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Tesla-Chef „Ein Fitbit für den Schädel“ – Musk stellt Start-up Neuralink vor

Ein Chip im Gehirn soll erst Schmerzen besiegen und später Gedankenübertragung ermöglichen. Doch Mitarbeiter berichten von Zeitdruck und Chaos.
29.08.2020 - 09:17 Uhr Kommentieren

Elon Musk stellt neues Start-up „Neuralink“ in San Francisco vor

San Francisco Gertrude braucht heute etwas länger. Als Elon Musk vor ihrem Käfig wartet, läuft die Sau weg und verharrt hinter einem schwarzen Vorhang. „Das ist das Schöne an Live-Präsentationen“, sagt Musk und lacht. Was dabei alles schiefgehen kann, weiß der Tesla-Chef schließlich aus Erfahrung.

Irgendwann schafft es eine Tierpflegerin mit einem Futtereimer, Gertrude hervorzulocken, wo das Publikum sie sehen kann. Das Tier sucht mit seiner Schnauze aufgeregt den Boden ab.

Dass die Sau aufgeregt ist, hört das Publikum an Tönen, die wie der dreifach beschleunigte Hook in einem Kraftwerk-Song klingen. „Die Beats, die Sie hören, sind Echtzeitsignale des Neuralinks in Gertrudes Kopf“, erklärt Musk. Seit zwei Monaten trage das Schwein den Chip.

Neuralink ist das jüngste und und wohl ambitionierteste Start-up von Musk – obwohl ambitionierte Menschheitsprojekte die einzige Konstante in der Karriere des 49-Jährigen sind. 2016 hat er es mitgegründet und 100 der insgesamt 158 Millionen Dollar Kapital in das Unternehmen gesteckt. Auch Musk-Freunde wie der Investor Steve Jurvetson, der auch in den Boards von Tesla und SpaceX sitzt, ist dabei.

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    Das Event ist vor allem an mögliche neue Mitarbeiter gerichtet. Rund 100 Menschen arbeiteten bereits für Neuralink, irgendwann sollten es Zehntausende werden, sagt Musk. Wie bei Tesla will Musk große Teile der Entwicklung im eigenen Unternehmen erledigen, er brauche Chipdesigner, Robotiker – selbst Tierpfleger, die sich um Gertrude und ihre Artgenossen kümmern.

    Der aktuelle Neuralink-Prototyp, der „Link V0.9“, ist ein Chip von der Größe einer Ein-Euro-Münze, an dem etwa drei Zentimeter lange Elektroden hängen, die dünner als ein menschliches Haar sind. Der acht Millimeter dicke Chip wird per Operation in den Schädel eingesetzt, um das Gehirn mit elektrischen Impulsen zu unterstützen.

    Die Operation, die ein ebenfalls von Neuralink entwickelter Roboter durchführen soll, werde ohne Vollnarkose möglich sein, weniger als eine Stunde dauern und „ so einfach und sicher wie eine Augen-Laserbehandlung sein“.

    Und das, obwohl der Neuralink ein Stück Schädel ersetzen soll. Als Musk 2019 den ersten Prototypen vorstellte, war Neuralink noch ähnlich wie ein Hörgerät außen am Kopf sichtbar und hatte längere Drähte.

    Unter Haaren sei der aktuelle Chip gar nicht mehr sichtbar. „Ich könnte jetzt gerade einen tragen, und Sie hätten keine Ahnung“, sagt Musk. „Vielleicht tue ich es ja.“ Neuralink ist eine Schnittstelle zwischen Computern und den elektrischen Signalen von Neuronen im Gehirn. Musks Pläne für den Neuralink sind gewaltig, auch wenn an Gertrude erst mal nur seine Funktion als implantierter EEG demonstriert wird.

    Wie aus einer Folge „Black Mirror“

    Kurzfristig sollen damit Querschnittsgelähmte mobilisiert werden. Musk nennt es in Anlehnung an die Smartwatch-Marke ein „Fitbit für den Schädel mit winzigen Drähten“. Das Gerät könne aber auch Depression und Schmerzen, Schwerhörigkeit, Alzheimer und Blindheit bekämpfen, indem das Gehirn entsprechend stimuliert wird. Die ersten klinischen Studien sollen mit Patienten durchgeführt werden, die schwere Rückenmarksverletzungen erlitten haben.

    Langfristig träumt Musk von Anwendungen für alle Menschen: vollständig immersive Computerspiele, ins Gehirn installierbare Sprachkenntnisse, Gedankenübertragung und ein abgespeichertes menschliches Gedächtnis. All das klinge wie eine Episode der dystopischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ bemerkt Musk, während er darüber spricht. „Die Zukunft wird seltsam“, sagt er lakonisch.

    Doch Musk glaubt, dass Künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz schon in fünf Jahren überholen wird. Die wahre Dystopie drohe, wenn Menschen ihre Gehirne nicht aufrüsten. Menschen würden zu „Schoßtieren“ der Computer. Künstliche Intelligenz sei „gefährlicher als Atomwaffen“.

    Mit einem Roboter soll der Chip eingesetzt werden. Quelle: AFP
    Chip im Gehirn

    Mit einem Roboter soll der Chip eingesetzt werden.

    (Foto: AFP)

    Unter den weltweiten Experten für Künstliche Intelligenz (KI) ist Musk eine umstrittene Figur. Als einer der ersten Investoren in DeepMind und Mitgründer von Open.Ai, dem Unternehmen hinter dem Textgenerator GPT-3, ist Musk zwar definitiv kein fachferner Schwätzer.

    Doch seine Warnungen halten viele für Unsinn. Musk habe „bei KI keine Ahnung, wovon er redet“, schimpfte Facebooks KI-Chef Jerome Pesenti im Mai. „Er ist sensationslüstern und schlingert wild zwischen Angst vor den Gefahren der Technologie und Hype“, kritisierte ein anderer Forscher gegenüber dem US-Sender CNBC.

    Als Unternehmer hat Musk seine Kritiker schon häufiger vom Gegenteil überzeugt. Tesla, einst der Spott der Branche und mehrmals kurz vor der Pleite, ist inzwischen der wertvollste Autobauer der Welt und gibt der Industrie den Takt vor.

    Wenige Mitarbeiter bleiben lange dabei

    Als KI-Kassandra hat sich Musk in der Autobranche aber nicht bekannt gemacht, eher im Gegenteil: Teslas Autopilot, der stark auf KI setzt, ist eigentlich nur ein Fahrerassistenzsystem.

    Musk nimmt bei Fernsehauftritten aber regelmäßig die Hände vom Steuer und heizt seine Fans so an, ihren Tesla wie ein autonomes Auto zu behandeln. Regelmäßig gibt es deshalb Unfälle, vergangene Woche rammte ein Tesla-Fahrer in North Carolina ein Polizeiauto, während er einen Film anschaute.

    Mehrere hochrangige Entwickler am Autopilot haben das Unternehmen im vergangenen Jahr laut dem gut informierten Tech-Portal „The Information“ verlassen, weil Musk die Entwicklung vollautonomer Autos nicht schnell genug ging. Schließlich verkauft Tesla seit Jahren schon ein Update namens „Full Self-Driving“ für mehrere Tausend Dollar, das bisher noch nicht geliefert wurde.

    Bei Neuralink werde Sicherheit genauso wichtig sein wie bei Tesla, betont Musk nun. Auch bei dem Start-up knirscht es laut einem Bericht des Wissenschaftsmagazins „Statnews“: Das Unternehmen sei chaotisch, und wenige Mitarbeiter blieben lange dabei.

    Die Forscher stünden unter extremem Zeitdruck und hätten für Projekte, für die Monate angemessen wären, nur einige Wochen Zeit. „Sie entwickeln ein medizinisches Gerät und eine chirurgische Methode, um dieses Gerät zu implantieren“, sagte ein ehemaliger Neuralink-Mitarbeiter zu „Statnews“.  „Aber sie gehen da ran wie ein Tech-Unternehmen: ,move fast and break things‘.“

    Es ist Musks Ansatz, seit er mit Paypal Geld digitalisierte und das Auto zu einem vernetzten Hardwaregerät machte. Ob der Innovationsansatz der Softwarebranche auch für die Digitalisierung des Gehirns taugt, muss Neuralink erst noch beweisen.

    Mehr: Die Situation an den Aktienmärkten erinnert an die vor 20 Jahren – an die Dotcom-Blase. Aber in gewisser Weise ist sie gerade das Gegenteil davon.

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