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Industrie 4.0 – Schritt halten mit der Zukunft

E-Learning Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter zu Influencern machen

Immer mehr Konzerne setzen bei der Weiterbildung ihrer Belegschaft auf Videoplattformen. Die Kurzfilme sollen dabei das Wissen der Mitarbeiter sichern.
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Know-how soll in den Unternehmen bleiben – per Videoclip über Plattformen konserviert. Quelle: SolisImages - Fotolia
Videoplattformen

Know-how soll in den Unternehmen bleiben – per Videoclip über Plattformen konserviert.

(Foto: SolisImages - Fotolia)

Mannheim, DüsseldorfVerwackelte Bilder, eine kratzige Moderatorenstimme – und trotzdem ein Millionenpublikum: Die Beliebtheit von Amateurvideos auf Internetplattformen ist auch fast 15 Jahre nach dem Start von Youtube immer noch ungebrochen. Den Erfolg, den teilweise auch ungeübte Filmer mit ihren Bauanleitungen, Kochrezepten und Schminktipps erzielen, wollen inzwischen auch Industriekonzerne für sich nutzen – und gründen zunehmend eigene Plattformen, bei denen ihre Mitarbeiter in die Rolle von Influencern schlüpfen.

Vorreiter sind dabei der Mischkonzern Bosch sowie der Industriedienstleister Bilfinger, die beide vor Kurzem eigene Videoplattformen mit den Namen „Bosch-Tube“ und „Industrial Tube“ gestartet haben. Das Ziel: Die Mitarbeiter sollen ihr Wissen mit ihren Kollegen teilen können, und das unabhängig von Ort und Zeit.

Während Bosch sich davon vor allem einen besseren Know-how-Transfer über die weltweit knapp 260 Standorte erhofft, ist Industrial Tube für Bilfinger vor allem ein neues Geschäftsmodell: Im April soll die Plattform auch für andere Unternehmen geöffnet werden – deren Mitarbeiter dann gegen eine monatliche Gebühr dort selbst Filme erstellen, speichern und teilen können.

Die Zielgruppe, erklärt Bilfingers Digitalchef Franz Braun, seien „alle Unternehmen, die das Wissen in ihrer Firma sichern und teilen“ wollten. So komme es etwa häufig vor, dass bei einem Personalwechsel eine schlechte Übergabe gemacht werde oder bestimmte Fähigkeiten nur bei wenigen Mitarbeitern vorhanden seien. „Da wird es zum Problem, wenn der Mitarbeiter in den Urlaub fährt oder erkrankt: Bestimmte Dienstleistungen können dann nicht mehr angeboten werden.“

So wird es für Unternehmen heute immer wichtiger, das Know-how der Firma dauerhaft zu konservieren – auch angesichts der großen Zahl älterer Arbeitnehmer, die während des nächsten Jahrzehnts in Rente gehen werden. So schätzen Experten, dass sich die Zahl der Rentner in Deutschland bis 2030 auf rund 53,7 Millionen mehr als verdoppeln wird (2017: 25,7 Millionen). Wenn aus den geburtenstarken Jahrgängen der Fünfziger- und Sechzigerjahre die rentenstarken werden, bedeutet das nicht nur einen Abfluss an Arbeitskraft. Es geht damit auch viel Fachwissen verloren.

Wie sich die Wissenskonzentration auf nur einen Mitarbeiter auswirken kann, weiß Bilfinger aus dem eigenen Betrieb. So gab es im Unternehmen lange genau einen Mitarbeiter, der die Technik zum Bau eines bestimmten Behältnisses beherrschte – eines sogenannten gefalzten Zeppelinkopfs, der von genau einem Kunden regelmäßig bestellt wurde. War der Kollege krank, konnte der Kunde nicht bedient werden – bis der Mitarbeiter ein Anleitungsvideo aufnahm, in dem er die Herstellung beschreibt.

Es ist ein einfach gehaltenes Video, das Schritt für Schritt zeigt, wie die Falzmaschine bedient werden muss, um am Ende eine konisch-zeppelinförmige Metallkonstruktion zu erhalten, die beispielsweise in der Isolierungstechnik verwendet wird. Dass der Experte den Film auch ansehnlich geschnitten hat, lag dabei wohl auch an der verwendeten App: Bilfinger hat in Zusammenarbeit mit externen Partnern eine eigene Anwendung entwickelt, die den Filmenden bei der Umsetzung durch vorgegebene Schablonen unterstützt.

Im Schnitt erzielt Industrial Tube derzeit rund 400 bis 500 Aufrufe am Tag, etwa 200 Videos haben die Bilfinger-Mitarbeiter dabei in den ersten Monaten nach dem Start hochgeladen. Angesichts der Millionenaufrufe, mit denen so mancher Youtube-Influencer prahlen kann, scheint das wenig.

Doch weil sich die Videos auch an ein sehr kleines Fachpublikum richten, sei die Reichweite erst einmal ein untergeordnetes Thema, so Braun: „Man kann das gut am Beispiel des Zeppelinkopfs im Fachbereich Isolierung sehen: Der Inhalt ist vielleicht nicht für viele relevant – aber einige wenige Mitarbeiter sind in bestimmten Situationen wirklich darauf angewiesen.“ Auch Bosch nutzt die selbst gedrehten Videos, um die Fähigkeiten und das Wissen seiner Mitarbeiter weltweit verfügbar zu machen.

Hintergrund sei hier aber weniger ein drohender Know-how-Abfluss als vielmehr eine effizientere und schnellere Art der Verteilung, so Alexander Preiß, der als Verantwortlicher für digitales Lernen bei Bosch auch das Projekt Bosch-Tube verantwortet: „Wir wollen den Mitarbeitern weltweit zu jeder Zeit Wissen zu aktuellen Themen wie Künstlicher Intelligenz oder Industrie 4.0 zur Verfügung stellen.“ Dafür produzieren die Mitarbeiter selbst Videos – und sparen sich so die Zeit fürs mehrfache Erklären oder aufwendige Dienstreisen.

Wie auch Bilfinger steht Bosch dabei vor einer Herausforderung: An den 260 Standorten des Mischkonzerns, die sich auf 50 Länder verteilen, werden zahlreiche Sprachen gesprochen. „Einige Nutzer fügen ihren Videos derzeit auch englische Untertitel hinzu“, erklärt Preiß – wenn sie sie nicht ohnehin direkt in englischer Sprache aufnehmen.

Nicht wenige der rund 10.000 Videos, die sich bereits auf Bosch-Tube firmenintern abrufen lassen, beschäftigen sich dabei mit IT-Tipps: Wie lege ich ein neues Thema im Bosch-internen sozialen Netzwerk an? Wo kann ich ein neues Computerpasswort beantragen, wenn ich mein altes vergessen habe? „Solche How-to-Videos sind gefragt“, sagt Preiß. „Insbesondere gilt das aber auch für Experten-Talks zu digitaler Transformation und automatisiertem Fahren.“

Bilfinger hat schon Kunden

Der Industriedienstleister Bilfinger wiederum überwindet die firmeninterne Sprachbarriere zwischen seinen weltweit ansässigen Mitarbeitern mithilfe von Künstlicher Intelligenz: So versieht eine Software auf der Basis von Microsofts Cloud-Dienst Azure und der Spracherkennung Cortana die hochgeladenen Videos vollautomatisch mit Untertiteln. Die werden anschließend ebenso vollautomatisch übersetzt – und stehen dann in nahezu allen denkbaren Sprachen zur Verfügung. Wobei die Qualität der Übersetzung im Moment mit den bekannten Online-Übersetzern von Google oder Bing zu vergleichen ist.

Für den offiziellen Start der Plattform im April hat Bilfinger bereits drei Kunden aus der Zement-, Chemie- und Metallindustrie gewinnen können, die Industrial Tube künftig mit eigenen Inhalten bestücken werden. Ob die dann auch öffentlich abrufbar sind, entscheiden die Firmen allerdings selber.

Hier liegt wohl auch der größte Unterschied zu Influencer-Plattformen wie Youtube: Die Firmen wollen ihr Wissen zwar teilen – aber aus verständlichen Gründen nicht unbedingt mit jedem.

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