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Gastkommentar zur ForstwirtschaftSehnsuchtsort Wald

Philipp zu Guttenberg beschreibt eine Institution, die auch den Tannenbaum hervorgebracht hat: die vielfach unterschätzte Forstwirtschaft. Ein Gastkommentar vom Präsidenten des Waldeigentümerverbandes.Philipp zu Guttenberg 23.12.2015 - 20:00 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Was auf den ersten Blick idyllisch wirken mag, ist in Wirklichkeit eine Monokultur, die der Idee einer nachhaltige Waldwirtschaft zuwider läuft.

Foto: dpa

Düsseldorf. Beim Blick auf die aktuelle Bestsellerliste der Sachbücher staunt der Laie, und der Verlagsfachmann wundert sich. Während dort sonst so illustre Themen wie die komplexe Tätigkeit des menschlichen Darms, der Jakobsweg oder das Schlafwandeln bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhandelt werden, finden sich aktuell in dieser Bestsellerliste eher bodenständig-unauffällige und doch erstaunlich erfolgreiche Chart-Stürmer: lauter Bäume. So beschäftigt sich Förster Peter Wohlleben in seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ mit der Frage, ob und wie Bäume fühlen und wie sie in einem Wald miteinander kommunizieren. Was auch immer die akademische Forstwissenschaft von den Thesen des Autors zum Gedächtnis der Bäume, ihrer Gefühle oder ihrer vermeintlichen „Solidarität“ halten mag: Ganz offenbar löst der Wald nicht nur bei Wohllebens Lesern tiefe Gefühle aus und trifft einen Nerv. Wie kommt das?

Nun: Die Deutschen und ihr Wald – das scheint nicht erst seit Goethes Gedicht „Ich ging im Walde so vor mich hin“ oder Grimms Märchen von Hänsel und Gretel eine ganz besondere Beziehung. In seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ betonte Elias Canetti 1960, dass die Bäume uns Deutsche mit „tiefer und geheimnisvoller Freude“ erfüllen. Denn der Wald gibt verlässlichen Schutz, gibt Sicherheit und vermittelt dadurch das Gefühl von Heimat. So hörte ich kürzlich von einer Deutschen im fernen Ausland, die auf die Frage, was sie am meisten von ihrer Heimat vermisse, sofort zu antworten wusste: „Den Wald und den Geruch von Pilzen.“

Der Autor ist Präsident der „AGDW – Die Waldeigentümer“ und Vizepräsident des Europäischen Waldbesitzerverbandes CEPF.

Quelle: PR [M]

Foto: Handelsblatt

Der Wald als Sehnsuchtsort der Deutschen: Wenn draußen, „stets betrogen“, die geschäftige Welt saust, dann wünschen sich viele zurück ins „grüne Zelt“ des Waldes. Vielleicht ist dieser Schutz durch die eigene Standfestigkeit und tiefe Verwurzelung genau das, was man als Mensch von einem Baum lernen kann im Sinne der Zeile im Weihnachtslied „Oh Tannenbaum“, wo es heißt: „Dein Kleid will mich was lehren.“ Er trotzt Stürmen und bleibt dabei aufrecht. Und wer es moderner mag, dem empfehle ich die Puhdys mit ihrem Chartstürmer: „Alt wie ein Baum möchte ich werden, genau wie der Dichter es beschreibt (…) mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt.“

Ein Lebens(t)raum

Ein schönes Bild, es vermittelt das sichere Gefühl von Heimat-Sicherheit-Standfestigkeit. Der Wald, die Werte und das Gefühl, das wirkt wie ein unlösbares Band. Da scheint die Fragen nach dem „Nutzen“ des Waldes fast schon fehl am Platze. Und doch sind die Zahlen beeindruckend. Wie viele Industriezweige und ökonomische Cluster können mit 1,2 Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 170 Milliarden Euro aufwarten? Zwei Millionen Bundesbürger besitzen nicht nur Wald, sie bewirtschaften ihn auch erfolgreich. Viele Menschen leben von Bäumen: von der Holzproduktion über die Möbel- und Zellstoffindustrie bis hin zur Energiewirtschaft. Nur wenige Wirtschaftscluster sind in Deutschland so modern und innovativ aufgestellt: Kein Rohstoff ist intelligenter, ökologisch nachhaltiger und vielseitiger als Holz.

Zum ökonomischen Nutzen kommt zweitens in der Forstwirtschaft immer auch der Schutz – etwa der von ökologisch unverzichtbaren Waldbewohnern von A wie Ameise bis Z wie Zeisig. Waldbesitzer sind nicht nur im Eigeninteresse immer auch Naturschützer. So hat trotz oder gerade durch die nachhaltige Bewirtschaftung der deutsche Wald den höchsten ökologischen Teilindikator aller Lebensräume, und auch die neue Bundeswaldinventur bescheinigt, dass es unserem Wald in Hinblick auf Vitalität und ökologisches Angebot noch nie so gut ging wie heute. Wenn man von der Natur lebt, muss man auch mit der Natur arbeiten. Neben ökonomischem Nutzen und ökologischer Funktion kommt ein Drittes hinzu: Der Wald bietet Millionen Menschen Erholung. Nimmt man den weiteren ökologisch messbaren Nutzen des Waldes hinzu, wird das Bild umso beeindruckender: 30 Prozent der erneuerbaren Energien stammen vom Holz. Und 67 Prozent der erneuerbaren Wärme werden durch biogene Festbrennstoffe hergestellt.

Nicht umsonst stand darum das Thema Wald auch beim Pariser Klimagipfel auf der Agenda. Forstwirtschaft als Klimaschützer, das ist ökonomisch wie ökologisch ein großartiges Cluster. Damit können wir als Deutsche in Europa einen wichtigen Beitrag leisten, diesen Kontinent wirtschaftlich und damit auch politisch stark zu halten. Wir haben europaweit den größten Holzvorrat, und wir müssen diesen auch nachhaltig als intelligenteste Teillösung im Kampf gegen den Klimawandel einsetzen. Und was ein Wald darüber hinaus als grüne Lunge und Biotop leistet, das lernte man zumindest in meiner Schulzeit in einem Fach, das „Heimatkunde“ hieß. Wald ist eben nicht nur Biologie, sondern hat etwas zu tun mit Lebensqualität, mit Lebensraum, mit Lebenskultur und, ja: mit Heimat. Und hier vermisse ich nicht nur in der Schule, wo es heute blutleer „Sachkunde“ heißt, die Aufmerksamkeit, die so einem zentralen Teil unseres Lebens zukommen sollte.

Am 21. Dezember wurde der Waldzustandsbericht 2015 für Sachsen vorgestellt.

Foto: dpa

Das Thema Wald ist aufgrund seiner breiten Schnittmenge aus ökologischem Wert und sozioökonomischem Nutzen ein exzellentes Beispiel dafür, wie ganzheitlich und weit der Begriff des „Nutzens“ geht: Nachhaltigkeit im Wald ist die beste Form eines gelebten Generationenvertrags, die ich kenne. Hierzu gehört jener Nachhaltigkeitsbegriff, der 2013 sein 300-jähriges Jubiläum feierte: Dem sächsischen Oberberghauptmann Johann ‚Hannß‘ Carl von Carlowitz war nämlich als einem der Ersten aufgefallen, dass nur eine nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellte, dass genug Stützholz für den Silberbergbau im sächsischen Freiberg erhalten blieb.

Der Widerspruch zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen wird umso kleiner, je genauer man hinsieht: An einem sinnvollen, ausgeglichenen Verhältnis von Ökonomie und Ökonomie und Nachhaltigkeit hängt am Ende Heimat, hängt unsere Kultur. Und dafür stehen der Wald und seine Bewirtschaftung wie kein anderes Kulturgut. Ja, genau: Kulturgut, denn Kultur stammt vom Lateinischen „colere“, was so viel bedeutet wie „bebauen“ im Sinne von „nutzen“, aber eben auch „pflegen“ und „ehren“. Ein Baum braucht Pflege und wächst nicht über Nacht, sondern in Jahresringen und im Kreise anderer Bäume, die sogar miteinander kommunizieren, wie Peter Wohlleben beschreibt. Und solches Wachstum kommt nicht von ungefähr.

Die engagierte Arbeit der Waldeigentümer hat unsere Wälder in den vergangenen Jahrzehnten gesünder, stabiler und artenreicher gemacht als je zuvor. Nicht durch ideologisch geprägte Vorschriften, sondern durch den ökonomisch motivierten und tagtäglich gelebten Generationenvertrag. Dieser ist die Basis unserer Kultur, und wir haben ihn als Teil der Schöpfung zu ehren. Von den Stürmen der Zeit lassen Waldeigentümer sich nicht brechen, weil sie wissen, dass sie auch im größten Dickicht immer einen Weg finden, solange die bürgerlichen Freiheits- und Eigentumsrechte nicht beschnitten werden und man diesen richtigen Weg eigenverantwortlich wählen und dann festen Schrittes in Frieden, Freiheit und Sicherheit gehen kann. Waldeigentümer sind im besten Sinne des Wortes immobil und damit immer ein verlässlicher Partner des Staates – ihre Bäume haben einen festen Ort, an dem sie wachsen.

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„Mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt“ – wie besser könnte man den Begriff „Heimat“ definieren? Von Bäumen leben eben nicht nur wir Menschen, sondern ganz viele andere Geschöpfe auf Gottes schöner Erde. Mit nichts anderem beschäftigt sich Ökologie in ihrer biologischen Beschreibung von Ursache und Wirkung. Und wer als Glücksökonom den Nutzenbegriff weit definiert, der merkt im Wald vor lauter Bäumen schnell, dass es für den glücklichen Menschen glücklicherweise genauso wenig einen Ersatz gibt wie für Kulturlandschaften.

Erst das sinnvolle und nachhaltige Zusammenwirken von Ökonomie und Ökologie und Nachhaltigkeit machen aus unserem Wald das, was man in Geld nicht messen kann, weil es für uns wie unsere Mitgeschöpfe einen unbezahlbaren Nutzen hat. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ein Buch über unseren Wald und das Leben seiner Bäume aktuell zum Bestseller wurde – nicht zufällig auf bedrucktem Papier, das es ohne Bäume nicht gäbe.

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