs Schaden nehmen, hätte die Nasa kein Rettungsboot mehr zur Verfügung.

Bleiben die Russen. Sie verfügen mit der Sojus über ein robustes Raumfahrzeug. Doch die Raumfahrtagentur Roskosmos hat bereits abgewunken. Für die raue Landung der Sojus-Kapseln – sie gehen am Fallschirm über der Steppe nieder – brauche jeder Kosmonaut einen individuell für ihn gefertigten Spezialsitz. Solche Sessel gebe es für die Discovery-Crew nicht.

Selbst wenn die Nasa bereit wäre, das Risiko einer harten Landung einzugehen, bleibt das erwähnte Platzproblem: Für die Rettung der Astronauten wären drei Sojus-Starts erforderlich. Und ob die innerhalb eines Monats – so lange reichen die Wasser- und Sauerstoff-Vorräte an Bord der ISS – zu bewältigen wären, ist fraglich.

Angesichts solcher Optionen war Steve Robinson zum Erfolg verdammt. Ihn dürfte wohl niemand um seine Aufgabe beneidet haben.

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