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Weltraumforschung Ehrgeiz ist auch im All gefragt – Kampf um den Spitzenplatz in Europas Raumfahrt

Deutschland und Europa haben ihren Platz im Weltraum erobert. Aber die Branche fürchtet um den Spitzenplatz und fordert mehr staatliches Geld.
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Auch deutsche Technik ist an Bord. Quelle: dpa
Marsroboter der Nasa

Auch deutsche Technik ist an Bord.

(Foto: dpa)

Köln Schauen Sie mal“, sagt Pascale Ehrenfreund, eilt ins Nebenzimmer und zeigt auf eine kleine Deutschlandflagge und ein Kistchen mit einer Medaille: „Das war auf der ISS, mit unserem Alexander Gerst.“ Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) kann ihre Begeisterung nicht verbergen. Alexander Gerst ist für sie nicht nur der deutsche Botschafter für die bemannte Raumfahrt. Er ist für Ehrenfreund auch der lebende Beweis dafür, dass Deutschland und Europa beim Thema Raumfahrt vorn dabei sind.

„In der Raumfahrt sind wir spitze und spielen zusammen mit Frankreich sicherlich die Hauptrollen in Europa“, sagt Ehrenfreund. In der astronautischen Raumfahrt bringe Deutschland auf europäischer Ebene sogar die meisten Gelder ein. „Wir haben in Deutschland eine extrem erfolgreiche Weltraumforschung, ein nationales Programm, und wir haben eine ausgezeichnete deutsche Industrie.“

Ein überraschender Optimismus. Anfang März landeten die Chinesen auf der Rückseite des Mondes – wegen der fehlenden Funkverbindung eine technologische Herausforderung. Schnell brach eine Diskussion über die neuen Kräfteverhältnisse in der Raumfahrt los. Viele Jahrzehnte dominierten hier die USA und Russland.

Nun ist China dabei, gemessen an den Raketenstarts zu den USA aufzuschließen. Die Amerikaner reagieren. Präsident Donald Trump gab kurz vor dem Erfolg der Chinesen den Auftrag, eine sogenannte „Space Force“ aufzubauen. Die Führungsrolle im Weltraum sei angesichts des Wettbewerbs für die USA wichtiger denn je, so Trump.

„Die Gewichte in der Raumfahrt verschieben sich“, sagt Manfred Hader, Senior Partner bei Roland Berger und Luft- und Raumfahrtexperte. Und rechnet vor: Auf die USA entfallen mit rund 45 Milliarden Dollar nach wie vor mehr als die Hälfte des weltweiten institutionellen Space-Budgets.

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Russland fällt zurück, auch weil das Geld fehlt. China hingegen hat seine Ausgaben verdoppelt, holt also auf. Allerdings liegen die Chinesen mit geschätzten rund acht Milliarden Dollar jährlich immer noch weit weg von den USA. Europa liegt bei rund zehn Milliarden Dollar, wenn man alle Programme addiert, also die der Weltraumbehörde Esa, der EU und die nationalen.

„Die Europäer müssen sich die Frage stellen, welche Rolle sie im Bereich Space spielen wollen“, sagt Hader: „Europa ist insgesamt gut aufgestellt, müsste aber seine Aktivitäten und Fähigkeiten ausbauen, um international nicht ins Hintertreffen zu gelangen.“ Dafür müsste Europa deutlich mehr in die Raumfahrt investieren, glaubt der Branchenkenner.

„Das geht aber nur über eine staatliche Nachfrage, das heißt, neue Programme zum Beispiel im Bereich von Deep Space Exploration müssten aufgelegt werden.“ Diese zusätzliche Nachfrage würde dann auch dafür sorgen, dass sich mehr Unternehmen um das Thema kümmern als bisher, ist Hader überzeugt.

Das DLR bringt den Hammer auf den Mars

Er steht mit dieser Einschätzung nicht allein. Die Forderungen, mehr in die Raumfahrt zu investieren, werden lauter. Auch in Deutschland. „Wenn es um den internationalen Vergleich geht, ist das nationale deutsche Raumfahrtprogramm mit einer Förderung von rund 274 Millionen Euro im Jahr eher klein“, sagt DLR-Chefin Ehrenfreund. Frankreich fördere hier zum Beispiel mit rund einer Milliarde Euro. Hier gäbe es den Wunsch – vor allem in der Industrie –, aufzustocken und auch die Beteiligung am europäischen Raumfahrtprogramm weiter auszubauen. Ähnliches ist beim Bundesverband der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) zu hören. „Wir brauchen jetzt mehr Schub, damit Deutschland in der Raumfahrt spitze bleibt“, forderte kürzlich deren Vizepräsident Marco Fuchs: „Deshalb setzen wir uns für eine schrittweise Erhöhung des ‚Nationalen Programms für Weltraum und Innovation‘ ein.“ 

Für die Chinesen sei die Raumfahrt strategisch wichtig und ein Teil der nationalen Entwicklungsstrategie, beschreibt DLR-Chefin Ehrenfreund die aktuelle Situation: „Sie kooperieren dabei intensiv mit der Privatwirtschaft, das machen sie sehr geschickt.“ Das Technologie-Know-how werde immer besser, denn China lernt durch Kooperation. „China investiert viel Staatsgeld in diesen Bereich und agiert in der Raumfahrt insgesamt relativ autark von anderen Nationen.“

Dennoch müsse sich Deutschland nicht verstecken, glaubt Ehrenfreund: „Wir sind in vielen Gebieten federführend. Dazu zählt etwa der Bau von Satelliten, so zum Beispiel für die Erdbeobachtung und für die Forschung unter Weltraumbedingungen.“ Sie verweist etwa auf die InSight-Mission der Nasa zum Mars, die im vergangenen November startete.

Das DLR – es ist Teil der Helmholtz-Gemeinschaft, hat 47 Institute und 8 700 Mitarbeiter – hat hierfür ein Instrument gebaut, mit dem das Thermalprofil des Marsinneren erfasst werden kann, indem es sich in den Boden hämmert. „Das ist sehr anspruchsvoll: Das Gerät musste vom Rover ausgesetzt und aufgestellt werden, und das auch noch sehr vorsichtig.“ Zwar hat das Gerät das Hämmern Anfang März zunächst eingestellt, weil es plötzlich nicht tiefer in den Boden eindringen konnte. Doch die Gründe werden derzeit analysiert, und an einer Lösung wird gearbeitet.

Auch Hader von Roland Berger sieht in der europäischen Raumfahrt durchaus eine Erfolgsgeschichte: „Es ist das vielleicht beste Beispiel dafür, dass Europa trotz der Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Ländern funktioniert.“ So lege die Esa als europäische Agentur fest, was benötigt wird. Sie definiere europäische Projekte und setze sie um.

Die Nationen würden sich daran orientieren. „So etwas wäre etwa im Rüstungsbereich dringend geboten.“ Dennoch sieht Hader Schwachstellen. „Die Ländersouveränität im Weltraum ist ein wichtiger Bereich, in dem die Europäer sicherlich noch Nachholbedarf zeigen. Denn hier geht es um einen eigenen Zugang zum Weltraum und auch um internationale Sicherheitspolitik.“

Anders gehen die USA vor. Dort wurde zwar das Spaceshuttle-Programm schon vor einigen Jahren eingestellt; man nutzt russische Kapazitäten, um ins All zu gelangen. Doch mittlerweile engagieren sich etwa Tesla-Chef Elon Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos stark in der Raumfahrt und helfen der Regierung, die gleichzeitig die Nasa-Mittel aufstockt, dabei, wieder selbst in den Weltraum zu fliegen. Ein vergleichbares Modell sieht DLR-Chefin Ehrenfreund in Europa nicht. „Wir arbeiten anders als etwa das Silicon Valley.“

Man arbeite zwar auch in Deutschland eng mit der Industrie zusammen und das funktioniere auch sehr gut. Aber: „Wir sind risikoscheuer und haben auch nicht in diesem Umfang die Möglichkeiten des Risikokapitals“, sagt sie. Sicherlich habe Deutschland eine Start-up-Szene, die sich sehen lassen kann, aber es herrschten andere Bedingungen. „Wir können also nicht das kopieren, wie es sich zum Beispiel in Kalifornien entwickelt hat.“

Ohne Satelliten keine Navigation

Mängel sieht die DLR-Chefin allerdings beim Thema Akzeptanz von Weltraumforschung. „Wir sind von der Raumfahrt abhängig, das muss den Menschen noch bewusster gemacht werden.“ Die Raumfahrt beeinflusse das gesamte Leben. „Es ist für uns selbstverständlich, dass wir uns auf dem Gerät informieren können, wie zum Beispiel das Wetter wird und wie wir von A nach B kommen“, nennt Ehrenfreund das Smartphone als ein Beispiel. „Kaum einem ist aber bewusst, dass dafür ein Teil der bis zu 1700 aktiven Satelliten gebraucht wird.“ Auch das automatisierte Fahren und autonome Systeme der Zukunft seien ohne Technologien aus der Raumfahrt nicht möglich.

Auch deshalb sind die publikumswirksamen Besuche von „Astro-Alex“ Alexander Gerst auf der ISS so wichtig. 1,27 Millionen Follower auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erreichte der deutsche Vorzeigeastronaut bei seiner zweiten Mission auf der ISS, auf der er fast ein Jahr verbrachte. Wie keinem anderen deutschen Astronauten vor ihm gelang es Gerst, wissenschaftliche Tätigkeit mit Imagepflege für sich und die Raumfahrt zu verbinden. Deutschland ist der größte europäische Geldgeber für die ISS.

Der Run auf das All hat allerdings eine Kehrseite: die wachsende Menge an Weltraumschrott. Aktuell befinden sich rund 4000 Satelliten im Erdorbit, davon sind rund 1700 aktiv. 28.000 Teile gibt es im Weltraum, die größer als zehn Zentimeter sind, 750.000 sind größer als ein Zentimeter.

„Das größte Problem sind aber die Fragmente, die kleiner als ein Zentimeter sind, denn sie werden bisher nicht komplett erfasst, können aber erhebliche Schäden anrichten“, beschreibt Ehrenfreund das Problem. „Hier forschen wir und setzen auf lasergestützte Technologie.“

Die Zeit drängt, denn große Konzerne wollen sogenannte Mega-Konstellationen in den Weltraum befördern, große Satelliten-Netze. Zwar wurde vereinbart, dass die Satelliten nach 25 Jahren kontrolliert in ihrer Umlaufbahn abgesenkt werden, sodass sie dann in der Erdatmosphäre verglühen.

„Man muss sich aber auch mit der Frage befassen, wie man den dichter werdenden Verkehr da oben steuern kann“, so Ehrenfreund. „Ebenso gilt es zu überlegen, wie wir Satelliten im Weltraum reparieren oder in andere Umlaufbahnen ziehen und nach einem Unfall aufräumen können.“ Möglicherweise eine gute Geschäftsidee für die deutsche Weltraumindustrie.

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1 Kommentar zu "Weltraumforschung: Ehrgeiz ist auch im All gefragt – Kampf um den Spitzenplatz in Europas Raumfahrt"

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  • Die Grafik über die Aufwendungen im Weltall ist absolut wertlos, wie so oft.
    Wieviel ist 0,xxx vom BIP in absoluten Zahlen der jeweiligen Länder, und was bei solchen Statistiken / Grafiken noch wichtiger ist, man sollte immer auch die Kaufkraft berücksichtigen.
    Für 1 Milliarde $ in China bekommt man wesentlich mehr als in Europa oder den USA.
    Erst wenn man das berücksichtigt kann man 40 Milliarden $ in USA mit 8 Milliarden $ in China vergleichen.

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