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SpaceX-Chefingenieur im Interview „Die Lage Deutschlands ist eine Herausforderung für Raketenstarts“

SpaceX-Chefingenieur Hans Koenigsmann spricht über die Fehler des europäischen Raumfahrtprogramms und erklärt, worüber er mit Elon Musk streitet.
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Seit 2011 ist der Deutsche bei SpaceX Vizepräsident für Mission Assurance. Quelle: NASA
Hans Jörg Koenigsmann

Seit 2011 ist der Deutsche bei SpaceX Vizepräsident für Mission Assurance.

(Foto: NASA)

Derzeit hat Hans Koenigsmann kaum Zeit, wie er sagt. „Ich bin im Moment mit Crew Dragon beschäftigt“, erzählt er. Die Raumkapsel Dragon soll schon bald Astronauten zur internationalen Raumstation ISS bringen, allerdings gab es Probleme mit den Fallschirmen, im vergangenen April explodierte eine Dragon in Florida bei einem Test. Trotzdem nimmt Koenigsmann sich etwas Luft für ein Gespräch.

Herr Koenigsmann, BDI-Präsident Dieter Kempf fordert, dass Deutschland ein Weltraumbahnhof für Kleinraketen wird. Von Rostock oder Nordholz aus sollen Minisatelliten ins All gelauncht werden. Ist das realistisch?
Grundsätzlich finde ich kleinere, flexible Projekte auf nationaler Ebene effektiver als multinationale Großprojekte. Letztere haben aber für große Projekte auch ihre Daseinsberechtigung. Die geografische Lage Deutschlands ist allerdings eine Herausforderung für sichere Raketenstarts. Es mag vorteilhaft sein, weiter nach Norden zu gehen ...

... weil je nach gewünschter Umlaufbahn Startorte nahe dem Äquator oder nahe den Polen besonders geeignet sind. Es wird sogar eine eigene deutsche Mondbasis ins Spiel gebracht. Ließe sich das mit der deutschen Technologie aktuell machen?
Wir machen ja grundsätzlich solche Projekte nicht, weil sie einfach sind, sondern weil sie eine Herausforderung sind. In dem Sinne bin ich sicher, dass deutsche Technologie ausreichend ist für eine Mondbasis. Die Dinge, die noch dafür entwickelt werden müssen, sind bestimmt nicht unmöglich. Und was den Start angeht, kann SpaceX auch gerne helfen.

Die Tagung Space 19+ der Europäischen Weltraumagentur (ESA) steht Ende November an. Hier entscheiden die zuständigen Minister der EU-Staaten über strategische Richtlinien für die kommenden drei Jahre. Zu welchen Prioritäten raten Sie?
Von außen gesehen erscheint die europäische Raumfahrt gelegentlich langsam und nicht auf dem letzten Stand. Technische Entwicklung ist oft auch ein Risiko, und das muss eben auch mal eingegangen werden. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Früher haben Sie gefordert, die europäische Rakete Ariane einzumotten und stattdessen auf Wiederverwendbarkeit zu setzen.
Ich habe meine Strategie geändert und im Prinzip aufgegeben, die Ariane-Verantwortlichen von der Wiederverwendbarkeit zu überzeugen. Wenn ich sage, Ariane soll so weitermachen wie bisher, scheine ich mehr Leute zum Nachdenken zu bringen. Auch wenn das Projekt, weiter eine wegwerfbare Rakete zu bauen, ungefähr so ist, als würde man jetzt ein gutes analoges Telefon entwickeln.

Wie schätzen Sie den internationalen Wettbewerb in der Raumfahrt ein?
Amerika hat die Nase vorn. Danach sind die Chinesen am nächsten dran. Die Landung der chinesischen Sonde auf der Rückseite des Monds macht klar, dass unser Vorsprung nicht statisch ist. Man muss sich ständig weiterentwickeln. Dass andere da auch dran sind, hat in den USA schon für Aufsehen gesorgt.

Europa ist also abgeschlagen.
Die Europäer hatten lange Zeit die Vorherrschaft, mussten sie aber vor ein paar Jahren an uns abgeben, gerade in Sachen Satellitenstarts. Mir scheint es, sie haben jetzt ein bisschen Schwierigkeiten, damit umzugehen. Die Ariane 6 kann man nicht wiederverwenden. Der Grund, warum wir billiger und oftmals auch zuverlässiger sind als andere, ist, dass wir die Raketen wiederverwenden. Zum einen muss man die Rakete nicht jedes Mal neu bezahlen, zum anderen kann man die Sachen inspizieren und sieht, wo etwas nicht ganz in Ordnung war – und kann das verbessern.

Virgin Galactic ging jüngst an die Börse. Wie gefällt Ihnen deren Technik?
Ich bin da neutral. Auf der einen Seite finde ich es gut, einen Flug ins All, wenn auch nur kurz, kommerziell anzubieten. Auf der anderen Seite ist der Start vom Trägerflugzeug komplex. Galactic ist bei Spaceship 2. Das hat eine Weile gedauert nach dem unglücklichen Unfall von Spaceship 1. Ich hoffe, die etwas längere Entwicklungszeit wurde gut genutzt, und werde die Daumen drücken!

Sie haben mal gesagt, dass Sie davon träumen, als Tourist in den Weltraum zu fliegen. Würden Sie bei Virgin mitfliegen oder lieber darauf warten, dass SpaceX solch einen Service anbietet?
Habe ich wirklich gesagt, dass ich davon träume? Jedenfalls nicht von einem suborbitalen Sprung, wie ihn Virgin Galactic anbietet. Im Orbit zu bleiben, und wenn nur für eine Woche, wäre schon ein Erlebnis. Und dann natürlich mit Dragon oder Starship! Ich würde durchaus eine Menge Geld dafür hinlegen, mal ein paar Tage in ein Hotel im Orbit einzuchecken – auch wenn das noch ein bisschen verrückt klingt. Das wollen sicher auch andere.

Ihnen würde der Orbit reichen? Möchten Sie nicht wie Elon Musk zum Mars?
Ich habe mal gesagt, ich sei zu alt für den Mars, aber ich habe meine Meinung geändert. Ich kann das auch mit meinen 56 Jahren noch erleben, wenn wir uns entsprechend beeilen.

Besonders schön stellt man es sich nicht vor auf dem Mars ...
Es gibt ja auch Leute, die leben in der Wüste. Die freuen sich über die Leere. Gerade Deutsche freuen sich oft über einen endlosen Blick, wo nichts in der Gegend herumsteht. Es gibt auch Leute, die wollen etwas Neues ausprobieren und dort hingehen, wo sie etwas aufbauen können. Das ist eine spezielle Mentalität, aber ich kenne viele, die das machen wollen. Sie wollen uns als Menschheit weiterbringen.

In 100 Jahren sieht man das vielleicht anders. Die Leute werden die gleiche Frage an Christopher Columbus gestellt haben: Was willst du denn dort drüben? Da ist ein schreckliches Meer dazwischen, die Wahrscheinlichkeit, dass du überlebst, ist gering, und drüben gibt es wohl auch nur Wüsten. Die Exploration bringt zwar nicht das Brot für morgen früh auf den Tisch, bringt uns aber als Menschheit weiter.

Wie groß ist bei SpaceX der Zeitdruck, der durch die sehr optimistischen öffentlichen Aussagen von Elon Musk entsteht?
Das hängt davon ab, wie sehr man das an sich heranlässt. Ich arbeite jetzt seit 17 Jahren bei SpaceX. Es ist eine ziemlich effektive Firma, die ihre Arbeit sehr schnell erledigt, auch wenn die Projektionen am Anfang manchmal sehr optimistisch sind. Der Zeitdruck ist da, aber er ist nicht besonders groß. Der Druck, es richtig hinzukriegen, dass alles vernünftig fliegt und sicher ist für die Astronauten, ist erheblich größer.

Sie sind da Musks Gegenspieler. Er setzt die Ziele, und Sie garantieren den Erfolg der Mission. Da gibt es doch sicher heftige Streitpunkte.
Es stimmt, für mich haben der Erfolg und die Sicherheit der Astronauten Priorität. Der Zeitplan ist für mich nicht so wichtig. Ab und zu gibt es Diskussionen, wenn wir bestimmte Tests noch durchführen müssen. In allen Fällen haben wir bei SpaceX da immer die richtige Wahl getroffen – und das ist Elons Verdienst. Da bin ich auch für die Zukunft unbesorgt.

Ist es machbar, dass in fünf Jahren, also 2024, wieder ein Mensch auf dem Mond steht?
Ja – wenn wir genügend Ressourcen darauf verwenden. Wir müssten dafür die gleiche Energie entwickeln wie vor 50 Jahren. Theoretisch können wir das heute auf jeden Fall – besser sogar als in den 70er-Jahren.

Damals ging es um den Effekt. Heute wird der Mond als Zwischenschritt auf dem Weg zum Mars verkauft.
Damals ging es um den Stolz – eine ziemlich gute Motivation. Heute ist der Mond wirklich eine Etappe auf dem Weg zum Mars. Denn wir sollten uns aufmachen, andere Planeten zu erkunden und zu sehen, ob man sie besiedeln kann. Das könnte eine mindestens so große Motivation werden wie damals der Stolz.

Wieso dauert es fünf Jahre, wieder zum Mond zu fliegen, wenn man das vor 50 Jahren schon konnte?
Ein Haus zu bauen dauert eineinhalb Jahre – das geht nicht bedeutsam schneller, nur weil man vorher schon mal ein Haus gebaut hat. Vor 50 Jahren haben wir einen großen Kraftakt vollzogen, um dahinzukommen. Diesmal erfordert es mehr Logistik, weil eine dauerhafte Verbindung zum Mond aufgebaut werden soll.

Man muss die Technologie auch wieder neu entwickeln – man kann nicht einfach nehmen, was vor 50 Jahren war. Damals dauerte es zehn Jahre und kostete einen Haufen Geld. Heute kostet es immer noch einen Haufen Geld, aber nicht mehr so viel wie damals, und es dauert auch nicht so lange. Da ist schon Fortschritt.

Für die Falcon Heavy hat SpaceX keine Gelder von der US-Regierung angenommen. Warum?
Das hat sich so entwickelt. Wir hatten am Anfang schon einen Kunden und haben einfach angefangen. Wenn man ein Projekt selbst entwickelt, hat man den Zeitplan unter Kontrolle und kann alles so machen, wie man es selber will. Mit einer Regierung sind da andere Bedingungen verknüpft. Ohne Regierung sind wir schneller, aber wir brauchen trotzdem Geld.

Wie ist das, bei den Raketenstarts dabei zu sein? Das ist doch sicher jedes Mal ein Drama.
Man braucht Durchhaltevermögen, um solche Sachen zu entwickeln. Und wenn man sie entwickelt hat, dann muss man wachsam sein. Man muss beim Raketenstart immer daran arbeiten, dass alles richtig ist. Das lernt man als Firma und zieht es durch, von Start zu Start.

Drama ist immer ein bisschen da. Oftmals ist es das Wetter. Oft sind es Kleinigkeiten, über die man sich Sorgen macht, aber das wird langsam weniger. Das macht für mich auch den Job aus, es gut zu schaffen. Durch die zehn Minuten Start muss man halt durch. Unsere Stärke ist, den Start gut vorzubereiten.

Und klopft dann das Herz?
Gar nicht. Gut, ich bin bei den Starts auch nicht mehr der Chief Engineer wie am Anfang. Ich bin nur noch dabei, um schwierige Entscheidungen mit den anderen Vice Presidents zu verhandeln. Nein, ich bin nicht mehr aufgeregt beim Start.

Es ist bei SpaceX jetzt auch fast 70-mal gut gegangen, nach drei Fehlstarts am Anfang.
Die ersten drei waren eine andere Rakete, die haben wir nach fünf Starts abgelöst. Mit der Falcon hatten wir nur einen Fehlschlag, und das ist schon 52 Starts her. Mit der Zuverlässigkeit bin ich im Moment ziemlich zufrieden. Aber man muss immer dran arbeiten und darf nie nachlassen.

Sie sind von der Uni Bremen über ein kleines Start-up zu SpaceX gekommen. Ist das ein ähnlich großer Sprung wie von der Erde zum Mond?
Es war schon ein ziemlicher Trip. Ursprünglich wollte ich nur zwei Jahre bleiben, doch es wurde immer spannender. Jetzt sind es schon 23 Jahre geworden. Wenn ich zurücksehe, ist es manchmal schon so, als würde ich vom Mond auf die Erde gucken, aber im täglichen Leben fällt mir das nicht besonders auf.

Ich tue, was ich kann, um unsere Raketen und Kapseln und Satelliten bereit zu kriegen. Das ist mein Job, und das macht mir Spaß. In Bremen hätte ich wahrscheinlich etwas Ähnliches gemacht. Nur bin ich zufälligerweise auf die größte Möglichkeit gestoßen, die es in den letzten 30 Jahren in der Raumfahrt gab. Darüber bin ich glücklich.

Herr Koenigsmann, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Der BDI startet eine Offensive zur Kommerzialisierung des Alls und regt einen Mini-Weltraumbahnhof an. Verbandschef Kempf schlägt vor, eine Astronautin zum Mond zu schicken.

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