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Unternehmensstrategie Amazon macht es vor: Diversifizierung bringt mehr Rendite

Unternehmen, die sich neue Geschäftsfelder erschließen, sind laut einer Studie erfolgreicher als Traditionalisten – aber viel zu viele lassen diese Wachstumschancen liegen.
07.01.2021 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
Das börsennotierte Familienunternehmen setzt vor allem auf Zukäufe anderer Unternehmen oder neuer Technologien, um seine Kompetenzen auszubauen. Quelle: dpa
Lackierroboter von Dürr

Das börsennotierte Familienunternehmen setzt vor allem auf Zukäufe anderer Unternehmen oder neuer Technologien, um seine Kompetenzen auszubauen.

(Foto: dpa)

Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt Kein Mensch würde Amazon heute noch als Online-Buchhändler beschreiben. Längst ist der 1994 von Jeff Bezos gegründete US-Konzern zum Internet-Kaufhaus für alle Lebenslagen geworden. Doch das allein begründet den Erfolg nicht. Auf stolze 280 Milliarden Dollar Jahresumsatz kam Amazon im vergangenen Jahr nur, weil Bezos in der Firmengeschichte ganz neue, oft unerwartete Geschäftsbereiche erschlossen hat.

Eine starke eigene Sparte ist längst das Cloud-Geschäft: Viele Konzerne weltweit lassen ihre IT über die Server von Amazon laufen – darunter sogar der direkte deutsche Konkurrent Otto. Amazon gehört zudem zu den Vorreitern bei Sprachsteuerung und lässt für sein Medienportal eigene Filme und Podcasts aufnehmen. Obwohl Amazon vergleichsweise wenige Patente selbst entwickelt, gehört der Konzern zu den innovativsten der Welt. Die Aktie ist grob 150-mal so viel wert wie zum Börsengang 1998. Firmenchef Bezos ist der reichste Mensch der Welt.

Dennoch: Nur eine Minderheit der Konzerne in Nordamerika und Europa folgt dem Beispiel von Amazon und erobert neue Geschäftsfelder. Vielen Vorstandschefs börsennotierter Konzerne erscheint der Sprung in völlig neue Geschäftsfelder offenbar als zu großes Risiko. Denn eine Vermutung steht im Raum: Zwar können einem Konzern langfristig Investitionen ins Neuland neue gewinnbringende Geschäftsfelder erschließen. Doch häufig ist bis zur Ernte der aktuelle Spitzenmanager gar nicht mehr im Amt. Statt die Früchte der Anstrengungen einzusammeln, verantwortet der aktuelle Chef dann nur die Kosten der Aussaat.

Mit einer aktuellen Studie will der Schweizer Company-Builder Stryber, der im Auftrag von Konzernen Start-ups gründet, diesen Eindruck widerlegen. Die Untersuchung, die dem Handelsblatt vor Veröffentlichung vorliegt, bestätigt: Nur ein knappes Drittel der 1838 untersuchten Konzerne hat in den vergangenen zehn Jahren ein neues Geschäftsfeld in seinen Jahresberichten ausgewiesen. „Zu viele Konzerne lassen Wachstumschancen liegen“, sagt Stryber-Mitgründer Jan Sedlacek. „Dabei sollte sich jeder Spitzenmanager fragen, wie er die vorhandenen Stärken nutzen kann, um in neue Geschäftsfelder vorzustoßen.“

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    Die Untersuchung belegt: Wer neue Geschäftsfelder erschließt, bringt seinen Aktionären über zehn Jahre gesehen eine höhere Aktienrendite – also Kurssteigerung und Dividende – als diejenigen Unternehmen, die nur ihr Stammgeschäft vorantreiben. Besonders deutlich ist das bei Konzernen, die radikal umbauen und mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit neuen Geschäftsfeldern erzielen: Sie erreichen jährlich im Schnitt 11,2 Prozent Rendite. Konzerne ohne neue Geschäftsfelder erreichten im Betrachtungszeitraum von 2010 bis 2019 nur 7,3 Prozent. Konzerne, die einen kleineren Teil ihres Umsatzes mit Neugeschäft erzielen, liegen dazwischen.

    Dürr diversifiziert gezielt

    Den Studienautoren gelingt es, die Annahme zu widerlegen, solches Neugeschäft komme bei kurzfristigen Aktionären schlecht an. Denn bereits in der Frühphase der Diversifikation, nämlich zwischen 2010 und 2013, schnitten die Konzerne, die sich an Neugeschäft wagten, stärker ab. Sie erzielten im jährlichen Durchschnitt zwischen 10,1 und 13,8 Prozent Aktienrendite. Konzerne, die keine neuen Felder erschlossen haben, kamen nur auf 9,7 Prozent. „Die Investoren wertschätzen Diversifikation also vermutlich, lange bevor sich die vollen Effekte in der Form von weiterem Wachstum manifestieren“, schließen die Studienautoren daraus. Für Stryber ist das ein gutes Ergebnis: Schließlich lebt das Unternehmen davon, für Unternehmen neue Geschäftsfelder zu etablieren. „Die Deutlichkeit des Effekts der Diversifizierung ist überraschend stark“, sagt Sedlacek.

    Für europäische und deutsche Konzerne sei das Missverhältnis noch etwas größer, erklärt Studien-Mitautor Julian Ritter. Ein noch etwas geringerer Anteil von börsennotierten Konzernen traue sich an neue Unternehmensfelder, doch diejenigen, die den Schritt wagten, erzielten noch etwas bessere Ergebnisse als die US-Vorreiter.
    Das dürfte allerdings auch daran liegen, dass eher solche Unternehmen, die florieren, sich in neue Felder wagen.

    Beim baden-württembergischen Maschinenbauer Dürr etwa gehört Diversifikation fest zur Unternehmensstrategie. Dabei setzt das börsennotierte Familienunternehmen vor allem auf Zukäufe anderer Unternehmen oder neuer Technologien, um seine Kompetenzen auszubauen. Auf diese Weise verfolge der Konzern zwei grundsätzliche Ziele, sagte Dürr-Vorstandschef Ralf Dieter dem Handelsblatt: „Entweder die Stärkung und Zukunftssicherung unseres Kerngeschäfts oder die Erschließung neuer, wachstumsstarker Geschäftsfelder.“

    Ein Beispiel dafür ist die Akquisition des Holzmaschinenherstellers Homag, den Dürr im Juli 2014 übernommen hatte – auch gegen den Widerstand von Anlegern, die seinerzeit kaum einen Bezug zum Automotive-Geschäft erkennen konnten und über mangelnde Synergieeffekte klagten. Doch der Erfolg gibt dem Vorstand heute recht: Die Beteiligung an Homag hat sich mittlerweile zu einem der größten Ergebnisbringer im Konzern entwickelt.

    Ähnliche Erfolgsgeschichten schrieben auch andere Unternehmensbereiche, die Dürr in den vergangenen Jahren neu zugekauft oder entwickelt hat. Inzwischen stammen 38 Prozent des Umsatzes aus Geschäftsfeldern, die 2010 noch nicht im Geschäftsbericht auftauchten. Die durchschnittliche jährliche Aktienrendite liegt seitdem bei 26 Prozent, in den ersten drei Jahren waren es sogar 68 Prozent.

    Bei der Suche nach M&A-Zielen richte Dürr sein Geschäft vor allem an vier großen Trends aus, so Vorstandschef Ralf Dieter: „Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Automatisierung und Elektromobilität.“ Umgekehrt allerdings erwäge der Konzern auch Desinvestitionen, „wenn die langfristigen Wachstumsperspektiven eines Geschäfts nicht mehr unseren Erwartungen entsprechen“. So habe der Konzern 2017 das Geschäft mit industrieller Reinigungstechnik veräußert, „da es stark an die Verbrennungsmotor-Technologie gekoppelt war“.

    Symrise nutzt den Konzernumbau

    Der Aromenkonzern Symrise dagegen zeigt, dass die erfolgreiche Erweiterung um neue Geschäfte auch mit einem erheblichen Konzernumbau zusammenhängen kann. Der MDax-Konzern ist erst 2003 durch eine von Finanzinvestoren vorangetriebene Fusion zweier Traditionsunternehmen entstanden. Für Kontinuität steht Vorstandschef Heinz-Jürgen Bertram, der Symrise seit 2009 führt. Er kaufte seitdem eine ganze Reihe von Konkurrenten auf – und schärfte damit das neue Geschäftsfeld Nutrition, also Aromen für Lebensmittel. 2016 gliederte Symrise den Bereich in ein eigenes Segment mit eigener Ergebnisrechnung aus.

    Der Bereich steht inzwischen für 21 Prozent des Konzernumsatzes. Seinen Aktionären kann Bertram damit eine durchschnittliche jährliche Rendite von 22 Prozent vorweisen.

    Nicht immer folgt die Ausweitung der Geschäftsfelder allerdings einem stringenten Plan. Bei der Deutschen Börse kommen 24 Prozent des Umsatzes inzwischen aus neuen Geschäftsfeldern, die jährliche Dividendenrendite über zehn Jahre lag im Durchschnitt bei 16 Prozent. Allerdings schnitt sie in den Jahren 2010 bis 2013 eher schwach ab: Damals kam die Deutsche Börse nur auf eine Aktienrendite von jährlich sechs Prozent. Der Börsenbetreiber ist ein Beispiel dafür, wie äußere Umstände neue Chancen eröffnen können.

    Die Deutsche Börse hat nämlich seit dem Brexit-Referendum 2016 ihr Geschäft mit der Abwicklung von Derivategeschäften in Euro (Clearing) deutlich ausgebaut. Zuvor lief dies fast ausschließlich über das Londoner Clearinghaus LCH. Wegen des Brexits ist jedoch unklar, ob beziehungsweise in welchem Umfang Euro-Geschäfte künftig noch in Großbritannien abgewickelt werden können.

    Um möglichst viele Banken und Investoren zu einer Verlagerung zu bewegen, hat Deutschlands größter Börsenbetreiber 2017 ein sogenanntes Partnerschaftsprogramm aufgelegt. In dessen Rahmen werden die zehn aktivsten Akteure am wirtschaftlichen Erfolg der Börsen-Tochter Eurex Clearing beteiligt. Auch dank dieses Programms haben die Frankfurter ihren Marktanteil bei der Abwicklung von Euro-Zinsderivaten in den vergangenen Jahren von einem auf 19 Prozent ausgebaut.

    Ob die Deutsche Börse bis Ende 2020 wie anvisiert 25 Prozent erreicht hat, ist jedoch fraglich, weil im vergangenen Jahr deutlich weniger Banken Clearinggeschäfte verlagert haben als 2018 und 2019 – unter anderem wegen der Coronakrise.

    Neben dem Clearing ist die Deutsche Börse mit der Übernahme des Fintechs 360T im Jahr 2015 auch in den Devisenhandel eingestiegen. Zudem bauen die Hessen mit der im November verkündeten Übernahme des US-Konzerns ISS das Geschäft mit nachhaltigen Investments massiv aus. Vorstandschef Theodor Weimer ist offen, künftig noch in weitere Geschäftsfelder vorzustoßen. Wenn es in den nächsten drei Jahren Übernahmeziele in interessanten, neuen Asset-Klassen gebe, werde die Börse zuschlagen, sagte Weimer kürzlich. „Da müssen wir flexibel sein.“

    Immerhin: Mit dieser Offenheit für neue Felder ist er vielen anderen Konzernlenkern deutlich voraus.

    Mehr: Die Digitalisierung zwingt die Industrie zu neuen Partnerschaften.

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    2 Kommentare zu "Unternehmensstrategie: Amazon macht es vor: Diversifizierung bringt mehr Rendite"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ist das nicht wieder ein Fall von "Ursache und Wirkung verwechselt"? Wenn man reichlich Cash generiert, kann man natürlich auch wachsen und diversifizieren.

    • in der BRD würde Amazon eine "gGmbH" sein :) beide entwickeln ein Monopol mit staatlicher Unterstützung und zahlen keine Steuern :) :)

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