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Industrie 4.0 – Schritt halten mit der Zukunft
Microsoft-Chef Satya Nadella

Mit Partnerschaften erschließt der US-Konzern neue Märkte.

(Foto: AP)

Digitale Industrie Kooperation statt Konkurrenz – Warum BMW und Microsoft zusammenarbeiten

Mit BMW gewinnt Microsoft den nächsten Kooperationspartner. Die Hannover Messe zeigt: Die deutsche Industrie nähert sich den großen IT-Konzernen an.
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München, Hannover Bei BMW steht die Produktion niemals still. Dreißig Werke zählt der Münchener Autobauer weltweit, gefertigt wird in Bayern, China und South Carolina. Doch während sich die Ingenieure meist auf Englisch austauschen, suchen die Maschinen noch eine gemeinsame Sprache.

Denn Montagerobotern und Lackieranlagen, Gabelstaplern und Logistikzentren fehlt oft noch der Standard, um sich auszutauschen. „Heute sind die Rentabilität und die Produktivität in der Produktion durch komplexe, proprietäre IT-Systeme sowie Datensilos signifikant eingeschränkt“, klagt BMW auf der Hannover Messe.

Doch das soll sich ändern: „Open Manufactoring Platform“ heißt die Lösung, die BMW am Dienstag mit dem Softwarekonzern Microsoft vorstellte. Ziel ist es, gemeinsam mit Zulieferern eine Plattform zu schaffen, auf der alle Geräte und Prozesse in den BMW-Werken auf einheitlichen Standards laufen.

„Microsoft und BMW bündeln ihre Kräfte, um die Effizienz der digitalen Produktion in der gesamten Branche zu verbessern“, sagt Scott Guthrie, der als Vice President die Cloud-Dienste bei Microsoft verantwortet.

3.000 Anlagen, Roboter und Transportsysteme hat BMW bereits an die hauseigene Plattform angeschlossen, in Zukunft sollen es deutlich mehr werden. Um schneller voranzukommen, öffnet der Konzern seine Plattform jetzt für Lieferanten und Ausrüster. „Wir wollen unsere Lösungen für andere Plattformen verfügbar machen und gemeinschaftliche Potenziale heben“, sagt Produktionsvorstand Oliver Zipse.

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Das Kalkül: Je mehr Unternehmen sich auch aus anderen Branchen anschließen, umso schneller läuft die Entwicklung von gemeinsamen Standards, erklärte BMW auf Nachfrage.

Für den Münchener Autokonzern ist die Modernisierung der Fertigung zentral: BMW rüstet derzeit alle großen Produktionsstandorte auf Elektromobilität um. Da gleichzeitig die Rendite im Kerngeschäft sinkt, will der Konzern bis 2022 zwölf Milliarden Euro einsparen. Parallel soll die Produktivität der Werke deutlich steigen, von derzeit rund drei auf rund fünf Prozent pro Jahr.

Erreicht werden soll der Sprung durch die volle Vernetzung der Werke und den Echtzeitaustausch von Daten zwischen Produktion und Logistik. So bewirbt sich BMW unter anderem um eine lokale Frequenz für den neuen Mobilfunkstandard 5G, der den schnellen Datenaustausch auf dem Werksgelände möglich macht.

Große Herausforderungen

Mit der Offensive liefern die Münchener nur das jüngste Beispiel dafür, wie Industrie und Digitalwirtschaft beim Thema Industrie 4.0 immer enger zusammenrücken. Technologien wie Künstliche Intelligenz, 5G, Cloud-Computing und Robotik stellen die Unternehmen branchenübergreifend vor große Herausforderungen.

Egal ob Volkswagen, Daimler oder Siemens: Fast jeder größere Konzern aus der Old Economy hat bereits vergleichbare Partnerschaften mit Microsoft, Amazon, Google oder Alibaba geschlossen. „Kooperation statt Konkurrenz“ lautet das Motto, mit dem die Firmen den Chancen und Risiken der Digitalisierung begegnen wollen.

Zentral sind dafür sogenannte Cloud-Dienste, bei denen die Anbieter ihren Kunden aus der Industrie Speicherplatz, Prozessorleistung sowie Programme aller Art aus ihren Rechenzentren zur Verfügung stellen. Die Cloud fungiert dabei als verbindende Schicht zwischen verschiedenen Systemen – bei BMW zum Beispiel zwischen Lieferanten und Produktion, aber etwa auch zwischen einzelnen Fertigungslinien und der Logistik.

„Mit Plattformen wie bei den Autoherstellern kann man die Stärken der Cloud ausspielen: Sie ermöglicht die maximale Vernetzung“, sagt René Buest, Analyst beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Gartner.

Das wiederum ermöglicht intelligente Analysen: Wenn zum Beispiel ein Fabrikleiter anhand der Sensordaten in seiner Produktionslinie ermitteln will, wann ein Teil auszufallen droht, muss er diese Daten zentral sammeln und auswerten – am einfachsten in der Cloud.

Der Konzern öffnet seine IT-Plattform für Lieferanten und Ausrüster. Quelle: AFP
BMW-Chef Harald Krüger

Der Konzern öffnet seine IT-Plattform für Lieferanten und Ausrüster.

(Foto: AFP)

Angesichts der großen Nachfrage aus verschiedenen Branchen entwickelt sich der Markt dynamisch: Gartner prognostiziert für dieses Jahr ein Plus von 17,5 Prozent auf 214,3 Milliarden Dollar. Besonders gefragt ist Infrastruktur aus der „Wolke“, wie sie die Industriekonzerne nutzen: Das Segment soll um 27,5 Prozent auf 38,9 Milliarden Dollar wachsen.

Amazon ist mit einem Marktanteil von 31,5 Prozent die Nummer eins, wie Canalys ermittelt hat, Microsoft kommt auf 6,5 Prozent, Google auf lediglich 3,8 Prozent.

Constantin Gonzalez ist bei Amazon Web Services (AWS) „Principal Solutions Architect“, er hat in den vergangenen Jahren Kunden wie Siemens und Daimler bei der Einführung neuer Dienste begleitet. „Die Kunden haben beim Thema Cloud einen Reifeprozess durchlaufen!“, ruft der Manager der Amazon-Sparte in den Trubel am Stand.

Anfangs habe AWS Speicher und Rechenleistung angeboten, mit der Zeit seien immer mehr Dienste hinzugekommen. Heute können Kunden mehr als 160 Services nutzen, die eine breite Palette der IT abdecken – vom einfachen Speicherplatz bis zu IT-Bausteinen, die aus Produktionsdaten den Bedarf an Bauteilen prognostizieren. Oder die Maschinendaten auf einen möglichen Defekt hin analysieren.

In der Industrie wird dieses Angebot längst genutzt. AWS zeigt auf der Hannover Messe Anwendungen vom digitalen Produktdesign über die Überwachung der Produktion bis hin zum Kundenservice. Diese Angebote programmiert der Konzern allerdings nicht selbst: Sie stammen von IT-Dienstleistern wie Deloitte, aber auch Industriefirmen wie Siemens und Beckhoff. „In der Fabrik herrscht eine Vielfalt an Geräten und Prozessen – wir brauchen daher Partner, um das abzubilden“, sagt Gonzalez.

Auch Microsoft setzt an seinem Stand andere Unternehmen in Szene. Der Konzern will ebenfalls mit Partnerschaften neue Märkte erschließen, in den vergangenen Monaten hat er Deals mit Namen von BMW bis Walmart angekündigt. „Wir versuchen, mit unseren Kunden zu lernen, wie eine Branche funktioniert, und ihnen dann die bestmöglichen Lösungen zu bieten“, erklärte Vertriebschef Jean-Philippe Courtois im Oktober gegenüber dem Handelsblatt.

Das Cloud-Computing wurde in Deutschland lange skeptisch gesehen, viele Unternehmen zögerten, ihre Daten in das Rechenzentrum eines Dienstleisters zu übertragen. AWS-Manager Gonzalez beobachtet jedoch einen Umschwung: „Wenn ein deutscher Kunde seine Test- und Analysephase abgeschlossen hat, ist er unglaublich konsequent.“ Volkswagen, BMW und viele andere stehen für diesen Trend.

Derartige Kooperationen seien für Autoindustrie und IT-Konzerne eine Win-win-Situation, sagt Gartner-Analyse Buest: „Die Ankündigungen zeigen, dass die Erfahrungswerte zweier Unternehmensgenerationen zusammenkommen. Amazon und Microsoft bringen die Digitalkompetenz mit, BMW und Volkswagen haben massive Erfahrungen mit Industrieumgebungen.“

Das stellt die Industriekonzerne allerdings vor neue Herausforderungen: Sie müssen lernen, mit den neuen Partnern umzugehen. „Die Unternehmen müssen die Technologie verstehen, sonst diktieren Amazon und Microsoft die Bedingungen“, sagt Buest. „Wichtig ist ein Arbeiten auf Augenhöhe.“ Anders als bei den vielen kleinen Zulieferern haben sich die Vorzeichen bei den Kooperationen mit den großen IT-Konzernen geändert.

Das gelte auch im Fall des VW-Konzerns, der künftig ein Microsoft-Betriebssystem in seinen Fahrzeugen einsetzen will, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef der Beratungsgesellschaft Accenture. Riemensperger ist überzeugt: „In fünf bis zehn Jahren werden wir sehen, wer bei einer solchen Partnerschaft am Ende die Kontrolle behält.“

Diese Frage stellt sich nicht nur für die Autohersteller, sondern zunehmend auch für die Maschinenbauer, die den IT-Konzernen durch die zunehmende Vernetzung einen immer größeren Zugang zu den eigenen Produkten gewähren. So arbeitet etwa der Roboterbauer ABB schon seit 2016 mit Microsoft zusammen, um seinen Kunden digitale Services wie vorausschauende Wartung zusammen mit den Maschinen anbieten zu können.

Das digitale Produkt

„Wir können unseren Kunden mithilfe der digitalen Infrastruktur auf unseren bisherigen Produkten aufbauende Services anbieten, die zusätzlichen Wert schaffen“, sagte ABB-Vorstandschef Ulrich Spiesshofer dem Handelsblatt.

„Die IT-Konzerne haben die Digitalkompetenz, wir das industrielle Domänenwissen“, so der Manager. „Keiner von beiden kann die jeweils andere Kompetenz so schnell aufbauen, wie es die Digitalisierung in der Industrie eigentlich erfordern würde.“

In Zukunft werde die Bedeutung von digitalen Zusatzservices deutlich zunehmen, ist Riemensperger überzeugt. „Nehmen Sie zum Beispiel den chinesischen Autohersteller Nio“, so der Accenture-Deutschlandchef. „Nio zeigt, wie nicht nur die Produktion, sondern auch die Produkte zunehmend digital werden.“

So hat Nio schon vor knapp fünf Jahren damit begonnen, seine Produkte mit digitalen Services anzureichern. Mit der Künstlichen Intelligenz „Nomi“ haben die Modelle von Nio zum Beispiel eine eigene Software an Bord, deren Funktionen sich mit Alexa, Siri oder dem Google-Assistant vergleichen lassen.

Doch Nomi kann noch mehr: Die Software soll mithilfe von Sensoren auch die Gefühle der Passagiere erkennen können und entsprechen darauf reagieren – ähnlich wie eine Software, die den Zustand von Robotern überwacht.

Ob die Firma diesen Vorsprung gegenüber den deutschen Autobauern auch langfristig wird halten können, ist allerdings fraglich. Mit VW hat bereits der erste Hersteller deutliche Schritte unternommen, um seine Autos in ähnlicher Weise zu digitalisieren. VW-Chefdesigner Ulrich Bischoff sprach unlängst vom „Tablet auf Rädern“, das der Konzern in Zukunft statt klassischer Autos bauen will.

Das Sprachbild mag vielleicht ein wenig hinken, doch es zeigt in letzter Konsequenz: Die deutschen Firmen haben in Sachen Digitalisierung inzwischen den Turbo eingelegt – dank datengestützter Hilfe aus dem Silicon Valley.

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