Neuen Technologien versprechen neue Absatzchancen Handy-Branche entdeckt Musik für sich

Illegale Musik-Downloads und Kopien von Musik-CDs werden immer wieder für die dramatischen Absatzeinbrüche der Musikindustrie verantwortlich gemacht. Doch nun sollen Internet und Mobiltelefone die Kassen wieder klingeln lassen.

HB CANNES. "Wir haben sehr schlimme Jahre durchlitten, doch jetzt hat sich die Stimmung merklich geändert", betont Jason Berman, Präsident des Internationalen Verbandes der Plattenbranche (IFPI). Er spricht damit aus, was bei vielen der 9000 Fachleute auf der weltgrößten Musikmesse Midem in Cannes in den vergangenen Tagen zu spüren war: Die neuen Technologien locken mit vielstimmigen Absatzchancen.

Auffällig viele Mobilfunkbetreiber und Handy-Unternehmen haben sich in diesem Jahr in den Messehallen des Palais des Festivals und bei den Konferenzen unter die Musikexperten gemischt. Sie haben die Musik sich für sich entdeckt, denn sie ist einer der interessantesten Inhalte für ihre mobilen Services. Allein mit dem Verkauf von Klingeltönen werden nach Marktschätzungen schon jetzt zwischen einer und drei Mrd. ? Umsatz gemacht.

"Und es gibt noch mehr: Man kann komplette Songs auf das Handy bringen und auch echte Musiktracks als Klingelton hören", sagt Ken Thexton vom britischen Mobilfunkunternehmen O2. In Großbritannien können sich O2-Kunden seit kurzem ohne Computer einfach per Handy Songs auf einen mobilen Player herunterladen - das dauert zwei bis drei Minuten und kostet 1,50 Pfund pro Lied, abgerechnet wird über die Telefonrechnung. Schon sind auch Videoclips auf dem Mobiltelefon sind in Planung.

Doch nicht nur mobil sollen die Kassen "Ka-Ching" machen, wie im Song von Shania Twain. Das legale Geschäft mit der Onlinemusik - das im Untergrund bereits seit Jahren blüht - hat im vergangenen Jahr nach langem Zögern der Branche endlich erste Erfolge gezeigt. Der iTunes Music Store des Computerherstellers Apple hat seit seinem US-Start im April 2003 mit mehr als 30 Mill. heruntergeladenen Songs alle Erwartungen übertroffen. Der europäische Marktführer OD2 konnte im vergangenen Jahr immerhin drei Mill. Songs in elf europäischen Ländern online verkaufen - nach bescheidenen 200 000 im Jahr davor. Im Laufe von 2004 sollen weitere Angebote starten, darunter das deutsche Projekt Phonoline, und iTunes will wie andere US-Services nach Europa expandieren.

Für Popstar Peter Gabriel, Gründer von OD2, ist das Online-Engagement nicht nur eine Chance für das Business, sondern auch für die Künstler: "Musiker können das Geschäft selbst in die Hand nehmen und ihre Musik selbst vertreiben". Dafür hat er zusammen mit Popveteran Brian Eno die Musikerorganisation Mudda gegründet, die Künstlern dabei helfen will, ihre Musik online zu veröffentlichen, auch wenn diese möglicherweise keinen Plattenvertrag haben. "Sie können dann selbst entscheiden, wann sie ihre Stücke veröffentlichen und sind nicht auf ein Album fixiert", sagt er.

Doch noch ist das illegale Geschäft mit Onlinemusik dem legalen weit voraus. Nach einer aktuellen IFPI-Untersuchung haben im vergangenen Jahr rund sechs Mill. Internetsurfer in so genannten Peer-to-Peer-Tauschbörsen wie Kazaa oder Gnutella mehr als acht Mrd. Musikstücke illegal untereinander getauscht.

Allerdings gerade in Deutschland ist das Downloaden nicht das Hauptproblem. Das Ausmaß des Kopierens (Brennens) von CDs bring den Musikmanagern den Blues - mittlerweile werden mehr CD-Rohlinge mit Musik bespielt als Musik-CDs verkauft werden. Das Jahr 2003 war für den deutschen Plattenmarkt das Schwärzeste in der Geschichte: Der Umsatz ist mindestens um ein Fünftel eingebrochen. Damit hat die Branche in den vergangenen Jahren mehr als 40 % ihrer Erlöse verloren, die im Boomjahr 1997 bei rund 2,6 Mrd. ? lagen. Und weder Kopierschutzsysteme noch Aufklärung haben das Problem bislang entschärfen können.

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