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Sebastian Thrun Deutscher Erfinder des Google-Autos startet Bildungsinitiative mit Bertelsmann

Sebastian Thrun will zusammen mit dem Medienkonzern Menschen auf die digitalisierte Zukunft vorbereiten. Wovor der Experte warnt: zu viel KI-Skepsis.
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Der gebürtige Deutsche will Udacity zukunftssicher machen. Quelle: Reuters
Sebastian Thrun

Der gebürtige Deutsche will Udacity zukunftssicher machen.

(Foto: Reuters)

Mountain ViewAn Selbstbewusstsein mangelt es Sebastian Thrun nicht. Das lässt sich schon an seinem deutschen Akzent ablesen. Viele in Amerika lebende Deutsche biedern sich nach und nach dem vernuschelten englischen Singsang an. Nicht so Thrun. Der im bergischen Solingen geborene Technikexperte lebt seit Mitte der 90er-Jahre hier. Auch nach all der Zeit klingt bei ihm der Zungenschlag der alten Heimat durch.

„Deutschland muss sich bei Künstlicher Intelligenz mehr anstrengen, um nicht zurückzufallen“, sagt Thrun. „Die Technologie hat das Potenzial, alles zu verändern.“ Die CEOs großer Konzerne hätten zwar erkannt, dass sie moderne Technologien nicht länger ignorieren können, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. „Doch immer noch tun sie nur ein Prozent dessen, was sie tun müssten.“

Thrun selbst sprüht vor Energie. Er läuft im dunkelblauen Hoodie an einer Tischtennisplatte vorbei in die Küche. Sonnenlicht flutet den vierten Stock des Büros der Online-Universität Udacity, die Thrun mit zwei Partnern gegründet hat.

Sie ist eine Art Volkshochschule, die Weiterbildungsmethoden im Netz über Kurse und Vorlesungen anbietet. Auch von der Politik fordert der Unternehmer mehr Engagement. „Ein Minister für Zukunft wäre eine phänomenal tolle neue Ergänzung für die deutsche Regierung.“ Zukunft ist sein Thema.

Beim Tech-Konzern Google geht der Deutsche schon solchen Aufgaben nach. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin setzten auf seine Expertise. Thrun entwickelte Googles selbstfahrendes Auto und baute das Experimentallabor X auf. Nun schraubt er als CEO von „Kitty Hawk“, Pages neuer Firma, an fliegenden Autos.

Thrun eilt mit dem Kaffee in der Hand in einen Konferenzraum, setzt sich und legt den kahlrasierten Kopf in die Hand. Einer wie er, mit 36 Professor in Stanford, blickt so euphorisch in die Zukunft, als lebte er bereits dort. „Künstliche Intelligenz wird uns alle in Supermenschen verwandeln.“ Immer schlauere Maschinen werden das Leben der Menschen weiter verbessern, ist er überzeugt.

Für den studierten Informatiker lässt sich fast jedes Problem mit Technologien lösen: die Verkehrsstaus, die fehlerhafte Kommunikation, schwere Krankheiten wie Krebs. Und wer nicht daran glaubt, wie schnell diese Veränderungen geschehen, „sollte sich daran erinnern, dass die Städte noch vor 100 Jahren voller Pferdewagen waren“, warnt er.

Querdenken und Mut zum Risiko seien heute gefragt, sagt er. „Wir werden angesichts des rasanten technologischen Wandels künftig mit einer einzigen Ausbildung im Leben nicht mehr weiterkommen“, meint Thrun. Es führe kein Weg am lebenslangen Lernen vorbei. „Die meisten Sachen sind noch gar nicht erfunden worden. Sie werden uns alle überraschen.“

Sechs-Millionen-Dollar-Projekt

Ein aktuelles Projekt mit dem Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann zielt nun genau darauf ab. Mit dem Investor startet Thrun jetzt ein neues, auf drei Jahre hin angelegtes Bildungsprojekt.

Das Medienunternehmen bietet bereits rund 15.000 Onlinekurse bei der Online-Universität Udacity an. Es schreibt nun 5000 neue Udacity-Stipendien in den Disziplinen Künstliche Intelligenz, Datenwissenschaft und Cloud-Engineering aus. 50.000 Bewerber wollen Bertelsmann und Udacity zu einem dreimonatigen Intensivkurs einladen.

Jeder Interessierte kann sich bewerben, die Kurse sponsert Bertelsmann. Die 5000 besten Kandidaten der drei Disziplinen erhalten einen Weiterbildungskurs oder „Nanodegree“, wie Udacity es nennt, geschenkt. Der Wert des Projekts beläuft sich auf sechs Millionen Dollar.

Das neue Projekt soll einen Zugang zu den heiß umworbenen IT-Fachkräften sichern. „Es gibt bereits heute einen Fachkräftemangel im Digitalbereich, der sich in den kommenden Jahren noch verstärken wird“, sagt Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann.

Mit Udacity solle eine „global angelegte Weiterbildungsinitiative in den Feldern Cloud, Data und Künstliche Intelligenz“ starten. Thrun sieht es so: „Technologie ist wie eine Schaufel. Wenn wir eine Schaufel auf den Markt bringen, müssen wir den Menschen immer noch zeigen, wie sie das Werkzeug am besten benutzen. Genau das wollen wir mit Bertelsmann machen.“

Der Name Udacity leitet sich von dem englischen Begriff „audacious“, zu deutsch „mutig“, ab. Es ist so etwas wie das Lebensmotto von Thrun. „Sebastian fordert nicht nur, Risiken einzugehen – er tut es selbst“, sagte der Investor und Internetpionier Marc Andreessen einmal über ihn.

Thrun sucht immer wieder neue Herausforderungen – und hat renommierte Posten für das nächste Abenteuer aufgegeben. Eine Stanford-Professor warf Thrun für Google hin. Nach dem Sieg seines Teams im Roboter-Rennen der US-Behörde DARPA 2005, deren computergesteuerter fahrbarer Untersatz als erster erfolgreich die Strecke absolvierte, wurde der Hörsaal schnell zu klein.

Der Professor für Computerwissenschaft verbrachte immer mehr Zeit bei Google und musste dann wieder weiter. Er gründete Udacity.

Zeit für eine Neuausrichtung

Das Start-up hat nach der letzten Finanzierungsrunde eine Marktbewertung von einer Milliarde Dollar erreicht. Zu den Financiers zählen Andreessen Horowitz, das frühere Google Ventures, Charles River Ventures, Sharespost, Bertelsmann und Drive Capital.

Acht Jahre nach der Gründung ist eine strategische Neuausrichtung fällig, glaubt Thrun. „Bislang hat unsere Firma von dem finanziellen Ökosystem in Silicon Valley profitiert.“ Doch nun wolle man auf eigenen Füßen stehen. „Es wird Zeit für Udacity, erwachsen zu werden.“

Vergangenes Jahr liebäugelte Udacity noch mit einem Börsengang. Die Plattform gab bekannt, den Umsatz 2017 auf 70 Millionen Dollar verdoppelt zu haben, vor allem dank der laut Thrun besonders beliebten Kurse in autonomem Fahren und Deep Learning.

Doch 2018 ließ das Wachstum nach, die Plattform geriet in finanzielle Zwänge. Vor zwei Wochen entließ Thrun 20 Prozent der Belegschaft, schloss die Unternehmenspräsenz in Brasilien und verkleinerte die kalifornischen Standorte. Insgesamt gingen 75 Mitarbeiter, darunter eine Handvoll in Führungspositionen. Das Start-up beschäftigt nun noch 300 feste Angestellte und 60 Freie.

Die Firma will sich künftig auf das Geschäft mit Unternehmenskunden konzentrieren. Mit mehr als 60 Konzernen laufen Weiterbildungsverträge, unter ihnen Daimler, Audi, Pricewaterhouse-Coopers und Airbus. Thrun denkt dabei pragmatisch: „Wir können eine Programmiererin in einem halben Jahr in eine Expertin für Künstliche Intelligenz verwandeln.“

Bislang kommt Udacity auf mehr als zehn Millionen Studenten, 50.000 von ihnen haben sich für die Nanodegrees eingeschrieben. Seit 2011 haben rund 70.000 Menschen aus mehr als 160 Ländern Udacity-Nanodegrees abgeschlossen. Udacitys Nanodegrees bestehen aus zwei Teilen mit einem Preis zwischen 399 und 1200 Dollar.

„Ich will Udacity bereit für die Zukunft machen“, sagt Thrun und wippt mit den Füßen. Er will schon wieder weiter. Die Zentrale der neuen Firma Kitty Hawk liegt gleich nebenan. „Die Zukunft des Transports liegt in der Luft“, glaubt der Informatiker. „Selbstfahrende Autos könnten bald von autonomen Flugzeugen überflügelt werden, vielleicht brauchen wir in Zukunft keine Straßen mehr.“ Schon in fünf Jahren könnten die ersten Flugautos durch die Lüfte schweben.

Steht etwa Googles inoffizieller Minister für Zukunft vor seinem nächsten großen Sprung? Thrun wiegelt schnell ab: „Nein, ich werde Udacity nicht verlassen.“

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