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Siemens-Vorstand Busch „Die Deutschen haben zu viele Bedenken bei neuen Technologien“

Siemens-Technologievorstand Busch spricht über den Wettkampf mit IT-Konzernen aus den USA und Herausforderern aus China. In Deutschland befürchtet er eine „Technikfeindlichkeit“.
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Bei der Digitalisierung der Industrie habe Deutschland „die historische Chance, die wichtigste IT-Plattform für das digitale Zeitalter“ aufzubauen. Quelle: Thomas Dashuber für Handelsblatt
Roland Busch

Bei der Digitalisierung der Industrie habe Deutschland „die historische Chance, die wichtigste IT-Plattform für das digitale Zeitalter“ aufzubauen.

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

München Siemens-Technologievorstand Roland Busch warnt, dass die deutsche Industrie ihren Vorsprung auf vielen Feldern einbüßen könnte. „Die Deutschen haben zu viele Bedenken bei neuen Technologien, manchmal spüre ich eine regelrechte Technikfeindlichkeit“, sagte Busch im Interview mit dem Handelsblatt. Noch seien die hiesigen Firmen in vielen Technologiefeldern führend. „Diese Führung drohen wir aber zu verlieren, unter anderem durch unsere Haltung“.

Busch ist einer der digitalsten Siemens-Vorstände. Der Manager versucht, das papierlose Büro zu leben. Auch im Gespräch mit dem Handelsblatt hat er nur ein Tablet vor sich, auf dem er mit einem Datenstift immer wieder kleine Grafiken malt, um seine Thesen zu erklären.

Auf dem Feld der Industrie 4.0 sieht Busch die deutschen Firmen auch im Vergleich zu den US-Riesen sehr gut positioniert. Man brauche ein „vertieftes Branchenwissen“, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln. „Da ist Deutschland mit seinem starken Fertigungsschwerpunkt und 28 Prozent industrieller Wertschöpfung sehr gut aufgestellt.“

Allerdings stehe die Branche vor einem „Kampf der Plattformen“. Siemens wolle mit Mindsphere die führende Software-Plattform für das Internet der Dinge in Industrie und Infrastruktur schaffen. Unter den Konkurrenten werde vor allem Microsoft eine Rolle spielen, da „sie sehr gute Kontakte in die Industrie haben“.

Busch gilt auch wegen seines Schwerpunkts in der Digitalisierung als interner Favorit für die mögliche Nachfolge von Vorstandschef Joe Kaeser, dessen Vertrag noch knapp zwei Jahre läuft.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Roland Busch

Herr Busch, bei der Vernetzung der Industrie haben die Deutschen eine wichtige Rolle gespielt. Doch jetzt geht es darum, mit Hilfe der gewonnenen Daten mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Können das US-IT-Konzerne nicht besser?
Man braucht tiefes Branchenwissen, um diese neuen Geschäftsmodelle zu entwickeln. Da ist Deutschland mit seinem starken Fertigungsschwerpunkt und 28 Prozent industrieller Wertschöpfung sehr gut aufgestellt.

Aber KI ist trotzdem eher die Stärke chinesischer oder amerikanischer Konzerne. 
Firmen wie Google konzentrieren sich traditionell auf den Endkunden, sie sind stark bei der sogenannten allgemeinen KI, die darauf abzielt, die menschliche Intelligenz nachzuahmen. Bei der industriellen KI geht es darum, mithilfe von Algorithmen bestimmte Fragen einer Branche zu beantworten. Erst die Kombination von Domain-Know-how und KI hilft Unternehmen wirklich weiter. Das wird häufig unterschätzt. 

Aber auch das können IT-Konzerne lernen. 
Natürlich können KI-Experten auf der ganzen Welt Anomalien in einem beliebigen Datensatz finden. Aber was wirklich dahintersteckt, können sie erst herausfinden, wenn sie die Branche und ihre spezifischen Probleme im Detail kennen. Google und Amazon haben noch keine Fertigung gebaut, sie konstruieren keine Züge und haben noch kein Gebäude automatisiert. Im Übrigen ist KI ja erst mal kein Geschäft. Die Technologie ermöglicht als Werkzeug nur neue Geschäftsmodelle. 

Wie meinen Sie das? 
Ich vergleiche das immer mit einem Auto. Die Künstliche Intelligenz ist das Fahrzeug. Die Daten sind das Benzin. Wenn kein Treibstoff da ist, fährt das Auto nicht. Je mehr Benzin Sie in den Tank füllen, desto weiter fährt es. Je mehr Daten Sie haben, desto besser wird der Algorithmus. Und wir können für jede Branche das passende „Auto“ bauen. 

Daten sind gerade in Deutschland ein heikles Thema. 
Das ist sicher eine Gratwanderung. Aber wir sollten uns nicht selbst ausbremsen. Ein Beispiel: Elektroautos dürfen in China nur fahren, wenn sie die während der Fahrt entstehenden Daten an die Regierung liefern. So entsteht ein Datenpool, den sonst niemand hat. Im Gesundheitswesen ist es ähnlich. 

Ist das ein Plädoyer für chinesische Verhältnisse? 
Ich sage das wertfrei. Die Datenhoheit des Datenbesitzers muss natürlich gewahrt bleiben. Aber das könnte man bei uns ja auch anders regeln. 

Grafik

Und zwar wie? 
Nehmen wir das Gesundheitswesen: Wenn Algorithmen Tausende Röntgenaufnahmen analysieren, werden sie immer besser beim Erkennen von Krankheiten. Dafür müssen Patienten dann allerdings einwilligen, dass ihre Gesundheitsinformationen in einem Datenpool geteilt werden. 

Würden Sie Ihre Gesundheitsdaten teilen, damit eine KI daraus lernen kann? 
Ja, weil dadurch Krankheiten wie Krebs schneller und präziser erkannt werden können. 

Sollte Deutschland alle Gesundheitsdaten anonymisiert in einem solchen Pool zusammenführen? 
Von dem immer wieder diskutierten Ansatz halte ich nichts. Jeder Patient sollte selbst entscheiden können, ob er seine Daten für so einen Pool zur Verfügung stellt. Viele haben aber Bedenken, weil sie fürchten, dass die Daten weitergegeben werden, an Versicherungen zum Beispiel. Das muss aber ausgeschlossen sein – dann dürften die Leute das automatisch viel positiver sehen. 

Die Skepsis gegenüber datenbasierten Technologien ist in Deutschland generell groß. 
Ja. In vielen Fällen fällt es mir schwer, das zu verstehen. Wir regen uns auf, wenn unser Energieversorger den Stromzähler ausliest, entblößen uns aber bei Facebook. Die Deutschen haben zu viele Bedenken bei neuen Technologien, manchmal spüre ich eine regelrechte Technikfeindlichkeit. 

Dabei sind die Deutschen in vielen Technologiefeldern führend. 
Diese Führung drohen wir aber zu verlieren, unter anderem durch unsere Haltung. 

Damit wären wir wieder bei den Konkurrenten in den USA, die heute schon in vielen digitalen Feldern uneinholbar sind: Nun kooperieren deutsche Autohersteller und Industriebetriebe immer öfter mit Microsoft und Amazon. Entsteht hier eine neue Abhängigkeit? 
Auch Siemens arbeitet eng mit Amazons Cloudsparte AWS und Microsoft zusammen. Wir haben den Kundenzugang und das Branchenwissen, die IT-Konzerne stellen die Rechenzentren, in denen die Daten gespeichert werden. 
Damit erhalten die IT-Konzerne Einblick in Abertausende Fabriken und Produktionsanlagen – eine kostbare Datenbasis. Die IT-Konzerne speichern diese Daten in ihren Rechenzentren, dürfen diese Daten in vielen Fällen aber nicht nutzen. 

In manchen aber schon: Wenn kleineren Unternehmen, basierend auf Cloud-Lösungen, vorausschauende Wartung angeboten wird, müssen sie ihre Daten freigeben. 
Das stimmt. Ein Kunde kann seine Daten in der Cloud ablegen und einen Partner wie Siemens suchen, der ein industrielles Betriebssystem wie Mindsphere anbietet – damit können etwa Apps für vorausschauende Wartung genutzt werden. Solche Dienste könnten Amazon und Microsoft theoretisch auch entwickeln. 

Damit würden die US-Konzerne zu direkten Wettbewerbern von Siemens. 
Das Risiko besteht. Wir glauben aber, dass Domain-Know-how in Kombination mit IT und Künstlicher Intelligenz den entscheidenden Vorteil bringt. 

Gleichzeitig arbeitet der chinesische Amazon-Rivale Alibaba heute schon mit der dortigen Industrie zusammen – und baut genau dieses Wissen auf. 
Diese Entwicklung gibt es ja nicht nur dort. Auch IT-Integratoren wie Accenture oder Cap Gemini bauen in dem Feld Wissen auf.

Ist allen in der deutschen Industrie klar, dass Deutschland durch das aggressive Vorgehen der IT-Konzerne seine Vormachtstellung in dem Feld verlieren kann? 
Wir bei Siemens sehen das Risiko jedenfalls. Auch deshalb haben wir im letzten Geschäftsjahr 5,6 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert – einen großen Teil davon in digitale Technologien. Das Rückgrat unserer Digitalisierungsstrategie sind die Mindsphere-Application-Center. In Allach bei München etwa bauen wir Züge. Gleichzeitig arbeiten dort zahlreiche KI-Experten und überlegen, wie sie Züge und Signaltechnik verbessern können. Wir haben weltweit 20 solcher Application-Center an 68 Standorten, jedes konzentriert sich dabei auf eine bestimmte Branche. 

Aber letztlich kann die Idee jeder kopieren. 
Ja. Vor allem, weil das ein Markt ist, der sich neu entwickelt. Wir bauen ja auch IT- und Digitalisierungs-Know-how auf. Damit haben wir vor zehn Jahren begonnen. Seitdem haben wir über zehn Milliarden Euro investiert. Heute gehören wir zu den zehn größten Softwarefirmen weltweit. Wir müssen einfach immer schneller laufen als die Wettbewerber. 

Läuft Deutschland da schnell genug? 
Wir tun das jedenfalls. Siemens hat schon heute rund 30.000 Software-Ingenieure. 

Ist Siemens in Zukunft vor allem ein Softwarekonzern? 
Von den Mitarbeiterzahlen in der Entwicklung sind wir das bereits. Wir werden aber niemals ausschließlich Software anbieten, sondern das Beste aus beiden Welten. Genau das macht uns übrigens so stark. 

Brauchen wir eine deutsche Cloud? 
Wir müssen da unterscheiden zwischen den physischen Rechenzentren und den Services. Das Rechenzentrum muss nicht in Deutschland stehen. Aber es wäre natürlich schön, wenn auf diesem großen Markt eine deutsche Firma mitspielt. 

Würde sich Siemens da an einem Konsortium deutscher Firmen beteiligen? 
Für uns ergibt es keinen Sinn, Dinge, die existieren, noch mal zu entwickeln. In dem Feld gibt es schon Firmen wie Amazon, Microsoft und Alibaba. Wir investieren lieber in Dinge, die wirklich neu sind: industrielle Applikationen für unser IoT-Betriebssystem Mindsphere. 

Es lohnt sich also nicht, eine deutsche Cloud zu entwickeln? 
Das wäre jedenfalls ein gewaltiger Kraftakt. Das ist ja ähnlich wie bei den Plänen für eine deutsche Batteriefabrik. 

Damit sind jedenfalls Teile der Wertschöpfung der Zukunft – bei den Cloud-Rechenzentren wie bei den Batterien – weg. 
Die erste Runde hat Deutschland verloren, ja. 

Da stellt sich die Frage, ob die Cloud-Anbieter für die zweite Runde, wenn es um Anwendungen geht, die auf den Cloud-Plattformen laufen, nicht besser aufgestellt sind. 
Das glaube ich nicht. Bislang jedenfalls finde ich die Anwendungen auf den Plattformen wie Amazons AWS und Microsofts Azure noch wenig überzeugend. Wenn Sie aber Mindsphere auf AWS drauflegen und sich bei Mindsphere einloggen, dann sehen Sie das volle Portfolio. Unsere Mindsphere und die darauf aufbauenden Applikationsplattformen sprechen die Sprache der Industrie, der Gebäude, der Züge. 

Aber Siemens kontrolliert die Plattform nicht. 
Aber alles, was darüberliegt. Unsere Kunden können mit ihren Daten recht einfach von AWS zu Azure wechseln – Mindsphere darüber mit all seinen Applikationen bleibt. 

Dem werden Amazon, Microsoft und Alibaba nicht ewig zuschauen. 
Ja, wir stehen vor einem Wettkampf der Plattformen. Cloud-Anbieter werden wahrscheinlich auch versuchen, cloudbasierte industrielle Software zu entwickeln. Aber wir haben einen großen Vorsprung. 

Bill Gates hat Microsoft mit der Vision aufgebaut, einen PC auf jedem Schreibtisch zu ermöglichen. Wie ist Ihre Vision? 
Solche Aussagen holen einen irgendwann immer ein! 

Bill Gates hat recht behalten. 
Unser Ziel ist es, dass Siemens die wichtigste Internet-der-Dinge-Plattform für Industrie und Infrastruktur wird, sozusagen das Betriebssystem für die Industrie. 

Welche Unternehmen sind die größten Rivalen bei dieser Mission? 
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass vor allem Microsoft eine Rolle spielen wird, da das Unternehmen sehr gute Kontakte in die Industrie hat. 

Microsoft ist damit also Partner und Rivale zugleich. 
Das nennt man dann Coopetition und ist in der IT-Branche längst üblich, das mussten wir auch erst lernen. In unserem Ökosystem werden auch Wettbewerber eine Rolle spielen. 

Das Konsumenten-Internet beherrschen Amerikaner und Chinesen. Kann Deutschland bei der Digitalisierung der Industrie noch die führende Rolle spielen? 
Ja. Wir haben die historische Chance, die wichtigste IT-Plattform für das digitale Industriezeitalter aufzubauen, die erste große IT-Plattform, die nicht aus den USA kommt. Die deutsche Industrie täte gut daran, gemeinsam daran zu arbeiten. Das voranzutreiben ist meine Mission. 

Apropos Mission: Sie gelten als einer der internen Kandidaten für die Nachfolge von Joe Kaeser. Trauen Sie sich den Job zu? 
(Lacht) Ich sitze jetzt seit sieben Jahren im Vorstand. Ich habe da schon viel erlebt. Ich glaube, wir sind ein Superteam im Vorstand. Und über die Besetzung entscheidet der Aufsichtsrat.

Herr Busch, vielen Dank für das Interview.

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