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Tempolimit-Debatte Was Stauforscher, Klimaschützer und Unfallforscher zum Tempolimit sagen

Maximal 130 auf der Autobahn für mehr Klimaschutz? Die Tempolimit-Debatte reißt trotz der Absage der Bundesregierung nicht ab. Hier die wichtigsten Stimmen der Verkehrsforschung.
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Fakten zur aktuellen Tempolimit-Debatte Quelle: dpa
Tempolimit-Debatte

Braucht Deutschland ein generelles Tempolimit auf Autobahnen?

(Foto: dpa)

BerlinEin Tempolimit auf deutschen Autobahnen – kaum ein anderes Thema sorgt hierzulande mit vergleichbarer Verlässlichkeit für kontroverse Debatten. Während sich Befürworter mehr Sicherheit und positive Effekte für den Klimaschutz erhoffen, fühlen sich die Gegner in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt und äußern Zweifel an möglichen positiven Effekten von Tempobeschränkungen.

Mit ihrem jüngst bekannt gewordenen Vorschlag für ein Tempolimit hat eine Regierungskommission, die Vorschläge zum Klimaschutz erarbeiten soll, eine öffentliche Diskussion entlang der bekannten Grabenlinie in Gang gesetzt. Nicht immer orientieren sich die Beteiligten dabei an dem, was die Verkehrsforschung zum Thema Tempolimit erarbeitet hat.

Dabei haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren einiges an belastbaren Daten zu Tempobeschränkungen zusammengetragen. Im Fokus der Verkehrsforscher standen dabei die Themen Verkehrssicherheit, Klimaschutz und Stauvermeidung. Hier ein Überblick über die Meinungslage.

Stauforschung

Hohes Verkehrsaufkommen und Baustellen gelten als die wichtigsten Stauverursacher auf deutschen Autobahnen. Zusammen sind diese beiden Faktoren für gut zwei Drittel aller Verkehrsstockungen verantwortlich.

Daneben wirken sich nach Einschätzung vieler Verkehrsexperten aber auch die hohen Geschwindigkeitsunterschiede auf deutschen Autobahnen negativ auf den Verkehrsfluss aus. Ein Tempolimit könnte für gleichmäßigere Fahrtgeschwindigkeiten mit weniger Bremsmanövern und Spurwechseln auf viel befahrenen Straßen sorgen und so das Risiko von Staus vermindern, argumentieren Befürworter.

„Je höher die gefahrene Geschwindigkeit und je höher die Geschwindigkeitsdifferenzen sind, desto stärker treten Störungen des Verkehrsflusses auf“, sagt Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland. „Stau aus dem Nichts“ nennen Verkehrsforscher dieses Phänomen.

Was genau sich dahinter verbirgt, hat der Stauforscher Martin Treiber von der TU Dresden anschaulich beschrieben: „Ein unbedachtes Fahrmanöver – etwa ein abrupter Spurwechsel – führt dazu, dass der nachfolgende Pkw bremsen muss – und der nächste mit entsprechender Reaktions- und Bremszeit-Verzögerung noch stärker und so weiter. Damit wird oft eine Stauwelle ausgelöst, die sich mit 15 Kilometern pro Stunde nach hinten fortpflanzt. In diesen Stauwellen kommt der Verkehr zeitweise vollkommen zum Stillstand.“

Ein Tempolimit wäre also kein Allheilmittel gegen Staus auf deutschen Autobahnen. Es könnte aber sinnvoll sein, um einen der Risikofaktoren für Verkehrsstockungen zu minimieren. Eine Sichtweise, die allerdings nicht von allen Verkehrsexperten geteilt wird.

Der ADAC, traditionell Gegner eines generellen Tempolimits, verweist darauf, dass bereits heute „rund 30 Prozent des deutschen Autobahnnetzes dauerhaft oder zeitweise geschwindigkeitsbeschränkt“ seien.

Statt eines generellen Tempolimits plädiert der Automobilclub für flexible Geschwindigkeitsregelungen abhängig von der jeweiligen Verkehrssituation: „Die Fahrgeschwindigkeit auf knapp 10 Prozent des Autobahnnetzes kann mittels Streckenbeeinflussungsanlagen beschränkt werden. Diese ermöglichen eine flexible, situationsgerechte Geschwindigkeitsregelung in Abhängigkeit vom jeweiligen Verkehrsaufkommen und den Witterungsbedingungen.“

Auch der Stauforscher Michael Schreckenberg hält wenig von Tempolimits auf Autobahnen. „Ein Tempolimit ist nicht zielführend“, sagte der Verkehrsexperte von der Universität Duisburg-Essen der Nachrichtenagentur dpa. „Ich halte geregelte Geschwindigkeitsbeschränkungen für gerechtfertigt, wenn der Verkehr dichter wird – durch variable Anzeigen. Das gibt es bereits auf vielen Strecken.“

Klimaschutz

Auch über die Frage, wie sinnvoll ein Tempolimit im Hinblick auf den Klimaschutz wäre, gehen die Meinungen weit auseinander. Das Umweltbundesamt (UBA) hat die Auswirkungen eines generellen Autobahn-Tempolimits auf die Schadstoff-Emissionen von Pkw durchgerechnet – allerdings auf Basis von Daten von 1996. Neuere hat die Behörde nach eigenen Angaben nicht.

Demnach sinken bei einem Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde die CO2-Emissionen der Pkw auf Autobahnen um neun Prozent, wenn es von 80 Prozent der Autofahrer eingehalten wird. Im Jahr könnten so rund drei Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) eingespart werden.

„Auf den gesamten Straßenverkehr bezogen liegt das Minderungspotential eines allgemeinen Tempolimits von 120 km/h sowohl für die Stickoxid- als auch für die Kohlendioxidemissionen in der Größenordnung von zwei Prozent“, heißt es in der entsprechenden UBA-Publikation.

Während die UBA-Experten darauf verweisen, dass „ein generelles Tempolimit die Möglichkeit bietet, relativ schnell die Schadstoffemissionen des Straßenverkehrs zu senken“, kommt der ADAC bei der Bewertung der gleichen Zahlen zu einem ganz anderen Ergebnis: „Der CO2-Ausstoß im Straßenverkehr wird durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht maßgeblich beeinflusst.“

Verkehrssicherheit

„Eine der Hauptunfallursachen auf Autobahnen ist zu schnelles Fahren“, schreibt das Statistische Bundesamt in einer Untersuchung zum Unfallgeschehen auf deutschen Straßen im Jahr 2017. Bei mehr als einem Drittel der Autobahnunfälle 2017 sei mindestens ein Beteiligter schneller gefahren als erlaubt oder schneller, als es für Straße oder Wetter angemessen gewesen wäre.

Nach Einschätzung des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gäbe es deutlich weniger Unfall-Todesopfer pro Jahr, wenn ein verbindliches Tempolimit auf deutschen Autobahnen eingeführt würde.

„Im Jahr 2017 kamen schätzungsweise 80 Menschen auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit zu Tode, weil sie mit nicht angepasster Geschwindigkeit unterwegs waren“, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim GDV, dem Berliner „Tagesspiegel“.

Eine vom Potsdamer Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung 2007 veröffentlichte Studie für Brandenburg ergab, dass dort, wo in dem Bundesland Tempolimits eingeführt wurden, die Zahl der Unfälle, Getöteten und Verletzten deutlich zurückging.

Kritiker eines generellen Tempolimits verweisen darauf, dass Autobahnen hierzulande, bezogen auf die gefahrenen Kilometer, als die sichersten Straßen gelten. 2017 legten Kraftfahrzeuge nach Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen etwa ein Drittel ihrer Strecke auf Autobahnen zurück. Aber nur jeder achte Verkehrstote (12,9 Prozent) entfiel auf eine Autobahn.

Der ADAC sieht auch im internationalen Vergleich keinen Zusammenhang zwischen generellem Tempolimit und dem Sicherheitsniveau auf Autobahnen: Auch „Länder mit genereller Geschwindigkeitsbeschränkung, wie Österreich, Belgien oder die USA“ würden hier nicht besser abschneiden als Deutschland. Die eigentliche Schwachstelle in Sachen Verkehrssicherheit seien hierzulande die Landstraßen.

Mit Agenturmaterial.

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1 Kommentar zu "Tempolimit-Debatte: Was Stauforscher, Klimaschützer und Unfallforscher zum Tempolimit sagen"

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  • Tempolimit, hier sollen "Stickoxid- als auch für die Kohlendioxidemissionen sollen in der Größenordnung von zwei Prozent“, sinken heißt es in der entsprechenden UBA-Publikation.

    Ich würde behaupten, wir könnten locker 20% Stickoxid- und auch die Kohlendioxidemissionen reduzieren, wenn Deutschland nicht Stauland Nummer Eins in Europa wäre.
    Wer hat es nicht schon öffters erlebt. Man fährt nach oder von Südspanien zurück nach Deutschland insgesamt 1750 km, davon 1500km Staufrei, nur nach der deutschen Grenze so sicher wie das Amen in der Kirche steht man im Rheintal im Stau.
    Der Kraftstoffverbrauch steigt um ca. 2,5 ltr. im Stopp und Go Verkehr. Unfallwahrscheinlichkeit steigt im Stopp und Go Verkehr drastisch an.
    Jede Studie die das Kennzeichen wissenschaftlich trägt, ist tendenziös meistens auch falsch und vor allem nicht wissenschaftlich. Diese Studien kann man getrost in die Tonne kicken.

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