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Russlands „Sputnik V“ „Photoshop oder würfeln“? – Westliche Forscher vermuten Betrug bei Corona-Impfstoff

Russlands Zahlen in einer Impfstoff-Studie gleichen sich überraschend viel. Wissenschaftler warnen vor Manipulation, Russland bestreitet das.
12.09.2020 - 08:00 Uhr Kommentieren
Russischer Corona-Impfstoff: Internationale Wissenschaftler zweifeln Studie an Quelle: dpa
Russlands „Sputnik V“-Corona-Impfstoff

Internationale Wissenschaftler werfen Moskau wegen „merkwürdiger Zahlen“ Betrug in ihrer Impfstoffstudie vor.

(Foto: dpa)

Berlin Während Russlands Staatsfonds Foreign Direct Investment Fund (RDIF) am Freitag den Verkauf weiterer 50 Millionen Dosen seines Corona-Impfstoffs „Sputnik V“ bekannt gegeben hat, kommen jetzt massive Zweifel an der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des Moskauer Vakzins. Eine Gruppe prominenter internationaler Wissenschaftler aus mehreren Ländern hat einen Manipulationsverdacht in einem Brief an das medizinische Fachblatt „The Lancet“ geäußert.

In ihrem Schreiben machen sie auf drastische Unregelmäßigkeiten aufmerksam: Sie nennen Bedenken über scheinbar identische Antikörperspiegel bei einigen der wenigen Studienteilnehmer, die freiwillig im Frühstadium mit dem experimentellen Impfstoff „Sputnik V“ geimpft wurden. Sie stellten auch andere Probleme mit den statistischen Verteilungsmustern der Ergebnisse in der Studie fest.

Russland hatte am 11. August weltweit als erstes Land ein Vakzin gegen Covid-19 zugelassen – allerdings ohne die wichtige dritten Testphase abzuwarten. Die Ergebnisse der „Sputnik V“-Anwendung an nur 76 Russen wurde kürzlich in „The Lancet“ publiziert.

Die Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Enrico Bucci von der American Temple University veröffentlichte den offenen Brief auf der italienischen Website „Cattivi Scienziati“, die sich auf die Enthüllung pseudowissenschaftlicher Forschungen spezialisiert hat. Bis heute wurde der Brief von 19 Wissenschaftlern unterzeichnet, die an führenden Universitäten in Italien, Frankreich, Deutschland, den USA und Japan arbeiten, und Bucci sagte, weitere hätten um die Aufnahme ihrer Namen gebeten.

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    Die Gruppe sagte, es gebe eine Reihe unerklärlicher offensichtlicher Überschneidungen in den russischen Daten: „Es gibt sehr merkwürdige Muster in den Daten“, sagte Biologieprofessor Bucci. „Mit seltsamen Mustern meine ich, dass es doppelte Werte für verschiedene [Gruppen von] Patienten gibt [...] was nicht sein kann“, erklärte Bucci der „Moscow Times“. Bucci bezieht sich auf die Ergebnisse bezüglich der Produktion von Antikörpern durch Gruppen von Patienten, die mit mit verschiedenen Formulierungen hergestellten Arten des Impfstoffs getestet worden waren.

    Test an nur 76 Personen

    Russland testete sechs verschiedene Impfstoff-Formulierungen an insgesamt 76 Patienten. Und obwohl völlig unterschiedliche Dinge getestet worden seien, sehe man genau die gleichen Zahlen. „Es ist höchst unwahrscheinlich, eine so große Zahl von Doppeluntersuchungen zu beobachten“, sagte Bucci. „Es ist, als ob man würfelt und mehrmals genau die gleiche Zahlenfolge sieht – das ist höchst unwahrscheinlich“, fügte er hinzu.

    Diese Meinung teilen auch andere: „Die Daten sehen aus, als wären sie mit Photoshop bearbeitet worden. Sie sind zu ähnlich und aus statistischer Sicht zu unwahrscheinlich“, meinte Andrea Cossarizza, Professor für Pathologie und Immunologie an der Universität Modena und einer der Unterzeichner des Briefes. Die immer gleichen Zahlen seien „sehr merkwürdig“ bei Experimenten in verschiedenen Populationen von Menschen. Veröffentlichte Forschungsergebnisse zu anderen Impfstoffen, die derzeit getestet werden, wiesen keine solchen Doppelbestimmungen auf, sagte Bucci unter Verweis auf amerikanische und chinesische Corona-Impfstoffe.

    Der russische Staatsfonds RDIF hatte berichtet, dass „Sputnik V“ bei 100 Prozent der Teilnehmenden an klinischen Tests eine anhaltende Immunantwort hervorgerufen habe. Dem Fonds zufolge war der Gehalt an virusneutralisierenden Antikörpern bei mit „Sputnik V“ geimpften Freiwilligen 1,4-1,5-mal höher als der Gehalt an Antikörpern bei Personen, die an Covid-19 erkrankt waren.

    „The Lancet“ bemüht sich um Aufklärung

    „Wir haben den Brief direkt an die Autoren weitergegeben und sie ermutigt, sich an der wissenschaftlichen Diskussion zu beteiligen“, sagte ein Sprecher von „The Lancet“ und fügte hinzu: „Wir beobachten die Situation weiterhin aufmerksam.“

    Das Gamaleya-Forschungsinstitut für Epidemiologie und Mikrobiologie und der RDIF erklärten, die Daten seien nicht manipuliert worden. Die Impfstoffentwicklung wird vom Staatsfonds finanziert. Er hofft, bis zu einem Drittel des auf weltweit 75 Milliarden Dollar geschätzten Marktes für einen funktionierenden Impfstoff gegen Corona zu erobern.

    Mehr als 20 Länder haben trotz der von Gesundheitsexperten geäußerten Sicherheitsbedenken bereits über eine Milliarde Dosen des russischen Impfstoffs beantragt. Vor allem in Südamerika, im Mittleren Osten, Afrika und Asien sei das Interesse groß. Die Türkei erwägt derweil einen Antrag auf Durchführung von Phase-III-Versuchen.

    Kritik kommt nun auch aus Russland

    Auf Facebook wurde der offene Brief an das Fachmagazin intensiv diskutiert – auch in Russland selbst. „Ich teile die Hauptsorge der Autoren des Briefes“, meinte der russische Zellbiologe Viktor Tatarskij. Die Daten für bestimmte Kontrollgruppen sähen „zu ähnlich aus, und es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass solche Daten nicht zufällig entstanden sind“. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl könne so etwas aber auch nicht vollständig ausgeschlossen werden. Gerade deshalb war kritisiert worden, dass Russland vor Freigabe von „Sputnik V“ nicht die dritte Testphase abgewartet habe, in der viele Patienten geimpft und überprüft werden.

    Die internationalen Wissenschaftler kritisierten die russischen Autoren der Studie und die Fachzeitschrift dafür, dass sie nicht die vollständigen Rohdaten für die Studie über die Erprobung von „Sputnik V“ in Phase eins und zwei veröffentlicht hatten. Andere veröffentlichte Forschungsarbeiten über Coronavirus-Impfstoffe enthielten Originaldaten, die es Wissenschaftlern auf der ganzen Welt ermöglichen, die Ergebnisse zu überprüfen.

    Er habe „keine Ahnung, ob die Ergebnisse manipuliert worden sein könnten“, sagte Bucci. Es könnt ein Fehler vorliegen, es könne eine Erklärung für die angezweifelten geben, es könne aber auch Betrug vorliegen. „Wir wissen es einfach nicht. Und das ist bei einer so wichtigen Forschung in einer so wichtigen Zeitschrift nicht tolerierbar“, sagte Bucci.

    „Sputnik V“ bestand im Juni bis Juli russische klinische Studien der ersten zwei Testphasen. „Sputnik V“ basiert auf einer bekannten Plattform mit so genannten Vektoren humaner Adenoviren. Sie war zuvor zur Ebola- und Mers-Bekämpfung eingesetzt worden.

    Am 15. August gab das Gesundheitsministerium den Produktionsstart des Präparats bekannt. Am 8. September wurde die erste Charge des Impfstoffs für den zivilen Verkehr freigegeben. Nun sollen 40.000 Moskauer sich freiwillig impfen und medizinisch überwachen lassen, dann medizinisches und Lehrpersonal geimpft werden.

    Mehr: Rückschlag für Astra-Zenecas Covid-Impfstoff

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